La Trappe, Februar 1878. (2 Briefe)
An einem Winternachmittag habe ich an diesem seltsamen Ort
um Gastfreundschaft gebeten.
Ein Sonnenstrahl lag über dem Wald, dem Landstrich und dem
alten Kloster. Es war wie ein trauriges Lächeln der Natur.
Hier ward mir ein brüderlicher Empfang von merkwürdigen
Menschen, die vorgeben, nicht mehr zu leiden, und die doch
genug gelitten haben, um mich verstehen zu können ...
Der Vorsteher des Klosters – ein noch junger Mann im weißen
Gewände, mit dem Kreuz und der violetten Bischofsschnur auf
der Brust –, führte mich selbst in die für mich bestimmte
Zelle. Er öffnete das Fenster und wies mir die öde Landschaft,
Hügel, Berge und eine alte, schwarze Schloßruine. Dann setzte
er sich zu mir und erzählte mir manches, und ein
unbeschreiblicher Zauber ging von ihm aus.
Doch fühlte ich gleich, und nur zu deutlich, daß ihre
Mittel zu kraftlos sind, um, und sei es auch nur für einen
Moment, Schmerzen zum Schweigen zu bringen.
... Und dann ist, selbst für nur kurze Zeit, das Leben hier
zu düster, besonders für mich, dem der Glaube fehlt, der die
Trappisten selbst mit Mühe aufrecht hält. Tag und Nacht
Totengesänge ohne Ende, Gesichte aus der andern Welt,
Gespensterprozessionen.
Sogar der Schlummer, der sonst überall Unglücklichen Trost
und Kraft spendet, flieht diese Stätte ... Nichts als feuchte
eisige Kälte, ein schwarzer Himmel und das Heulen des Windes,
dessen stöhnende Laute gespensterhaft die langen Gänge entlang
irren.
Im Refektorium teile ich das Mahl der sündigen Priester,
die strafweise eine Bußzeit hier verbringen müssen. An unserem
Tisch steht ein Mönch, der mit Grabesstimme die
»Selbstverachtung« des heil. Bonaventura für uns liest:
»Ich sagte zur Fäulnis: Du bist meine Mutter, »und zu den
Würmern: Ihr seid mein Vater »und meine Brüder ...
»Was wäret ihr sonst, wenn nicht unreine Saat? »Was würdet
ihr, wenn nicht der Würmer Speise? »Wie stund' es dem Staube
an, sich im Ehrgeiz zu blähen?
»Die Bäume und Pflanzen geben uns Düfte und Frucht; »dem
Leib des Menschen aber entquellen Gestank und Kot.«
La Trappe, Februar 1878.
Es war während des Nachtgottesdienstes. Anbetend sangen die
Mönche im Chor ihre ewigen Litaneien ... Ich war in wesenloses
Sein versunken, das weder Schlaf noch Wachen war. Mechanisch
lauschte ich den düsteren Weisen. Das seltsame Begrabensein in
Klosterluft hielt mich bereits gefangen, Leichenkälte hüllte
mich ein. Ein völliges Losgelöstsein vom Leben gewann Macht in
mir, über mich. Und der Gedanke, mein Leben im härenen Gewande
zu beschließen, hatte fast ganz seine Schrecknis verloren.
Bis ein Erinnern, das sehr fern zurückzuliegen schien, mir
plötzlich beklemmend im Herzen aufsprang: Mein lichtes Zimmer
in Fontbruant, das ich vielleicht nie wiedersehen werde, und
das Flöten der Nachtigallen, das dort die Nächte des Frühlings
füllt.
Dann wanderte ich durch lange Stunden in meiner Zelle auf
und nieder, und lange und düster haftete mein Blick in der
Vergangenheit. Da waren nur die Kinderjahre, die hell in
fernster Ferne leuchteten, – es sind die einzig wirklich
frohen, die mir mein Leben geschenkt hat.
Ehe ich einst aus dem Leben scheide, möchte ich sie
niederschreiben, diese Erinnerungen aus meiner Kinderzeit. Es
scheint mir, daß ich mit diesen Aufzeichnungen vermögen werde,
mein flüchtiges Dasein ein wenig zu bannen, und gegen die
blinde Gewalt zu kämpfen, die uns dem Nichts entgegenträgt ...