Die Natur des Todes
Was ist der Tod? Ist er Sterblichkeit und
Zunichtewerden? Oder bedeutet er Übergang und Übersendung von
einem Ort zum anderen, von einer Welt in die andere? Schon
immer hat sich der Mensch diese Frage gestellt. Jeder
versucht, direkt eine Antwort zu finden oder dem Glauben zu
schenken, was dazu geäußert werden ist. Der Heilige Qur’an
gibt eine besondere Antwort mit einer speziellen
Interpretation der Natur des Todes. Er verwendet den Ausdruck
"tawaffa" für den Tod. "Tawaffa" und "istifa"
leiten sich beide von derselben Wurzel "wafa" ab. Im
Arabischen wird das Wort "tawaffa" für jede
vollständige Empfängnis benutzt, bei der nichts fehlt oder
weggelassen worden ist. "Tawaffat-ul-mal" bedeutet:
Ich habe das Vermögen vollständig erhalten. Dieser Ausdruck
nun findet in vierzehn Versen des Heiligen Qur’an für den Tod
Verwendung, woraus wir schließen, daß der Tod etwas ist, was
wir empfangen. Das bedeutet, im Augenblick, wo der Mensch
stirbt, wird er den göttlichen Dienern überantwortet, die ihn
in seiner vollkommenen Wirklichkeit und Persönlichkeit in
Empfang nehmen. Folgende Vorstellungen leiten sich von dieser
Ausdrucksweise des Heiligen Qur’an her:
a) Tod bedeutet nicht
Sterblichkeit, Zerstörtwerden und Vernichtung. Es ist ein
Übergang von der einen in die andere Welt und von einem
Zustand in den anderen, wo das Leben des Menschen in einer
anderen Form fortgesetzt werden wird.
b) Das, was das Menschen
wirkliche Persönlichkeit ausmacht und als sein "Selbst"
betrachtet wird, sind nicht sein Körper, seine Organe oder
untergeordnete Elemente des Körpers, denn diese sind sterblich
und bilden keine Einheit. Das, was unser Persönlichkeit
ausgestaltet und als unser echtes "Selbst" betrachtet
wird, wird im Heiligen Qur’an als "Seele" oder
gelegentlich als "Geist" interpretiert.
c)
Geist oder Seele des Menschen, die Grundlage,
auf der sich sein “Selbst“ bestimmt und von deren
Unsterblichkeit seine eigene Unvergänglichkeit abhängig ist,
nimmt einen Horizont oberhalb des Horizonts von Gegenständen
und materiellen Elementen, eine existentielle Position ein.
Obwohl Geist bzw. Seele das Produkt der gegenständlichen
Evolution der Natur ist, werden Existenzhorizont und reale
Position der Natur verändert und erhöht, d.h. sie werden zu
einer anderen metaphysischen Welt hin entwickelt. Mit dem Tod
wird Geist bzw. Seele in einen Zustand transformiert, der
selbst eine Kategorie des Geistes ist. Er erwirbt, anders
ausgedrückt, die jenseits der Physik liegende Wahrheit. Der
Heilige Qur’an hat in den anderen Versen über die Erschaffung
des Menschen gesprochen, ohne dabei Auferstehung und ewiges
Leben zu erwähnen, aber er hat einiges an ihm als real
herausgestellt, was in Qualität und Kategorie über denen von
Lehm und Wasser liegt. In Bezug auf Adam heißt es:
"Und ich blies ihm Geist von mir ein."
(Heiliger Quran 15:29).
Geist, Seele und das Weiterleben des
Geistes nach dem Tode gehören zu den bedeutendsten Themen der
islamischen Wissenschaften. Die Hälfte aller grundsätzlichen
und unanzweifelbaren islamischen Wissenschaften gründet sich
auf die Originalität des Geistes, auf seine Unabhängigkeit vom
Körper und sein Weiterleben nach dem Tod. Humanität sowie
echte menschliche Werte basieren ebenso auf dieser Wahrheit,
ohne die sie völlig imaginär wären. Alle Verse, die deutlich
das Leben, das unverzüglich dem folgt, beschreiben - einige
davon werden in diesem Aufsatz angeführt - beweisen die
Tatsache, daß der Heilige Qur’an den Geist als eine Realität,
die unabhängig vom Körper existiert, und als überlebendes
Element nach dessen Vernichtung bestimmt. Manche Leute denken,
gemäß dem Heiligen Qur’an gebe es keinen Geist oder keine
Seele, und das Leben des Menschen ende mit dem Tod; es gäbe
keinen Sinn, Freud und Leid bis zum Jüngsten Gericht dauernd
begreifen zu wollen, wo einen ein neues Leben erwartet. Erst
dort finde man sich und die Welt wieder. Die Verse jedoch, die
explizit das Leben direkt nach dem Tode beschreiben, sind
genaue Beweise für die Verwerflichkeit solcher Ansichten. Die
besagten Leute stellen fest, der Vers: "Der Geist steht
meinem Herrn zu Diensten" (Heiliger Qur’an 17:85),
sei für diejenigen, die an den Geist glauben, der Beweis. Sie
aber vertreten die Ansicht, hinter dem Wort "Geist",
das wiederholt im Heiligen Qur’an auftaucht, stecke eine
andere Bedeutung. Der Vers jedoch illustriert dieselbe
Bedeutung wie die anderen Verse. Solche Leute wissen eben
nicht, daß die Grundlage für die Überzeugung jener, die an die
Seele glauben, nicht allein dieser Vers, sondern noch zwanzig
weitere Verse bilden. Dieser sowie die anderen Verse behandeln
das Wort "Geist" einzeln oder in Kombinationen wie
"unser Geist", "der heilige Geist", "mein Geist",
"der Geist ist unser Befehlshaber" gebraucht,
einschließlich des Verses, der sich um den Menschen dreht:
"Und ich blies ihm Geist von mir ein"; diese Stellen
zeigen an, daß aus Sicht des Heiligen Qur’an eine Wahrheit
existiert, die sich "Geist" nennt und über Engeln und
Mensch schwebt. Engel und Mensch besitzen somit durch Gottes
Gnade diese "befohlene" Wahrheit (ihren Geist). Alle
Verse über den Geist weisen darauf hin, daß der Geist eine
nicht-physikalische Wahrheit besitzt.[1]
Der Ursprung des Geistes findet nicht nur
in verschiedenen Versen des Heiligen Qur’an Bestätigung,
sondern auch in Äußerungen des Propheten Muhammad (s.a.s.) und
der reinen Imame in den Büchern der Überlieferungen und dem
Nahj-ul-Balagha, dem Buch des ersten Imams. Die Verneinung des
Geistes ist tatsächlich eine häßliche westliche Idee, die aus
dem westlichen Materialismus und Sensualismus entspringt und
unglücklicherweise auch einige der aufrichtigsten Nachfolger
des Heiligen Qur’an in seinen Einflußbereich zieht. Folgende
Beispiele stellen drei von den vier Versen vor, die den Tod
als "tawaffa" interpretieren und die dem Menschen eine
Reihe vitaler Handlungen wie Unterhaltung, Wunschempfindung
und Erwartungen nach dem Tode zuschreiben.
"Zu denen, die gegen sich selbst
gefrevelt haben, sagen die Engel, wenn sie diese empfangen:
'Wonach strebted ihr? 'Sie sagen: "Wir waren im Land
unterdrückt.' Sie (die Engel) sagen: "War (denn) die Erde
Gottes nicht weit (genug), so daß ihr darauf hättet auswandern
können?' Sie sind es, deren Aufenthalt die Hölle sein wird -
und übel ist die Bestimmung." (Heiliger Qur’an 4:97).
Dieser Vers handelt von denen, die in
ungünstiger Umgebung leben, wo der Wille von anderen herrscht.
Diese Menschen sind dazu verurteilt, ihre Umgebung zu
ertragen. Sie suchen nun nach Entschuldigungen in Ausdrücken
wie: "Die Welt ist verderbt, die Umstände sind ungünstig,
wir sind durch die Fruchtlosigkeit unserer Versuche, etwas
dagegen zu tun, entmutigt." So leben sie innerhalb dieser
verderbten Umgebung, geben ihren Methoden nach und versinken
in ihrem moralischen Sumpf, anstatt sie zu verändern oder
wenigstens sich selbst ihren Übeln zu entziehen, wenn eine
Veränderung unmöglich ist. Wenn Gottes Geisteswesen sie dann
abberufen, reden diese zu ihnen und beurteilen ihre
Entschuldigungen als nicht zu rechtfertigen, weil sie
zumindest an einen anderen Ort hätten ziehen können. Die Engel
erinnern sie an ihre Fehler und geben ihnen zu verstehen, daß
sie für ihre Sünden und die Unterdrückung, die sie erlitten
haben, selbst verantwortlich sind. In diesem heiligen Vers
betont der Heilige Qur’an, daß Armut und Mutlosigkeit
innerhalb einer bestimmten Umwelt keine zu rechtfertigende
Entschuldigungen sind, es sei denn, es hätte keinerlei
Möglichkeit bestanden, den Wohnsitz zu ändern. Wie in diesem
heiligen Vers deutlich wird, wird der Tod, der scheinbar
Zerstörung, Sterblichkeit und Lebensende ist, als "tawaffa"
- Empfang - interpretiert. Er bezieht sich nicht durch das
Wort "tawaffa" auf den Tod, sondern macht auch explizit
klar, daß eine Unterhaltung und Besprechung zwischen Engeln
und Mensch in den Augenblicken nach dem Tod stattfindet. Wäre
das Selbst des menschlichen Wesens gänzlich sterblich und ein
rein unbewußter, sinnloser Körper, so wäre eine Unterhaltung
nach dem Tod absurd. Dieser Vers impliziert das Reden des
Menschen mit anderen Augen, anderen Ohren, einer anderen Zunge
mit unsichtbaren Geschöpfen, Engel genannt, wenn er diese
Welt und diese Lebensumstände verlassen hat.
"Und sie (d.h. die Ungläubigen) sagen:
'Sollen wir etwa, wenn wir uns in der Erde verloren haben, in
einer neuen Schöpfung sein?' Nein, sie glauben nicht, daß sie
ihrem Herren begegnen werden" (Heiliger Qur’an 32:10).
Der Heilige Qur’an greift mit diesem Vers
eines der Probleme und Zweifel der Ungläubigen in Bezug auf
den Tag der Auferstehung und das ewige Leben auf und löst es.
Das Problem und der Zweifel bestehen hierbei darin, wie wir
nach dem Tod, wenn unser Körper zerfallen und aufgelöst ist,
wieder neu erschaffen werden sollten. Alle diese Zweifel sind
Vorwände und vorgeschobenes Ergebnis von Glaubenslosigkeit
und Ungehorsam; im Gegensatz zu unseren Vermutungen aufgrund
des Zerfalls unseres Körpers verliert sich ein Mensch, das
bedeutet, das Selbst und die Persönlichkeit eines Menschen,
wie der Heilige Qur’an erklärt, nicht. Im Vollbesitz all
unserer Fähigkeiten werden wir dem Engel Gottes ausgeliefert.
Die Skeptiker meinen mit dem Wort "sich verloren haben"
die Tatsache, daß unser physischer Körper zerfällt; er löst
sich vollständig auf - wie kann er dann wieder zu etwas
Lebendem zusammengesetzt werden? Ein ähnlich liegender Zweifel
bezüglich des Zerfalls und der Auflösung des Körpers wird in
einigen weiteren Versen des Heiligen Qur’an besprochen. Die
Erklärung lautet: Das Verlorengehen findet für unseren
mangelhaften Verstand statt. Für den Menschen ist es eine
schwierige, ja unlösbare Aufgabe, den menschlichen Körper
wieder zusammenzusetzen; nicht aber für Gott, dessen Wissen
und Macht grenzenlos ist. In den zitierten Versen stellen die
Ungläubigen die Rekonstruktion des physischen Seins des
Menschen in Frage. Aber da weicht die Erklärung ab. Das
Problem besteht nicht darin, daß unser Körper zerfällt und
sich auflöst, sondern darin, daß "wir" uns verlieren,
wenn er sich verliert, und "wir" bzw. "ich" dann
nicht länger existieren. In anderen Worten: Die Skeptiker
sagen, mit dem Zerfall unseres Körpers werde unser Selbst
vernichtet. Der Heilige Qur’an stellt im Gegensatz dazu fest,
unser wahres Selbst verliere sich nicht. Es werde direkt nach
dem Tod unseren Engeln ausgeliefert. Daher besteht keine
Notwendigkeit, es irgendwo aufzufinden.
Auch der folgende Vers stellt recht
explizit dar, daß unser wahres Selbst (unser Geist), wenn auch
unser physisches Wesen sich auflöst, nach dem Tod weiterlebt:
"Gott beruft die Menschen ab, wenn sie
sterben, und diejenigen, die (noch) nicht gestorben sind,
(vorübergehend) während sie schlafen. Diejenigen, deren Tod Er
beschlossen hat, hält er dann zurück, während er die anderen
auf eine bestimmte Frist (wieder) freigibt. Darin liegen
Zeichen für Leute, die nachdenken." (Heiliger Qur’an
39:42)
Dieser Vers stellt die Ähnlichkeit
zwischen Schlaf und Tod, Erwachen und Auferstehung dar. Schlaf
ist ein kurzer Tod auf Zeit, und Tod ist ein tiefer und fester
Schlaf. In beiden Fällen geht unser Geist oder unsere Seele
von einem in einen anderen Zustand über. Der Unterschied
besteht darin, daß wir ohne Bewußtsein sind, solange wir
schlafen, und wenn wir erwachen, nicht wissen, daß wir in
Wirklichkeit von einer weiten Reise zurückkommen, im Gegensatz
zum Tod, wo einem alles klar wird.
Betrachtet man diese drei Verse, so wird
einem vollständig deutlich, daß die Natur des Todes nicht in
Sterblichkeit und Vernichtung bestehen kann, sondern in einem
Übertreten von einem in den anderen Zustand. Die Natur des
Schlafs aus der Sicht des Heiligen Qur’an wurde inzwischen
verdeutlicht. Es ist klar, daß der Schlaf, obwohl er äußerlich
und physisch wie eine Befreiung und Entfernung aus dem
Machtbereich der Natur aussieht, für die Seele und spirituell
eine Art Flucht und Rückkehr zum innersten Wesen und den
Himmeln ist. Das Problem von Schlaf und Tod ist eines der
ungelösten der Wissenschaft. Was die Wissenschaftler in diesem
Zusammenhang bereits entdeckt haben, deckt nur einen Teil des
physischen Vorgangs ab, der im Bereich des Körpers
stattfindet.
Siehe "Al-Mizan Qur’an-Interpretation"
(Arabische Ausgabe), Band 13, S. 195 (der heilige Vers:
"Sag: Der Geist steht meinem Herrn zu Diensten") und Band
3, S.270 - 275 (der heilige Vers: "Am Tag, wenn der Geist
und die Engel in Reih' und Glied dastehen").