Gottes Gerechtigkeit
Generell bedeutet Gerechtigkeit,
demjenigen, der es verdient hat, ohne jegliche Diskriminierung
sein Recht zukommen zu lassen. Ungerecht wäre, dem, der Recht
verdient hat, dieses Recht vorzuenthalten. Diskriminierung,
d.h. einigen Leuten ihr Recht zu gewähren und es anderen
vorzuenthalten, ist ebenfalls ungerecht. Erteilt ein Lehrer
seinem Schüler Noten, die unterhalb dessen liegen was er
verdient hätte, so handelt er ungerecht. Genauso ungerecht ist
es, einigen Noten zu geben, die ihren Leistungen entsprechen,
und gleichzeitig andere schlechter zu benoten, als sie es
verdient haben. In einer Hinsicht begleitet die Gerechtigkeit
die Gleichheit, die zwischen den Menschen keine Unterschiede
macht und nicht diskriminierend unter ihnen aussondert.
Gerechtigkeit ist eine Notwendigkeit für die Gleichheit, d.h.
für die Ausübung des Rechts für alle, entsprechend ihrer
Verdienste und ohne jegliche Diskriminierung. Gleichheit
bedeutet nicht: Jedem dieselbe Menge, dieselbe Anzahl. Wäre
Gleichheit so, so wäre sie ungerecht und bedeutete
Grausamkeit. Auch die Vorenthaltung jeglichen Lohns für die
Verdienste der Menschen stellt eine Art Grausamkeit dar.
Gottes Gerechtigkeit meint daher: Jeder hat andere
Möglichkeiten; Gott belohnt seine Geschöpfe entsprechend ihrer
Fähigkeiten und Möglichkeiten mit seinem Segen.
Mangelt es einem Geschöpf an irgend
etwas, so liegt das an seiner Unfähigkeit, bei gewissen
Umständen zu handeln. Es wäre ungerecht, wenn einem Geschöpf,
das nur gewisse Fähigkeiten besitzt, sein voller Lohn
vorenthalten würde. Sie werden in Wirklichkeit aber
entsprechend ihrer Eignung mit Gottes Gnade ausgezeichnet. Der
Mensch besitzt unter allen Geschöpfen ihm eigene Fähigkeiten,
Möglichkeiten und Wirkungskraft. Motivationsgrößen und
Umstände, die uns an die Arbeit treiben und aktivieren, sind
nicht wie bei den Tieren begrenzt. Im Gegensatz zu den Tieren,
die ja nur im Besitz von Instinkten sind, die sie mit der
Natur und materiellen Lebensinhalten verknüpfen, besitzt der
Mensch Instinkte auf höherer Ebene, die über die Begrenztheit
dieser Welt hinausgehen.
Das, was unsere Taten zur Wirkung bringt,
sind unsere höchsten Motivationskräfte, die sich auf
moralischer, wissenschaftlicher, religiöser und göttlicher
Ebene befinden. Oft opfern wir unser natürliches, materielles
und tierisches Leben höheren menschlichen Zielen. Wie der
Heilige Qur’an erläutert, regelt der Mensch sein Verhalten und
Benehmen auf der Grundlage von "frommen Taten und Glaube", die
ihm die Sehnsucht nach ewigem Leben und Gottes Zufriedenheit
verleihen. Beides prägt den Menschen: immense Denkfähigkeiten
und die Sehnsucht nach der Ewigkeit sowie der Trieb, der ihn
dorthin führt. All das offenbart eine Art Möglichkeit und
Fähigkeit zum ewigen Leben, die der Mensch in sich birgt. Mit
anderen Worten: Es offenbart die individuelle, immaterielle
Qualität seines Geistes. Der Vergleich zwischen einem Menschen
in dieser Welt und einem Fötus, der im Mutterleib mit Blut,
Atem, Nerven, Sehen und Hören und seinem Genitalsystem
versorgt wird, die alle mit seinem Leben nach der Geburt zu
tun haben, nicht aber mit den Bedingungen im Mutterleib und
mit der für ihn gegenwärtigen Zeit, den neun Monaten Lebens in
ihm, ist hier nicht unpassend. Bringen Glaube und gute Taten
auch innerhalb des Diesseits für einen Vorteile und Nutzen, so
folgen diese doch nur in der Konsequenz. Gute Taten und Glaube
sind eher wie eine Saat, die nur in einem glückerfüllten,
ewigen Leben gedeiht und wächst, d.h. ihre volle Bedeutsamkeit
entpuppt sich erst in Bezug auf ein ewiges Leben und in einem
ewigen Leben.
Es ist nicht nur möglich, über der Natur
zu schweben und nichtmaterielles Saatgut in einem auf Glauben
und guten Taten basierenden System auszustreuen, man kann auch
vom rechten Pfad abirren, und die Konsequenzen dafür finden
sich dann ebenfalls jenseits von tierischer Begrenztheit und
gewöhnlichen physischen Beziehungsgrößen. Dann
spiritualisieren und verewigen sich unsere Taten eben auf
einem irrigen Wege. Man verdient sich so ein ewiges Leben, das
uns unglücklicherweise mit Todeskampf und Qual und Schmerz
versieht. Religiös ausgedrückt: Man wird ins ewige Höllenfeuer
geworfen. Irrt man vom Glauben und von dem Weg der guten Taten
ab, so steigt man in Gefilde ab, die sogar unterhalb des
tierischen Lebens liegen, und sinkt auf das tiefste Niveau.
Wie der Heilige Qur’an es ausdrückt:
"Sie sind (ja) genauso (stumpfsinnig)
wie Vieh. Nein, sie irren noch eher vom Weg ab (als man vom
Vieh sagen kann)". (Heiliger Qur’an 25:44).
Diejenigen, die vom Glauben und von den
guten Taten abfallen, und diejenigen, die davon abirren, sind
Schülern vergleichbar, die im Gegensatz zu denen, die
sorgfältig ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Zeit mit Spielen
vergeuden. Gäbe es kein ewiges Leben, das die erste Gruppe
belohnte und die zweite bestrafte, so würde beiden der
gerechte Lohn vorenthalten, und das wäre, wenn ein Lehrer
seine Schüler nicht benoten würde. Um diesen Sachverhalt noch
deutlicher zu machen, sagen wir: Gott hat die Menschen
aufgefordert, gläubig und wohltätig zu sein. Eine Gruppe von
Menschen bringt ihre Gedanken, Handlungen und ihr moralisches
Verhalten mit ihrem Glauben in Übereinstimmung, weil sie
diesen Auftrag annimmt. Andere, die ihn zurückweisen, folgen
Untat und Verderbnis. In der Ordnung dieser Welt beobachten
wir, daß sie nicht immer den Wohltätigen und den Verderbten
gerecht nachkommt. Manch einer stirbt, bevor er seinen
verdienten Lohn erhalten hätte; daher muß ein anderer Ort
existieren, an dem die Wohltätigen vollständig belohnt und die
Übeltäter vollständig bestraft werden, sonst wäre es ungerecht
von Gott.