Ewiges Leben

Das Ewige Leben

Ayatollah Morteza Motahhari

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Gottes Gerechtigkeit

Generell bedeutet Gerechtigkeit, demjenigen, der es verdient hat, ohne jegliche Diskriminierung sein Recht zukommen zu lassen. Ungerecht wäre, dem, der Recht verdient hat, dieses Recht vorzuenthalten. Diskriminierung, d.h. einigen Leuten ihr Recht zu gewähren und es anderen vorzuenthalten, ist ebenfalls ungerecht. Erteilt ein Lehrer seinem Schüler Noten, die unterhalb dessen liegen was er verdient hätte, so handelt er ungerecht. Genauso ungerecht ist es, einigen Noten zu geben, die ihren Leistungen entsprechen, und gleichzeitig andere schlechter zu benoten, als sie es verdient haben. In einer Hinsicht begleitet die Gerechtigkeit die Gleichheit, die zwischen den Menschen keine Unterschiede macht und nicht diskriminierend unter ihnen aussondert. Gerechtigkeit ist eine Notwendigkeit für die Gleichheit, d.h. für die Ausübung des Rechts für alle, entsprechend ihrer Verdienste und ohne jegliche Diskriminierung. Gleichheit bedeutet nicht: Jedem dieselbe Menge, dieselbe Anzahl. Wäre Gleichheit so, so wäre sie ungerecht und bedeutete Grausamkeit. Auch die Vorenthaltung jeglichen Lohns für die Verdienste der Menschen stellt eine Art Grausamkeit dar. Gottes Gerechtigkeit meint daher: Jeder hat andere Möglichkeiten; Gott belohnt seine Geschöpfe entsprechend ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten mit seinem Segen.

Mangelt es einem Geschöpf an irgend etwas, so liegt das an seiner Unfähigkeit, bei gewissen Umständen zu handeln. Es wäre ungerecht, wenn einem Geschöpf, das nur gewisse Fähigkeiten besitzt, sein voller Lohn vorenthalten würde. Sie werden in Wirklichkeit aber entsprechend ihrer Eignung mit Gottes Gnade ausgezeichnet. Der Mensch besitzt unter allen Geschöpfen ihm eigene Fähigkeiten, Möglichkeiten und Wirkungskraft. Motivationsgrößen und Umstände, die uns an die Arbeit treiben und aktivieren, sind nicht wie bei den Tieren begrenzt. Im Gegensatz zu den Tieren, die ja nur im Besitz von Instinkten sind, die sie mit der Natur und materiellen Lebensinhalten verknüpfen, besitzt der Mensch Instinkte auf höherer Ebene, die über die Begrenztheit dieser Welt hinausgehen.

Das, was unsere Taten zur Wirkung bringt, sind unsere höchsten Motivationskräfte, die sich auf moralischer, wissenschaftlicher, religiöser und göttlicher Ebene befinden. Oft opfern wir unser natürliches, materielles und tierisches Leben höheren menschlichen Zielen. Wie der Heilige Qur’an erläutert, regelt der Mensch sein Verhalten und Benehmen auf der Grundlage von "frommen Taten und Glaube", die ihm die Sehnsucht nach ewigem Leben und Gottes Zufriedenheit verleihen. Beides prägt den Menschen: immense Denkfähigkeiten und die Sehnsucht nach der Ewigkeit sowie der Trieb, der ihn dorthin führt. All das offenbart eine Art Möglichkeit und Fähigkeit zum ewigen Leben, die der Mensch in sich birgt. Mit anderen Worten: Es offenbart die individuelle, immaterielle Qualität seines Geistes. Der Vergleich zwischen einem Menschen in dieser Welt und einem Fötus, der im Mutterleib mit Blut, Atem, Nerven, Sehen und Hören und seinem Genitalsystem versorgt wird, die alle mit seinem Leben nach der Geburt zu tun haben, nicht aber mit den Bedingungen im Mutterleib und mit der für ihn gegenwärtigen Zeit, den neun Monaten Lebens in ihm, ist hier nicht unpassend. Bringen Glaube und gute Taten auch innerhalb des Diesseits für einen Vorteile und Nutzen, so folgen diese doch nur in der Konsequenz. Gute Taten und Glaube sind eher wie eine Saat, die nur in einem glückerfüllten, ewigen Leben gedeiht und wächst, d.h. ihre volle Bedeutsamkeit entpuppt sich erst in Bezug auf ein ewiges Leben und in einem ewigen Leben.

Es ist nicht nur möglich, über der Natur zu schweben und nichtmaterielles Saatgut in einem auf Glauben und guten Taten basierenden System auszustreuen, man kann auch vom rechten Pfad abirren, und die Konsequenzen dafür finden sich dann ebenfalls jenseits von tierischer Begrenztheit und gewöhnlichen physischen Beziehungsgrößen. Dann spiritualisieren und verewigen sich unsere Taten eben auf einem irrigen Wege. Man verdient sich so ein ewiges Leben, das uns unglücklicherweise mit Todeskampf und Qual und Schmerz versieht. Religiös ausgedrückt: Man wird ins ewige Höllenfeuer geworfen. Irrt man vom Glauben und von dem Weg der guten Taten ab, so steigt man in Gefilde ab, die sogar unterhalb des tierischen Lebens liegen, und sinkt auf das tiefste Niveau. Wie der Heilige Qur’an es ausdrückt:

"Sie sind (ja) genauso (stumpfsinnig) wie Vieh. Nein, sie irren noch eher vom Weg ab (als man vom Vieh sagen kann)". (Heiliger Qur’an 25:44).

Diejenigen, die vom Glauben und von den guten Taten abfallen, und diejenigen, die davon abirren, sind Schülern vergleichbar, die im Gegensatz zu denen, die sorgfältig ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Zeit mit Spielen vergeuden. Gäbe es kein ewiges Leben, das die erste Gruppe belohnte und die zweite bestrafte, so würde beiden der gerechte Lohn vorenthalten, und das wäre, wenn ein Lehrer seine Schüler nicht benoten würde. Um diesen Sachverhalt noch deutlicher zu machen, sagen wir: Gott hat die Menschen aufgefordert, gläubig und wohltätig zu sein. Eine Gruppe von Menschen bringt ihre Gedanken, Handlungen und ihr moralisches Verhalten mit ihrem Glauben in Übereinstimmung, weil sie diesen Auftrag annimmt. Andere, die ihn zurückweisen, folgen Untat und Verderbnis. In der Ordnung dieser Welt beobachten wir, daß sie nicht immer den Wohltätigen und den Verderbten gerecht nachkommt. Manch einer stirbt, bevor er seinen verdienten Lohn erhalten hätte; daher muß ein anderer Ort existieren, an dem die Wohltätigen vollständig belohnt und die Übeltäter vollständig bestraft werden, sonst wäre es ungerecht von Gott.

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