Wahr und Falsch

Das Wahre und das Falsche

Ayatollah Morteza Motahhari

 

zum
Inhaltsverzeichnis

2. Der ökonomische Aspekt des Marxismus

Aus dem soziologischem Blickwinkel des Marxismus heraus nehmen die Organisationen und Institutionen der Gesellschaft nicht alle denselben Rang ein. Die Gesellschaft gleicht einem Gebäude, das eine Basis und einen Unterbau aufweist, auf die sich die übrigen Teile der Gesellschaft aufbauen, und ihr Fortleben und -bestehen hängt allein von jenen Ersteren ab. Basis und Unterbau ist die Ökonomie. Die Veränderung der ökonomischen Verhältnisse bringt auch die Veränderung der sozialen Elemente mit sich, und dadurch wird das Verhalten des Menschen verändert. Es ist also die Gesellschaft transformiert, und diese ist ihrerseits Frucht des Produktion oder, in anderen Thermen der Produktionsmittel. Also sind die Produktionsmittel die Produzenten der Gesellschaft, und die Gesellschaft bildet den Menschen. Will man nun den Menschen im Lauf der Geschichte kennenlernen, so ist es zuerst notwendig, die wirtschaftlichen Bedingungen und die Produktionsmittel ihrer Gesellschaft zu kennen. Ob der Mensch gut oder böse ist, hängt allein mit dem speziellen Zustand dieser Produktionsmittel zusammen. Gutes, Licht, Gerechtigkeit einerseits, Böses, Finsternis und Unterdrückung andererseits sind nicht vom Menschen abhängig. Sie sind allein verknüpft mit dem Produktionssystem, das manchmal absolute Gerechtigkeit und Gutes für die Gesellschaft fordert und ein anderes Mal das Gegenteil. Davon ausgehend, nimmt der Marxismus an, daß es für sämtliche Gesellschaften nur einen Entwicklungsverlauf gebe, und daß die Gesellschaft innerhalb dieses gewisse Etappen zurücklegen müsse: Urkommunismus, Sklavenhalterschaft, Feudalismus, Bourgeoisie, Kapitalismus, Sozialismus und Endkommunismus. Der Urkommunismus stellt den Ursprung des Soziallebens des Menschen dar, der zu jener Zeit Landwirtschaft und Sklavenhaltung noch nicht entdeckt hatte. Er kannte noch nicht seine Industrie und seine Produktionsmittel. Er kannte nur zugespitzte Steine, mit Hilfe derer er Jagd auf Tiere machte. Alle jene einfachen und gewöhnlichen Hilfsmittel sowie seine Produktion genügten nur gerade so seinen eigenen Bedürfnissen. So glich sein Leben dem der Vögel, die des Morgens ihr Nest verlassen, um auf Nahrungssuche zu gehen, des Abends dann, wenn sie satt geworden sind, suchen sie es wieder auf. Das wiederholt sich Tag für Tag. Eine solche Art von Produktion veranlaßt die Menschen dazu, untereinander gutes Benehmen zu pflegen wie eine Herde Gazellen, die nie unter sich Auseinandersetzungen haben. Morgens gehen sie auf die Weide, abends kehren sie zurück und leben freundlich zusammen. Der Kampf mit der Natur und den wilden Tieren war ein Grund mehr, Freundschaft und Zusammenhalt unter den Menschen zu stiften. Es gab keinen Grund für Krieg oder Mißverständnis unter ihnen. Der Produktionsstand des Urkommunismus forderte Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Langsam, aber sicher jedoch macht der Mensch Fortschritte. Er erlernte den Ackerbau, Viehzucht, fabrizierte perfektere Werkzeuge, damit er bessere Produktionsergebnisse erzielte. So entdeckte er z.B. den Weizen und andere Getreidesorten, und die säte er nun. Besaß er nur 70 Diener, so genügte das reichlich für ein Dutzend Personen. So begann die Ausbeutung innerhalb der Gesellschaft aufzutauchen. Das heißt, einige arbeiteten, und andere profitierten von dieser Arbeit, ohne daß sie einen Finger rührten. Früher hatte jeder für sich arbeiten müssen, nun aber, wo es die Möglichkeit gab, daß einer auf Kosten der Arbeit des anderen leben konnte, entstand das Privateigentum, Grundbesitz, Sklavenhaltung. So ließen manche ihre Sklaven für sich arbeiten, während sie selbst ihre Zeit damit verbrachten, gut zu essen und zu schlafen. Sie beuteten diese Sklaven aus. Von dem Zeitpunkt an, da sich die Produktionsmittel entwickelten, erschien auch das Privateigentum auf der Bildfläche, und dieses gebar Ausbeutung und Unterdrückung. Die Destruktion des Unterbaus verdarb demnach den Menschen und machte ihn zum Ausbeuter oder Ausgebeuteten. Nach Marx sind beide, Ausbeuter und Ausgebeuteter, vollkommen selbstentfremdet, entfernt von der Menschlichkeit, denn der Ursprung der Menschlichkeit lautet "Wir". Vorher war alles Eigentum öffentlich oder gemeinschaftlich gewesen, aber das Auftreten des Privateigentums wandelte das "Wir" in das "Ich" um und setzte einen in Opposition zum anderen. So offenbarten sich Verderbtheit, Böses, Unterdrückung und Ruin. Im Urkommunismus hätte es nur das Gute, Frieden, Wohltaten, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit gegeben, denn das Problem des Reichtums existierte noch nicht. Sobald das Privateigentum sich manifestierte, provozierte es nur noch Unterdrückung, Korruption, Ungleichheit. Nur im Urkommunismus dominierte demnach das Wahre der Gesellschaft, und war diese Epoche vorüber, so gab es keine Wahrheit und keine Gerechtigkeit mehr.

Nach Marx besitzt der Mensch keine Echtheit, keine Natur, kein Bewusstsein, keine Macht. Denken, Geist, Geschmack, Bewusstsein und alles andere, was der Mensch haben kann, hängt nur von der Gesellschaft ab. Die Basis der Gesellschaft ist die Produktionsorganisation, und Produktionsstand und Unterwerfung unter die Geschichte machen aus dem Menschen das, was sie wollen. Geben sie ihm Licht, wird er leuchten, und in der Finsternis wird er nicht taugen. "Wie eine Eule, die vor dem Spiegel steht, so werde ich alles wiedergeben, was das Ewige mir einflößt." Hier ist der Spiegel die Produktionsmittel. Böses, Verderbtheit und Falschheit sind gezwungenermaßen Früchte dieser Produktionsmittel, und diese bestehen solange fort, bis letztere sich erneut entwickeln, bis das Privateigentum verschwindet, und bis das öffentliche, gemeinschaftliche Eigentum erscheint. Dann werden die Menschen wieder gezwungenermaßen gut, das Wahre wird uns wieder seinen Schutz bieten, Brüderlichkeit wird sich manifestieren, die "Ichs" verwandeln sich in "Wir", es entstehen Gutes, Licht und Gerechtigkeit. Der Mensch ist durch die Macht der Geschichte dieser Konzeption unterworfen, die Produktionsmittel sind ihm überlegen. Der Mensch kann gut oder böse sein, je nach dem, was diese Mittel verlangen. Im Augenblick leben wir in einer Zeit, wo der Mensch bösartig ist. Werden die Produktionsmittel in Zukunft von ihm verlangen, daß er gut sei, so wird er es mit Sicherheit. So muß man der Menschheit weder optimistisch noch pessimistisch gegenüberstehen.

© seit 2006 - m-haditec GmbH - info@eslam.de