2. Der ökonomische Aspekt des Marxismus
Aus dem soziologischem Blickwinkel des Marxismus heraus
nehmen die Organisationen und Institutionen der Gesellschaft
nicht alle denselben Rang ein. Die Gesellschaft gleicht einem
Gebäude, das eine Basis und einen Unterbau aufweist, auf die
sich die übrigen Teile der Gesellschaft aufbauen, und ihr
Fortleben und -bestehen hängt allein von jenen Ersteren ab.
Basis und Unterbau ist die Ökonomie. Die Veränderung der
ökonomischen Verhältnisse bringt auch die Veränderung der
sozialen Elemente mit sich, und dadurch wird das Verhalten des
Menschen verändert. Es ist also die Gesellschaft
transformiert, und diese ist ihrerseits Frucht des Produktion
oder, in anderen Thermen der Produktionsmittel. Also sind die
Produktionsmittel die Produzenten der Gesellschaft, und die
Gesellschaft bildet den Menschen. Will man nun den Menschen im
Lauf der Geschichte kennenlernen, so ist es zuerst notwendig,
die wirtschaftlichen Bedingungen und die Produktionsmittel
ihrer Gesellschaft zu kennen. Ob der Mensch gut oder böse ist,
hängt allein mit dem speziellen Zustand dieser
Produktionsmittel zusammen. Gutes, Licht, Gerechtigkeit
einerseits, Böses, Finsternis und Unterdrückung andererseits
sind nicht vom Menschen abhängig. Sie sind allein verknüpft
mit dem Produktionssystem, das manchmal absolute Gerechtigkeit
und Gutes für die Gesellschaft fordert und ein anderes Mal das
Gegenteil. Davon ausgehend, nimmt der Marxismus an, daß es für
sämtliche Gesellschaften nur einen Entwicklungsverlauf gebe,
und daß die Gesellschaft innerhalb dieses gewisse Etappen
zurücklegen müsse: Urkommunismus, Sklavenhalterschaft,
Feudalismus, Bourgeoisie, Kapitalismus, Sozialismus und
Endkommunismus. Der Urkommunismus stellt den Ursprung des
Soziallebens des Menschen dar, der zu jener Zeit
Landwirtschaft und Sklavenhaltung noch nicht entdeckt hatte.
Er kannte noch nicht seine Industrie und seine
Produktionsmittel. Er kannte nur zugespitzte Steine, mit Hilfe
derer er Jagd auf Tiere machte. Alle jene einfachen und
gewöhnlichen Hilfsmittel sowie seine Produktion genügten nur
gerade so seinen eigenen Bedürfnissen. So glich sein Leben dem
der Vögel, die des Morgens ihr Nest verlassen, um auf
Nahrungssuche zu gehen, des Abends dann, wenn sie satt
geworden sind, suchen sie es wieder auf. Das wiederholt sich
Tag für Tag. Eine solche Art von Produktion veranlaßt die
Menschen dazu, untereinander gutes Benehmen zu pflegen wie
eine Herde Gazellen, die nie unter sich Auseinandersetzungen
haben. Morgens gehen sie auf die Weide, abends kehren sie
zurück und leben freundlich zusammen. Der Kampf mit der Natur
und den wilden Tieren war ein Grund mehr, Freundschaft und
Zusammenhalt unter den Menschen zu stiften. Es gab keinen
Grund für Krieg oder Mißverständnis unter ihnen. Der
Produktionsstand des Urkommunismus forderte Gerechtigkeit,
Gleichheit, Brüderlichkeit. Langsam, aber sicher jedoch macht
der Mensch Fortschritte. Er erlernte den Ackerbau, Viehzucht,
fabrizierte perfektere Werkzeuge, damit er bessere
Produktionsergebnisse erzielte. So entdeckte er z.B. den
Weizen und andere Getreidesorten, und die säte er nun. Besaß
er nur 70 Diener, so genügte das reichlich für ein Dutzend
Personen. So begann die Ausbeutung innerhalb der Gesellschaft
aufzutauchen. Das heißt, einige arbeiteten, und andere
profitierten von dieser Arbeit, ohne daß sie einen Finger
rührten. Früher hatte jeder für sich arbeiten müssen, nun
aber, wo es die Möglichkeit gab, daß einer auf Kosten der
Arbeit des anderen leben konnte, entstand das Privateigentum,
Grundbesitz, Sklavenhaltung. So ließen manche ihre Sklaven für
sich arbeiten, während sie selbst ihre Zeit damit verbrachten,
gut zu essen und zu schlafen. Sie beuteten diese Sklaven aus.
Von dem Zeitpunkt an, da sich die Produktionsmittel
entwickelten, erschien auch das Privateigentum auf der
Bildfläche, und dieses gebar Ausbeutung und Unterdrückung. Die
Destruktion des Unterbaus verdarb demnach den Menschen und
machte ihn zum Ausbeuter oder Ausgebeuteten. Nach Marx sind
beide, Ausbeuter und Ausgebeuteter, vollkommen
selbstentfremdet, entfernt von der Menschlichkeit, denn der
Ursprung der Menschlichkeit lautet "Wir". Vorher war alles
Eigentum öffentlich oder gemeinschaftlich gewesen, aber das
Auftreten des Privateigentums wandelte das "Wir" in das "Ich"
um und setzte einen in Opposition zum anderen. So offenbarten
sich Verderbtheit, Böses, Unterdrückung und Ruin. Im
Urkommunismus hätte es nur das Gute, Frieden, Wohltaten,
Brüderlichkeit und Gerechtigkeit gegeben, denn das Problem des
Reichtums existierte noch nicht. Sobald das Privateigentum
sich manifestierte, provozierte es nur noch Unterdrückung,
Korruption, Ungleichheit. Nur im Urkommunismus dominierte
demnach das Wahre der Gesellschaft, und war diese Epoche
vorüber, so gab es keine Wahrheit und keine Gerechtigkeit
mehr.
Nach Marx besitzt der Mensch keine Echtheit, keine Natur,
kein Bewusstsein, keine Macht. Denken, Geist, Geschmack,
Bewusstsein und alles andere, was der Mensch haben kann, hängt
nur von der Gesellschaft ab. Die Basis der Gesellschaft ist
die Produktionsorganisation, und Produktionsstand und
Unterwerfung unter die Geschichte machen aus dem Menschen das,
was sie wollen. Geben sie ihm Licht, wird er leuchten, und in
der Finsternis wird er nicht taugen. "Wie eine Eule, die vor
dem Spiegel steht, so werde ich alles wiedergeben, was das
Ewige mir einflößt." Hier ist der Spiegel die
Produktionsmittel. Böses, Verderbtheit und Falschheit sind
gezwungenermaßen Früchte dieser Produktionsmittel, und diese
bestehen solange fort, bis letztere sich erneut entwickeln,
bis das Privateigentum verschwindet, und bis das öffentliche,
gemeinschaftliche Eigentum erscheint. Dann werden die Menschen
wieder gezwungenermaßen gut, das Wahre wird uns wieder seinen
Schutz bieten, Brüderlichkeit wird sich manifestieren, die
"Ichs" verwandeln sich in "Wir", es entstehen Gutes, Licht und
Gerechtigkeit. Der Mensch ist durch die Macht der Geschichte
dieser Konzeption unterworfen, die Produktionsmittel sind ihm
überlegen. Der Mensch kann gut oder böse sein, je nach dem,
was diese Mittel verlangen. Im Augenblick leben wir in einer
Zeit, wo der Mensch bösartig ist. Werden die Produktionsmittel
in Zukunft von ihm verlangen, daß er gut sei, so wird er es
mit Sicherheit. So muß man der Menschheit weder optimistisch
noch pessimistisch gegenüberstehen.