Sechsundzwanzigstes Kapitel - Der Doktor macht
Vorbereitungen zum Besuch des Schahs
Während meines Spazierganges war ich beinahe entschlossen,
mich gleich vom Doktor loszumachen und Teheran den Rücken zu
kehren. Aber meine Liebe zu Seneb erwies sich doch stärker als
mein Entschluß. Der Gedanke, sie wiederzusehen, gab mir die
Kraft, das armselige Los meiner Abhängigkeit von Mirza Ahmak
weiter zu ertragen. Dieser Vermutete in mir weder seinen
Rivalen noch die Ursache der furchtbaren Szenen im Harem; nur
der Argwohn, ein Unberufener habe Zutritt in seinem Hause
gehabt, ließ ihn jetzt tausend Vorsichtsmaßregeln anwenden, so
daß ich nur mit der größten Schwierigkeit herausbringen
konnte, wie es um meine Geliebte stand und ob die Wut der
Khanum nicht schlimme Folgen gehabt habe. Umsonst lauerte ich
täglich am Eingange des Enderuns auf Seneb, die sonst ihre
Herrin beim Ausgehen zu begleiten pflegte. Da ich nichts über
sie erfahren konnte, verfolgte mich die Angst, sie sei
eingesperrt oder gar der blinden Wut ihrer grausamen Herrin
zum Opfer gefallen. Als meine Besorgnis aufs höchste gestiegen
war, beobachtete ich, daß die schwarze Sklavin Nur-Dschähan
ohne Begleitung das Haus verließ und den Weg zum Basar
einschlug. Ich folgte ihr, und auf ihre frühere Freundschaft
für die von mir so innig Geliebte bauend, wagte ich sie
anzureden.
»Friede sei mit dir, Nur-Dschähan,« sagte ich schüchtern,
»wohin des Wegs so eilig und ganz allein?«
»Möchte deine Freundlichkeit niemals geringer werden,
Hadschi Aga,« antwortete sie, »ich bin unsrer kurdischen
Sklavin wegen beauftragt, zum Spezereihändler zu gehen.«
»Wie, für Seneb?« fragte ich ganz bestürzt. »Ist ihr etwas
zugestoßen, oder ist sie krank?«
»Ach, das arme Ding«, antwortete das gutmütige
Negermädchen, »ist nicht nur krank, sondern auch zu Tode
betrübt. Ihr Perser seid wirklich ein gottloses Volk. Wir, die
nur Schwarze und Sklaven sind, haben doch zweimal so viel Herz
als ihr. Ihr mögt euch der Gastfreundschaft rühmen, eurer
Freundlichkeit gegen alle Fremden; aber wurde jemals ein Tier,
geschweige denn eine menschliche Kreatur so niederträchtig
behandelt wie diese Arme, die aus einem andern Lande stammt?«
»Um Gottes willen, Nur-Dschähan,« rief ich, »bei meiner
Seele, sag mir, was haben sie ihr getan?«
Mein ganzes Verhalten und das Interesse, das ich ihren
Worten entgegenbrachte, machten die Schwarze zutunlicher. So
erzählte sie mir denn, daß die eifersüchtige Khanum Seneb in
ein kleines, finsteres Loch eingesperrt habe, in dem sie sich
nicht rühren könne, daß sie infolge der Schläge und
Mißhandlungen in ein hitziges Fieber verfallen und am Rande
des Grabes gestanden habe. Sie habe aber dank ihrer
Jugendkraft die böse Krankheit überwunden. Im Augenblicke
zeige sich die Khanum etwas milder gestimmt; und da sie Seneb
gestattet habe, sich wieder des Henna und des Surme
(Augenschwärze) zu bedienen, so sei sie eben im Begriffe, dies
beim Spezereihändler zu besorgen. Sie wäre aber überzeugt,
diese Vergünstigung sei ihr nur zugestanden worden, weil das
Gerücht ging, der Schah wolle Mirza Ahmak mit seinem Besuche
beehren. Da der Schah allein das Vorrecht genieße, nach
Belieben in jedem Harem die Frauen unverschleiert zu besehen
habe ihre Herrin, die durch die Vorführung möglichst
zahlreicher Diener und Sklavinnen glänzen möchte, Seneb aus
der Haft entlassen unter dem Vorwande, ihrer Bedienung zu
benötigen; aber nach getaner Arbeit müsse sie wieder ins
finstere Loch zurück.
Diese Mitteilungen gaben mir einigen Trost. Ich begann zu
überlegen, wie ich es anstellen müsse, um eine Zusammenkunft
mit Seneb zu ermöglichen. Die unüberwindlichen Hindernisse,
die sich mir entgegenstellten, und die Sorge, ihr neuen Kummer
und neues Leid zu bereiten, ließen mich von meinem Wunsche
abstehen und die Richtigkeit der Worte des Dichters
beherzigen, »den Teppich meiner Wünsche zusammenzuschlagen und
meinen Neigungen nicht nachzujagen.«
Unterdessen nahte der Tag der Abreise des Schahs nach
seiner Sommerresidenz. Einem alten Herkommen gemäß benützte er
die dazwischenliegende Zeit, um den Vornehmsten seines Hofes
die Ehre seines Besuches zu erweisen. Dieser Anlaß bedeutete
nicht nur für den Schah, sondern auch für seine Umgebung eine
reiche Ernte an Geschenken, die jeder, dem diese Auszeichnung
zuteil wurde, zu geben gezwungen war.
Nur-Dschähans Bericht beruhte auf Wahrheit. Mirza Ahmak
befand sich unter jenen, die der Schah mit seinem Besuche
beehren wollte; denn der Doktor stand im Rufe des Reichtums,
und die königliche Hand hatte ihn längst als hochwillkommene
Beute ausersehen. Demzufolge wurde er benachrichtigt, an
welchem Tage ihm dieser neue und besondere Beweis der
königlichen Gunst zuteil würde, deren ganz spezielles Merkmal
darin bestand, daß es kein gewöhnlicher Besuch sein sollte,
sondern der Doktor die Genugtuung haben werde, Seine Majestät
bewirten zu dürfen, da der Schah die Abendmahlzeit in seinem
Hause einzunehmen gedenke. Halb trunken von der Größe dieser
Auszeichnung, halb geknickt ob des sicheren Ruins seiner
Finanzen, beeilte sich der Doktor, alle nötigen Vorbereitungen
zu treffen. Zuallererst mußte festgestellt werden, in welcher
Art der ›Pā ändāz‹ ausgeführt und was dafür ausgegeben werden
sollte. Er wußte, daß große Prachtentfaltung im ganzen Lande
ein Jahr lang besprochen und daraus Schlüsse gezogen würden,
wie hoch er in der Gunst seines Herrschers einzuschätzen sei.
Einerseits kitzelte ihn die Eitelkeit, andrerseits aber
zitterte sein Geiz. Stellte er zu großen Reichtum zur Schau,
würde er alsbald ein Objekt neuer Erpressungen sein; machte er
gar keinen Aufwand, konnten seine Rivalen die Wichtigkeit
seiner Bedeutung geringer einschätzen. Seit langer Zeit hatte
der Doktor sich nicht mehr herbeigelassen, mich um Rat zu
fragen; ich war zum herumlungernden Schmarotzer herabgesunken.
Als er sich aber erinnerte, mit welchem Erfolge ich die
Unterhandlungen mit dem europäischen Doktor geführt hatte,
lenkte er wieder vermittelnd ein.
»Hadschi,« sagte er, »was soll ich nun in diesem äußerst
schwierigen Falle tun? Man hat mir einen Wink gegeben, der
Schah erwarte bei mir einen sehr glänzenden Empfang. Es war
der Großschatzmeister selbst – dessen Prachtentfaltung bei
solchen Anlässen ganz Persien in Staunen setzt –, der es mir
sagte und mit dem ich allerdings unmöglich wetteifern kann. Er
meinte, es sei unbedingt nötig, vom Eingange der Straße bis
zur Gartenpforte, wo der König vom Pferde steigt,
doppeltbreites, feines, schwarzes Tuch zu legen; bis zum
Eingange des Gartens müßte sein Fuß auf Goldbrokat schreiten; den ganzen Hof entlang bis zu seinem Thronsitze
seien Kaschmirschals auszubreiten, einer immer schöner und
kostbarer als der andre. Der ›Mesned‹ oder Thronsitz aber
müßte mit einem ausnehmend prächtigen Schal von ungeheurem
Werte überdeckt werden. Nun, wie du weißt, bin ich nicht der
Mann, solchen Aufwand zu treiben. Ich bin ein Hakim (Arzt),
habe als solcher wirkliche Kenntnisse erworben und mich
niemals als reicher Mann aufgespielt. Nebenbei ist es ja ganz
klar, daß mir der Großschatzmeister das alles nur vorschlug,
weil er Brokate, Schals und Tuch im Vorrate liegen hat und sie
mir gerne aufhängen möchte. Ich werde mich aber hüten, auf
seine lächerlich übertriebenen Vorschläge einzugehen. Sage,
Hadschi, hast du eine Idee, wie man alles billiger schmücken
könnte?«
»Freilich seid Ihr ein Hakim,« antwortete ich, »aber Ihr
seid auch der königliche Leibarzt, und nicht nur in Anbetracht
Eurer hohen Stellung, sondern auch in Hinsicht auf die Khanum,
Eure Frau, und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zum Hofe
müßt Ihr den Empfang möglichst würdig und vornehm
veranstalten. Der Schah wäre ungehalten, würdet Ihr ihm nicht
durch die Art Eures Empfanges beweisen, daß Ihr Verständnis
habt für das Vertrauen, das er in Euch setzt.«
»Ja, Freund Hadschi,« meinte der Doktor, »das mag alles
sehr richtig sein, aber ich bin eben nur ein Doktor, von dem
man schwerlich erwarten kann, er habe Schals, Brokate und
kostbare Stoffe, die er, wenn er sie benötigt, nur so
hervorholen kann.«
»Aber was wollt Ihr denn sonst tun? Möchtet Ihr etwa
Rhabarber streuen und auf den Thron Seiner Majestät ein
Zugpflaster legen?«
»Nein,« sagte er; »aber man könnte Blumen streuen, die, wie
du weißt, sehr billig sind, oder man könnte einen Ochsen
opfern oder recht viel Gläser mit eingemachten Früchten unter
den Hufen seines Pferdes zerbrechen. Würde das nicht genügen?«
»Das geht unmöglich,« rief ich aus; »wenn Ihr so verfahrt,
dann werden der Schah und Eure Feinde Mittel und Wege finden,
Euch auszuplündern, bis Ihr nackt seid wie Eure Hand. Es ist
vielleicht nicht unumgänglich nötig, alles so großartig zu
veranstalten, wie es der Großschatzmeister vorschlägt. Ihr
könnt in der Straße Kattun verwenden, Samt bei der Haustür,
Brokat im inneren Hofe und Schals in den Zimmern; das käme
nicht so schrecklich teuer.«
»Was du da sagst, klingt nicht übel,« meinte der Doktor.
»Vielleicht ließe sich alles auf diese Weise einrichten.
Kattun, der für Beinkleider der Frauen bestimmt war, ist im
Hause und wohl gut genug zu dem Zwecke; vor ein paar Tagen
schenkte mir einer meiner Patienten ein Stück Samt aus Ispahan;
mein letztes Hofkleid kann ich gegen etwas Brokat austauschen,
auch werden zwei bis drei Schals meiner Frauen genügen, um die
Zimmer auszuschmücken. Also das wäre abgemacht! Ali sei
gepriesen!«
»Oh, aber der Harem?« rief ich aus; »den wird der Schah
betreten; wie Ihr wißt, bringt es Glück, vom König angeschaut
zu werden; bei dieser Gelegenheit müssen alle im Harem schön
und neu gekleidet sein!«
»Ach, was das anbelangt,« sagte der Doktor, »so können sich
die Frauen ja etwas ausborgen! Juwelen, Beinkleider, Jacken,
Schals, was sie nur wollen, werden ihnen die Freundinnen
leihen.«
»Gott bewahre!« antwortete die stolze Khanum, als man ihr
diesen Vorschlag zu unterbreiten wagte, hieß ihren Mann einen
gemeinen, schmutzigen Geizkragen, der Ehre unwürdig, eine
Gattin wie sie zu besitzen. Sie verlangte, er solle sich der
hohen Auszeichnung, die ihm der Schah erweise, würdig zeigen
und sich nicht lumpen lassen. Vergebens bemühte sich der
Doktor, gegen sie aufzukommen. Dann wurden alle Vorbereitungen
im größten Maßstabe getroffen, und jedermann im Hause schien
es sich recht angelegen sein zu lassen, das Geld, das der
Doktor so lange Zeit den andern mit Gewalt ausgepreßt hatte,
nun mit vollen Händen hinauszuwerfen.