Fünfundvierzigstes Kapitel - Hadschi versucht sein Erbe zu
finden
Am darauffolgenden Tage, bald nach dem ersten Gebete,
betrat eine zwergenhaft verwachsene Gestalt mein Zimmer und
stellte sich als Wahrsager vor. In dem Riesenkopfe des
Buckligen saßen zwei so prachtvoll funkelnde Augen, und er
selbst schien über so große Geistesgaben zu verfügen, daß ich
fühlte, er könne mich mit einem einzigen Blicke völlig
durchschauen. Eine Fülle pechschwarzer Haare quoll unter
seiner Derwischmütze hervor, die im Verein mit einem dicken,
struppigen Barte seinen Zügen etwas Imponierendes verliehen.
Ein beständiges, entweder künstliches oder natürliches
Zwinkern der Lider ließ seine Augen wie Sterne funkeln, so daß
diese Mißgeburt, nur so hoch wie ein Knüppel, wie ein kleiner
Dämon wirkte.
Er begann, mich peinlich genau auszufragen, wollte über
jeden Umstand meines Lebens unterrichtet werden, insbesondere
jede Kleinigkeit wissen, die sich seit meiner Rückkehr nach
Ispahan zugetragen; erkundigte sich auch, welche Freunde und
Bekannte mein Vater besonders bevorzugt hatte und welches
meine Verdachtsgründe seien; kurz, er untersuchte jeden
einzelnen Umstand mit der Genauigkeit eines Arztes, der einem
seltsamen, versteckten Übel auf den Grund kommen möchte.
Nachdem er alles, was ich ihm zu wissen tat, lange und
wohlerwogen hatte, verlangte er die Räume zu sehen, in denen
sich mein Vater vorzüglich aufgehalten hatte. Da meine Mutter
gerade das Bad besuchte, konnte ich ihm diese ohne ihr Wissen
zeigen. Er ersuchte mich, ihn in den Zimmern allein zu lassen,
da seine Enthüllungen, von denen er sich Erfolg versprach, die
eingehendste Lokalkenntnis erforderten. Nachdem er alles genau
besehen hatte, bat er mich, die intimsten Hausfreunde meines
Vaters einzuladen, da er sein Werk erst beginnen wollte, wenn
diese versammelt wären. Ohne des Wahrsagers mit einem Worte zu
erwähnen, ersuchte ich meine Mutter, ihre besten Freunde zu
einem Imbisse zu laden, zu dem ich selbst die Bekannten des
Akhund bat, den Kaputschi sowie alle, die gewohnt waren, im
Hause ein und aus zu gehen. Sie erschienen pünktlich, und
nachdem ein, meinen Mitteln entsprechendes Mahl verzehrt war,
ersuchte ich alle, mir als Zeugen bei den Versuchen des
Wahrsagers beizustehen, der ergründen wollte, wo mein Vater
sein Bargeld, an dessen Vorhandensein niemand zweifeln konnte,
hingetan habe. Während dieser Rede fixierte ich sämtliche
Physiognomien und hoffte, irgendein verräterischer Ausdruck
könnte meinen Verdacht auf eine bestimmte Spur lenken; allein
alle schienen willens, mir bei meinen Nachforschungen
behülflich zu sein, und bewahrten die einwandfreieste,
natürlichste Haltung.
Endlich erschien der Derwisch ›Tis Nigāh‹, von einem Diener
begleitet, der unter seinem Arme einen in ein Taschentuch
eingewickelten Gegenstand trug.
Zuerst musterte der Derwisch alle Anwesenden mit einem
tiefernsten Blicke; doch vornehmlich hefteten sich seine
Basiliskenaugen auf den Akhund, der dieser genauen Prüfung
nicht standhielt und ausrief: ›La Allah ill Allah!‹, plötzlich
seinen Kopf abwärts richtete und, als wollte er böse Geister
abwenden, zuerst über seine rechte, dann über seine linke
Schulter blies. Jedoch auf die Heiterkeit, die sich auf seine
Kosten erhob, ging der zu keinerlei Scherzen aufgelegte Akhund
durchaus nicht ein.
Der Derwisch rief alsdann seinen Diener, der aus dem
Taschentuche eine blanke Messingschale wickelte, deren äußeren
Rand Koransprüche schmückten, die alle Bezug auf das Laster
des Diebstahls und die Veruntreuung von Geldern hatten, die
den Waisen gesetzlich zukommen. »Im Namen Allahs, des
Allweisen und Allwissenden,« sagte er kurz und stellte die
Schale, die er mit sichtlicher Ehrerbietung berührte und
handhabte, auf den Boden.
»Inschallah,« sagte er zu den Anwesenden, »sie wird uns
gleich zur Stelle hinführen, wo das Geld des verblichenen
Kerbelaï (dem Gott gnädig sein möge) verborgen ist oder
verborgen war.«
Als wir uns daraufhin, teils gläubig, teils zweifelnd
gegenseitig anschauten, beugte er sich zur Schale nieder, die
er mittelst leichter Stöße und Schläge unter beständig
wiederholten Ausrufen: »Seht, seht, sie findet ihren Weg, sie
läuft mir gegen meinen Willen davon, Maschallah, Maschallah!«
vorwärts bewegte.
Wir folgten ihm bis vor die Tür des Harems, die nach kurzen
Verhandlungen geöffnet wurde. Hier hatte sich eine zahlreiche
Menge von Frauen eingefunden, die ebenfalls mit der größten
Ungeduld harrten, um sich von den Zauberkünsten der
wunderbaren Schale zu überzeugen. »Macht Platz!« rief der
Bucklige den Frauen zu, die ihm im Wege standen, als er die
Richtung gegen einen Winkel im Hofe einschlug, wohin die
Fenster des Zimmers gingen; »macht Platz, mein Wegweiser darf
durch nichts aufgehalten werden!«
Ein weibliches Wesen, in dem ich meine Mutter erkannte,
verhinderte mehrere Male die Fortbewegung der Schale, so daß
der Wahrsager genötigt war, sie mit einiger Heftigkeit
zurechtzuweisen, sie möge ihm doch den Weg freigeben.
»Seht Ihr nicht!« sagte er; »wir sind im Dienste des Herrn.
Das Recht wird trotz der Schlechtigkeit der Menschen siegen!«
Endlich hatte er den fernen Winkel erreicht, wo das
Erdreich offenbar erst kürzlich aufgewühlt worden war, und
machte hier Halt.
Er stocherte jetzt mit seinem Dolche im Boden herum,
entfernte mit den Händen das gelockerte Erdreich, deckte
alsbald die Scherben eines irdenen Gefäßes auf und fand in der
Nähe die Spuren eines zweiten.
»Hier!« rief er, »hier war das Geld, das nun fort ist!«
Jedermann war aufs höchste betroffen – alle riefen laut:
›Adschaib‹ (wunderbar) und staunten den zwergenhaften Krüppel
wie ein übernatürliches Wesen an.
Der Kaputschi, für den derartige Entdeckungen nichts Neues
bedeuteten, war der einzige, der Unbefangenheit genug besaß,
um zu fragen: »Wo aber ist der Dieb? Du hast uns nun gezeigt,
wo das Wild lag, und mußt es nun auch einfangen; wir verlangen
entweder den Dieb und das Geld, oder das Geld ohne den Dieb.«
»Sachte mein Freund!« sagte der Derwisch zum Kaputschi;
»schließt nicht zu schnell vom Verbrechen auf den Verbrecher!
Für jede Krankheit haben wir eine Arznei, wennschon sie einige
Zeit braucht, um zu wirken.«
Hierauf hielt er seine sprühenden Augen fortwährend auf die
ganze Versammlung gerichtet und sagte: »Ich bin sicher, alle
hier werden nur zu glücklich sein, sich von jedem Verdacht
reinigen zu können, und sich gern dem unterwerfen, was ich
vorschlage; die Sache ist höchst einfach und rasch erledigt.«
Er rief abermals seinen Diener, der ihm einen kleinen
Beutel einhändigte und die Schale wieder an sich nahm.
»Dieser Beutel«, sagte der Bucklige, »enthält alten Reis.
Davon werde ich jedermann eine kleine Handvoll in den Mund
schieben; doch muß der Reis sofort kleingekaut werden. Die,
die es nicht vermögen, sollen auf ihrer Hut sein!«
Er stellte uns hierauf in einer Reihe auf, füllte sämtliche
Mäuler mit Reis, die alle mit der Arbeit des Kauens alsbald
begannen. Ich als Ankläger blieb selbstverständlich von diesem
Gottesurteil verschont. Meine Mutter, die gemeinsame Sache mit
mir zu machen gedachte, stand ebenfalls nicht in der Reihe;
das aber wollte der scharfblickende Derwisch nicht zugeben,
und sie mußte sich gleich allen übrigen, wenn auch höchst
widerwillig, der Prozedur unterwerfen. Der Derwisch jedoch
sagte ihr: »Das Geld, das wir suchen, gehört nicht Euch,
sondern Eurem Sohne; wäre er Euer Ehemann, stünden die Dinge
anders.«
Nun begannen alle Kinnbacken, heftig zu arbeiten. Einige
betrachteten die Sache als einen gelungenen Scherz, andre als
eine starke Zumutung für ihre Nerven. Sobald einer der
Anwesenden seine Portion Reis glücklich kleingekaut hatte,
rief er den Derwisch herzu, sperrte den Mund auf und zeigte
den Inhalt vor. Mit Ausnahme meiner Mutter und des Akhunds
hatten alle ihre Unschuld bewiesen.
Letzterer, das Bild gezwungener Heiterkeit und nervösen
Unbehagens, knabberte schrecklich an seinem Reis herum, warf
ihn von einer Backe in die andre, bis er äußerst ärgerlich
ausrief: »Warum soll ich dieses Zeug kauen? – ich bin alt,
habe keine Zähne mehr, kann darum den Reis unmöglich klein
kriegen!« und spuckte ihn dann aus. Meine Mutter beklagte sich
ebenfalls, nicht die Kraft zu haben, den harten Reis zu
zerkauen, und tat wie der Akhund. Als es daraufhin ganz stille
ward, schaute alles die beiden aufmerksamer an als vorher, bis
ein meiner Mutter gut bekanntes augendienerisches Weib
ausrief: »Welch eine kindische Spielerei! Ist es nicht
unerhört, daß ein Sohn seine Mutter und seinen alten
Schulmeister so respektswidrig behandelt? Kommt, laßt uns
gehen, wahrscheinlich ist er selber der Dieb!«
Da erwiderte empört der Derwisch: »Sollen wir uns wie
Narren und Esel behandeln lassen? – Entweder war Geld in dem
Winkel, oder es war keines dort; entweder gibt es Diebe in der
Welt, oder es gibt keine!«
Und indem er auf meine Mutter und den Akhund zeigte, rief
er aus: »Dieser Mann und diese Frau haben nicht getan, was
alle übrigen taten. Vielleicht war ihnen in der Tat der Reis
zu hart und sie zu alt, ihn zu kauen. Es sagt auch niemand,
daß sie das Geld gestohlen hätten, das wissen sie selbst am
besten«; und er blickte sie bei diesen Worten besonders
durchdringend an. »Aber der berühmte Hellseher Häsarfann, der
mit Recht der Busenfreund des großen Bären und der Vertraute
des Planeten Saturn genannt wird, er, der alles wußte, was ein
Mensch je gedacht, denkt oder denken wird, er hat es gesagt,
daß unter Memmen die Reis-Probe das beste Mittel sei, um die
Ehrlichkeit eines Menschen festzustellen. Ihr, meine Freunde,
seid nach allem, was ich bis jetzt beobachten konnte, weder
Löwentöter, noch ist der Mut eure stärkste Seite. Solltet ihr
aber in diesem Falle noch an meiner Geschicklichkeit zweifeln,
so möchte ich ein noch viel einfacheres Experiment in
Vorschlag bringen, das niemand bloßstellt, auf den Dieb aber
wie ein Zaubermittel wirkt, so daß er, um sein Gewissen zu
erleichtern, aus freien Stücken hingeht und das unrecht
erworbene Gut wiederherausgibt.
»Ich schlage darum das ›Chak-risi‹ oder Aufhäufen des
Erdreichs vor. Ich werde in diesem Winkel hier einen Erdhaufen
machen und will diese Nacht recht inbrünstig beten, daß durch
den Segen Allahs der Hadschi (hier deutete er auf mich) morgen
sein Geld wiederfinden soll. Wer dies zu sehen wünscht, mag
sich morgen einfinden; und wenn nichts vorgefunden wird, so
will ich ihm ein Miskal meiner Barthaare geben.« Während der
Derwisch sich an die Arbeit machte, Erdreich im Winkel
aufzuhäufen, schlenderte unterdessen ein Teil der Zuschauer
herum, um das Vorgefallene zu besprechen. Einige betrachteten
mich und den Buckligen als Kinder des bösen Geistes, andre
wiederum dachten das von meiner Mutter und dem alten
Schulmeister. Die Mehrzahl der Gesellschaft, die sich jetzt zu
zerstreuen begann, versprach, am nächsten Morgen
wiederzukommen, um sich zu überzeugen, ob im Erdhaufen etwas
gefunden würde.