Neunundvierzigstes Kapitel - Hadschi bereitet sich für
einen neuen Beruf vor
Um mich auf meine künftigen Amtspflichten vorzubereiten und
ihnen das vollste Verständnis entgegenzubringen, hielt der
Molla Nadan es für nötig, mich bei den Sighés einzuführen.
Nach eingehender Prüfung sollte ich ein Register anlegen, in
dem ihre Schönheit, ihr Alter, ihre Gemütsart und ihre
sonstige Befähigung zur Ehe gewissenhaft verbucht würden; auch
verpflichtete ich mich, dieses Dokument stets bei mir zu
tragen, um es jedem Fremden, der mir in den Weg liefe,
vorweisen zu können.
Zuerst begab ich mich in den Basar, staffierte mich mit
einem Priestermantel, einem über der Brust zugeknöpften Rocke
und einem langen Stück Musselin aus, das ich um meinen Kopf
wand. Mit diesem Staatsgewande meiner neuen Würde angetan,
begab ich mich in das Haus der Frauen, wo ich sofort
vorgelassen wurde, da sie von meinem bevorstehenden Besuche
unterrichtet waren.
Sie saßen alle drei in einem elenden kleinen Zimmerchen und
rauchten. Nach altgewohnter Sitte unserer Frauen zogen sie bei
meinem Eintritte die nur lose übergeworfenen Schleier eilends
so fest über das Gesicht, daß nur ein Auge freiblieb.
»Friede sei mit euch, Khanums!« sagte ich, da ich wußte,
wie einnehmend der Ausdruck scheinbar großer Hochachtung auf
andere wirkt.
»Ich komme im Auftrage des Molla Nadan, um euch meine
geringen Dienste anzubieten; da euch jedoch der Grund meines
Besuches bekannt sein dürfte, werdet ihr wohl nichts dagegen
haben, eure Schleier etwas beiseite zu schieben?«
»Ihr möget in Frieden verweilen, Molla!« antworteten sie
und gaben mir durch mannigfache schmeichelhafte Reden zu
verstehen, ich sei willkommen, und hofften, meine Anwesenheit
brächte ihnen viel Glück.
Zwei der Frauen entschleierten alsogleich ihre Gesichter,
die allerdings der Lilien- und Rosenzeit längst Valet gesagt
hatten, auf denen, trotz des Surmes (Spießglanz) um die
Augenlider, der blauen Kreuze auf Kinn und Stirne, und dem
grellen Rot der Wangen, die Jahre ein langes Verzeichnis von
Falten mit großen Buchstaben geschrieben hatten. Nur die
dritte der Damen blieb standhaft verschleiert.
Sobald die beiden andern liebreizenden Geschöpfe mich mit
sieghaftem Lächeln zu erobern versuchten, hielt ich mit den
Ausrufen meiner Bewunderung nicht mehr zurück: »Gepriesen sei
Allah! Maschallah! Schaut mich nicht so glühend an, ich laufe
sonst Gefahr zu verbrennen! Dieser Anblick ist eines Ferhad
würdig! O welche Augen, welche Lippen und Nasen! Seid
barmherzig, ihr verzehrt mich ja mit euren Glutaugen! Aber aus
welchem Grunde«, und dabei deutete ich auf die noch immer
Verhüllte, »läßt jene mich so lange schmachten? Vielleicht
hält sie mich ihres Anblickes nicht für würdig, da ich nur ein
armer Molla bin, und das hohe Vorrecht, ihre Reize zu
bewundern, kaum der allmächtigen Sonne zukäme?«
»Warum tut Ihr so ›naz‹(spröde)?« riefen ihre Gefährtinnen.
»Er muß uns doch ausführlich beschreiben können, oder wir sind
zum traurigen Lose eines einsamen Daseins verurteilt und
werden der Spott und die Schande des weiblichen Geschlechtes
bleiben!«
»So sei es denn!« rief die Verhüllte; »einmal muß die Katze
aus dem Sack«, und riß mit einer krampfhaften Bewegung ihren
Schleier herunter. Zu meinem allergrößten Staunen erblickte
ich die mir wohlbekannten Züge der Frau meines früheren Herrn,
des Leibarztes Mirza Ahmak.
»Bei allem, was heilig ist! beim Barte des gebenedeiten
Propheten! wie geht das zu? Haben hier die Dschann ihre Hand
im Spiele gehabt, daß dies möglich ist?«
»Ja, Hadschi,« antwortete sie sehr gefaßt, »das Schicksal
ist etwas höchst Verwunderliches! Aber wie kamt Ihr, der
meinen Mann umgebracht hat, dazu, ein Molla zu werden?«
»Ist Euer Mann denn tot,« fragte ich, »daß Ihr so mit mir
redet? Warum werft Ihr mit so unvorsichtigen Worten um Euch?
Was habe ich mit Eures Gatten Tod zu schaffen? Einst war er
mein Herr, und ich beklage seinen Verlust. Doch ebensogut
könntet Ihr mich beschuldigen, den Märtyrer Husseïn (gesegnet
sei sein Andenken!) umgebracht zu haben. Sagt mir, was
vorfiel, denn im Labyrinthe der Unwissenheit drehe ich mich
nutzlos im Kreise herum.«
»Warum stellt Ihr Euch unwissend?« sagte sie in ihrem
gewohnten schreienden Tone; »da Ihr doch wissen müßt, daß der
Schah Seneb nur Euretwegen aus der Welt schaffte, daß des
Doktors Bart um ihres Todes willen ausgerissen wurde, daß er
mit ausgerissenem Barte in Ungnade fiel und diese Ungnade sein
Tod war; folglich seid Ihr allein die Ursache all des großen
Unglücks.«
»Wie viel Asche häuft Ihr auf meinem Haupte, o Khanum!«
rief ich in größter Erregung; »wie könnt Ihr sagen, ich sei
die Ursache des Todes Eures Gatten, da ich zu jener Zeit doch
Hunderte von Parasangen weit von ihm entfernt war! Wäre Euer
Mann an einem überfüllten Magen gestorben, so könntet Ihr
ebensogut den Landmann für seinen Tod verantwortlich machen,
der den Reis baute, den er aß.«
In dieser Tonart haderten wir noch eine Zeitlang weiter,
bis die andern Weiber, voll Angst, ihre Interessen könnten
Schaden leiden, mich mahnten, wir hätten Geschäfte zu
erledigen und sie keine Lust, ihre Reize länger unbenutzt
brach liegen zu lassen. Sogar die Khanum, die nur schwatzte um
des Schwatzens willen, die meines Wissens ihren Gatten mit
einem ungewöhnlichen Hasse verfolgt hatte, schien zu wünschen,
ich möchte ihre einst glänzende Stellung vergessen und zum
Geschäftlichen übergehen.
Um die Posse meiner ehrerbietigen Haltung weiterzuspielen,
bat ich in erster Linie die Witwe des Doktors, mir etliche
Einzelheiten ihres Geschickes mitzuteilen, damit ich in der
Lage wäre, einem ungeduldigen Freier nicht nur diese, sondern
auch ihre Reize als höchst begehrenswert zu schildern.
»Ihr wißt ebensogut wie ich,« sagte sie, »daß ich einst die
Gunst jener Rose im Paradies der Wonne, des Königs der Könige,
genoß, die erste Schönheit im Harem und der Schrecken aller
meiner Nebenbuhlerinnen war. Aber wer könnte sich den
Beschlüssen des Geschickes widersetzen? Es erschien eine
andere Frau, welche die Gunst des Schahs durch mächtigere
Zaubermittel zu fesseln wußte als ich, und vernichtete meine
Macht. Doch ihre Furcht vor meinen Reizen war so groß, daß sie
nicht ruhte, bis ich verstoßen ward und mich der Schah zu
meinem größten Unglücke seinem Leibarzt zum Geschenke machte.
Ach, niemals werde ich die Seelenpein vergessen, als ich, aus
allen Wonnen des königlichen Palastes gerissen, in die Arme
des Doktors fiel, um zwischen Medikamenten und
Apothekerbüchsen zu hausen!
»Senebs Geschichte will ich nicht wiederholen. Als der
Hakim starb, versuchte ich, die guten Gesinnungen des Schahs
für mich wiederzugewinnen, doch alle Zugänge zu seinem Ohre
waren mir verschlossen, und nun bin ich, die einst den
Stellvertreter Allahs am Barte herumführen konnte, auf eine so
tiefe Stufe des Elendes herabgesunken, daß ich mich genötigt
sehe, einen Mann auf der Landstraße zu suchen!«
Hierauf begann sie zu schreien und ihr grausames Geschick
zu beweinen, ich aber versuchte sie mit der Versicherung zu
beruhigen, daß ich alles daransetzen wolle, ihr einen
passenden Gefährten zu verschaffen.
»Ihr seht,« sagte sie mir, »daß ich noch immer hübsch bin
und meine Jugend noch nicht entschwand! Schaut nur in meine
Augen, verloren sie vielleicht ihren Glanz? Bewundert meine
Augenbrauen! Wo werdet Ihr wieder ein Paar finden, das so
vollkommen in eins zusammenläuft? Seht meinen Wuchs: meine
Taille mißt kaum eine Spanne!«
In dieser Weise fuhr sie fort, mir aufs gewissenhafteste
selbst ihre kleinsten Reize aufzuzählen, die ich, ihrem
Wunsche entsprechend, ganz genau begucken mußte. Aber anstatt
mich an Jugend und Schönheit zu weiden, bekam ich nichts
anderes zu Gesicht als ein altes, aufgedunsenes Weib, an dem
ich gern alle Mißhandlungen der unglücklichen Seneb gerächt
hätte.
Die beiden anderen Frauen gaben mir nun ebenfalls kurze
Lebensabschnitte zu hören. Die eine war die Witwe eines
Goldschmiedes, den man aus einem Mörser in die Luft gesprengt
hatte, weil er etwas Gold veruntreute, das ihm übergeben
wurde, um dem Schah zwei Leuchter anzufertigen. Die andere
wollte eine Sighé werden, um ihren Lebensunterhalt zu haben,
da sie ihr Mann verlassen hatte und in Rußland Schutz vor dem
Zorne des Schahs suchte.
Auch diese beiden gaben sich die größte Mühe, mich von
ihrer Jugend und Schönheit zu überzeugen, die ich, so gut ich
es vermochte, bestätigte.
Nachdem ich sämtliche Punkte in mein Register eingetragen
hatte, versprach ich allen dreien, keine Mühe zu scheuen, um
in ihrem Interesse zu wirken.
»Erinnert Euch,« sagte die eine, »daß ich erst achtzehn
Lenze zähle!«
»Vergeßt nicht,« sagte die andere, »daß ich noch ein Kind
bin!«
»Behaltet stets meine zwei in eins zusammenlaufenden
Augenbrauen im Gedächtnis!« kreischte die Witwe des Doktors.
»Bei meinen Augen, es sei!« rief ich, als ich das Zimmer
verließ, und tröstete mich über den Anblick dieser drei
schrecklichen Vogelscheuchen, indem ich meinem Entsetzen durch
eine Flut von Verwünschungen und lautem Gelächter Luft machte.