Dreiundsechzigstes Kapitel - Hadschi heiratet die reiche
Witwe des Emirs
Allzu lange litt es mich nicht mehr unter der Zypresse,
hatte ich doch vor dem Stelldichein noch viele Dinge zu
erledigen. Notwendigerweise mußte schon mein Äußeres den
Stempel eines gewissen Reichtums tragen, eine wohlgefüllte
Börse zu meiner Verfügung stehen und meine Kleidung ganz
meinem Stande entsprechen. Überdies erheischte die
Schicklichkeit, meine Person im Bade denkbarst einnehmend
herrichten zu lassen und mich ausgiebigst der
einschmeichelndsten Wohlgerüche zu bedienen. Als ich die
Straße entlang dahinschritt, konnte ich nicht umhin, ganz
entzückt und hochbefriedigt mich selbst zu beloben und des
öfteren auszurufen: »Ei, Freund Hadschi, beim Barte deines
Vaters und bei deiner eigenen Seele! dies eine Mal hast du als
Weiser und nicht als Tor gehandelt. Famos hast du deine Sache
gemacht – du Abkömmling der Mansuris, du Sproß aus der Wurzel
Koreisch!« [Fußnote]
In tiefstes Nachdenken über mein zukünftiges Glück
verloren, erreichte ich endlich meine Karawanserei. In der
einen Ecke fand ich den alten Osman sitzen, der den möglichen
Gewinn an seinen Waren berechnete, in der andern sah ich meine
Pfeifenrohre stehen. Der Anblick dieser unwürdigen Dinge
bildete einen so grellen Gegensatz zu den hochfliegenden
Zukunftsträumen, die mein ganzes Denken erfüllten, daß sich
unwillkürlich in meine gewohnte Haltung der Ton einer gewissen
Überlegenheit einschlich, den ich vorher niemals an mir
bemerkt hatte. Ob Osman ihn durchfühlte, weiß ich nicht.
Allerdings erschien er mir etwas betreten, als ich ihn
ersuchte, mir augenblicklich fünfzig Goldstücke zu borgen,
wofür ich ihm als Sicherheit meine sämtlichen Waren anbot.
»Mein Sohn,« sagte der Alte, »was soll das bedeuten? Wozu
verlangst du in solcher Hast mit einem Male so viel Geld? Bist
du nicht richtig im Kopfe, oder wurdest du ein Spieler?«
»Gott vergebe mir,« antwortete ich, »ich bin weder ein
Spieler noch ein Narr, mein Kopf ist in schönster Ordnung. Die
Welt will mir wohl, und das übrige werdet Ihr mit der Zeit
schon erfahren.«
Hierauf besann er sich nicht länger, meinem Wunsche
nachzukommen; wußte er doch, daß dies Geschäft für ihn ebenso
sicher wie einträglich sei. Nachdem er mir ohne Zögern das
Gold ausbezahlt hatte, verließ ich ihn.
Ich kaufte mir auf der Stelle noch etliche höchst prächtige
Dinge zur Bereicherung meines Anzuges, begab mich dann
unverzüglich ins Bad, wo ich geradezu ein Reinigungsfest
feierte, und putzte mich hierauf, wie ein Mann von höchstem
Stande, ganz köstlich heraus. Bis ich mit meinen
Verschönerungen zu Ende gekommen war, nahte schon die Stunde
des Stelldicheins heran, und klopfenden Herzens begab ich mich
zur bezeichneten Stelle. Dort wartete bereits die Alte und und
führte mich, nachdem sie vorher nach allen Seiten ausgelugt,
ob niemand uns bemerke, durch eine im hintersten Winkel
befindliche Tür ins Haus.
Ich war ganz entzückt von der großen Wohlhabenheit und
Bequemlichkeit, die hier überall zutage trat; denn im Herzen
betrachtete ich mich jetzt schon als den Herrn und Meister
alles dessen, was ich zu sehen bekam. Wir hatten uns gleich in
die zum ausschließlichen Gebrauch der Frauen bestimmten
Gemächer begeben, da der Haupteingang des Hauses, als wolle
man das Andenken des Emirs ehren, jetzt nur sehr selten
benutzt zu werden schien. Auch hier im Harem wurde die gleiche
geheimnisvolle Vorsicht, als ob der alte Mann noch am Leben
wäre, aufrecht erhalten.
Durch die schmale Straßentür gelangten wir in einen Hofraum
mit einem Springbrunnen, stiegen von hier aus eine hölzerne
Treppe hinauf, die ein buntfarbiger Vorhang von einem
Vorzimmer abschloß, das keine anderen Möbel aufwies als
weibliche Pantoffeln und eine Lampe. In diesem Raume, in den
vier verschlossene Türen mündeten, ward ich mir selbst
überlassen, während meine alte Führerin davonwatschelte, um
ihre Herrin auf meinen Besuch vorzubereiten. Aus den
verschlossenen Türen drangen Stimmen, die wohl den
Besitzerinnen der Pantoffeln gehören mochten, und ich fühlte
viele Augen, die ich durch die Ritzen blitzen sah, auf mich
gerichtet. Endlich öffnete sich im hintersten Winkel die Tür,
und man winkte mir, näher zu treten.
Mit gewaltigem Herzklopfen schritt ich vorwärts, bedeckte
mich zum Zeichen meiner Ehrerbietung ganz mit den Zipfeln
meines Mantels und betrat ein Gemach, wo nur eine Lampe alles
darin Befindliche mit sanftem Dämmerschein umfloß.
In einer Ecke, ganz in der Nähe des Fensters, auf einem
längs den Wänden hinlaufenden, mit dem köstlichsten
hellblauen, von Goldfransen umsäumten Atlas überzogenen Diwan
saß der Gegenstand all meiner Wünsche. Ihre ganze Gestalt war
von Kopf bis zu Fuß in einen dichten Schleier gehüllt, der mir
nur den Anblick von ein paar blitzenden, schwarzen Augen
vergönnte, die sich voll Entzücken an der Ungeduld, die meine
Züge widerspiegelten, zu weiden schienen. Sie lud mich zum
Niedersitzen ein, was ich jedoch zum Beweise meiner tiefsten
Ehrfurcht und Ergebenheit beharrlich ablehnte. Als mir
schließlich jeder weitere Widerstand unangebracht schien,
legte ich meine Pantoffeln ab, setzte mich zaghaft auf die
äußerste Kante des Diwans, hielt meine Hände durch meine Ärmel
verdeckt und heuchelte eine Schüchternheit und Zimperlichkeit,
über die ich, wenn ich daran denke, noch heute lachen muß.
Nachdem wir uns einige Minuten gegenübergesessen hatten,
ohne uns mehr als die gewöhnlichen Artigkeiten zuzuflüstern,
befahl meine schöne Gebieterin der alten Ayscha (so hieß die
Vermittlerin), das Zimmer zu verlassen. Während sie sich dann
vorwärtsbeugte, als wolle sie ihren Pfauenfedernfächer, der
auf einem Kissen lag, aufnehmen, ließ sie, wie von ungefähr,
den dicken Schleier fallen und zeigte meinen ungeduldigen
Blicken das schönste Antlitz, welches die Natur je
hervorbrachte.
Dies war für mich ein Zeichen, alle Zurückhaltung
abzulegen. Mit der inbrünstigen Andacht eines verzückten
Beters warf ich mich vor dieser Göttin nieder, meine Lippen
überströmten von so überschwenglicher Liebe und Bewunderung,
daß in ihrem Gemüte jeder Zweifel an der Zärtlichkeit meines
Herzens, der Schärfe meines Verstandes und der
Vortrefflichkeit meines Geschmackes schwinden mußte. Kurz, die
Emirswitwe hatte allen Grund, mit der Wahl, die sie getroffen,
zufrieden zu sein. Der Umstand, daß sie mich sofort zum
Mitwisser ihrer intimen Angelegenheiten machte, bewies mir,
welches Vertrauen sie mir entgegenbrachte.
»Ich befinde mich in einer sehr schwierigen Lage,« sagte
sie, »und meine Seele ist mit Bitternis erfüllt, weil mich so
viele scheelen Auges betrachten. Ihr könnt Euch leicht
vorstellen, daß ich, dank des Reichtums meines verstorbenen
Gatten (auf dem Heil und Segen ruhe!) sowie meiner eigenen
sehr beträchtlichen Mitgift, so gequält und belästigt wurde,
daß ich darüber schier den Verstand verlor. Alle meine
Verwandten behaupten, ebensoviel Recht auf mich zu besitzen,
als wäre ich ein Teil des Familiengutes. Schlagen mir meine
Brüder einen Gatten vor, so haben sie gerade so ihren Vorteil
im Auge, als tauschten sie einen Sack mit Wolle gegen Beutel
voll Reis ein.
»Ein Neffe meines Mannes, ein Rechtskundiger, behauptet,
Anspruch auf mich erheben zu können, da einem alten Herkommen
gemäß ein Anverwandter des verstorbenen Mannes, wenn er einen
Mantel über die Witwe wirft, ein Recht auf sie geltend machen
kann. Ein anderer Verwandter behauptet wiederum, ich hätte dem
Gesetze nach nicht zu beanspruchen, was ich jetzt besitze, und
droht es mir streitig zu machen. Kurz, diese Verhältnisse
bedeuten für mich einen so traurigen Wirrwarr, daß ich keinen
anderen Ausweg vor mir sah, als eine zweite Ehe zu schließen.
Das Schicksal hat mir Euch in den Weg gestellt und damit allen
meinen Verlegenheiten ein Ende bereitet!«
Sie teilte mir ferner mit, daß, so ich damit einverstanden
sei, bereits alle Vorbereitungen zu unserer sofortigen
Vermählung getroffen wären. Sie verwies mich an einen
Rechtskundigen, dem sie ihre Interessen anvertraut und der
bereits alle Papiere besorgt habe und nur darauf warte, seines
Amtes zu walten. Da ich allerdings auf so große Eile nicht
vorbereitet gewesen war, begann mein Herz so unruhig zu
schlagen, als schwebte ich zwischen Himmel und Erde, was mich
aber durchaus nicht hinderte, meiner Zukünftigen meine ewige
Liebe und Hingebung in glühenden Worten zu versichern und ihr
so zärtliche Dinge ins Ohr zu flüstern, daß sie vor Wonne und
Entzücken ganz überwältigt schien.
Ihre Ungeduld, unverzüglich unsre Ehe zu schließen, ward so
brennend, daß sie der alten Ayscha befahl, mich sofort zu dem
Rechtskundigen, der in einem kleinen entfernter liegenden
Zimmer wartete, zu führen. Dieser hatte noch einen zweiten
Rechtsbeistand mitgebracht, da, wie man mir sagte, zur
Schließung einer Ehe diese Mittelspersonen als Zeugen sowohl
von seiten des Mannes als auch der Frau erforderlich sind. Der
Zeuge meiner Zukünftigen zeigte mir gleich den ›Akdnameh‹ oder
Ehekontrakt, in welchem er bereits die aus dem persönlichen
Vermögen der Frau bestehende Mitgift eingetragen hatte, vor
und fragte mich hierauf, was ich meinerseits hinzuzufügen
gedenke.
Nun hieß es abermals, meine ganze Schlauheit zu Hilfe zu
nehmen. Die beste Antwort, die ich zu geben vermochte, war, zu
wiederholen, was ich schon der alten Ayscha gesagt hatte,
nämlich: ein Kaufmann wäre niemals in der Lage, mit
Bestimmtheit sein Vermögen anzugeben, da es in Handelsartikeln
über die ganze Welt verstreut sei, jedoch wolle ich alles, was
ich besäße, rückhaltlos meiner Frau verschreiben, wofern diese
Verbindlichkeit auf Gegenseitigkeit beruhe.
»Das ist sehr großmütig,« erwiderte verschmitzt mein
Schreiber; »doch wir verlangen noch bestimmtere Angaben. Was
besitzet Ihr zum Beispiel hier in Konstantinopel? denn nur
wichtiger Zwecke halber werdet Ihr so weit hergereist sein.
Vorderhand genügt es, wenn Ihr den ganzen Besitz, über den Ihr
hier an Ort und Stelle verfügt, bestände dieser nur aus
Bargeld, Waren oder Häusern, verschreibt.«
»Nun gut,« sagte ich und zeigte bei der Frage ein möglichst
unbefangenes Gesicht, »das werden wir gleich haben,« tat, als
berechnete ich im Kopfe, über was ich verfügen könnte, um
gleich darauf keck zu sagen: »Ihr könnt niederschreiben, daß
ich zwanzig Beutel in Geld und zehn in Kleidern gebe.«
Daraufhin fanden zwischen der Witwe und ihrem Vertreter,
der ihr meine Vorschläge, denen sie zustimmen mußte,
unterbreitete, einige Verhandlungen statt.
Nach kurzer Unterredung war die ganze Angelegenheit zur
Zufriedenheit aller Teile geordnet. Nachdem wir unsere Siegel
unter die Urkunde gesetzt und die Vekils die gesetzlich
nötigen Eheverspruchsformeln laut verkündet hatten, wurde
unsere Ehe für rechtsgültig geschlossen erklärt, worauf ich
die Glückwünsche der Anwesenden entgegennahm. Ich ermangelte
nicht, die beiden Schreiber vor ihrer Entlassung zu belohnen
und auch für das Hausgesinde meiner Braut eine reichliche
Schenkung zu machen. Und nun, anstatt zum alten Osman und zu
meinen Pfeifenrohren, die mir bisher als Kopfkissen gedient
hatten, zurückzukehren, zog ich mich mit der ganzen
Gelassenheit und Wichtigkeit des würdevollsten aller Türken in
meinen Harem zurück.