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Divan der persischen Poesie Blütenlese aus der
persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung,
biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen.
Herausgegeben von
Julius Hart.
1887 n.Chr.
Inhaltsverzeichnis |
Divan der persischen Poesie
Das Mysteriendrama
Das persische Drama ist erst mit dem Beginne dieses
Jahrhunderts als ein unscheinbares Reis auf den traurigen
Trümmern der alten Kunst entsprossen. In seinem jetzigen
Zustande erinnert es völlig an unsere mittelalterlichen
Mysterien. Der Stoff ist ein religiöser: nämlich der Untergang
Ali's und seines gesamten Hauses. Ali, der Schwiegersohn des
Propheten, sein treuester, edelster und tapferster Anhänger,
der berühmte Sieger in der »Kamelschlacht« und vierter der
Khalifen, vermochte die feindlichen Elemente, welche ihm den
Gehorsam verweigerten, darunter auch Aïscha, die ehemalige
Lieblingsgattin Mohammeds, nicht mit eiserner Faust
niederzuwerfen. Er fiel unter dem Dolch eines Meuchelmörders,
Abd ur Rahmân, in der Moschee zu Kufa. Jezid bemächtigte sich
der Herrschaft. Ali's Sohn, Hussein, welcher die Tochter des
Perserkönigs Jesdedscherd III., des letzten der Sassaniden,
geheiratet hatte, lebte damals mit seinem Bruder Hassan und
seiner Schwester Seineb, sowie deren Kindern in Medina. Seine
Anhänger machten es ihm zur Pflicht, den Usurpator zu
verdrängen, und die Einwohner von Kufa forderten ihn auf, sich
an ihre Spitze zu stellen. Hussein nahm von Hassan, der im
Jahre 49 d. H., angeblich von seiner Frau vergiftet, starb,
Abschied, und brach mit seiner ganzen Familie, »den
Zeltleuten«, ungefähr achtzig Köpfen, von Medina auf. Jezid
aber bemächtigte sich rasch der Stadt Kufa, deren Männer aus
Todesfurcht den Treuschwur brachen, und in der Nähe des
Tigris, inmitten einer wasserlosen schrecklichen Wüste, sahen
sich die Zeltleute plötzlich von feindlichen Reitern
umzingelt. Wohl wagten diese nicht, Hand an die Verwandten des
Propheten zu legen, aber sie ließen auch keinen entrinnen.
Bald begann den Eingeschlossenen das Wasser zu mangeln. Mit
Gewalt wollte sich der Imam Abbas durch die Feinde
durchschlagen, um vom nahen Tigris solches zu holen, aber er
fiel unter den Schwertern des Feindes. Das war der Anfang des
Gemetzels. Die Frauen wurden in die Sklaverei geführt, die
Männer und Kinder ermordet. Solches geschah in der Ebene von
Kerbela, der heiligen Toten- und Kirchhofsstadt der Perser.
Diese geschichtlichen Vorgänge haben die muhammedanische Welt
in zwei Heerlager geteilt; der Schiismus, der Alikultus blüht
zumeist in Persien; Türken, Araber und Afghanen sind
vorzugsweise Sunniten. Der Untergang Ali's und seines Hauses
hat für das persische Drama eine ähnliche Bedeutung, wie die
Passionsgeschichte für unsere christlichen Mysterien. Die
Keime der »Tazie« liegen wohl in jenen Chören, die alljährlich
in den zehn ersten Tagen des Monats Moharrem – am 10. dess.
fiel Ali unter dem Dolche Abd ur Rahmâns – zu Ehren des Imam
gesungen werden. Zuerst trat zwischen den Chören nur ein
einzelner Schauspieler auf, der einen der heiligen Männer
verkörperte, aber bald vermehrte sich die Anzahl der
Darsteller und erreichte eine ziemliche Höhe. Von
einheitlicher Handlung und eingehender Charakterzeichnung sind
erst schwache Spuren vorhanden; alles das wird noch völlig von
der Lyrik unterdrückt. Das Ganze ist eine lose
Aneinanderreihung von Gedichten, die von den Darstellern
gesanglich vorgetragen werben. Abwechselnd treten die Personen
auf die Bühne, beklagen allein oder in Wechselreden ihr Leid
u. s. w. In der Lektüre macht das bald den Eindruck der
Eintönigkeit, anders auf der Bühne, wo die Leidenschaft des
Sängers oder Darstellers hinzukommt. Die tragische
Erschütterung, welche bei dem Perser hervorgerufen wird, ist
eine gewaltige, und europäische Zuschauer bekennen ohne
Ausnahme, daß sie aufs tiefste durch die Darstellung einer
Tazie erschüttert werden. Die Verfasser dieser Mysterien
bleiben im allgemeinen unbekannt, sind aber meist unter den
Seid-Rushi-Chans zu suchen, die in der persischen
Geistlichkeit eine Sonderstellung einnehmen, von den höheren
Mollahs und der gebildeten Welt ziemlich geringschätzig
behandelt werden, aber unter dem Volke, mit dem sie innig
zusammenleben, großen Anhang haben. Sie sind die begeisterten
priesterlichen Beförderer des persischen Dramas, welches die
höhere Klerisei gerade wegen der religiösen Stoffe nur mit
Mißtrauen ansieht. Auch unter den Theaterdirektoren und
Schauspielern ist gewiß das eine oder andere dichterische
Talent, jedenfalls richten sich diese die schon vorhandenen
Werke ganz nach Bedarf ein, tragen aus einem Mysterium in das
andere besonders gelungene Scenen hinüber, streichen auch
ganze Rollen und Abschnitte fort. Die Bühne erinnert auch
darin an unsere mittelalterliche, daß sie keine Coulissen und
Dekorationen kennt; selbstverständlich werden auch die
weiblichen Rollen von Knaben dargestellt. Theater dieser Art
giebt es überall in Persien, die oft auf das kostbarste
ausgestattet sind. Eine Sammlung von 33 Mysterien, welche
Alexander Chodzko während seines Aufenthaltes in Persien vor
wenig Dezennien von dem Eunuchen Hussein Ali Chan, dem
damaligen Direktor der theatralischen Spiele am Hofe von
Teheran gekauft, befindet sich auf der Pariser
Nationalbibliothek. |
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