Divan der persischen Poesie
Hafis
Ghaselenfragmente (Mukathaat.). 1. (1.)
Auf die Welt und ihre Güte lege nicht zu großen Wert,
Weil noch keinem Menschensohne ihre Treue sie bewährt;
Keiner aß in dieser Bude stachellosen Honigseim,
Keiner trug aus diesem Garten dornenlose Datteln heim;
Und wo immer eine Fackel im Begriff zu leuchten stand,
Ward vom Wind sie ausgeblasen, wenn sie vollends erst
gebrannt.
Wer mit unbedachtem Sinne seine Neigung ihr gewährt,
Hat, wenn du's genau betrachtest, seinen eignen Feind ernährt.
Ein Monarch, der, welterobernd, Sieg' auf Siege hat
gehäuft,
Und von dessen Heldenschwerte häufig Menschenblut geträuft;
Der mit eines Angriffs Sturme einen Reiterschwarm
durchbrach,
Und mit eines Wortes Spitze eines Heeres Herz durchstach;
Der die Oberhäupter alle grundlos in den Kerker stieß,
Und die Hälse ihrer Häupter schuldlos dann berauben ließ;
Er, durch den erschreckt die Löwin um die Frucht des Leibes
kam,
Wenn sie in der weiten Wüste seinen Namen nur vernahm,
Machte ganz Schiras und Tauris und Irak sich unterthan:
Doch nachdem er sie erobert, brach auch seine Stunde an:
Jener nämlich, der im Glanze ihm die Welt erscheinen ließ,
War es, der mit einer Sonde ihm das helle Aug' durchstieß.
Rosenzweig.