Wie ich eine Vision von
Linienland hatte
Es war
Anfang 1400 unserer flächenländischen Zeitrechnung. Nachdem
ich mich bis in die späte Nacht hinein mit meiner
Lieblingsbeschäftigung, der Geometrie, unterhalten hatte, war
ich mit irgendeiner ungelösten Aufgabe im Kopfe zur Ruhe
gegangen.
In der
Nacht hatte ich einen erstaunlichen Traum. Ich sah vor mir
eine ungeheure Menge kleiner gerader Strecken (die ich
natürlich für Kinder hielt), untermengt mit anderen noch
kleineren Wesen in Gestalt leuchtender Punkte; alle bewegten
sich in ein und derselben Geraden hin und her, und, soweit ich
es beurteilen konnte, mit derselben Geschwindigkeit; immer
wieder hin und her.

Abbildung
4: Wie ich Linienland sah
Ein
Geräusch verwirrenden vielfältigen Gezirpes und Gezwitschers
ging von ihnen aus, solange sie sich bewegten; aber mitunter
hielten sie in der Bewegung inne, und dann war alles still.
Ich
näherte mich einer der größten Punkte unter ihnen, die ich für
Kinder hielt; ich sprach ihn an, bekam aber keine Antwort.
Eine zweite und dritte Anrede meinerseits waren gleichfalls
erfolglos. Ich verlor die Geduld und brachte meinen Mund
direkt vor den seinen, um seine Bewegung zu unterbinden, und
wiederholte laut meine Frage: „Kind, was bedeutet diese
Ansammlung, dies merkwürdige und verwirrende Gezirpe und diese
einförmige Bewegung hin und her in ein und derselben Geraden?“
– „Ich bin kein Kind“, erwiderte die kleine Linie.
„Ich bin der Herrscher der Welt. Aber du, woher dringst du in
mein Königreich Linienland ein?“
Da ich
eine so kurz angebundene Antwort erhielt, bat ich um
Verzeihung, falls ich Seine Königliche Hoheit irgendwie
erschreckt oder belästigt haben sollte; ich gab mich für einen
Fremden aus und ersuchte den König, mir doch von seinem Lande
zu berichten. Aber ich hatte die größte Schwierigkeit,
Auskünfte über die Dinge zu erhalten, die mich wirklich
interessierten; denn der Monarch konnte sich nicht von der
Annahme frei machen, dass alles, was ihm vertraut war, auch
mir bekannt sein müsste, und dass ich nur zum Vergnügen
Unverstand heuchelte. Aber durch fortgesetztes Fragen brachte
ich doch die folgenden Tatsachen heraus: Es schien, dass
dieser arme unwissende Monarch überzeugt war, die gerade
Linie, die er sein Königreich nannte und in der er sein Leben
zubrachte, sei das Weltall und tatsachlich „der Raum“
schlechthin. Ich habe es versucht für sie, liebe Leser, in der
Abbildung 4 zu veranschaulichen, wie der Herrscher lebte.
Da der
König nicht imstande war, sich außerhalb seiner geraden Linie
zu bewegen oder zu sehen, hatte er keinen Begriff von
irgendetwas außerhalb der Linie. Obwohl er meine Stimme gehört
hatte, als ich ihn zum ersten Male ansprach, waren die Laute
doch auf eine seiner Erfahrung so widersprechende Art und
Weise zu ihm gekommen, dass er keine Antwort gegeben hatte, „weil
er keinen Menschen sah“, wie er es ausdrückte, und dennoch
eine Stimme hörte, die sozusagen aus seinen eigenen
Eingeweiden kam. Bis zu dem Augenblicke, an dem ich meinen
Mund in seine Welt brachte, hatte er mich weder gesehen noch
irgend etwas gehört außer meine Laute, die das getroffen
hatten, was ich seine Seite, er aber sein Inneres oder sein
Herz nannte; auch hatte er sogar jetzt noch nicht die
geringste Vorstellung von der Gegend, aus der ich gekommen
war. Außerhalb seiner Welt oder Linie war alles eine Leere für
ihn; nein, nicht mal eine Leere, denn eine Leere schließt den
Begriff des Raumes in sich; sagen wir lieber: es war überhaupt
nicht vorhanden.
Seine
Untertanen, die kurzen Linien, stellten Männer dar und die
Punkte Frauen. Sie waren in Bewegung und ihr Gesichtskreis war
gleichermaßen auf jene einzige Gerade beschränkt, die ihre
Welt war. Niemand konnte jemals etwas anderes als einen Punkt
sehen. Mann, Frau, Kind, Gegenstand; alles war ein Punkt für
das Auge eines Linienländers. Da überdies jedes Individuum den
engen Pfad, der sein Universum ausmachte, ganz einnahm und
sich nicht nach links oder rechts bewegen konnte, um
vorübergehenden Platz zu machen, folgt daraus, dass kein
Linienländer jemals an einem anderen vorbei konnte. Nachbarn
blieben Nachbarn, bis der Tod sie trennte. Solch ein Leben,
den ganzen Gesichtskreis auf einen Punkt beschränkt und alle
Bewegung auf einer Geraden, schien mir unaussprechlich öde zu
sein, und die Lebhaftigkeit und der Frohsinn des Königs
überraschten mich.
Ich fragte
nach der Gesundheit seiner Familie. „Meine Frau und Kinder“,
erwiderte er, „sind gesund und munter.“ Diese Antwort
machte mich stutzig, denn in der unmittelbaren Nachbarschaft
des Monarchen befanden sich nur Männer – so hatte ich es in
meinem Traum wahrgenommen, ehe ich Linienland betrat. Und so
wagte ich zu entgegnen: „Verzeihung, aber ich kann mir
nicht denken, wie Eure Königliche Hoheit jemals Ihre Frau
sehen oder sich ihr nähern können, wenn mindestens ein halbes
Dutzend Wesen dazwischen stehen, durch die man nicht hindurch
sehen und an denen man nicht vorbeigehen kann. Ist es möglich,
dass in Linienland räumliche Nachbarschaft zur Ehe und zum
Familienleben nicht nötig ist?“
„Wie
können Sie eine so unsinnige Frage stellen?“,
entgegnete der Herrscher. „Wenn es wirklich so wäre, wie
Sie vermuten, würde das Weltall bald entvölkert sein. Nein,
nein; unmittelbare Nachbarschaft ist für die Vereinigung der
Herzen nicht notwendig, und die Geburt der Kinder ist eine zu
ernste Angelegenheit, als dass man sie von einem solchen
Zufall wie Nachbarschaft abhängig machen könnte. Wissen Sie
also, dass Heiraten durch die Fähigkeit, Töne erklingen zu
lassen, und durch den Hörsinn zustande kommen?
Sie haben
natürlich bemerkt, dass jeder Mann zwei Münder und zwei
Stimmen hat ebenso zwei Augen, Bass am einen und Tenor am
andern Ende. Ich würde dies gar nicht erst erwähnen, wenn ich
nur imstande gewesen wäre, im Laufe der Unterhaltung etwas von
Ihrer Tenorstimme zu merken.“
Ich erwiderte, dass ich nur eine Stimme hätte und nicht
bemerkt hatte, dass Seine Königliche Hoheit über deren zwei
verfügte. „Das bestätigt meinen Eindruck,“ sagte der
König, „dass Sie kein Mann sind, sondern ein ungezogener
kleiner Bengel mit einer Bassstimme und einem völlig
unausgebildeten Gehör. Aber weiter. Da die Natur selbst
angeordnet hat, dass jeder Mann eine Frau heiraten soll, hat
die Frau auch zwei Münder.“ – „Warum zwei?“ fragte
ich. „Sie gehen mit ihrer erheuchelten Unwissenheit zu weit“
rief er. „Wie kann es eine völlige harmonische Vereinigung
geben ohne die Verbindung der zwei zu Einem, nämlich des Bass
und des Tenor des einen Mannes mit dem Sopran und Alt der
Frau, schließlich hat jeder Mann zwei Stimmen und jede Frau
auch, aber sie sind unterschiedlich. Und wenn nicht Bass
Tenor, Alt und Sopran zusammen kommen, wie sollten dann Kinder
entstehen?“
Ich war
etwas erstaunt, da ich nicht wusste, was das Kinderkriegen mit
der Stimmlage zu tun hatte, denn schließlich hing
Kinderkriegen doch nur von der geometrischen Vereinigung eines
Quadrats mit einem Dreieck ab, um einen Strich zu zeugen,
daher fragte ich weiter nach: „Verzeihen Sie bitte,
wenn ich nach den intimsten Geheimnissen frage, aber wir kann
man mit Stimmen Kinder bekommen?“ – „Woher kommen Sie
eigentlich“, entgegnete der Monarch, „das weiß doch
jedes Kind bei uns. Einmal, in der Mitte des Monats, zwingt
uns ein Naturgesetz, uns mit mehr als gewöhnlicher Heftigkeit
rhythmisch hin und her zu bewegen; das dauert so lange, wie
man bis hundertvierzehn zählt. Mitten in diesem chorartigen
Tanz, bei jeder neuzehnten Schwingung, halten die Bewohner der
Welt in vollem Tempo an, und jedes Einzelwesen sendet seinen
süßesten, reichsten, vollsten Ton in die Weite. In diesem
entscheidenden Augenblick werden alle Ehen geschlossen. Denn
so wunderbar ist die Anpassungsfähigkeit von Bass zu Sopran,
von Tenor zu Alt, dass die Liebenden sofort die zugehörige
Note ihres ihnen bestimmten Geliebten erkennen, und seien sie
auch zwanzigtausend Kilometer voneinander entfernt. Sie
durchringen die verächtlichen Hindernisse der Entfernung, und
die Liebe vereinigt die beiden!“