Wie ich immer mehr von
Raumlands Geheimnissen ersehnte
Wieder
stiegen wir in den Raum. Aber ich fand, dass ich keine eigene
Bewegung hatte. Ich war völlig von dem Willen meines Führers
abhängig. „Bisher“, sagte die Kugel, „habe ich dir
nichts außer ebene Figuren und ihrem Inneren gezeigt. Nun will
ich dich mit Körpern bekannt machen. Siehe dir diese Menge
quadratischer Papiere an. Siehe, ich lege eine auf die andere;
nicht, wie du glaubtest, nördlich von der anderen, sondern auf
die andere drauf. Nun eine zweite. Nun eine dritte. Siehst du,
ich bin dabei, einen Körper aus einer Menge paralleler
Quadrate aufzubauen. Jetzt ist der Körper fertig, und zwar ist
er genau so hoch wie lang und breit; wir nennen ihn einen
Würfel oder Hexaeder!“ – „Verzeihung“, sagte ich, „aber
für mein Auge bietet er den Anblick einer unregelmäßigen
Figur, deren Innenseite offen daliegt. Mich deucht, ich sehe
nicht einen Körper, sondern eine Fläche!“ – „Richtig“,
sagte die Kugel, „er erscheint dir als Fläche, weil du
nicht an Licht und Schatten und Perspektive gewöhnt bist;
gerade wie in Flächenland, ein Fünfeck jemandem, der die Kunst
des Seherkennens nicht besäße, als gerade Linie erscheinen
würde. Aber in Wirklichkeit ist es ein Körper, wie du durch
den Tastsinn feststellen kannst.“ So fand ich, dass dieses
wunderbare Gebilde in der Tat keine Figur, sondern ein Körper
war, und dass er mit sechs Seiten und acht Endpunkten oder
körperlichen Ecken ausgestattet war.
Aber noch
immer konnte ich die Bedeutung von „Licht“ und „Schatten“ und
„Perspektive“ nicht völlig verstehen, und ich zögerte nicht,
diese Schwierigkeiten meinem Lehrer mitzuteilen. Wollte ich
nun hier die Erklärung der Kugel für diese Dinge wiedergeben,
so würde das einen Bewohner des Raumes ja nur ermüden. Hier
genügt die Feststellung, dass er mir schließlich alle Dinge
klarmachte, und dass ich zuletzt einen Kreis von einer Kugel,
eine Fläche von einem Körper rasch und sicher unterscheiden
konnte. Es war eine andere viel größere, viel schönere und
viel unendlichere Welt als die begrenzte Welt, aus der ich
stammte, obwohl auch jene mir damals unendlich vorkam. Und in
dieser Welt gab es eine andere Wahrnehmung, andere Sinne, und
vor allem eine viel umfassendere und unbeschreibliche
Schönheit. Hätte ich nicht das eitle Gezänk im Norden von
Flächenland miterlebt, dann würde ich jetzt mit
unbeschreiblichem Glück beladen zu meiner lieben Familie
zurückkehren wollen.
Dies war
also der Höhepunkt meiner seltsamen, ereignisreichen
Geschichte. Von hier ab habe ich nur noch die Geschichte
meiner Rückkehr zu berichten.
Die Kugel
hätte mich sicherlich gerne weiter unterrichtet über
platonische Körper und deren faszinierende Harmonie und
Einzigartigkeit, über Möbiusbänder und Flächen einer
Dimension, die zwischen der zweiten und dritten liegen, über
die Möglichkeit in der dritten Dimension die Sphäre einer
Kugel umzustülpen, so dass Außen- und Innenseite vertauscht
werden, und über die tiefsten Tiefen der Möglichkeiten und
Unmöglichkeiten geometrischer Konstruktionen – aber ich wagte
sie zu unterbrechen. Nicht, dass ich des Lernens müde gewesen
wäre, im Gegenteil, mich dürstete es nach noch tieferer
Erkenntnis.
Eines aber
wollte ich noch lernen. Mein Lehrer in Flächenland hatte
einmal von der „Einheit im Unendlichen“ gesprochen und ich
fragte die Kugel danach.
Kugel:
„Kannst Du dir eine unendliche Folge natürlicher Zahlen
vorstellen?“
Ich:
„Mein Herr, ich bin ausgebildeter Mathematiker in
Flächenland!“
Kugel:
„Gut, dann stelle dir einfach alle Zahlen beginnend mit 1
bis ins Unendliche vor“.
Ich:
„Und dann?“
Kugel:
„Dann nimm alle Zahlen und verkette diese zu Ziffern einer
einzige Zahl, und du siehst, dass unendlich viele Zahlen in
einer Zahl vereinigt sind. So ist auch die Einheit
allumfassend.“
Das war zu
viel, ich konnte nicht mehr aufnehmen, da der Gedanke mich
beherrschte. „Verzeihe mir“, sagte ich, „gewähre
deinem Diener einen letzten Hinweis darauf, wie ich von mir
aus, auch ohne deine Hilfe, in die höhere Dimension gelangen
kann.“ – „Wenn Du den Glauben eines Punktes hättest,
würdest du es wissen. Schaue in dein Herz!“, war seine
bewegende Antwort.
Und
plötzlich stand ich wieder in meinem Haus. Vor mir stand meine
Frau, die ich doch soeben in ihrer vollen Schönheit gesehen
hatte. Wie wunderbar war doch das Innerste dieses mir als
Gemahlin geschenkten Dreiecks. Und auch mein Enkel war wach
geworden und fragte mich, wo ich denn die ganze Zeit war. In
der Hoffnung, dass sie mich verstehen könnten, erzählte ich
ihnen die ganze Geschichte, Stück für Stück, Einzelheit für
Einzelheit in aller Erhabenheit, und sie saßen vor mir und
lauschten meinen Worten. Ich sah, wie meine geehrte Gemahlin
sich noch mit dem Gedanken quälte, dass ich ihr Innerstes
gesehen haben könnte, wo es doch so wunderbar und schön war.
Aber mein Enkel war schon wieder auf seiner geistigen Höhe und
durchbohrte mich mit seinen jungendlichen Fragen. Er hatte
ganz offensichtlich verstanden, was ich berichtet hatte:
Enkel:
„Hast du denn auch das Innerste der Kugel gesehen?“
Ich:
„Was meinst du?“
Enkel:
„Sein Inneres. Seinen Magen, seine inneren Organe, sein
Herz?“
Ich:
„Wie
kommst du nur auf diese Frage? Und was willst du damit sagen,
dass jener wunderbare Lehrer, diese vollkommene Kugel, nicht
die Vollendung aller Schönheit sei?“
Dieser
Enkel, den wir doch selbst erzogen hatten, sprach die Fragen
aus, die auch mich bewegten, aber er war beharrlicher.
Enkel:
„Die Weisheit deiner Kugel hat dich gelehrt, einen noch
Größeren zu ahnen, einen Schöneren und der Vollkommenheit noch
näher Stehenden als die Kugel. So wie die Kugel allen Gebilden
Flächenlands überlegen ist, viele Kreise zu einem in sich
vereinigt, so gibt es sicherlich Einen über ihm, der viele
Kugeln zu Einem in sich vereinigt, zu einem noch höheren
Wesen, das selbst die Körper Raumlands überragt. Und so wie
du, der du im Raum warst, auf Flächenland hinabgeschaut hast
und das Innere aller Dinge erblicken konntest, so gibt es
sicher darüber noch eine höhere, reinere Region, wohin du
gewiss hättest fahren können, wenn du die Kugel gefragt
hättest, einen noch geräumigeren Raum, eine umfassendere
Dimensionalität, aus deren überlegenen Gefilden man auf das
entschleierte Innere der körperlichen Dinge hinabblicken
könnte.“
Ich:
„Unsinn! Schluss mit diesem Gerede! Du hast viel zu kurz
geschlafen. Und ich muss mich um die Streithähne im Norden
unseres Landes kümmern.“
Enkel:
„Nein, erhabener Großvater, versuch doch einmal das weiter zu
denken, was du mir selbst beigebracht und berichtet hast. Er
hat dir doch die Eingeweide aller deiner Landsleute in unserem
Land der zwei Dimensionen gezeigt, indem er dich mitgenommen
hat in das Land der drei Dimensionen. Was kann daher leichter
sein, als dass die Kugel dich dann auf einer zweiten Reise in
die gesegnete Gegend der vier Dimensionen bringt, von wo man
auf das Land der drei Dimensionen herabblicken kann?“
Ich:
„Aber wo ist denn dieses Land von vier Dimensionen?
Außerdem kommt die Kugel nicht noch einmal.“
Enkel:
„Hast du ihn denn nicht gefragt, wie man die Reise auch
alleine antritt?“
Ich:
„Ja doch, aber er sagte, ich solle in mein Herz schauen,
von einem Land mit vier Dimensionen hat er nichts erzählt.“
Enkel:
„Hast du ihn denn danach gefragt?“
Ich:
„Nein.“
Enkel:
„Mein geehrter Großvater. Hast du mich nicht jetzt belehrt,
dass, wenn ich eine Linie sehe und auf eine Ebene schließe,
ich in Wirklichkeit eine unbekannte dritte Dimension sehe,
etwas anderes als Helligkeit, nämlich Höhe. Und folgt daraus
für deine Blicke in der oberen Gegend nicht, dass, wenn du
eine Fläche siehst und auf einen Körper schließt, du in
Wirklichkeit eine Vierte unbekannte Dimension sehen könntest,
wenn du weiter suchst? Es bleibt uns ja auch noch das
Beweismittel aus der Analogie der Figuren, waren das nicht
deine Worte?“
Ich:
„Analogie! Ja sicher, aber wie sollte uns das weiter
führen?“
Enkel:
„Erzeugte nicht in einer Dimension ein sich bewegender Punkt
eine Linie mit zwei Endpunkten, bei zwei Dimensionen eine sich
bewegende Linie ein Quadrat mit vier Endpunkten und bei drei
Dimensionen ein sich bewegendes Quadrat einen Würfel mit acht
Endpunkten? Und sollte da nicht in der vierten Dimensionen ein
sich bewegender Würfel, ganz analog, ein noch vollkommeneres
Wesen mit sechzehn Endpunkten erzeugen? Du hast mir doch die
Reihe beigebracht 2, 4, 8, 16. Ist es nicht eine geometrische
Reihe? Entspricht dies nicht ganz den Gesetzen der Analogie?
Und hast du mich nicht gerade erst belehrt, dass eine Linie
von zwei Punkten begrenzt wird, ein Quadrat von vier Linien
und ein Würfel von sechs Flächen? 2, 4, 6 ist das nicht eine
arithmetische Reihe? Und folgt daraus nicht notwendigerweise,
dass das Erzeugnis eines bewegten Würfels im Land der vier
Dimensionen von acht Würfeln begrenzt sein muss? Verlangt es
nicht so die Analogie?“
So langsam dämmerte es mir. Dieser junge schlaue Bube hatte
mich wach gerüttelt. Es gab Dinge zwischen Himmel und Erde,
die doch so klar aus den Augenwinkeln eines Kindes erscheinen
können und doch so kompliziert für uns Erwachsene.