Wie ich nach Raumland
kam, und was ich dort sah
Eine
unsagbare Faszination ergriff mich. Um mich herum war
Dunkelheit oder doch Helligkeit, ich begriff es nicht; dann
ein unklares Gefühl im Herzen, und ich sah etwas, aber nicht
so, wie ich es kannte, nicht wie Sehen in Flächenland; ich sah
eine Linie, und es war keine Linie; Raum, und es war kein
Raum; ich war ich selbst und auch wieder nicht ich selbst.
Aber gleichzeitig stieg in mir eine innere Ruhe herauf, die
ich ebenfalls nicht kannte. Was war nur geschehen? Als ich
Worte finden konnte, sprach ich in sanften Worten in der
Hoffnung, dass mich jenes eigenartige Wesen hören würde:
„Entweder ist dies ein Traum, oder es ist das Jenseits!“ –
„Es ist keins von beiden“, antwortete ruhig die Stimme
der Kugel, „Es ist: Wissen; es ist: Drei Dimensionen! Öffne
deine Augen, öffne Dein Herz und versuche zu erkennen.“
Ich
blickte mich um und erblickte eine neue Welt! Da stand vor
mir, sichtbar und körperhaft, alles was ich bis dahin
erschlossen, geplant und geträumt hatte von vollkommener
Kreisesschönheit. Was der Mittelpunkt der fremden Gestalt zu
sein schien, lag offen vor meinen Augen; und doch konnte ich
kein Herz, keine Lungen, keine Adern sehen, nur ein schönes
harmonisches Etwas, für das ich keine Worte hatte; aber Sie,
meine Leser aus Raumland, würden es die Oberfläche einer Kugel
nennen, eine Sphäre, welche wunderbare Erfüllung.
Ich beugte
mich innerlich vor meinem weisen Lehrer aus der anderen Welt
und rief: „Wie kommt es, du vollkommenes Ideal aller
Schönheit und Weisheit, dass ich dein Inneres sehe, und doch
kann ich dein Herz, deine Lungen, deine Adern, deine Leber
nicht unterscheiden?“ – „Was du zu sehen meinst, das
siehst du nicht“, erwiderte er, „es ist weder dir noch
irgendeinem andern Wesen deiner Welt gegeben, mein Inneres zu
erblicken. Ich bin eine andere Art Wesen als die in
Flächenland. Wäre ich ein Kreis, dann könntest du jetzt meine
inneren Organe sehen; aber ich bin ein Wesen, das aus vielen
Kreisen zusammengesetzt ist, wie ich dir schon sagte, die
Vielheit im Einen; in diesem Lande nennt man mich Kugel. Und
gerade wie die Außenseite eines Würfels ein Quadrat ist, so
bietet die Außenseite einer Kugel die Erscheinung eines
Kreises.“
Ich war
zwar durch diese rätselhafte Äußerung meines Lehrers verwirrt,
aber ich sträubte mich nicht länger dagegen, sondern war ihm
in stummer Verehrung dankbar. Mit mehr Milde in seiner Stimme
fuhr er fort: „Sorge dich nicht, wenn du vorläufig die
tieferen Geheimnisse von Raumland nicht verstehen kannst.
Allmählich wird dir alles klar werden. Zuerst wollen wir einen
Blick dahin zurückwerfen, woher du gekommen bist. Ich will dir
zeigen, worüber du schon so viel nachgedacht hast, aber was du
noch nie mit Augen erschaut hast: Einen sichtbaren Winkel.“
– „Unmöglich!“, rief ich; aber die Kugel führte
mich, ich folgte wie im Traum, bis ihre Stimme mich anhielt:
„Siehe dorthin und erblicke dein eigenes fünfeckiges Haus
mit allen seinen Bewohnern!“ Ich blickte hinunter und sah
mit meinem leiblichen Auge alle die häuslichen Einzelheiten,
die ich bisher nur mit der Vernunft erschlossen hatte. Und wie
armselig und schattenhaft war das Vermutete im Vergleich mit
der Wirklichkeit, die ich nun erblickte! Meine vier Söhne
ruhig schlafend in den nordwestlichen Zimmern; meine beiden
verwaisten Enkel in den südlichen Räumen; die
Hausangestellten, meine Tochter, alle, in ihren verschiedenen
Gemächern. Nur meine Frau, durch meine Abwesenheit beunruhigt,
hatte ihr Zimmer verlassen und ging in der Halle auf und
nieder, ängstlich auf meine Rückkehr wartend. Als wir näher
und näher kamen, konnte ich sogar den Inhalt meines Schrankes
unterscheiden, die beiden Schachteln und die Notizbücher,
welche die Kugel erwähnt hatte.
Wieder
fühlte ich mich durch den Raum gehoben. Je mehr wir uns
entfernten, desto größer wurde unser Gesichtskreis. Meine
Vaterstadt, das Innere jedes Hauses und jedes Geschöpfes,
alles lag in Miniatur offen vor meinem Blick. Wir stiegen
höher, und siehe; die Geheimnisse Flächenlandes, die Tiefen
der Bergwerke und die innersten Höhlen der Hügel
entschleierten sich mir.
Wir
entfernten uns immer weiter von Flächenland und ich sah unsere
gesamte Zivilisation schrumpfen zu einem Fleck auf der Fläche.
Unsere Forscher wussten bereits, dass nur eine winzige Fläche
besiedelt war, doch dass diese derart verschwindend klein war,
hätte sich wohl niemand ausmalen können. Und die Faszination
des Anblickes ließ mein Herz fast zerspringen.
Wir hatten
uns nun wahrlich sehr weit entfernt, und je weiter wir uns
noch entfernten, desto mehr begann ich etwas zu sehen, was ich
nicht verstand, was doch gar unmöglich sein sollte:
Flächenland selbst schien nicht eben zu sein, Flächenland war
ausgebeult. Mein Lehrer, die Kugel, bemerkte meine schier
grenzenlose Verwunderung:
„Du
siehst, Flächenland selbst besitzt eine gewisse Ausdehnung in
die dritte Dimension. Ganz wie Strecken, oder wie du sagtest,
„Linien“, in Flächenland gekrümmt und gebogen sein können, so
können auch Flächen in Raumland gekrümmt sein. Tatsächlich
besitzt Flächenland eine perfekte und vollkommene Krümmung.
Siehe her! Die Krümmung von Flächenland entspricht der
Oberfläche meines Körpers, einer Sphäre, nur unbeschreiblich
viel größer. Selbst wenn dich diese Erscheinungen, wo du sie
doch direkt und unmittelbar wahrnehmen kannst, in tiefste
Verwunderung stürzen, so gab und gibt es doch bei euch große
Gelehrte, die Wissen über diese Dinge besitzen, und die euch
dieses nahe zu bringen versuchten, doch ihr verstandet sie
nicht.“
Nachdem
ich mich wieder ein wenig beruhigt hatte ob dieser
faszinierenden Flächenkrümmung im Raum, näherten wir uns
wieder rasch Flächenland. Der winzige dunkle Punkt unserer
Zivilisation wurde größer und größer, die Städte wieder
unterscheidbar und schließlich konnte ich wieder einzelne
Figuren ausmachen.
„Siehe
dort hin“,
sagte die Kugel, „kennst du jene Gebäude?“ Ich sah die
drei überdimensionalen quadratartigen Gebäude im obersten
Norden unseres besiedelten Landes, und wie die Pilger dorthin
wanderten. Wie harmonisch wirkte doch das Treiben von „oben“
und wie faszinierend war es, dass Menschen versuchten, einen
perfekten Kreis um ein perfektes überdimensionales Quadrat zu
kreisen. Von hier oben war alles gar nicht so groß. Was
wollten die Kreisenden erreichen? Wollten sie mit der
Quadratur des Kreises oder der Sphärisation des Quadrats eine
höhere Dimension des Seins erreichen? Wie harmonisch wirkte
doch ihr Wandeln! Und so nah und doch so fern, jene Pilger,
die um die zwei sich kreuzenden Strecken wandelten. Von hier
sah es aus wie ein Kreuz. Es hatte vier Ecken und zeigte in
vier Richtungen. Wollten die Pilger damit Dimensionen
anstreben, von deren Existenz wir gar nichts wussten? Und auch
die Pilger, die so traurig vor der verbliebenen Seite des
zerstörten Quadrates standen, vollführten Bewegungen, als wenn
sie die Begrenztheit von unserem Flächenland überwinden
wollten. Ich hörte ihre Gebete. Sie klangen doch so ähnlich
von hier oben. Und alle schienen auf ein Wesen zu warten, dass
von einer anderen Dimension zu ihnen kommen sollte! Sollte ich
jetzt in jener Welt sein, von der jenes Geschöpf erwartet
wurde? Wenn das so war, dann musste es ein wunderbares
Geschöpf sein, denn es war überwältigend schön, so weit sehen
zu können!
Doch mein
so erfreuter Blick wurde getrübt durch ein Ereignis, dass ich
von hier oben sehr gut beobachten konnte. Ich hatte schon
manchmal davon gehört, dass die Pilger der drei heiligen
überdimensionalen Quadrate sich manchmal gegenseitig unflätige
Worte zuriefen, aber von hier konnte ich beobachten, wie
kleinere Gruppen von allen drei Quadraten sich trafen und
gegenseitig viel Schmerz zufügten. Auch riefen sie sich
gegenseitig sehr unhöfliche Worte zu, die ich aber von der
Ferne nicht alle verstehen konnte, aber die so ganz und gar
nicht zu ihren Gebeten passten. Hatten unser Gelehrten uns
nicht die Weisheit gegeben, uns nicht besser als andere zu
fühlen? Was war in jene Flächenländer gefahren? Warum vergaßen
sie ausgerechnet an den heiligsten Orten alle Heiligkeit?
„Hier
steigen wir nieder in Dein Heimatland“,
sagte mein weiser Lehrer. Und ich landete mitten im Gewirr
dieser Flächenländer, die sich gegenseitig nicht entsprechend
unserer erhabenen Flächenländererziehung behandelten. Sie
waren so sehr miteinander beschäftigt, dass sie meine
plötzliche Anwesenheit aus dem scheinbaren Nichts gar nicht
bemerkten. Die einen riefen, sie seien viel bessere
Flächenländer, weil sie die einzigen und wahren Bewahrer des
zerstörten Quadrates seien, und die anderen riefen, dass sie
viel besser seien, weil sie die perfekte Kreuzung schützten,
die alle Fehler derjenigen korrigierte, die mit ihnen sind.
Und die dritte Gruppe wollte besser sein, weil sie als einzige
das scheinbar Unmögliche, nämlich die Quadratur des Kreises,
anstrebte.
Ach, was
waren das doch alles nur für Narren. Wie konnten sie nur
glauben, besser zu sein? Wie konnten sie diese Sünde begehen?
Wären sie nur ein Mal mit mir in die dritte Dimension
aufgestiegen, dann wüssten sie, wie wunderbar und faszinierend
allein die Größe unserer Welt ist und wie groß die Welt
außerhalb unserer so beschränkten Welt ist. Sie wüssten, dass
diese Ordnung weit erhaben war über unsere begrenzte
Sichtweise. Sie wüssten, wie klein und erbärmlich wir selbst
doch in Wirklichkeit waren und doch so viel Größe spüren
konnten. Und wenn sie das gespürt hätten, was ich gespürt
habe, dann hätten wir wahrlich in Frieden leben können. War
denn nicht von allem genügend für alle da? Warum sollte der
eine besser sein als der andere? Warum konnten wir denn nicht
gemäß der erhabenen Würde und Ehre eines Flächenländers
teilen? Aber ich wusste, dass jene Schönheit, die ich gesehen
hatte, nicht mit Worten vermittelt werden könnte. Also schwieg
ich, und meine gütige Kugel zog mich auch schon wieder heraus
aus dem unflätigen Geschrei der Unwissenden.
„Nun hast
du genug gesehen. Ich werde dich wieder zurück bringen zu
deinem Haus. Vorher aber sollst du noch die Schönheit der Welt
etwas genießen dürfen“,
sagte die Kugel zu mir, „Nutze die Gelegenheit und frage
derweil, was du möchtest.“