Spirituelle Entwicklung (Erzähler: Jabbar Sotude und
Hosseinollah Karam)
Wenn man sich das Leben vieler großer Menschen vor Augen
hält, zeichnet sich die Enthaltsamkeit gegenüber großen Sünden
ab, das wiederum zu einer raschen spirituellen Entwicklung
dieser Menschen führte. Es stellte sich auch heraus, dass es
sich zumeist um die Selbstkontrolle bezüglich sexueller
Wollust handelte. Selbst in Bezug auf die Geschichte des
Propheten Yussuf (Joseph) sagt Gott: "Jeder, der
gottesfürchtig ist, Geduld und Widerstand aufbringt, für den
lässt Gott den Lohn der Rechtschaffenden nicht verloren
gehen". Dieser Vers zeigt, dass dies eine gemeingültige Regel
ist und nicht nur den Propheten Yussuf betrifft.
Es war schon ein Monat vergangen seit des
Revolutionssieges. Ibrahims Gesicht und sogar seine Figur
waren noch attraktiver geworden. Jeden Tag kam er mit einem
schicken Anzug zu seinem Arbeitsplatz. Einmal bemerkte ich,
dass Ibrahim sehr bedrückt und deprimiert war, er redete nicht
viel und war in sich gekehrt. Verwundert fragte ich ihn, ob
etwas passiert sei. Er antwortete: "Nein, es ist nicht so
wichtig". Etwas war geschehen, ohne Zweifel. Ich fragte
wieder: "Wenn etwas ist, dann sag es mir, vielleicht kann ich
dir helfen."
Er schwieg erst und sagte dann ganz ruhig: "Seit einigen
Tagen werde ich von einem unverschleierten Mädchen
aufgehalten. Jedes Mal sagt sie zu mir, solange sie mich nicht
erwerbe, werde ich sie nicht los!" Ich dachte einen Moment an
die Geschichte und musste wider Willen plötzlich lachen.
Ibrahim hob seinen Kopf und fragte: "Was gibt es dabei zu
lachen?" Mein Bruder Ibrahim, ich hatte einfach Angst bekommen
und etwas Schlimmeres erwartet.
Ich schaute Ibrahim an, der groß und hübsch war und sagte:
"So gut wie du aussiehst und so schick wie du gekleidet bist,
kein Wunder das so etwas passiert! Er fragte, warum denn? Das
heißt, sie hat wegen meines Aussehens so etwas zu mir gesagt.
Ich lächelte und sagte ihm, dass er daran nicht zweifeln
solle.
Als ich am nächsten Tag Ibrahim sah, musste ich wirklich
lachen. Er hatte seinen Kopf glatt rasiert und kam ohne den
schicken Anzug zur Arbeit. Einen Tag später kam er sogar mit
einem langen Hemd, mit ungepflegtem Gesicht, mit einer
kurdischen Hose und Badelatschen zur Arbeit. Er tat das einige
Zeit, bis er sich von dem teuflischen Bann lösen konnte.
***
Genauigkeit und Behutsamkeit in den unterschiedlichsten
Fragen gehörten immer schon zu Ibrahims Eigenschaften. Diese
Besonderheiten differenzierten Ibrahim von seinen Freunden. Es
war Farwardin 1979. Wir hatten mit Ibrahim und den
Jungendlichen des Komitees einen Einsatz. Dabei wurden wir
informiert, dass eine Person, die vor der Revolution
militärische Aktivitäten an den Tag gelegt hatte und jetzt
verfolgt wurde, in einem Wohnkomplex gesichtet worden war. Uns
stand auch die Adresse zur Verfügung. Mit zwei Fahrzeugen
fuhren wir zu diesem Wohnkomplex.
Wir betraten das entsprechende Appartement und die Person
wurde ohne Auseinandersetzung festgenommen. Als wir das Haus
verlassen wollten, hatten sich viele Menschen dort draußen
versammelt. Sie wollten unbedingt diese Person sehen. Es waren
meistens die Anwohner. Ibrahim kam zurück in die Wohnung und
sagte, dass wir warten sollen.
Ich fragte nach dem Grund, er sagte aber nichts. Er löste
nur das Tuch, das er um seine Hüfte gewickelt hatte und
bedeckte damit das Gesicht des Festgenommenen. "Was machst du
Ibrahim", fragte ich. Er antwortete er:" Wir haben diese
Person auf Grund eines Anrufes und einer Nachricht
festgenommen. Wenn festgestellt wird, dass es sich um eine
falsche Information handelt, hat er trotzdem sein Ansehen
verloren und kann hier nicht mehr leben. Alle Menschen hier
werden ihn für einen Deliquenten halten. Aber mit einem
bedeckten Gesicht wird ihn niemand erkennen und sollte er
später auf freien Fuß kommen, wird er keine Probleme haben".
Ich dachte an Ibrahims Behutsamkeit und wie sehr das Ansehen
anderer Menschen für ihn wichtig war.