Beschwerde über den Ehemann
Die ihm vorgetragenen Beschwerden
überprüfte Imam Ali (a.s.) persönlich und überließ es keinem
anderen. An heißen Tagen, während sich die Leute gewöhnlich
zur Mittagsruhe begaben, saß er im Schatten der Mauer
außerhalb des Amtsgebäudes, so daß die Leute, die sich
beschweren wollten, ihm ihre Beschwerde unmittelbar und ohne
Hindernisse vortragen konnten. Bisweilen ging er auch durch
die Gassen und Straßen, stellte Ermittlungen an und
beobachtete die allgemeine Lage an Ort und Stelle. Eines
heißen Tages kehrte er müde und verschwitzt zu seinem Amtssitz
zurück und sah eine Frau vor der Tür stehen. Als die Frau ihn
sah, trat sie vor und sagte: “Ich habe eine Beschwerde
vorzubringen. Mein Mann hat mich ungerecht behandelt, mich aus
dem Haus gejagt und gedroht, mich zu verprügeln, wenn ich nach
Hause zurückkomme. Nun fordere ich mein Recht durch Dich.“
Imam Ali (a.s.) antwortete: “Es ist
jetzt zu heiß. Gedulde dich, bis es sich am Nachmittag
abkühlt. Dann werde ich, wenn Gott will, mit dir gehen und
deine Angelegenheit regeln.“ Besorgt sagte die Frau:
“Ich fürchte, wenn ich mich noch länger außerhalb des Hauses
aufhalte, wird er sich auch darüber ärgern und mich um so mehr
quälen.“ Einen Augenblick senkte Imam Ali (a.s.) den Kopf,
und als er aufschaute, sagte er flüsternd vor sich hin:
“Bei Gott, man soll die Überprüfung einer Beschwerde nicht
aufschieben. Das Recht des Unterdrückten soll man unverzüglich
beim Unterdrücker einklagen. Dem Unterdrückten soll man die
Furcht davor nehmen, seinem Unterdrücker mutig und ohne Angst
gegenüberzutreten und sein Recht zu fordern.“
Dann wandte er sich an die Frau: “Wo
wohnst du?“ Sie beschrieb ihm den Weg. “Laß uns gehen“,
sagte Imam Ali (a.s.) und machte sich in Begleitung der Frau
auf den Weg zu ihrem Haus. Vor dem Haus angekommen, rief er:
“Seid gegrüßt, Bewohner des Hauses.“ Ein junger Mann
kam heraus. Er kannte Imam Ali (a.s.) nicht, sah einen älteren
Mann von ungefähr 60 Jahren in Begleitung seiner Frau und
wußte, daß sie ihn um Beistand gebeten hatte. Doch sagte er
nichts dazu. Imam Ali (a.s.) wandte sich an ihn: “Diese
Dame ist deine Frau und beschwert sich über dich. Sie sagt,
daß du sie ungerecht behandelt und aus dem Haus gejagt
hättest. Du hättest gedroht, sie zu verprügeln. Ich ermahne
dich, gottesfürchtig zu sein und deine Frau gut und freundlich
zu behandeln.“
Der Mann entgegnete: “Was geht es Dich
an, wie ich meine Frau behandle? Ja, ich habe gedroht, sie zu
verprügeln. Gerade weil sie Dich geholt hat, um an ihrer
Stelle zu reden, werde ich sie bei lebendigem Leibe
verbrennen.“ Imam Ali (a.s.) war über diese Dreistigkeit
des jungen Mannes aufgebracht. Er griff nach seinem Schwert
und sagte: “Du gibst mir solch eine Antwort auf meinen
guten Rat und meinen Versuch, dich von einer verwerflichen Tat
abzuhalten? Du sagst unumwunden, daß du diese Frau verbrennen
wirst. Glaubst du, in dieser Welt wird keine Rechenschaft
verlangt?“
Als Imam Ali (a.s.) seine Stimme erhob,
sammelten sich die Passanten um sie. Jeder, der zu ihnen kam,
machte eine Verbeugung vor Imam Ali (a.s.) und sagte: “Sei
gegrüßt, Fürst der Gläubigen.“ Der stolze, junge Mann
erkannte erst jetzt, mit wem er es zu hatte, bekam es mit der
Angst zu tun und sagte flehentlich: “Vergib mir, Fürst der
Gläubigen. Ich sehe meinen Fehler ein. Ich verspreche Dir, von
nun an gütig zu meiner Frau zu sein und alle deine Anweisungen
zu befolgen.“ Imam Ali (a.s.) wandte sich nun an die Frau:
“Geh nach Hause, und sieh zu, daß du ihn zu solchen Taten
nicht herausforderst.“ 22