„Lüge zerstört den Glauben„. Von Imam Baqir (a.s)
Kinder und Lügen
In manchen Familien wächst das Lügen der Kinder zu einem
wahren Problem heran. Das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern
und Kindern wird zerstört, Glaubenswürdigkeit und
Zuverlässigkeit schwinden. Stattdessen vergiften Zweifel und
Misstrauen den Kontakt zueinander.
Wie viele
körperlichen Krankheiten äußert sich auch das Lügen zunächst
als banale, nicht ernst zu nehmende Angelegenheit, weshalb in
diesem Stadium zu einer „Heilung“ meistenteils nichts
unternommen wird. Doch nach und nach reift dieses Leben zu
einem wahren Übel heran.
Ist das
Lügen eine Gefahr?
Ist das
Lügen des Kindes eine Besonderheit seines Charakters? Hat es
diese Eigenschaft ererbt, oder ist es vielmehr so, dass es
rein und gut geboren und durch seine Umwelt zum Lügen
veranlasst wurde?
Wir sollten
wissen, dass kein Kind als „Lügner“ zur Welt kommt, sondern
das es in Elternhaus oder Schule, das heißt in seiner Umwelt
mit der Lüge vertraut gemacht wird. Das Milieu, in dem es
aufwächst, lehrt es diese Hässlichkeit.
Dieses
erfahren wir nicht nur durch die moderne
Erziehungswissenschaft. Islamische Ahadit lassen uns – und
zwar schon seit ca. 1400 Jahren – wissen, dass das Kind bei
seiner Geburt frei von allem Hässlichen und Schmutzigen ist,
dass vielmehr seine Umwelt ihm derlei Unschönes beibringt.
Ursachen
der Lüge
Bei
körperlichen Erkrankungen bemüht sich der Arzt, die Ursache
herauszufinden, um eine entsprechende Therapie beginnen zu
können. Auch eine gründliche, rechtverstandene Erziehung
erfordert, zunächst einmal nach den Gründen zu forschen, die
das Kind zum Lügen veranlassen. Dann erst, unter Ausschaltung
dieser Gründe, kann eine „Behandlung“ Erfolg haben.
Negative
Vorbilder
Imam Ali (a.s)
sagt im Zusammenhand mit der Beeinflussbarkeit und
Aufnahmebereitschaft des Kindes:
„Das Herz des Kindes
ist wie ein zur Saat vorbereitetes Feld. Das, was in es gesät
wird, beginnt rasch zu keimen, zu sprießen und zu wachsen.“
Die ersten
Lehrer des Kindes sind in der Regel seine Eltern. Alles, was
es von bzw. bei ihnen hört, sieht und erfährt, nimmt es
aufgrund seiner hohen Empfänglichkeit und Beeinflussbarkeit
auf und betrachtet es als gut und richtig. Es sind daher
häufig Vater und Mutter, die ganz bewusst ihr Kind mit der
Unwahrheit bekannt machen. Durch Worte, Verhalten,
Versprechen, die sie nicht einhalten, Lügenmärchen, Ausflüchte
und dergleichen erfährt es, das es ein „Gegenteil“ von
Wahrheit und Realität gibt.
Nicht
selten sind es also die Eltern selbst, die in ihrer
Achtlosigkeit das Kind auf die Alternative „Unaufrichtigkeit,
Ausrede und Halbwahrheit“ hinstoßen. Kurz: Eltern und
Geschwister und alle, die Umgang mit dem Kind haben, sollten
auf ihre Worte, Äußerungen und Handlungen genau achten, damit
sie ihm nicht den Weg zur Unwahrheit ebnen.
Angst
vor Strafe
Ein
weiterer Grund, der das Kind veranlasst, zu lügen, ist Angst
vor Strafe. Wenn es wüsste, dass es, wenn es seinen Fehler
eingesteht, nicht getadelt und nicht bestraft wird, würde es
gewiss nicht bei Unwahrheiten und Ausflüchten Zuflucht suchen.
Auch hier
ist leider die Feststellung zu machen, dass es die Eltern, das
heißt die Erziehungsbeauftragten selbst sind, die dem Kind
keinen anderen Ausweg lassen, als sich in Lügen zu
verstricken. Würden sie es geduldig und freundlich auf seine
Irrtümer und Fehler hinweisen, ohne es zu beschimpfen und zu
strafen, käme es ganz sicher nicht auf die Idee, zu lügen.
Minderwertigkeitskomplexe
Hin und
wieder kommt es auch vor, das ein Kind glaubt, „minderwertig“
zu sein oder vermeintliche „Schwächen“ seiner Familie, unter
denen es leidet, wettmachen zu müssen. Es bedient sich der
Halb- oder Unwahrheit, der „Aufschneiderei“. Auch dieses würde
es nie tun, wenn ihm klar gemacht worden wäre, das der Wert
eines Menschen bzw. einer Familie nicht vom Geldbeutel, hoher
Ämter oder körperlichen Kraft abhängig ist, dass es vielmehr
andere, bedeutendere Wertkriterien gibt. Dieses Verständnis
rufen wir in unserem Kind hervor, indem wir es auf diese
tatsächlichen menschlichen Werte und Qualitäten hinweisen, sie
anerkennen und als etwas Gutes und Erstrebenswertes würdigen.
Auf diese Weise wird es begreifen, worauf es im Leben wirklich
ankommt und nicht auf den Gedanken verfallen, ein
trügerisches, irreales Bild von sich und seine Familie
schaffen zu wollen.
Was ist
dagegen zu tun?
Einige
meinen, ihr Kind durch herbe Verweise und Züchtigung vom Lügen
abbringen zu können. Eine wahrhaft ungerechte und deplatzierte
Methode! Es ist allerdings möglich, dass das Kind durch
gewaltsames Vorgehen eingeschüchtert wird, aber geheilt vom
Lügen...? Nein, niemals! Ganz gewiss ist eine solch
unqualifizierte Maßnahme dem Kind keinesfalls zum Wohle!
Pädagogische Qualitäten beweist der, welcher nach der Ursache
für das Lügen des Kindes forscht. Die „Wurzel“ des Übels ist
zu erkennen und zu beseitigen. Wie es völlig richtig heißt:
Das Übel
ist bei der Wurzel zu packen!
Erst dann,
wenn der grund, der das Kind der Unwahrheit in die Arme
treibt, gefunden ist, kann er ausgeschaltet werden. Damit wäre
dem Kind und uns geholfen, da es sich zur Lüge nicht mehr
genötigt fühlt.
Es kann
möglich sein, dass das Kind – aufgrund seiner ständigen,
negativen Erfahrungen – das Lügen zur Gewohnheit gemacht hat.
Da sein Charakter jedoch sehr biegsam und zu formen ist, kann
es im Rahmen einer guten, vernünftigen Erziehung von dieser
hässlichen Eigenschaft durchaus geheilt werden. Geduld und
pädagogisches Können seiner Eltern und Lehrer vermögen Wunder
zu bewirken.
Auch hieran
sei noch einmal erinnert: „lügen“ ist ein recht gefährliches
Leiden, das, wenn es nicht gleich in den Anfängen behandelt
wird, äußerst unerfreuliche Nebenwirkungen im Gefolge hat. Das
heißt: Es wird nicht allein beim Lügen bleiben. In der Enge
getrieben, wird sich das Kind zu noch weitaus übleren
Hässlichkeiten hergeben und gerät tiefer und tiefer in den Sog
unguter Eigenschaften.
Um ihm
dieses zu ersparen, ist es unbedingt wichtig, alles dafür zu
tun, um es von der Lüge „Freizueisen“, besser noch, es gar
nicht erst soweit kommen zu lassen, dass es in
Unaufrichtigkeit und Betrug Hilfe sucht.
Imam Hassan
Askarie (a.s) sagte in diesem Zusammenhang:
„Der Schlüssel zu
jenem Haus, zu dem sich Hässlichkeit und Übel Zugang
verschafft haben, ist die Lüge. Die Lüge war es, die ihnen die
Tür öffnete und sie eintreten ließ.“