„Sobald er herangereift war, lehrten wir ihn Wissen
und Weisheit“.
(Aus dem
Heiligen Koran, Sure 12, Yussof, Vers 22)
Aufgepasst!
Stehen wir
einer komplizierten oder heiklen Angelegenheit gegenüber, ist
höchste Achtsamkeit vonnöten. Ein wenig Nachlässigkeit schon
genügt und das Betreffende ist zum Scheitern verurteilt.
Je feiner
das Urwerk ist, umso versierter muss der Uhrmacher sein, der
es, wenn es defekt wird, reparieren möchte.
Das
Komplizierteste und Diffizilste aller Dinge aber ist der
Mensch, die „Krone der Schöpfung“. Und der, der mit ihm zu tun
hat, muss- abgesehen von seiner Eignung, die Vorrausetzung zur
Erziehung ist- ganz besondere Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit
bei der Wahrnehmung dieser seiner Aufgabe walten lassen.
Der
Erzieher- Vater, Mutter oder Lehrer- sollten in jedem Fall
Hast und Voreiligkeit im Umgang mit dem Kind vermeiden. Wie
viel junge Menschenkinder sind doch infolge unüberlegten,
voreiligen und verantwortungslosen Verhaltens ihrer „Erzieher“
- wenngleich diese nicht als „Erzieher“ zu bezeichnen sind-
„zerbrochen“. Abfällige Bemerkungen, Hohn, Spottgelächter,
deplatzierte und völlig ungerechtfertigte Zornausbrüche und
dergleichen haben so manchem Kind und Jugendlichen tiefe
Wunden geschlagen.
Und groß
ist- in aller Welt- die Zahl jener, die die erniedrigende,
entwürdigende Behandlung ihrer Lehrer und Vorgesetzten nicht
ertragen konnten und Schule bzw. Ausbildung- oder Arbeitsplatz
folglich mieden.
Zweifellos
ist Kindererziehung allein schon deswegen, da der Mensch ein
noch weitgehend unerforschtes Wesen ist, ein recht schwieriges
Unterfangen. Es ist daher unerlässlich, dass wir bei dieser so
wichtigen Aufgabe informiert, überlegt und ohne uns von
Erregung und unkontrollierten Empfindungen in die Irre leiten
lassen, vorgehen. Ohne Hast, Nervosität und Hektik. Immer
kühlen Kopf bewahren, heißt die Devise. Zwingen wir uns dazu,
auch wenn es uns hin und wieder schwer fallen sollte!
Wird das
Kind krank, körperlich krank, so erhält es, nachdem der Arzt
es sorgfältig untersucht und die Diagnose festgestellt hat,
Medizin..., dem Krankheitsbefund, seinem Alter und Gewicht
entsprechend dosiert. Die Besonderheiten seiner Erkrankung,
seine körperliche Konstruktion..., alles wird berücksichtigt.
Wenn es um
Geist, Gemüt und Erziehung des Kindes geht, sollte man gewiss
nicht weniger sorgfältiger und gewissenhafter zu Werke gehen.
Das Kind
durchläuft etliche Entwicklungsstufen, bis es erwachsen wird.
Jede einzelne dieser Stufen hat ihre Besonderheiten. Gemeint
sind vor allem die psychischen Voraussetzungen und Bedingungen
des jungen Menschenkindes in seinen verschiedenen
Entwicklungsphasen, die in seine Erziehung miteinzubeziehen
sind. Das heißt also:
Genau
dosiert! Entsprechend Alter, Reife und seiner seelisch-
geistigen Verfassung und Aufnahmefähigkeit.
Vergessen
wir nicht, dass die Entwicklung des Kindes (abgesehen von
seiner embryonalen und fetalen vor seiner Geburt) mit dem
Tage, da es zur Welt kommt, beginnt und sich durch sämtliche
aufeinanderfolgenden Phasen hindurch fortsetzt. Bis das es
„heranreift“ ist und seinen Fuß in die „Jugendzeit“ setzt, in
der seine geistig- ethische als auch physische Vervollkommnung
selbstredend noch nicht beendet ist.
Sämtliche
Entwicklungsstufen sind als „Einheit“ zu betrachten, als
einheitliches Ganzes, nicht voneinander zu trennen und nicht
zu überspringen. Eine nach der anderen ist naturgemäß zu
durchlaufen.
Auch dieser
Punkt ist zu beachten: Wenn sich die kindliche Entwicklung dem
Schein nach auch kontinuierlich fortschreitend und gleichmäßig
äußert, so vollzieht sie sich in Wirklichkeit bisweilen
schneller, bisweilen langsamer. Es gibt Phasen voller Hoch und
Tiefs, aber auch jene, in der Ruhe und Gleichmaß tonangebend
sind.
Die
verschiedenen Entwicklungsphasen des Kindes stehen in engem
Bezug zu den jeweils gegebenen und unterschiedlichen physisch-
psychischen Vorrausetzungen und Umweltbedingungen, weshalb die
Veränderungen, die im und am Kinde vorgehen, nicht von
gleichbleibender Intensität und Qualität sind. Eltern und
Pädagogen können die jeweilige Phase, in der sich das Kind
befindet, an seinem seelisch- geistigen Stand und Verhalten
erkennen.
Zusammengefasst: Die seelisch- geistige Entfaltung beginnt
also mit der elementarsten Stufe und setzt sich durch immer
komplizierter werdende Entwicklungsphasen fort. Ein kleines
Kind beispielsweise, das sich als „alleiniges Zentrum seines
Weltbildes“ sieht, die Eigen- und Selbstständigkeit anderer
Dinge und Personen noch nicht begreift und meint, sie alle
würden und müssten sich um „seine Achse“ drehen, ist z.B.
anders zu erziehen als das etwas älteres Kindergartenkind, das
schon die ersten Erfahrungen gemacht hat.
Nicht selten
ist es jedoch so, dass das Kind schematisch, im Rahmen einer
„Einheits-Erziehung“ erzogen wird. Ohne die jeweilige
psychische und verstandesmäßige Reife und Besonderheit des
Kindes in der Entwicklungsphase, in der es sich gerade
befindet, zu berücksichtigen. Eine derartige Erziehung aber
ist, wie es wohl einem jeden einleuchtet, keine individuelle,
kindgerechte, sondern vielmehr eine „0815- Erziehung“, bei der
alle Kinder und zudem sämtliche Entwicklungsphasen über einen
Kamm geschoren werden.
Das heißt:
Sie ist nicht objektiv und nicht an den Gegebenheiten
orientiert, sondern sie lastet der kindlichen Psyche und dem
kindlichen Verstand etwas auf, dem diese entweder noch nicht
gewachsen sind oder aber blockiert deren Weiterentwicklung.
Mit anderen Worten: Eine solche Erziehung über- und
unterfordert das Kind.
Frühentwickler, Spätleser..
Es gilt
also, bei der Erziehung die unterschiedlichen
geistig-seelischen Reifegrade des Kindes zu berücksichtigen.
Das besagt, dass eine Erziehungsmethode bei dem einen- sogar
gleichaltrigen Kind- erfolgreich ist, bei dem anderen aber
nicht. Darum, weil dieses noch nicht soweit „gereift“ ist.
Viele Väter
und Mütter setzen- wenngleich wohlmeinend und aufgrund ihres
starken Interesses an einem raschen Erfolg ihrer Söhne und
Töchter- ihr ganzes Bemühen dahinein, diesen das, was sie
selbst für gut und geeignet halten, in aller Schnelle und
kürzester Zeit beizubringen. Sie bedenken dabei nicht, dass
ihre Kinder noch gar nicht soweit sind, das alles begreifen
und erfassen zu können wie Erwachsene, und das auch diese- die
Erwachsenen – selbst erst nach langjährigen Erfahrungen zu
diesem Wissen und Denken gekommen sind.
Kurz: Die
Vor- und Ratschläge der Eltern, auch wenn sie noch so gut und
zutreffend sind, werden (häufig) abgewiesen. Deshalb, weil sie
nicht verstanden wurden. Das Verständnis für sie kommt später,
im Laufe selbstgemachter Erfahrungen.
Wäre es
daher richtig und vernünftig, zu erwarten, dass Kinder und
Jugendliche diese Hinweise unverzüglich akzeptieren?
So klug und
intelligent ein Kind auch sein mag, es benötigt Zeit, um
Sprechen und Laufen zu lernen. Und wohl kaum wird ein
Zweijähriges die elementarsten Angelegenheiten wie Sprechen,
Laufen, Darm und Blase kontrolieiren und allein essen zu
können beherrschen. Das ist von einem so kleinen Kind auch
nicht zu erwarten. Und ebenso wenig ist anzunehmen, dass das
junge Menschenkind, das erst am Anfang seines Lebens steht,
sofort begreift und lernt, was seine Eltern in jahrelanger
„Lebenspraxis“ erfahren und gelernt haben.
Ganz
grundsätzlich: Sinnvolle und Nicht- Sinnvolles voneinander
unterscheiden zu können und sich dementsprechend zu verhalten,
braucht Zeit. Derartiges wird im Laufe der Zeit und anhand
einiger Lebenserfahrungen richtig erfasst und verstanden,
wodurch natürlich das bisher „gelernte“ – besser gesagt
„Gehörte“ – vertieft, unterstützt und – gegebenenfalls – dann
erst voll und ganz akzeptiert wird.
Kurz: Die
menschlichen Tugenden, die dem Kind sozusagen als Samenkorn
ins Herz gepflanzt wurden, müssen gepflegt und gehütet werden,
damit sie heranreifen und gute Früchte tragen können.
Ein jeder
verfügt also aufgrund seiner individuellen, sein Inneres als
auch seine Umwelt betreffenden Besonderheiten und
Gegebenheiten über spezifische Möglichkeiten und
Vorraussetzungen. Und wie gesagt: Nicht zwei Menschen auf der
großen weiten Welt sind anzutreffen, deren Fähigkeiten,
Qualitäten, Vorrausetzungen und Lebensbedingungen die gleichen
wären. Vielmehr ist ein jeder als eine individuelle Tatsache
zu betrachten und zu behandeln, insbesondere in Bezug auf
seine Erziehung.
Zu beachten
ist somit in erster Linie, dass bei der Erziehung der
jeweilige seelisch- geistige Stand des Kindes unbedingt
berücksichtigt und Schritt für Schritt vorangegangen wird...,
geduldig und besonnen“
Nicht
vergessen: Ebenso wie manche Obstsorten früher reifen als
andere, ist es auch bei Kindern. Es ist durchaus nicht so,
dass alle zur gleichen Zeit einen speziellen gleichen
Entwicklungsstand erreichen. Die einen sind „Frühentwickler“
die anderen „Spätleser“.
Für ein
soziales Lernfeld sorgen!
Erziehungsprobleme werden häufig durch unrichtiges Vorgehen
der Erziehenden verursacht. So manche Eltern, die selbst keine
ideale Erziehung genossen haben, gehen mit ihren Kindern –
wenn auch unbewusst- nicht in der rechten Weise um.
Als sie
selbst Kinder und klein waren, wurde ihnen von ihren Vätern
und Müttern Gewalt angetan. Unter Drohungen, Strafen und Druck
wuchsen sie auf und verhalten sich heute ihren Kindern
gegenüber ebenso.
Daraus lässt
sich eine „Faustregel“ ableiten und zwar: Aus dem Verhalten
einer Person ihren Mitmenschen gegenüber ist zu schließen, wie
sie erzogen wurde und wie ihr Elternhaus und Familienmilieu
gewesen sein müssen.
Abschließend
wollen wir noch einmal Vätern, Müttern und Lehrern in
Erinnerung rufen:
So bitte
nicht!
So gut und
nützlich Disziplin und Ordnung auch sind- wir wiesen eingangs
auf diesen Punkt ausführlich hin – so negativ wirken sie sich
dahingegen auf die Entwicklung des Kindes aus, wenn sie zu
einem „Wahn“ werden oder in „Zucht und Ordnung“ – sprich
„Drill“ - ausarten.
Einige
Eltern legen jedoch soviel Wert auf eben diese von ihnen
gelobte „Zucht und Ordnung“, dass alles – Essen, Schlafen,
Spielen, Arbeiten, Lernen etc. – peinlich genau unter diesem
Aspekt zu geschehen hat. Sie vergessen dabei, dass ein solches
Vorgehen der kindlichen Persönlichkeitsbildung ungemein
schadet.
Neigungen,
Interessen, Denken und Empfinden eines unter der Knute „Zucht
und Ordnung“ aufwachsenden jungen Menschen werden geradezu
„abgedrosselt“ und vermögen sich nicht zu entfalten, da alles
einem starren Ordnungszwang- besser gesagt: Ordnungswahn- und
penibler Strenge unterliegt.
Es mag sein.
Das sich dieses oder jenes Kind einer solchen Behandlung nicht
widersetzt und mehr oder weniger „mitmacht“. Nur ist zu
bedenken, wie es sich, wenn es erwachsen ist, im
gesellschaftlichen Leben zurechtfinden soll. Diejenigen, die
nur gelernt haben, bestimmte Dinge nach genauen Vorschriften
und Instruktionen auszuführen, ohne selbst denken, überlegen
und mitreden zu dürfen, werden in Situationen, in denen sie-
allein auf sich gestellt- mit völlig neuen, ungewohnten
Gegebenheiten konfrontiert sind, nicht wissen, wie sie sich
nun zu verhalten und zu reagieren haben. Darum, weil ihnen im
Rahmen eines strengen und starren „Drills“ die Fähigkeit für
initiatives Denken anhanden gekommen ist.
Im Gegensatz
dazu steht das ungesunde „Zuviel an Güte und Entgegenkommen“,
womit wir das „verhätscheln“ meinen. Auch dieses entspricht
nicht „rechtem Erziehen“. Darum, weil das Kind dadurch
„verzogen“ wird..., zu einem lebensuntüchtigen Menschen, der
Situationen, in denen er „gefordert“ wird, nicht gewachsen
ist.
Das heißt
also: Weder nach dem Motto „Zucht und Ordnung“ ist das Kind zu
erziehen, noch durch „verhätscheln“ und „Schosshündchendasein“
Die goldene Mitte ist vielmehr einzuhalten.
„Der Mensch
ist so zu erziehen , dass er sein „eigener Heer“ ist, auf das
er seinen Mitmenschen zu Diensten zu stehen vermag“, ein gutes
und zutreffendes Wort eines weisen Pädagogen...
Das, was
aufgezwungen wird- eine Arbeit, ein Auftrag oder ähnlichem. –
geht immer einher mit „Befehl“ und „Gehorsam“. Ob ein Befehl
aber gut oder schlecht ausgeführt wird, steht auf einem
anderen Blatt.
Geschieht
jedoch das, was getan werden muss, auf freiwilliger Basis- das
heißt nicht aufgrund von Zwang und Befehl- so ist davon
auszugehen, dass es gern getan wird. Und etwas, das gerne bzw.
freiwillig getan wird, erfolgt in der Regel unter Einsatz
aller zur Verfügung stehenden Kräfte und Möglichkeiten. Diese
„Tätigkeitsform“ ist daher ganz gewiss zu bevorzugen, da sie
weitaus wertvoller und effektiver ist als eine
„aufgezwungene“.
Viele Kinder
meinen, „alles haben“ und nach Möglichkeit von allem und jedem
Besitz ergreifen zu müssen. Es ist ihnen darum von klein auf
Nahezubringen, dass die Freiheit des Menschen stets parallel
zur Freiheit der anderen zu sehen und zu handhaben ist. Das
der Freiheit des einzelnen also Grenzen gesetzt sind. Das Kind
lernt dieses am leichtesten im Rahmen entsprechender
Erfahrungen.
Die Eltern
sollten zudem darauf achten, dass das, was sie lehren bzw.
vermitteln wollen, lebend- und praxisnah ist. Darum ist es in
diesem Zusammenhang angezeigt, für ein „soziales Lernfeld“ zu
sorgen. Das Kind ist zu Zusammenarbeit und Mithilfe anzuregen,
selbstverständlich ohne Zwang! Vielmehr sind ihm die
erfreulichen, positiven Seiten einer guten Kooperation
klarzumachen, damit es sich aus freien Stücken um sie bemüht.
Kurz: Wird
die soziale Dimension in der Erziehung mitberücksichtigt und
dem Kind ein geeignetes soziales Lernfeld geschaffen, so wird
nach und nach der Hang in ihm, alles haben und besitzen zu
wollen, wie von selbst abgebaut. Seine Bereitschaft zum
„Miteinander“ wird sich entwickeln und damit sein Verständnis
für andere und seine Rücksichtsnahme ihnen gegenüber. Die
„zwischenmenschlichen Beziehungen“ können sich entfalten.
Auch dieses
noch: „Gebote der Ethik“, die, da sie mit dem natürlichen
Wunsch und Bedürfnis des Menschen nach sozialem Leben,
Miteinander und Zusammenarbeit in direktem Bezug stehen,
werden allgemein für gut befunden und daher ohne weiteres
akzeptiert. Dieses trifft auch für das Kind zu. Voraussetzung
ist nur, dass ihm die Zusammenhänge bewusst werden und zwar im
Rahmen praktischen Erlebens und freundlicher, geduldiger und
vernünftiger Aufklärungen seitens der Eltern.
Mit anderen Worten: Statt ihm die sogenannten „sozialen
Erwartungen“ und „moralischen Grundregeln“ als Einschränkendes
und Belastendes vor Augen zu führen, ist es gewiss
vorteilhafter und erfolgversprechender, ihm das Gute und
Schöne, das mit ihnen verbunden ist, Nahezubringen.