Gedankenfreiheit
Die
Erziehungswissenschaft misst den Details, den „Verhaltens –
bzw. Gesinnungsdetails“ recht hohe Bedeutung bei. Immerhin
sind es diese, die das „ethische Fundament“ schaffen.
Dieses ist
gut und richtig, doch keinesfalls genug. Anstelle sich auf
diese zu konzentrieren und mehr oder weniger nur die einzelnen
Verhaltensmomente des Kindes zu verneinen oder zu bejahen,
sollte grundlegender vorgegangen werden. Das heißt, in erster
Linie sind sein Geist und Denken anzuregen und zu fördern,
genauer gesagt, zu kultivieren. Darum, weil sie die Prämisse
zu allem sind.
Ganz
abgesehen davon gehört zu den Zielen einer rechtverstandenen
und –gehandhabten Erziehung, dass das Kind „Denken“, “freies,
folgerichtiges Denken“ lernt. Richtiges Denken ist für den
Menschen das, was der Treibstoff für das Auto ist. Ohne
Treibstoff werden wir das Auto nicht in Gang setzen können. Es
wird nicht fahren. Es sei denn, wir würden es schieben oder
ziehen. Aber dieses ständig zu tun, ist nicht der Sinn der
Sache und würde zudem sehr belastend und ermüdend sein.
Das besagt
also: Parallel zur „Detail- Arbeit“ ist das Kind unbedingt mit
richtigem, selbstständigen Denken vertraut zu machen.
Ganz
allgemein sollte der Mensch ein „denkender“ sein und
hinsichtlich aller Angelegenheiten – Einzelheiten oder
Allgemeines betreffend – seinen Verstand gebrauchen.
Ohne
Zweifel war das Griechenland des Altertums die Wiege der
Zivilisation, Philosophie und Kultur und hat diesbezüglich
Großes für die Menschheit geleistet. Die Geschichte gibt uns
kund darüber, das einer der Gründe für jenen gewaltigen
Fortschritt der Griechen jener frühen Epoche in ihrer
Erziehungs- und Bildungsmethode zu sehen ist. Im Jahre 475 v.
Chr. Bestand diese zwar lediglich aus Lesen, Schreiben und
Sport, war aber dergestalt, dass das Denkvermögen des
einzelnen schon von klein auf gefördert und angeregt wurde. Im
Unterricht gab es kein stupides Auswendiglernen und
dergleichen, sondern der Schüler wurde von Anbeginn zu freiem
Denken angehalten und dazu, diese Fähigkeit immer mehr zu
intensivieren.
Man braucht
sich folglich nicht zu wundern, dass es die Griechen waren,
die die Demokratie, die „Regierung des Volkes“ begründeten.
Sokrates
tat in aller Freimütigkeit und in Anwesenheit des Kadis Kund:
„Leute von
Athen! Solange euer Denken und Verstand nicht stark und
kräftig sind, übernehmt keine gesellschaftlichen
Verantwortungen. Mit schwachen Denken und Verstand ist Land
und Volk kein Dienst zu erweisen!“
Eines der
Privilegien des Menschen gegenüber dem Tier ist darin zu
sehen, dass der Mensch aufgrund seines Denkvermögens die
Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen, weitgehend zu
lösen und seine Lebensmöglichkeiten zu erweitern vermag. Der
„denkende“ Mensch ist – anders als das Tier, dass sich dem
Milieu, in dem es lebt, anpassen muss, um überleben zu können
– in der Lage, seine Umwelt seinen Wünschen gemäß zu
gestalten. Zumindest zum großen Teil.
Das aber
besagt, dass Würde und Prestige des Menschen in engem
Zusammenhang zu seinem geistigen Niveau, der Qualität seines
Denkens stehen. Ganz gewiss wird dessen Daseinswert für seines
Denkens stehen. Ganz gewiss wird dessen Daseinswert für die
Menschheit höher sein, der von dieser Vitalierenden,
dynamischen Kraft mehr, sinnvoller und zum Wohle aller
Gebrauch macht. Beispiel hierfür sind jene großen
Persönlichkeiten, die durch ihre Erkenntnisse und
Errungenschaften der menschlichen Gesellschaft wertvolle
Dienste erwiesen, weshalb sie von ihr geschätzt und geehrt
werden.
Die Eltern
sollten also ihr Augenmerk nicht lediglich auf die körperliche
Entwicklung und Gesunderhaltung ihres Kindes richten und
darüber dessen geistige Entfaltung vergessen, sondern sich
vielmehr dessen bewusst sein (und dieses Wissen bei der
Erziehung ihres Kindes wirken lassen!), dass die
Persönlichkeit und Würde des Menschen zu dessen geistigem
Erblühen in direktem Bezug stehen.
Denken und
Wollen sind die wesentlichen Faktoren, die den Menschen in der
Lage versetzen, sowohl seinen Lebensraum – bis zu gewissen
Grenzen allerdings – selbst zu gestalten als auch sich und
sein Leben mit diesem in Übereinstimmung zu bringen.
In der
Hektik des Computer- und Roboterzeitalters, in dem wir uns
befinden, bedarf der Mensch ganz besonders des „Denkens“, das
heißt eines richtigen, intakten Denkens. Die geringste
Gedankenlosigkeit schon vermag das materielle sowie geistige
Kapital der Menschheit in ein Nichts aufzulösen.
Dem
Menschen ist dann in seinem „Lebenskampf“ Gelingen beschert,
wenn sein Denken gereift ist. Darum, weil er sich mit dessen
Unterstützung für den jeweils besseren Weg entscheiden und so
„beraten“ und „gestärkt“ nicht aus dem Gleichgewicht gerät
oder von Hoffnungslosigkeit übermannt wird, wenn sich die
Dinge – anderer Umstände und Einflüsse wegen – einmal nicht so
entwickeln sollten, wie er erwartet hatte. Klug ist der, der
nach bestem Wissen und Gewissen und aufgrund logischer
Überlegungen vorgeht, - eine gute, menschenwürdige Methode. –
Denken, dem
ein bestimmtes Motiv zugrunde liegt und mit dem ein konkretes
Ziel bzw. Ergebnis angesteuert werden, ist „Überlegen“. Bei
komplizierten Erkenntnisprozessen, die über die Grenzen des
empirischen Bereiches hinausgehen und logisches Fragen,
Antworten, Ordnen und Folgen erforderlich machen, kommt diesem
„Überlegen“ bzw. Argumentieren und Schlussfolgern „
Hohe
Bedeutung zu.
Ebenso
setzt das Bewältigen von Schwierigkeiten und Problemen die
Fähigkeit voraus, Zusammenhänge erkennen und vorausgegangene
Erfahrungen verwerten zu können, - zu neuen Erkenntnissen und
Vorgehensweisen. „Überlegen“ ist also das gezielte Bemühen,
durch Fragen, Antworten und fundiertes Schlussfolgern zu
konkreten Ergebnissen zu kommen.
Wie die
Praxis zeigt, liegen so manchen Verhaltens – und
Verfahrensweisen, die im täglichen Leben des einzelnen zu
beobachten sind, Überlegungen und Entscheidungen zugrunde, die
– bevor er, der „einzelne“, sich dazu entschloss – schon von
der Allgemeinheit getroffen wurden. Und das steht wohl außer
Frage: Gedankliche Resultate, die in Teamarbeit erzielt
wurden, sind in der Regel fundierter und umfassender als die,
zu denen ein einzelner kommt. (Darum, weil bei seinen
Überlegungen beispielsweise nicht so viele Aspekte beleuchtet
und beachtet werden wie bei denen, an denen mehrere Personen
beteiligt sind, da diese die verschiedensten Ansichten und
Aspekte zur Diskussion stellen.)
Die
Algemein- Psychologie vergleicht das menschliche Denken mit
dem mechanisch ablaufenden Vorgang eines Getriebes. Ebenso wie
eine Uhr (älterer Produktion) aufgezogen werden muss, damit
ihr Laufwerk zu arbeiten beginnt, benötigt auch das
menschliche denken, „angetrieben“ zu werden, um in Gang zu
kommen.
Die
Devise lautet: Denken!
In unserer
hochtechnisierten Welt, in der Tempo und Hektik das Zepter
schwingen, sind logisches Denken und überlegtes, umsichtiges
Vorgehen vonnöten. Wie im Fluge verändern sich in dieser
schnelllebigen Zeit oft die Gegebenheiten und um richtig
erfassen, folgern und reagieren zu können, ist gezieltes,
handfestes Überlegen unerlässlich.
Diejenigen,
die das nicht gelernt und trainiert haben, werden sich auf die
neuen Realitäten nicht so schnell umstellen können und das
Nachsehen haben. Darum, weil ihnen das „Umdenken“ schwer fällt
und sie folglich nicht wissen, wie sie sinnvoll taktieren und
vorgehen müssen.
Wenn wir
uns umsehen und umhören, stellen wir bedauerlicherweise fest,
dass der heutige Mensch, der an der Schwelle des
Raumzeitalters steht, von seiner Fähigkeit, überlegen und
logisch schlussfolgern zu können, nur noch recht wenig
Gebrauch macht. Das, was ihn beeinflusst und oftmals
„unüberlegt“ handeln lässt, sind sinnliche Begehren und
flüchtige materielle Vergnügen, denen er nacheilt. Heutzutage
dreht sich mehr oder weniger alles um das „süße Leben“, dem
alles andere geopfert wird. Es scheint fast so, als ob das
materiell gewordenen Dasein den Menschen seiner geistigen
Werte und Qualitäten beraubt hätte, so das er nicht mehr in
der Lage ist, die Dinge und Gegebenheiten richtig zu
analysieren und einzuordnen.
Sokrates
war nicht nur ein Philosoph, sondern vor allen Dingen ein
Lehrer in Sachen „Moral und Gesinnung“. Er vertrat die
Überzeugung, dass das Leid der Menschheit in deren sich immer
intensiver und unbändiger äußernden Verlangen und Begierden
seinen Ursprung hat, dieweil das wahre Glück nur dann zu
erreichen ist, wenn diese gezügelt und nicht maßlos befriedigt
werden.