„Bedingte Reflexe“
In der
Verhaltensforschung gibt es ein höchst interessantes Thema,
das unter dem Titel „Bedingte Reflexe“ behandelt wird und das
sich zum Teil auf die Studien und Thesen des russischen
Physiologen Pawlow stützt.
Pawlow
gelang es, die „bedingten Reflexe“ festzustellen, in deren
Ausbildung (Konditionierung) er das Prinzip jeder seelischen
Tätigkeit sah. Sprechen und Denken beispielsweise seien
Reflexketten höherer Ordnung, die durch Ausbildung eines
zweiten Signalsystem möglich werden.
Um seine
Methode des Konditionierens (der Ausbildung „bedingten
Reflexe“), die zu einer vielverwendeten Versuchstechnik im
Zusammenhang mit Lernexperimenten wurde, ein wenig näher
erklären zu können, ist es angebracht, auf sein
berühmtgewordenes Tierexperiment hinzuweisen.
Pawlow ließ
einen Hund hungrig werden. Als man daraufhin dessen Fressnapf
füllte und ihm diesen zeigte, begannen seine Verdauungsdrüsen
zu arbeiten. Ohne Zweifel wäre das ohne den Anblick des
Fressens nicht möglich gewesen.
Pawlow
hatte angeordnet, dem hungrigen Hund das Fressen hinzustellen
und gleichzeitig eine Schelle ertönen zu lassen. Dieser
Vorgang wurde mehrere Male widerhohlt, bis das der Hund eine
erstaunliche Reaktion zeigte. Jedes Mal, wenn die Schelle
bedient wurde, begannen seine Speicheldrüsen zu arbeiten, auch
wenn er sein Fressen nicht vor ihm sah, das heißt auch wenn
ein Futterreiz nicht gegeben war, sondern nur das vormals
oftmals mit diesem gekoppelten Signal. Noch interessanter ist
das sein Speichelfluss quantitativ ebenso hoch war, als wenn
er, im hungrigen Zustand, Fressen vor sich gesehen hätte.
Diese
Erkenntnis erweiterte den Horizont der „Lernpsychologie“
gewaltig. Nebenbei: Auch heute in aller Welt gang und gebe
gewordenen modernen „Reklame und Werbung“ liegt dieses Prinzip
des „Konditionierens“, das heißt also des Ausbildens von
Reaktionen bzw. Reflexen zugrunde. Das heißt, man versucht
durch „Assoziation“, durch das Einwirken von Reizsignalen auf
den Intellekt, das Interesse der Leute für eine Ware zu
gewinnen und sie zum Kauf anzuregen. Und wenn auch die
Allgemeinheit über „Reklame- Übertreibungen oder gar –
schwindel“ im Bilde ist, so gerät sie doch recht leicht in den
„Sog“ eines solchen Werbe-Reizes und kauft.
Wie gesagt,
auch Lernpsychologie wendet dieses Konditionierungsverfahren
an. In dem sie zunächst noch unwirksame (neutrale) Reize mit
„unbedingten“ (natürlichen, angeborenen) Reizen koppelt, so
dass diese „bedingten, herbeigeführten“ Reize nun ebenfalls
wirksam werden. Bei Lernvorgängen mit Tieren und auch Menschen
findet dieses Prinzip Anwendung, beispielsweise im Rahmen von
Lernspielen, durch die das Kind die Bezeichnungen von Dingen
und Gegenständen in Verbindung mit deren Abbildungen erfährt
und lernt.
In diesem
Zusammenhang sei auch noch auf die „bedingte oder retroaktive
Hemmung“ hingewiesen, ein Begriff, der ebenfalls in der
Lernpsychologie relevant ist. Das Verlernen erworbener
Verhaltensweisen kann- insbesondere bei Kindern (und Tieren)-
durch das Vorenthalten von Zuspruch und Bestätigung (das heißt
durch „Auslöschung“) oder aber durch Einübung anderer,
„unvereinbarer“ Verhaltensweisen (retroaktive Hemmung)
herbeigeführt werden.
Wenn das
Kleinkind z.B. dazu angeregt werden soll, etwas, das es bisher
tat, nicht mehr zu tun, so kann dieses unter anderem durch
„hemmende Bedingungen“, die gesetzt werden, erreicht werden.
Ein deutliches, wenn auch negatives und keinesfalls
pädagogisch wertvolles Beispiel hierfür ist folgendes gesagt:
Es ist
Abend. Das Kind soll schlafen, will aber nicht. Die Mutter
sagt: „ Schlaf jetzt endlich! Wenn du nicht schläfst, kommt
der „schwarze Mann“. Und bei diesen Worten zeigt sie in die
abendliche Dunkelheit hinein, die sich draußen, hinter dem
Fenster, ausbreitet.
Mit dem
Resultat, dass das Kind sich infolge der „negativen“
Bedingung- nämlich, das aus der Dunkelheit fürchtet. Eine
Angst, die in seiner Natur nicht begründet ist, sondern durch
hemmende Faktoren bzw. Bedingungen ausgelöst wurde. Vorher
machte ihm Dunkelheit nichts aus, jetzt aber flieht es sie.
Um dieses
Verängstigsein wieder „auszulöschen“, müsste man dem Kind nun
die Dunkelheit freundlich und gut darstellen. Zum Beispiel,
dass sie dazu da ist, damit es- das Kind, das den ganzen Tag
über gespielt hat und müde geworden ist, - sich ausruhen kann,
um am nächsten Morgen wieder froh und fit aufstehen und
weiterspielen zu können. Denn wenn es hell ist, kann es nicht
so gut und erholsam schlafen, wie wenn es dunkel um es herum
ist.
Man kann
ihm sagen, dass die nächtliche Dunkelheit gut für Mensch, Tier
und Vegetation ist und ebenso notwendig wie die Helligkeit am
Tage. Man kann ihm von den Sternen und dem Mond die in der
Nacht leuchten, erzählen, schöne Märchen usw... so dass es all
dieses Schöne und Beruhigende nach und nach mit der
nächtlichen Dunkelheit in Verbindung bringt.
Kurz: Viele
Möglichkeiten gibt es, um negative Bedingungen durch positive
zu ersetzen.
Interessant
dürfte in diesem Zusammenhang auch folgender Hinweis sein. Im
Koran stoßen wir häufig auf den Begriff: „Handeln“. In einigen
Fällen in negativem Sinne, in anderen in positivem.
Negative
Bedeutung hat das „Handeln“ dann, wenn damit ein völliges
Versinken in materiellen Dingen und Werten gemeint ist.
„Sprich: Das, was bei
Gott ist, steht über Zeitvertreib und Handeln“!
Und an
anderer Stelle:
„...jene, deren
Handel sie von Gott fernhält.“
Dann aber
heißt es im positiven Sinne, um den Menschen auf den rechten
Weg, den Weg zu Gott zu führen:
„O ihr, die ihr
glaubend wurdet“ Ich rufe euch zu einem „Handeln“ auf, der
euch vor schmerzlicher Pein bewahrt!“
das besagt:
Gott
fordert den Menschen auf, sich Ihm zu fügen, Ihm zu gehorchen,
nur Ihn anzubeten etc…, um sich damit gegen Böses und Sündiges
zu verwahren und auf diese Weise das Paradies zu „erwerben“.
Das heißt: Sündiges nicht zu tun, um des Guten, das Paradies
willen. (In weiterem Sinne also ein „Handeln“) .
Mit anderen
Worten: In Anwendung des genannten Prinzips werden frühere,
negative Verhaltensweisen aufgehoben und durch positive
ersetzt.
John Dewey,
der populär gewordene Pädagoge, der vom „Arbeitsunterricht“
überzeugt war- einer Lernmethode, bei der der Schüler
„selbstaktiv“ beteiligt ist und dessen schöpferischen Kräfte
geweckt werden-, vertrat die Ansicht, dass Kinder nicht in
Klassenräume „eingesperrt“ sind, sondern das sie vielmehr zu
Kreativität und Spiel angespornt werden müssten. Das Spiel
gehöre zu den natürlichen Bedürfnissen des Kindes und rege
sein selbstaktives Denken und „Erarbeiten“ an.
John Dewey
machte sich die Erkenntnis des Konditionierens zunutze und
unterrichtete die Kinder sozusagen im Spiel.
Es versteht
sich von selbst, dass sich das Kind auf diese Weise- und zwar
deswegen, weil es seiner Natur entsprechend gerne spielt- für
Unterrichtsthemen, die es im Spiele erfährt. Gewiss eher
interessieren wird, als wenn sie ihm lediglich „eingepaukt“
würden.
Im
täglichen Leben gibt es Dinge, die wir gern tun würden. Da uns
jedoch das, was mit ihnen oftmals verbunden oder „gekoppelt“
ist, nicht behagt, verzichten wir darauf.
Junge Leute
beispielsweise wünschen sich ein gemeinsames Leben mit
jemandem, den sie gern haben, sie möchten heiraten. Doch oft
ist diese so natürliche und wichtige Angelegenheit mit so
enormen Schwierigkeiten verbunden, dass sie häufig davon
absehen. Wenigstens solange, bis dass sie das, was sich ihnen
in den Weg stellt, bewältigen können. (z.B. Probleme bezüglich
Wohnung, Arbeitsplatz, Lebensunterhalt).