Und noch
einmal....
Von Übel
ist, das Kind roh und gewaltsam zu etwas zu zwingen als auch,
es durch Geld und derlei Dinge dazu anzuspornen. Es ist nicht
wie ein Gefangener zu halten, sondern als freier Mensch und
hat Anrecht auf eine gute Erziehung.
Ganz
allgemein: Was die Erziehung betrifft, so ist sie kein Monopol
des Menschen. Auch in der Tier- und Pflanzenwelt wird
„Erziehung“, sprich: Aufzucht, Pflege, Kultivierung etc.
betrieben.
Alles wird
entwickelt, gefördert, verfeinert. Leblose Geräte wie
Maschinen, Computer- die sogenannten „Elektronengehirne“-
werden auf einen Leistungsstand gebracht, dass sie
komplizierteste mathematische, technische und andere
wissenschaftliche Aufgaben zu lösen vermögen. Und dieses in
kürzester Zeit und so exakt, wie es dem Menschen nicht möglich
ist.
Das aber
heißt, das in einer Zeit, da Tiere, Pflanzen und selbst
leblose Dinge „veredelt“ werden, die „Erziehung“ und
„Veredelung“ des Menschen nicht vernachlässig werden darf.
Von dem
Psychologen Watson ist folgender berühmt gewordener Ausspruch:
Überlasst
mir eure Kinder und ich gebe sie euch nach einiger Zeit als
Ärzte, Ingeneure oder aber Gangster, wie ihr wollt, zurück!
Kurz: Sinn
der Erziehung ist, die im Menschen schlummernden Fähigkeiten
und Werte zu wecken, zu fördern und wirksam werden zu lassen.
Der springende Punkt ist jedoch die Erziehungsmethode. Wenn
diese ungeeignet ist, bleibt nicht nur der erwünschte Erfolg
aus, sondern mit fatalen Folgen ist darüber hinaus zu rechnen.
Um
derartigem vorzubeugen, gilt es zunächst einmal – wir sagten
es bereits- die Besonderheiten des Kindes festzustellen und es
dann- seinen jeweiligen seelisch- geistigen und körperlichen
Entwicklungsstand, seine Neigungen, Fähigkeiten sowie seine
Umweltbedingungen berücksichtigend- zu erziehen.
Islamischen
Überlieferungen gemäß ist dem Kind bis zum Alter von sieben
Jahren- also bis zu seinem Eintritt in die Schule- möglichst
viel Bewegungsspielraum einzuräumen. Das heißt, es ist nicht
einzuengen, sondern soll in Freiheit heranwachsen, was jedoch
nicht bedeuten soll, dass es unbeaufsichtigt und völlig
schrankenlos tun und lassen kann, was es will und sich und
andere womöglich zu Schaden bringen darf. Nein, so ist diese
Empfehlung nicht zu verstehen. Gemeint ist, dass dem Kind in
dieser Phase ganz besonders viel Zuwendung, Güte und Nachsicht
entgegenzubringen ist, keinesfalls aber Rohheit, Grobheit und
Zwang. Kurz: Viel Liebe, viel Milde, aber keine Härte.
Ibn Cina (Avicenna) mahnte:
“Dem Kind ist bis zum
Alter von sieben Jahren das, was es möchte, nicht unentwegt
vorzuenthalten. Ebenso ist es nicht zu etwas zu zwingen, das
ihm nicht behagt. Andersfalls wird es jähzornig werden oder
aber bedrückt, ängstlich, furchtsam und letztlich krank“.
Ibn Cina
gehört zu jenen islamischen Gelehrten, die schon damals – vor
einigen hunderten Jahren- auf Verhaltensstörungen
hervorgerufen durch rohe, rücksichtslose und erniedrigende
Behandlung, hinwiesen. Er lehnte gewaltsame Erziehungsmethoden
rundweg ab und bezeichnete sie als verabscheuungswert und
folgeschwer.
Belohnen und Strafen
Ein ebenfalls wichtiges Problem, das oft übersehen wird,
betrifft das Belohnen und Strafen. Auch diesbezüglich werden
seitens mancher grober Fehler gemacht.
Was das
„strafen“ (körperliche Züchtigungen, Demütigungen der
verschiedenster Art, oder ähnlichem) anbelangt..., nun, so
sollten wohl keine Unklarheiten mehr darüber bestehen, dass
sie sich hemmend und lähmend auf die Entwicklung des Kindes
auswirken. Seine Persönlichkeit und sein Selbstwertgefühl
nehmen dadurch Schaden und Initiative und Kreativität gehen
ihm durch eine solche Behandlung ganz sicher abhanden. Darum,
weil es sich fürchtet, etwas falsch zu machen, die Eltern zu
verärgern und folglich zu neuen „Gewaltakten“ gegen sich (das
Kind) zu animieren.
Was das
„Belohnen“ anbelangt, soviel: Wenn es „deplatziert“ erfolgt
und in extremer Weise, so ist es – auch wenn es sich nicht so
verheerend auswirkt wie Schlagen und Demütigung- sicherlich
nicht ohne negativen Einfluss. Ganz allgemein ist auch das
„Belohnen“ - insbesondere Belohnungen materieller Art- nicht
als echtes Erziehungsmittel zu betrachten und zu handhaben. Je
öfter das Kind für etwas mit Geld oder sonstigen materiellen
Dingen belohnt wird, umso mehr geht der erzieherische Wert-
soweit vorhanden- verloren. Abgesehen davon haben derartige
Belohnungen auf die Dauer gesehen immer attraktiver
auszufallen, damit sie vom Kind, dass sich an sie gewöhnt hat,
zur Notiz genommen werden und es sich durch sie zu etwas
anspornen lässt.
In einem
Kind, dessen Tun regelmäßig „vergütet“ wird, wächst mit der
Zeit eine Art „bestechlichkeits- Denken“ heran. Deshalb ist es
so zu lenken und zu erziehen, dass sein „Antrieb“ die eigene
Vernunft ist, nicht externe Faktoren.
Vorrausetzung dazu ist jedoch, dass abgesehen von seinen
Fähigkeiten, Begabungen und Qualitäten auch sein Intellekt und
Verstand die Möglichkeit zur Entfaltung erhalten und dieses
ist sicherlich nicht im Rahmen einer „strafenden“ und
„unterdrückenden“, das heißt, „hemmenden“ Erziehung
erreichbar.
Wird es
nicht unterjocht, angekettet und zu Abhängigkeit und
Drückebergertum erzogen, kann es sich geistig- seelisch und
auch körperlich gesund entwickeln. Zu einem selbstständig
denkenden, handelnden und auf eigenen Füßen stehenden
Erwachsenen. Zu einem Menschen mit Persönlichkeit, natürlicher
Würde, mit Selbstvertrauen, Initiative, innerer Festigkeit und
freiheitlicher Gesinnung.
Der Islam
gibt erstaunlich moderne und aktuelle Erziehungsgrundsätze an
die Hand. Er empfiehlt unter anderem:
Erzieht das
Kind zu Freiheit und Unabhängigkeit, auf das es weder in die
Anhängigkeit irgendwelcher diabolischer Mächte und Kräfte
gerät, noch in die seiner eigenen unguten Begehren und
Wünsche. Es darf weder Sklave fremder Heeren noch der seiner
eigenen Begierden und Triebe werden.
Als einst,
vor langer Zeit- in einem Krieg zwischen den damaligen
iranischen Machthabern und der arabischen Welt- der
Abgeordnete der Muslime zu Verhandlungen bei dem
Oberbefehlshaber des iranischen Heeres erschien, waren
sämtliche Offiziere und Generäle des iranischen Flügels blass
erstaunt über die Schlichtheit des arabischen
Verhandlungspartners.
Als sie ihm
seine Einfachheit vorwarfen und ihm sagten, sich gefälligst in
höflicher Art und eleganteren Gewändern vor dem iranischen
Befehlshaber zu zeigen- so, wie es sich ihrer Meinung und
Sitte nach geziemte – verwarte er sich in aller Offenheit und
ebensolcher Schlichtheit dagegen und entgegnete:
„Ein Muslim lehnt
jedwede Art von Unterwerfung Menschen gegenüber ab“.
Und als man
ihn fragte, welches Ziel der Islam verfolge und welches
Programm er anbiete, sagte er:
„Die Menschen von der
Anbetung der Götzen, Götter und falschen Gottheiten
abzubringen und der Anbetung Allahs, des Einzigen Gottes,
zuzuführen“.
Das
bedeutet also, dass sich der Mensch von der Anbetung
seinesgleichen und all dessen, das nicht Gott ist,
fernzuhalten hat. Angebetet zu werden gebührt allein Gott...,
Allah, dem Schöpfer und Erhalter allen Seins!
Eltern und
Lehrer haben folglich darauf zu achten, die Persönlichkeit
ihres Kindes zu stützen und zu fördern und ihm Nahezubringen,
seine Eigenständigkeit und Identität nicht anderen
auszuliefern und sich niemanden- außer Gott- zu Füßen zu
werfen.
Als Ma´mun,
ein Abbaassidenkalif, in Bagdad war, ritt er eines Tages aus,
um draußen vor der Stadt Wild zu jagen. Unterwegs stieß er auf
Kinder, die miteinander spielten. Als sie ihn hoch zu Ross
erblickten, liefen sie davon. Nur ein Knabe blieb.
Ma´mun war
über die Couragiertheit des Kindes erstaunt und fragte:
„Warum bist
du nicht wie die anderen davongelaufen?
Der Knabe-
es war Imam Gawad- antwortete:
„Die
Strasse ist nicht so eng, dass du nicht an mir vorbeireiten
könntest. Und etwas verbrochen habe ich nicht, dass ich mich
deswegen vor dir fürchten müsste!“