Gebrauchsanweisung in Sachen „Erziehung“?
Hat jemand
ein technisches Gerät und weiß nicht, wie er mit ihm umzugehen
hat, weil ihm Betriebsanleitung und die erforderlichen
Kenntnisse über dessen „Innenleben“ fehlen, so wird er mit ihm
nichts anfangen können.
Das Kind,
dieses Meisterwerk der Schöpfung, ist weitaus feiner,
komplizierter und geheimnisvoller „konstruiert“ als jegliche
technische Errungenschaft.
So manche
Eltern aber scheinen sich dessen nicht bewusst zu sein und
hantieren ahnungslos mit diesem Gottesgeschöpf herum, ohne zu
bedenken, dass dabei- das heißt in Nichtbeachtung oder
Unkenntnis der „Gebrauchsanweisung“ – recht leicht etwas
zerbrechen kann.
Diese
„Gebrauchsanweisung“ aber ist die Kenntnis über den rechten
Umgang mit dem Kind, über dessen Persönlichkeit, Eigenheiten
und optimale Erziehung. Und da bedauerlicherweise dieses
Wissen oftmals nicht vorhanden ist, liegt es mit der Erziehung
folglich häufig im Argen.
Individuelle Unterschiede
Alle
unterscheiden sich hinsichtlich ihres „Äußeren“ als auch
„Inneren“. Zwei Menschen, die sich „äußerlich“ und „innerlich“
vollkommen gleich wären, gibt es nicht. Dieses gilt selbst für
„eineiige“ Zwillinge..., schon aufgrund der mannigfaltigen
Bedingung und Umwelteinflüsse, denen sie ja nicht immer in der
gleichen Weise ausgesetzt sind.
Ein jeder
wird mit bestimmten Erbanlagen, Voraussetzungen und unter
besonderen Bedingungen geboren. Von daher und unter
Berücksichtigung der schon erwähnten unterschiedlichen
Lebenssituationen und Umwelteinflüsse kann er nicht so sein
wie ein anderer. Es kommt unabänderlich zu individuellen
Unterschieden zwischen ihm und seinen Mitmenschen, sogar wenn
diese seine Geschwister wären. Die verschiedenartigen
Begabungen und Interessen, die wir beispielsweise zwischen
zwei Brüdern oder Schwestern feststellen, sind auf diese
Tatsache zurückzuführen.
Was sagt
der Islam hierzu?
Individuelle Unterschiede sind aus islamischer Sicht eine
feststehende Gegebenheit. In „Usul Kafi“ lesen wir z.B. über
die verschiedenen „Glaubenstiefen“ und darüber, dass die
Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten und Qualitäten nicht
gleich sind.
Aus diesem
Grunde lassen uns unsere großen Vorbilder und Lehrer – Ahl
Bayt (a.s) – wissen, dass einem jeden gemäß seiner Fähigkeiten
Verantwortung und Aufgaben obliegt. Von niemandem wird etwas
erwartet, das er nicht leisten kann und außerhalb seiner
Möglichkeiten liegt.
Imam Ga´far Sadiq (a.s) sagt:
„Mit dem Menschen ist
es wie mit den Bergwerken. Die einen liefern Gold, die anderen
Silber“ etc...
Mit anderen
Worten: Die Menschen stehen bezüglich ihrer Neigungen und
Fähigkeiten auf verschiedenen Ebenen. Sie sind nicht einer wie
der andere.
Vom
Propheten Muhammad(s.a.s) ist dieses Wort:
„Wir Propheten
sprechen mit einem jeden entsprechend seiner geistigen
Fähigkeiten.„
Und was
sagt die moderne Pädagogik?
Laut dem
heutigen Stand der Erziehungswissenschaft sind das Kind und
dessen Fähigkeiten und Neigungen zu ergründen und bei seiner
Erziehung zu berücksichtigen. Dadurch werden eine Menge Mühe,
Kraft und Mittel eingespart. Wenn auch nicht bei allen das
erwünschte Ergebnis erreicht wird, so doch bei sehr vielen.
Sie werden – in Beruf oder Studium – gute Leistungen bringen,
wenn ihre Fähigkeiten und Ambitionen miteinbezogen werden.
Früher
wurde diesem Punkt kaum Beachtung geschenkt. Die Eltern
erzogen ihre Kinder alle nach ein und dem gleichen Schema,
ohne Rücksicht auf deren Begabungen und Neigungen. Mit dem
Resultat, dass nur die wenigsten den elterlichen Erwartungen
entsprachen und sonderliche Erfolge nur hin und wieder zu
verzeichnen waren.
Die übrigen
erfüllten das Pensum nicht und wenn, dann nur mit Hängen und
Würgen. All die Mühen und häufig auch finanzielle Mittel, die
die Erziehungsverantwortlichen für sie aufgewandt hatten,
waren mehr oder weniger vergeblich gewesen.
Zweifelsohne! Wenn Begabungen und Interessen des Kindes nicht
in seine Erziehung miteinbezogen werden, so wird nicht nur
nichts Positives erreicht, sondern darüber hinaus werden ihm
im Rahmen eines solchen Vorgehens oftmals nicht
wiedergutzumachenden Schäden zugefügt.
Hageh Nasir
Tussi schreibt in seinem Werk „Ahlaq Nasiri“ im Zusammenhang
mit den kindlichen Neigungen und Interessen:
„Es ist
anzuraten, das Eltern und Lehrer bei der Erziehung des Kindes
die nötige Sorgfalt walten lassen und an seinem Tun und Lassen
feststellen, was ihm Freude macht und wofür es sich
interessiert. Darum, damit sie es entsprechend seiner
Neigungen und Fähigkeiten aktivieren und fördern können.
Niemand ist
zu allem geeignet und bereit. Daher sollte ein jeder die
Tätigkeit, die ihm liegt, tun, damit seine Mühen von
höchstmöglichem Erfolg und Nutzen gekrönt sind.“
Im 19.
Jahrhundert brachte ein westlicher Wissenschaftler, der sich
mit den individuellen Unterschieden und verschiedenartigen
Neigungen und Begabungen beschäftigte, zum ersten Male in
jenen Breiten die Erkenntnis zum Ausdruck, das Erziehung und
Ausbildung des Kindes unter sorgfältiger Berücksichtigung
dessen natürliche Interessen und Neigungen zu erfolgen haben.
Er sagte:
„Statt bei
der Erziehung des jungen Menschenkindes den Wünschen und
Interessen des Vaters Priorität beizumessen, sollte vielmehr
ergründet werden, zu welcher Tätigkeit oder Wissenschaft
dieses (das Kind) die notwendige Begabung und Bereitschaft
mitbringt.“
Um dieses
herausfinden zu können, ist es zunächst einmal wichtig, zu
wissen, was unter „Interessen und Neigungen“ eigentlich zu
verstehen und wie das jeweilige Kind zu fördern und zu
aktivieren ist.
Was
heißt: Interessen, Neigungen?
„Interessen, Neigungen“ sind eine Art Hinzugezogensein und
Sympathie für etwas. Wenn beispielsweise gesagt wird:
„Er (oder
sie) interessiert sich für diese Tätigkeit“ so bedeutet das:
Diese
genannte Beschäftigung oder Arbeit macht ihm (oder ihr)
Freude. Sich mit dieser zu befassen, bereitet ihm Vergnügen,
weswegen er sich nach Kräften bemüht, sie in optimalster Weise
zu erledigen.
Interesse
und Begabung für etwas gehören in der Regel zusammen. Doch hin
und wieder kommt es vor, dass jemand zwar Freude an etwas hat,
aber dazu nicht geeignet ist, das heißt nicht genügend
Fähigkeiten und Voraussetzungen dafür mitbringt.
Wie sind
Neigungen zu erkennen?
Vater und
Mutter beobachten, wie sich ihr Kind zu Hause verhält, womit
es spielt und sich beschäftigt, was es erzählt, worüber es
spricht und wozu es seine Freude äußert.
Das
festzustellen ist nicht schwer. Mit dem, für das es sich
interessiert, spielt es. Am meisten ist es damit beschäftigt.
Liest es gern, machen ihm farbenfrohe Bilder und Gegenstände
Freude und malt oder bastelt es gern? Sind es technische
Dinge, für die es sich begeistert oder aber Schwimmen, Sport,
Tiere?
Vielleicht
das Arbeiten im Garten?
Kurz, bei
sorgfältiger Beobachtung ist nach einiger Zeit schon zu
erkennen, was dem Kind liegt. Allerdings müssen ihm
verschiedene Dinge und Möglichkeiten zur Verfügung stehen,
damit ersichtlich wird, wonach es greift.
Noch eins:
In schneller und kurzer Zeit zu einem Resultat zu kommen, ist
nur in wenigen Fällen möglich. Ausdauer und Geduld seitens der
Eltern sind schon vonnöten, wenn ernsthaft die kindlichen
Neigungen erkundet werden sollen...
Möglich ist
auch, dass das Kind selbst darüber spricht, was ihm besonderen
Spaß macht. Das heißt, sowohl an seinem Verhalten und Umgang
mit den Dingen als auch an seinem Fragen und Erzählen wird
ersichtlich, wofür es sich interessiert bzw. was ihm liegt.
Neigungen werden gefördert
Für was
sich das Kind interessiert, wissen wir jetzt. Nun geht es
darum, diese seine Neigungen zu fördern. Dieses ist ebenfalls
vielfach im Elternhaus machbar.
Die einen
und anderen werden nun sagen: Unser Kind hat Freude an Dingen,
die wir ihm zu Hause gar nicht bieten können bzw. unser Budget
übersteigt!
Hierzu
dieses: Das die Neigungen des Kindes gefördert und aktiviert
werden, hängt weitgehend von Verhalten und Einstellung der
Eltern ab, weniger vom Geldbeutel. Wenn das Kind erkennt, das
Vater und Mutter Anteil an seinen Interessen haben, sich mit
ihm über sie unterhalten, es über Leistungen oder Wissen auf
seinem Interessengebiet loben etc..., so wird es dadurch ganz
automatisch animiert, sich noch intensiver mit dem
Betreffenden zu beschäftigen. Stellt es aber fest, dass die
Eltern seine Freude an der Sache nicht teilen und sogar kein
Interesse und Verständnis für das, was ihm Freude macht und
liegt, zeigen, so reagiert es enttäuscht und verliert sein
Interesse ebenfalls.
Mit anderen
Worten: Anteilnahme, Lob und Bekräftigung der Eltern und –
soweit es zu realisieren ist – die Bereitstellung
entsprechender Möglichkeiten zur Förderung seines Interesses
bzw. seiner Begabung wirken höchst aktivierend.