Der Junge an der Tafel...
Er stand blass und beschämt neben der Tafel, seinen Blick zu
Boden gesenkt und schwieg zu den höhnenden Worten des Lehrers.
Dieser glaubte, mit groben, spottenden Bemerkungen das
Interesse des Schülers für Mathematik wecken oder aber ihn
dadurch zu mehr Fleiß und Eifer animieren zu können. Die
anderen Kinder saßen da und beobachteten stumm die Szene.
Der Lehrer
wusste nicht, dass er mit seinem Verhalten Persönlichkeit und
Selbstvertrauen dieses jungen Menschenkindes neben der Tafel
eine tiefe Wunde versetzt....
Sind denn
wohl allen Ernstes mit Schimpf und Hohn Interesse und Arbeits-
bzw. Lernfreudigkeit zu erreichen?!
Wenn es an
dem wäre, hätten sich die Propheten und großen Gottesmänner,
die gekommen waren, um zu führen und zu unterweisen, ebenfalls
einer solchen Methode bedient, um die Menschen von irrigem
Denken und Verhalten abzubringen.
Doch zurück
zu dem Jungen neben der Tafel. Oft hatte er sich derlei
demütigende Reden anhören müssen, dazu noch in Anwesenheit
seiner Mitschüler.
Dann
geschah eines Tages etwas völlig Unerwartetes. Und zwar im
Zeichenunterricht, als der Lehrer den verhänselten und
gedemütigten Jungen an die Tafel holte. Alle erwarteten, dass
er nun wieder gerührt und verspottet werden würde. Doch als
der Junge die Kreide ergriff und mit großem Können eine
wunderbare Zeichnung an der Tafel entstehen ließ, gerieten
alle in blasses Erstaunen. Ihre Bewunderung war ehrlich und
groß.
Von dieser
Stunde an begann das Zeichentalent des bis dahin abgewerteten
Knaben zu erstrahlen. Der Zeichenlehrer hatte die Fähigkeit
und Eignung des Jungen erkannt und alle begriffen, wie sehr
dieser „verkannt“ und wie falsch und voreilig er beurteilt
worden war. Großes Unrecht hatte man ihm zugeführt...
Zu erwähnen
ist, dass dieser Schüler später ein genialer Meister seines
Fachs wurde.
Betrachten
wir in einem Park die Vielfalt prächtig blühender und
duftender Blumen, durchzieht uns Freude. Allen ist bewusst,
dass eine jede Blume und Blüte von eigener, besonderer
Schönheit ist. Die eine verströmt betörenden Duft, die andere
ist von ihrer Form her außergewöhnlich anmutig und wieder eine
andere von erlesener Farbenpracht.
Die
Tatsache aber, dass jede Blume in ihrer Art schön und
erfreulich ist, trifft auch auf den Menschen zu. Ein jeder hat
seine spezifischen Vorzüge und Fähigkeiten.
Kommen wir
noch einmal auf die eben erwähnte Geschichte zurück: Niemand
hatte einen Erfolg dieses verspotteten Schülers für möglich
gehalten. Er war als „Unfähig“ und „armselig“ abgestempelt und
verhöhnt worden, etwas, das ihn in seiner Entwicklung hemmte.
Er glaubte selbst nicht mehr an sich, traute sich nichts zu.
War verzagt, stand als „Versager“ da, fühlte sich schwach,
elendig, entwürdigt und verhielt sich dementsprechend passiv.
Bis die
große Wende kam und deutlich wurde, dass er auf „seinem
Gebiet“ etwas leistete. Man erkannte sein Können an, er fühlte
sich ermutigt und motiviert und seine Genialität kam zum
Erblühen.
Darwin, der
berühmte Naturwissenschaftler, bekam zunächst seiner
„Trödelei“ und schwachen schulischen Leistungen wegen –
dieweil er sich jedoch für Sport und „Schöne Künste“ stark
interessierte- den Unwillen seines Vaters zu spüren. Dieser
warf ihm vor, ein „Schandfleck“ der Familie zu sein und den
Namen dieser zu entehren. Bis folgendes geschah.
Eine
Schiffsreise, bei der er naturwissenschaftliche Studien
vornahm. Ließ seine ihm von Gott gegebene Begabung in
Erscheinung treten und heranreifen.
Das wohl
größte Vergehen an Kindern ist, wenn ihre Persönlichkeit
verletzt und ins Schwanken gebracht wird. Spott, Hohn, Schimpf
und Demütigungen aller Art spielen hierbei eine wesentliche
Rolle. Nicht nur „Würde“ und „Persönlichkeit“ des Menschen
werden dadurch verwundet, sondern auch sein inneres
Gleichgewicht wird aus dem rechten Lot gebracht und sein
„Selbstvertrauen“ zerstört.
Bei
heranwachsenden Menschenkindern ist dieses ganz besonders
bedrohlich, da sie in dieser kritischen Entwicklungsphase
dringend innere Ruhe und Ausgeglichenheit bedürfen.
Schließlich
ist es dieses „innere Gleichgewicht“, das es uns ermöglicht,
Augen, Ohren und Geist für das Gute und Schöne ringsumher zu
öffnen und uns die Gelegenheit gibt, aus dem Leben sinnvoller
zu schöpfen.
Die
Grundfesten des Lebens sind Liebe und Güte. Wenn es nicht so
wäre, könnte niemand überleben. Würden dem Neugeborenen nicht
Liebe und Fürsorge seiner Mutter zuteil, ging es zu Grunde.
Kurz: Das
Wissen um die guten, menschenwürdigen Neigungen und Interessen
des Kindes bieten Eltern und Lehrern die Gelegenheit, den
„richtigen Hebel“ bei seiner Erziehung anzusetzen.
Das auch
bei der Ausarbeitung und Realisierung der Unterricht- und
Bildungsprogramme die Neigungen und Begabungen der Schüler
besondere Berücksichtigung finden, ist zu begrüßen. Einige
gehen sogar soweit und sagen, dass die Interessen des Kindes
allein ausschlaggebend für pädagogische Zielsetzungen zu sein
hätten.
Zu bedenken
ist jedenfalls, dass niemand für etwas zu gewinnen ist, wenn
ihm das notwendige Interesse dazu fehlt. Ob das nun Beruf,
Arbeit, Lernen oder Studium betrifft..., er wird sich kaum
bemühen und etwas leisten, wenn es ihn nicht „anspricht“ ihm
nichts „gibt“.
Das besagt
also, dass der desinteressierte Schüler das, das er lernen
müsste, nicht lernt. Das jedoch, was ihn interessiert. Lernt
er. Dafür setzt er sich ein und bemüht sich emsig und fleißig
darum. Auf diesem Gebiet will er etwas leisten. Und geradezu
sogar, seine eigenen Sachfehler ausfindig zu machen und sie zu
korrigieren.
Auf diese
Weise lernt er, die ihm gesetzten und seinem Interesse
entsprechenden Aufgaben gezielt und bestmöglich zu erfüllen,
womit er sich gleichzeitig – indirekt und unbewusst- auf die
Bewältigung seiner späteren Lebensaufgaben und – Probleme
vorbereitet.
Aus dem
Gesagten wird deutlich, das ein jeder, - Pflanze, Tier oder
Mensch- seine eigenen spezifischen Fähigkeiten und Qualitäten
besitzt. Der eine die, der andere jene. Wäre es angesichts
dieser Tatsache nicht deplatziert und ungerecht, zu erwarten,
dass jeder auch auf dem Gebiet, das ihm nicht „liegt“,
ebenfalls Großes zu leisten?
Neigungen,
Begabungen und Möglichkeiten der Menschen sind nicht die
gleichen und folglich auch nicht die Leistungen. Der, der hier
Können und Genialität beweist, zeigt dort, in einem anderen
Bereich, Schwächen. Denken wir an Newton. In seiner Kindheit
war von seiner außengewöhnlichen Fähigkeit und Begabung nicht
viel zu spüren. Im Gegenteil. Er schien lernschwach zu sein.
Doch später entfaltete er sich auf „seinem Gebiet“ zu einem
großen Genie und brachte Hervorragendes zuwege.
Ansporn
Je besser
wir das Kind kennen, umso leichter wird es uns, es zu erziehen
und heranzubilden. John Dewey, der bekannte Psychologe und
Pädagoge der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sagt:
Unser
Wissen über den Menschen, sein Wesen und seinen Charakter ist
verglichen mit dem, was wir beispielsweise über physikalische
Zusammenhänge wissen, äußerst gering. Was die Bildung und
Erziehung der Persönlichkeit, Gesinnung und Moral des
Menschen, die seinem Glück und Wohlergehen dienlich sind,
anbelangt, befinden wir uns folglich in den Anfängen.
Aufgrund
dieses Nicht- Wissens ist es, das tagtäglich Verwirrung und
Entgleisung unter den Jugendlichen zunehmen. Gewiss,
mannigfaltige Faktoren sind es, die dazu beitragen.
Einer davon
ist:
Unkenntnis
über Natur und Veranlagung des jungen Menschen.
Rousseau
äußerte: Wir haben über das Kind keine Kenntnis. Und da wir
falsche Vorstellungen von ihm haben, entfernen wir uns mit
jedem weiteren Schritt mehr und mehr vom richtigen Weg.
Rousseau
vertrat die Überzeugung, dass die Erziehung des Kindes und
Jugendlichen auf natürliche Weise zu erfolgen hat.
Darum sagte
er:
Die
Neigungen des Kindes sollten nicht unterdrückt werden, damit
sie sich entfalten können.
Und er
mahnte:
Die
natürlichen Neigungen und Interessen des Kindes sind zu
steuern, nicht aber zu ersticken und abzutöten. Wenn wir mit
Kindern zu tun haben, sollten wir wissen, das es nicht so ist,
dass wir es aus seiner natürlichen Modalität herausholen und
in eine Form pressen können, die wir für es vorbereitet haben.
Das Kind
verfügt von seiner Geburt an über eigene, spezifische
Charaktereigenschaften und wehrt sich mit Händen und Füßen
dagegen, in die Form, die wir für es vorgesehen haben,
hineingepresst zu werden. Es bemüht sich vielmehr, die
„anderen“ sich und seinen Besonderheiten anzupassen.
Das
bedeutete also, dass es nicht wie irgendein wiederstandsloses
„Rohmaterial“ zu handhaben ist, sondern seinen eigenen, seiner
Veranlagung und Natur gemäßen Wege zu gehen versucht.
Damit ist
allerdings nicht gemeint, dass der Charakter des Menschen
nicht zu beeinflussen wäre, sondern, das ein Großteil der
menschlichen Eigenschaften und Besonderheiten schon im Wesen
des Neugeborenen veranlagt sind. Zweifellos sind diese
Eigenschaften und Besonderheiten beeinflussbar, weshalb ein
jeder in der Lage ist, seine positiven Anlagen zu stärken und
zu fördern und seine negativen zu schwächen.
Somit also
ist es Sache und Aufgabe der Eltern, das Milieu, in dem das
Kind heranwächst, so zu gestalten, dass die natürlichen
Eigenschaften und Neigungen des Kindes sich positiv entwickeln
können, ohne das dem Kind Gewalt angetan wird. Es ist in
vernünftiger, seinem Wesen entsprechender Weise zu motivieren,
auf das sich seine in ihm ruhenden Interessen und Begabungen
frei zu entfalten vermögen.
Kurz: Es
gilt zu wissen und zu bedenken, dass es unmöglich ist, dem
Kind Neigungen und Interessen aufzuzwingen. Seine ureigenen
Neigungen und Interessen werden sich ganz von selbst- in einer
gewalt- und zwanglosen, positiven Umgebung- zu erkennen geben.
Bedauerlicherweise gehen jedoch einige nicht überlegt vor. Um
ihre Kinder zu „wohlgesitteten und Vernünftiges lernenden und
leistenden Menschen“ - wie sie meinen- zu erziehen, greifen
sie zu Zwang und Drohungen der verschiedensten Art und jagen
ihnen Angst und Schrecken ein. Tun ihre Söhne und Töchter
etwas, das ihnen, das heißt den elterlichen Wünschen
widerspricht, werden sie bestraft, oftmals roh und brutal. Es
versteht sich von selbst, dass sie damit die kindliche Seele
ungeheueren Belastungen aussetzen. Eine Vielzahl psychisch
kranker Kinder hat eine derartige elterliche „Behandlung“ –
eine Behandlung, die auf Unverstand, Rohheit und übermäßiger
Strenge und Unnachsichtlichkeit *fußte*- erfahren.
Noch einmal
sei in Erinnerung gerufen:
Die Natur
des Kindes ist nicht schlecht! Wenn es Unrechtes tut, so
deshalb, weil es es so geschehen und erfahren hat bzw. aus
irgendwelchen Gründen in derlei „moralische“ Verwirrung
getrieben wurde. Und da es in der Annahme geht, dass das, was
es tut- schließlich wurde ihn dieses oder ähnliches in seiner
Umwelt vorexerziert- sinnvoll und nützlich ist, wiederholt es
dieses.
Praktisches oder „natürliches“ Erfahren und Lernen.....
In der
Psychologie heißt es im Zusammenhang mit „Motivieren“ bzw.
„Provozieren“ wie folgt:
Erstellen
besonderer Bedingungen, um ein Verhalten hervorzurufen oder zu
verhindern. Das heißt, wenn beabsichtigt wird, den Menschen
oder das Tier zu etwas zu veranlassen- das heißt etwas zu tun
oder aber zu unterlassen- werden der Mensch oder das Tier mit
Bedingungen konfrontiert, die sie nötigen, sich zur Erreichung
des betreffendes Zieles anzustrengen oder aber von etwas
abzusehen.
Rousseau
erklärte:
Wenn ein
Kind etwas tut, was es nicht sollte, so bestraft es nicht.
Lasst es – nach Möglichkeit- auf ganz natürlicher Weise das
Ergebnis seines Tuns erkennen, damit sich sein „Erfahren und
Lernen“ ebenfalls auf ganz natürliche Weise vollziehen kann.
Es wird, wenn es plötzlich Schwierigkeiten gegenübersteht,
begreifen, dass es dieses oder jenes besser nicht tun sollte.
Wenn es zum
Beispiel in den Dampf, der aus dem heißen Wasserkessel
hervorsteigt, hineingreift, wird es seine Hand sogleich
aufschreiend zurückziehen. Es erkennt, dass derartiges Tun
nicht sinnvoll ist, weshalb es es nicht wiederholt.
Dieses
„praktische Lernen“ und „erfahren“ ist nachhaltiger und
überzeugender, als wenn man es unter Zwang, mit Verboten und
Drohungen von etwas abhalten wollte. (Allerdings sollte man es
nicht in allen Fällen „praktische Erfahrungen“ machen lassen,
da diese unter Umständen schwerwiegende und gar tödliche
Folgen haben könnten, *d. Ü.*)
Mit anderen
Worten:
Auf
natürliche Weise für etwas „bestraft“ zu werden, kann sich als
recht lehrreich erweisen. Es ist eine wertvolle „Motivation“,
die zu etwas veranlasst oder aber, wie eben genannter Fall,
von etwas abhält. Strafen, die dem Kind durch andere erteilt
werden, sind weder wirklich belehrend noch dienlich. Darum,
weil es sich aus Angst vor Strafe für das, was es getan hat,
in Lügen, Betrug und dergleichen verstrickt und zudem, da es
das „Schlechte“ seiner Tat nicht auf natürlicher Weise erkannt
und begriffen hat, den „möglichen „ Strafenden hintergehen und
bei nächster Gelegenheit das, was es nicht tun soll, jedoch
tun möchte, erneut vollziehen wird.
Auch Lob
und Belohnung nur im Rahmen des Natürlichen
Anzufügen
ist: Wenngleich es ganz gewiss besser und humaner ist, das
Kind durch Lob und Belohnung statt durch Drohung und Strafe zu
etwas zu animieren, so gilt dennoch auch hier:
Lob und
Belohnung, die den Rahmen des „Natürlichen“ sprengen, sind
ebenfalls nicht lehrreich und „bekömmlich“.
Zum
Beispiel:
Ein Vater
verspricht seinem Kind 5 €, damit es seine Schulaufgaben gut
erledigt. Um diese Belohnung zu erhalten, wird es also seine
Pflicht erfüllen. Nach und nach, so dieses väterliche Vorgehen
häufiger geschieht, wird das Kind annehmen, dass es Anspruch
auf das Geld und Belohnung hat, wenn es seinen Verpflichtungen
nachkommt. Bleibt dieser materielle Anreiz aus, so wird es zu
dem, was es zu tun hat, nicht so ohne weiteres bereit sein.
Sagt der
Vater aber: Gib dir Mühe, deine Aufgaben richtig zu erledigen,
damit du dadurch lernst und gute Noten bekommst, damit du
morgen in Studium, Beruf und Leben Erfolg hast und dich
darüber freuen kannst, und ähnlichem so kann man von „anregen
und Motivieren“ auf geistiger Ebene und im Rahmen des
Natürlichen sprechen. Auch daran wird sich das Kind gewöhnen
und seine Aufgaben und Pflichten nachkommen, insbesondere
dann, wenn es pädagogisch richtig gelenkt wurde.
Nebenbei:
Lob und Ansporn durch Belohnung dienen nur dem Zweck, ein
angestrebtes Ziel zu erreichen. Wenn dabei in Unkenntnis oder
Nachlässigkeit die natürlichen Grenzen überschritten werden,
so dass das Kind nur noch die „Belohnung“ im Auge hat, nicht
aber das „Ziel“, so werden nicht nur kein positives
pädagogisches Resultat, das mit der Belohnung beabsichtigt
war, daraus erwachsen, sondern darüber hinaus aller
Wahrscheinlichkeit nach recht negative Folgen.
Zusammengefasst: Je natürlicher Motivation und Anreiz sind,
umso erfolgreicher und optimaler ist das, was dadurch in die
Wege geleitet wird.