Abu Huraira

Gewusst wie....

Richtiger Umgang mit Kindern aus islamischer Sicht

von Magid Raschidpur

Inhaltsverzeichnis

Interessen und Begabungen wecken...

Der Junge an der Tafel...

Er stand blass und beschämt neben der Tafel, seinen Blick zu Boden gesenkt und schwieg zu den höhnenden Worten des Lehrers. Dieser glaubte, mit groben, spottenden Bemerkungen das Interesse des Schülers für Mathematik wecken oder aber ihn dadurch zu mehr Fleiß und Eifer animieren zu können. Die anderen Kinder saßen da und beobachteten stumm die Szene.

Der Lehrer wusste nicht, dass er mit seinem Verhalten Persönlichkeit und Selbstvertrauen dieses jungen Menschenkindes neben der Tafel eine tiefe Wunde versetzt....

Sind denn wohl allen Ernstes mit Schimpf und Hohn Interesse und Arbeits- bzw. Lernfreudigkeit zu erreichen?!

Wenn es an dem wäre, hätten sich die Propheten und großen Gottesmänner, die gekommen waren, um zu führen und zu unterweisen, ebenfalls einer solchen Methode bedient, um die Menschen von irrigem Denken und Verhalten abzubringen.

Doch zurück zu dem Jungen neben der Tafel. Oft hatte er sich derlei demütigende Reden anhören müssen, dazu noch in Anwesenheit seiner Mitschüler.

Dann geschah eines Tages etwas völlig Unerwartetes. Und zwar im Zeichenunterricht, als der Lehrer den verhänselten und gedemütigten Jungen an die Tafel holte. Alle erwarteten, dass er nun wieder gerührt und verspottet werden würde. Doch als der Junge die Kreide ergriff und mit großem Können eine wunderbare Zeichnung an der Tafel entstehen ließ, gerieten alle in blasses Erstaunen. Ihre Bewunderung war ehrlich und groß.

Von dieser Stunde an begann das Zeichentalent des bis dahin abgewerteten Knaben zu erstrahlen. Der Zeichenlehrer hatte die Fähigkeit und Eignung des Jungen erkannt und alle begriffen, wie sehr dieser „verkannt“ und wie falsch und voreilig er beurteilt worden war. Großes Unrecht hatte man ihm zugeführt...

Zu erwähnen ist, dass dieser Schüler später ein genialer Meister seines Fachs wurde.

Betrachten wir in einem Park die Vielfalt prächtig blühender und duftender Blumen, durchzieht uns Freude. Allen ist bewusst, dass eine jede Blume und Blüte von eigener, besonderer Schönheit ist. Die eine verströmt betörenden Duft, die andere ist von ihrer Form her außergewöhnlich anmutig und wieder eine andere von erlesener Farbenpracht.

Die Tatsache aber, dass jede Blume in ihrer Art schön und erfreulich ist, trifft auch auf den Menschen zu. Ein jeder hat seine spezifischen Vorzüge und Fähigkeiten.

Kommen wir noch einmal auf die eben erwähnte Geschichte zurück: Niemand hatte einen Erfolg dieses verspotteten Schülers für möglich gehalten. Er war als „Unfähig“ und „armselig“ abgestempelt und verhöhnt worden, etwas, das ihn in seiner Entwicklung hemmte. Er glaubte selbst nicht mehr an sich, traute sich nichts zu. War verzagt, stand als „Versager“ da, fühlte sich schwach, elendig, entwürdigt und verhielt sich dementsprechend passiv.

Bis die große Wende kam und deutlich wurde, dass er auf „seinem Gebiet“ etwas leistete. Man erkannte sein Können an, er fühlte sich ermutigt und motiviert und seine Genialität kam zum Erblühen.

Darwin, der berühmte Naturwissenschaftler, bekam zunächst seiner „Trödelei“ und schwachen schulischen Leistungen wegen – dieweil er sich jedoch für Sport und „Schöne Künste“ stark interessierte- den Unwillen seines Vaters zu spüren. Dieser warf ihm vor, ein „Schandfleck“ der Familie zu sein und den Namen dieser zu entehren. Bis folgendes geschah.

Eine Schiffsreise, bei der er naturwissenschaftliche Studien vornahm. Ließ seine ihm von Gott gegebene Begabung in Erscheinung treten und heranreifen.

Das wohl größte Vergehen an Kindern ist, wenn ihre Persönlichkeit verletzt und ins Schwanken gebracht wird. Spott, Hohn, Schimpf und Demütigungen aller Art spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Nicht nur „Würde“ und „Persönlichkeit“ des Menschen werden dadurch verwundet, sondern auch sein inneres Gleichgewicht wird aus dem rechten Lot gebracht und sein „Selbstvertrauen“ zerstört.

Bei heranwachsenden Menschenkindern ist dieses ganz besonders bedrohlich, da sie in dieser kritischen Entwicklungsphase dringend innere Ruhe und Ausgeglichenheit bedürfen.

Schließlich ist es dieses „innere Gleichgewicht“, das es uns ermöglicht, Augen, Ohren und Geist für das Gute und Schöne ringsumher zu öffnen und uns die Gelegenheit gibt, aus dem Leben sinnvoller zu schöpfen.

Die Grundfesten des Lebens sind Liebe und Güte. Wenn es nicht so wäre, könnte niemand überleben. Würden dem Neugeborenen nicht Liebe und Fürsorge seiner Mutter zuteil, ging es zu Grunde.

Kurz: Das Wissen um die guten, menschenwürdigen Neigungen und Interessen des Kindes bieten Eltern und Lehrern die Gelegenheit, den „richtigen Hebel“ bei seiner Erziehung anzusetzen.

Das auch bei der Ausarbeitung und Realisierung der Unterricht- und Bildungsprogramme die Neigungen und Begabungen der Schüler besondere Berücksichtigung finden, ist zu begrüßen. Einige gehen sogar soweit und sagen, dass die Interessen des Kindes allein ausschlaggebend für pädagogische Zielsetzungen zu sein hätten.

Zu bedenken ist jedenfalls, dass niemand für etwas zu gewinnen ist, wenn ihm das notwendige Interesse dazu fehlt. Ob das nun Beruf, Arbeit, Lernen oder Studium betrifft..., er wird sich kaum bemühen und etwas leisten, wenn es ihn nicht „anspricht“ ihm nichts „gibt“.

Das besagt also, dass der desinteressierte Schüler das, das er lernen müsste, nicht lernt. Das jedoch, was ihn interessiert. Lernt er. Dafür setzt er sich ein und bemüht sich emsig und fleißig darum. Auf diesem Gebiet will er etwas leisten. Und geradezu sogar, seine eigenen Sachfehler ausfindig zu machen und sie zu korrigieren.

Auf diese Weise lernt er, die ihm gesetzten und seinem Interesse entsprechenden Aufgaben gezielt und bestmöglich zu erfüllen, womit er sich gleichzeitig – indirekt und unbewusst- auf die Bewältigung seiner späteren Lebensaufgaben und – Probleme vorbereitet.

Aus dem Gesagten wird deutlich, das ein jeder, - Pflanze, Tier oder Mensch- seine eigenen spezifischen Fähigkeiten und Qualitäten besitzt. Der eine die, der andere jene. Wäre es angesichts dieser Tatsache nicht deplatziert und ungerecht, zu erwarten, dass jeder auch auf dem Gebiet, das ihm nicht „liegt“, ebenfalls Großes zu leisten?

Neigungen, Begabungen und Möglichkeiten der Menschen sind nicht die gleichen und folglich auch nicht die Leistungen. Der, der hier Können und Genialität beweist, zeigt dort, in einem anderen Bereich, Schwächen. Denken wir an Newton. In seiner Kindheit war von seiner außengewöhnlichen Fähigkeit und Begabung nicht viel zu spüren. Im Gegenteil. Er schien lernschwach zu sein. Doch später entfaltete er sich auf „seinem Gebiet“ zu einem großen Genie und brachte Hervorragendes zuwege.

Ansporn

Je besser wir das Kind kennen, umso leichter wird es uns, es zu erziehen und heranzubilden. John Dewey, der bekannte Psychologe und Pädagoge der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sagt:

Unser Wissen über den Menschen, sein Wesen und seinen Charakter ist verglichen mit dem, was wir beispielsweise über physikalische Zusammenhänge wissen, äußerst gering. Was die Bildung und Erziehung der Persönlichkeit, Gesinnung und Moral des Menschen, die seinem Glück und Wohlergehen dienlich sind, anbelangt, befinden wir uns folglich in den Anfängen.

Aufgrund dieses Nicht- Wissens ist es, das tagtäglich Verwirrung und Entgleisung unter den Jugendlichen zunehmen. Gewiss, mannigfaltige Faktoren sind es, die dazu beitragen.

Einer davon ist:

Unkenntnis über Natur und Veranlagung des jungen Menschen.

Rousseau äußerte: Wir haben über das Kind keine Kenntnis. Und da wir falsche Vorstellungen von ihm haben, entfernen wir uns mit jedem weiteren Schritt mehr und mehr vom richtigen Weg.

Rousseau vertrat die Überzeugung, dass die Erziehung des Kindes und Jugendlichen auf natürliche Weise zu erfolgen hat.

Darum sagte er:

Die Neigungen des Kindes sollten nicht unterdrückt werden, damit sie sich entfalten können.

Und er mahnte:

Die natürlichen Neigungen und Interessen des Kindes sind zu steuern, nicht aber zu ersticken und abzutöten. Wenn wir mit Kindern zu tun haben, sollten wir wissen, das es nicht so ist, dass wir es aus seiner natürlichen Modalität herausholen und in eine Form pressen können, die wir für es vorbereitet haben.

Das Kind verfügt von seiner Geburt an über eigene, spezifische Charaktereigenschaften und wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, in die Form, die wir für es vorgesehen haben, hineingepresst zu werden. Es bemüht sich vielmehr, die „anderen“ sich und seinen Besonderheiten anzupassen.

Das bedeutete also, dass es nicht wie irgendein wiederstandsloses „Rohmaterial“ zu handhaben ist, sondern seinen eigenen, seiner Veranlagung und Natur gemäßen Wege zu gehen versucht.

Damit ist allerdings nicht gemeint, dass der Charakter des Menschen nicht zu beeinflussen wäre, sondern, das ein Großteil der menschlichen Eigenschaften und Besonderheiten schon im Wesen des Neugeborenen veranlagt sind. Zweifellos sind diese Eigenschaften und Besonderheiten beeinflussbar, weshalb ein jeder in der Lage ist, seine positiven Anlagen zu stärken und zu fördern und seine negativen zu schwächen.

Somit also ist es Sache und Aufgabe der Eltern, das Milieu, in dem das Kind heranwächst, so zu gestalten, dass die natürlichen Eigenschaften und Neigungen des Kindes sich positiv entwickeln können, ohne das dem Kind Gewalt angetan wird. Es ist in vernünftiger, seinem Wesen entsprechender Weise zu motivieren, auf das sich seine in ihm ruhenden Interessen und Begabungen frei zu entfalten vermögen.

Kurz: Es gilt zu wissen und zu bedenken, dass es unmöglich ist, dem Kind Neigungen und Interessen aufzuzwingen. Seine ureigenen Neigungen und Interessen werden sich ganz von selbst- in einer gewalt- und zwanglosen, positiven Umgebung- zu erkennen geben.

Bedauerlicherweise gehen jedoch einige nicht überlegt vor. Um ihre Kinder zu „wohlgesitteten und Vernünftiges lernenden und leistenden Menschen“ - wie sie meinen- zu erziehen, greifen sie zu Zwang und Drohungen der verschiedensten Art und jagen ihnen Angst und Schrecken ein. Tun ihre Söhne und Töchter etwas, das ihnen, das heißt den elterlichen Wünschen widerspricht, werden sie bestraft, oftmals roh und brutal. Es versteht sich von selbst, dass sie damit die kindliche Seele ungeheueren Belastungen aussetzen. Eine Vielzahl psychisch kranker Kinder hat eine derartige elterliche „Behandlung“ – eine Behandlung, die auf Unverstand, Rohheit und übermäßiger Strenge und Unnachsichtlichkeit *fußte*- erfahren.

Noch einmal sei in Erinnerung gerufen:

Die Natur des Kindes ist nicht schlecht! Wenn es Unrechtes tut, so deshalb, weil es es so geschehen und erfahren hat bzw. aus irgendwelchen Gründen in derlei „moralische“ Verwirrung getrieben wurde. Und da es in der Annahme geht, dass das, was es tut- schließlich wurde ihn dieses oder ähnliches in seiner Umwelt vorexerziert- sinnvoll und nützlich ist, wiederholt es dieses.

Praktisches oder „natürliches“ Erfahren und Lernen.....

In der Psychologie heißt es im Zusammenhang mit „Motivieren“ bzw. „Provozieren“ wie folgt:

Erstellen besonderer Bedingungen, um ein Verhalten hervorzurufen oder zu verhindern. Das heißt, wenn beabsichtigt wird, den Menschen oder das Tier zu etwas zu veranlassen- das heißt etwas zu tun oder aber zu unterlassen- werden der Mensch oder das Tier mit Bedingungen konfrontiert, die sie nötigen, sich zur Erreichung des betreffendes Zieles anzustrengen oder aber von etwas abzusehen.

Rousseau erklärte:

Wenn ein Kind etwas tut, was es nicht sollte, so bestraft es nicht. Lasst es – nach Möglichkeit- auf ganz natürlicher Weise das Ergebnis seines Tuns erkennen, damit sich sein „Erfahren und Lernen“ ebenfalls auf ganz natürliche Weise vollziehen kann. Es wird, wenn es plötzlich Schwierigkeiten gegenübersteht, begreifen, dass es dieses oder jenes besser nicht tun sollte.

Wenn es zum Beispiel in den Dampf, der aus dem heißen Wasserkessel hervorsteigt, hineingreift, wird es seine Hand sogleich aufschreiend zurückziehen. Es erkennt, dass derartiges Tun nicht sinnvoll ist, weshalb es es nicht wiederholt.

Dieses „praktische Lernen“ und „erfahren“ ist nachhaltiger und überzeugender, als wenn man es unter Zwang, mit Verboten und Drohungen von etwas abhalten wollte. (Allerdings sollte man es nicht in allen Fällen „praktische Erfahrungen“ machen lassen, da diese unter Umständen schwerwiegende und gar tödliche Folgen haben könnten, *d. Ü.*)

Mit anderen Worten:

Auf natürliche Weise für etwas „bestraft“ zu werden, kann sich als recht lehrreich erweisen. Es ist eine wertvolle „Motivation“, die zu etwas veranlasst oder aber, wie eben genannter Fall, von etwas abhält. Strafen, die dem Kind durch andere erteilt werden, sind weder wirklich belehrend noch dienlich. Darum, weil es sich aus Angst vor Strafe für das, was es getan hat, in Lügen, Betrug und dergleichen verstrickt und zudem, da es das „Schlechte“ seiner Tat nicht auf natürlicher Weise erkannt und begriffen hat, den „möglichen „ Strafenden hintergehen und bei nächster Gelegenheit das, was es nicht tun soll, jedoch tun möchte, erneut vollziehen wird.

Auch Lob und Belohnung nur im Rahmen des Natürlichen

Anzufügen ist: Wenngleich es ganz gewiss besser und humaner ist, das Kind durch Lob und Belohnung statt durch Drohung und Strafe zu etwas zu animieren, so gilt dennoch auch hier:

Lob und Belohnung, die den Rahmen des „Natürlichen“ sprengen, sind ebenfalls nicht lehrreich und „bekömmlich“.

Zum Beispiel:

Ein Vater verspricht seinem Kind 5 €, damit es seine Schulaufgaben gut erledigt. Um diese Belohnung zu erhalten, wird es also seine Pflicht erfüllen. Nach und nach, so dieses väterliche Vorgehen häufiger geschieht, wird das Kind annehmen, dass es Anspruch auf das Geld und Belohnung hat, wenn es seinen Verpflichtungen nachkommt. Bleibt dieser materielle Anreiz aus, so wird es zu dem, was es zu tun hat, nicht so ohne weiteres bereit sein.

Sagt der Vater aber: Gib dir Mühe, deine Aufgaben richtig zu erledigen, damit du dadurch lernst und gute Noten bekommst, damit du morgen in Studium, Beruf und Leben Erfolg hast und dich darüber freuen kannst, und ähnlichem so kann man von „anregen und Motivieren“ auf geistiger Ebene und im Rahmen des Natürlichen sprechen. Auch daran wird sich das Kind gewöhnen und seine Aufgaben und Pflichten nachkommen, insbesondere dann, wenn es pädagogisch richtig gelenkt wurde.

Nebenbei: Lob und Ansporn durch Belohnung dienen nur dem Zweck, ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Wenn dabei in Unkenntnis oder Nachlässigkeit die natürlichen Grenzen überschritten werden, so dass das Kind nur noch die „Belohnung“ im Auge hat, nicht aber das „Ziel“, so werden nicht nur kein positives pädagogisches Resultat, das mit der Belohnung beabsichtigt war, daraus erwachsen, sondern darüber hinaus aller Wahrscheinlichkeit nach recht negative Folgen.

Zusammengefasst: Je natürlicher Motivation und Anreiz sind, umso erfolgreicher und optimaler ist das, was dadurch in die Wege geleitet wird.

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