Richtig
zu Erziehen ist nicht so einfach
Nein, zu
„erziehen“ ist wirklich nicht so einfach. Mit dem Menschen,
diesem geheimnisvollen Wesen, dessen Eigenschaften und
Besonderheiten noch lange nicht alle erkannt worden sind, ist
aufgrund des eben Genannten wahrhaftig nicht ohne
Fingerspitzengefühl und psychologisch- pädagogischen
Kenntnissen umzugehen. Und da so mancher Vater und manche
Mutter diese Vorrausetzung zur Erziehung ihres Kindes nicht
mitbringen, geraten – bedauerlicherweise- Kinder auf die
„schiefe Bahn“. Ganz abgesehen davon, dass es auch etliche
Jungen und Mädchen gibt, die, da sie aus irgendwelchen Gründen
elternlos und ohne mütterliche und väterliche Fürsorge und
Aufsicht aufwachsen, hin – und hergeschoben werden und sich
nicht so entfalten können, wie es sein müsste.
Erziehung, eine Art „Training“
Bewegung,
Gymnastik, Sport und dergleichen sind gut, stärken und Stählen
den Körper, erhalten ihn gesund. Dennoch, zu bedenken ist,
welche Sportart der Gesundheit des einzelnen dienlich ist.
Alles tut nicht allen gut! Kurz, ein jeder sollte sich für
etwas entscheiden, dass ihm zum Wohle ist.
Dieses
trifft auch für die Erziehung zu. Kinder sind nicht alle
gleich, können also nicht nach einem Schema erzogen werden.
Ihre individuellen geistigen und körperlichen Besonderheiten
sind zu berücksichtigen. Doch die Methode, auf die das
jeweilige Kind „anspricht“, zu erkennen, ist nicht so ganz
einfach.
Gewiss
haben auch jene Eltern, die sich und ihre Kinder aufgrund
ihrer Erziehungsfehler in Probleme und Komplikationen
verstrickten, den Wunsch gehabt, ihren Nachwuchs gut zu
erziehen. Sie wussten über grundlegende, allgemeine
Erziehungsregeln Bescheid und wandten sie in der Annahme, es
„richtig“ zu machen, an. Vergaßen jedoch dabei, dass es bei
der Anwendung „allgemeiner Erziehungsregeln“ auch „Details“ zu
beachten gibt.
Von etwas
ein „allgemeines“ Bild zu haben, ist gut, doch noch lange
nicht ausreichend, wenn man diese „Allgemeinkenntnis“ in die
Praxis umsetzen will. Derartiges hat in Übereinstimmung mit
den gegebenen „Einzelheiten“ zu geschehen. Das heißt also,
dass auch sie – diese individuellen, das jeweilige Kind
betreffenden Einzelheiten – genau festzustellen sind, wozu
Geduld und Beobachtungsgabe vonnöten sind.
Wohl kaum
jemand wird die „Grundregeln zur Erziehung“ ablehnen. Selbst
von jenen, die in völlig „asozialen“ Verhältnissen leben,
werden sie akzeptieren. Das, über das so mancher stolpert, ist
die Wahl der individuellen Erziehungsmethoden.
In der
Regel geht es den Eltern bei der Erziehung ihres Kindes um
zwei Ziele. Einmal wollen sie, dass sich ihr Nachwuchs froh
und gesund entwickelt und in seinem Leben Erfolg hat. Ein
gutes Ziel.
Zum anderen
aber möchten sie – und dieser Wunsch ist bei einigen sehr
stark ausgeprägt – dass sich ihr Kind so entfaltet und das
wird, was sie sich vorstellen. Und um das zu erreichen, setzen
sie ihre ganze Kraft ein. Auf Biegen und Brechen wollen sie
dieses Ziel erlangen, ob ihr Sohn oder ihre Tochter die
nötigen Voraussetzungen dazu mitbringen oder nicht! Selbst vor
Druck und Gewalt schrecken sie dabei nicht zurück.
Eine
kindgerechte, individuelle und optimale Erziehung aber ist
die, die die Fähigkeiten und Besonderheiten des Kindes
berücksichtigt, auf dieser quasi „aufgebaut“ ist.
Was liegt
dem Kind? Was macht ihm Freude? Zu was eignet es sich? Diese
Fragen müssen zunächst einmal abgeklärt werden.
Dementsprechend sind ihm dann Vorschläge zu machen.
Wohlgemerkt: Vorschläge, nicht Befehle! Keinesfalls darf es zu
etwas, dass den Eltern „gefällt“, ihm aber nicht, gezwungen
werden!
Nicht
wenige sind es – und früher waren es noch mehr – die infolge
ihrer Unlogik und Kurzsichtigkeit ihre Kinder zu einer
Tätigkeit oder einem Beruf zwangen, der diesen so gar nicht
lag und für den sie nicht die geringste Eignung mitbrachten.
In den überwiegenden Fällen sind die Folgen recht betrüblich,
ganz zu schweigen davon, dass der von den Eltern erhoffte
Erfolg meistenteils ausbleibt. Der junge Mensch aber, der
genötigterweise und ungern etwas tut und darüber hinaus noch
erfolglos ist, versinkt – bisweilen – mit der Zeit in
Depressionen, die sich bis zu Suizidgedanken steigern können.
Das Kindern
und Jugendlichen die elterlichen Ansichten und Wünsche
aufgezwungen werden, ist in etlichen Familien noch gang und
gebe und geht bisweilen soweit – wir sprachen bereits darüber-
dass Wünsche und Interessen der Söhne und Töchter selbst bei
der Wahl des Ehepartners bzw. der – Partnerin Unberücksicht
bleiben. Eine äußerst verhängnisvolle Situation....
Kurz: Ein
rücksichtsloses, unerbittliches Diktat der Eltern führt zu
Komplexen und Verhaltensstörungen bei dem heranwachsenden
jungen Menschen, die im Laufe der Zeit immer heftiger werden,
bis es dann eines Tages zur großen „Explosion“ kommt. Flucht
aus dem Elternhaus, Vagabundieren, sogar kriminelle Delikte
und Selbstmord. Oder aber offene und gar „tätliche“ Rebellion
gegen die Eltern..., alles Erscheinungen, die aus derartigen
falschen Erziehungsverfahren entstehen können.
Nicht
anders ist es mit harten „Zwangsmaßnahmen“, die in Sachen
„Religion und Glauben“ ergriffen werden. (Dieweil die Religion
doch Zwang ablehnt und dazu aufruft, das Kind durch Verstehen,
Erkennen und das gute Vorbild seiner Erziehungsbeauftragten
mit Gott und Gottes Wort vertraut zu machen).
Jedenfalls,
nachdem der junge Mensch den Druck, der auf ihn ausgeübt wird,
nicht ertragen kann. Entledigt er sich aller „aufgelasteten“
Verpflichtungen und schlägt oftmals eine entgegengesetzte
Richtung ein.
Eine große
Pflicht der Eltern besteht daher darin, die Neigungen und
Empfindungen ihrer Kinder herauszufinden und dementsprechend –
das heißt auf Grundlage deren Interessen, Begabungen und
Fähigkeiten – diese zu erziehen, zu lenken und zu beraten.
Zwang und Gewalt sind kein Erziehungsmittel und führen auf
längerer Sicht gesehen zu nichts als nur zu
Verhaltensstörungen und Abbruch des Vertrauensverhältnisses
zwischen Eltern und Kindern.
Auch in
Sachen „Glauben und Religion“ ist mit Güte und Milde
vorzugehen. Nur so kann das Interesse für Glaubensdinge im
Kind – und zwar in selbstaktiver Form- erwachen und wachsen.
Imam Baqir
(a.s) überlieferte dieses Wort des Propheten Muhammad (s.a.s):
„Das Fundament des
Glaubens ist die feste, innere Überzeugung. Zwingt niemanden
zu Gottesanbetung, damit ihr nicht seid wie jene Reiter, die
aufgrund dessen, das sie ihre Pferde hetzen und rücksichtslos
antreiben, nicht nur nicht ihr Ziel erreichen, sondern auch
ihr Tier aus der Hand geben. Auf vernünftige, umsichtige Weise
ist zu Gottesanbetung und – Dienerschaft aufzurufen!“
Nicht nur,
dass das Kind so werden soll, wie es die Eltern wollen..,
nein, manche Mütter und Väter meinen sogar, es so erziehen zu
müssen, wie sie selbst eins erzogen wurden. Nach dem gleichen
Schema und mit den selbigen Zielsetzungen.
Nun ist es
aber so, dass das Kind für seine „Zukunft“ vorzubereiten ist.
Daher gilt es, die Erwartungen von heute und gegebenenfalls
von morgen, die an den Menschen gestellt werden, bei der
Erziehung mitzuberrücksichtigen. Nicht die von gestern und
vorgestern! Die Möglichkeiten von heute und eventuell auch von
morgen sind miteinzubeziehen, denn die von gestern sind
weitgehend überholt!
Was den
Islam anbelangt, so bezieht er diese Realität wie auch
individuellen Fähigkeiten in sein Konzept mit ein. Das heißt,
ein jeder ist seinen Möglichkeiten und Begabungen gemäß
gefordert. Mehr wird von niemanden verlangt. Und er betont:
Niemand ist
zu etwas aufzurufen, das seine Kräfte übersteigt!
Imam
Hussayn (a.s) weist auf diesen Aspekt hin:
„Die Möglichkeiten
der einzelnen, ihren Glaubensverpflichtungen nachzukommen,
sind unterschiedlich. Von dem, der schwächer ist, ist nicht
das zu erwarten, was der Stärkere zu leisten vermag.“
Hinzugefügt
sei in diesem Zusammenhang noch dieser Hinweis:
Aufgezwungenes wirkt sich ganz sicher negativ aus, doch
zügellose Freiheiten, wie sie in unserer Zeit in vielen
Gebieten unseres Erdenrundes zu beobachten sind, nicht
weniger, wenn nicht gar mehr. Darum sollten Eltern ihren
Nachwuchs weder durch Zwang und Druck „gefügig“ machen, noch
ihnen uneingeschränkte Freiheiten, durch die unausbleiblich
Rechte und Freiheiten anderer mit Füßen getreten werden,
zubilligen.
Wissbegier
Das Tier
handelt intensiv. Das heißt, sein Verhalten ist den in ihm
veranlagten Naturtrieben unterworfen. Wenn es das, was es
benötigt, erreicht hat, ist sein inneres Gleichgewicht
hergestellt. Es gibt sich damit zufrieden und „setzt sich zur
Ruhe“, bis das es erneut etwas bedarf.
Der Mensch
aber hat abgesehen von seinen natürlichen, materiellen
Bedürfnissen auch geistige. Das aber bedeutet, das er auch
dann, wenn für sein leibliches Wohl gesorgt ist und seine
materiellen Erfordernisse erfüllt sind, immer noch „strebt“.
Zu seinen geistigen und in seiner Natur veranlagten Neigungen
zählt seine Wissbegier. Ein elementarer Trieb, der dem
Menschen seit jenem Augenblick, da er seinen Fuß in diese Welt
setzte, innewohnte. Schon dem Urmenschen ging es, wenn er
Hunger und Durst gestillt hatte, darum, „voranzukommen“ und
über sich und die materielle als auch immaterielle Welt
nachzudenken.
Und auch
der heutige Mensch, der dabei ist, das Weltall zu erobern, ist
trotz seiner materiellen Erfolge immer noch „durstig“. Ein
tiefes Sehnen spürt er in sich. Ein Sehnen, das womöglich
intensiver und drängender ist als das des Urzeitmenschen.
Darum, weil sich dieser – der Urzeitmensch – um
Angelegenheiten wie Sattwerden, Unterkunft finden, Schutzsuche
und dergleichen sehr viel mehr bemühen musste als es heute der
Fall ist.
Dem Streben
und Sehnen des Jetztzeit- Menschen liegen zwei wesentliche
Faktoren zugrunde:
Zum einen
ist er aufgrund seines – die gesamte bisherige
Menschheitsgeschichte hindurch kontinuierlich gegebenen-
„Wissen- Wollen“ und Forschens vielen Wahrheiten auf die Spur
gekommen. Dieses Wissen aber und das Weltbild, das er erworben
hat, motiviert und intensiviert seine Wissbegier und drängen
ihn, auch den Gegebenheiten außerhalb des Materiellen näher zu
kommen.
Zum
anderen: Ihm stehen heute Möglichkeiten und Mittel, die ihm
sein materielles Dasein erleichtern, in Massen zur Verfügung.
Dennoch hat er innerlich nicht zur Ruhe und Frieden gefunden.
Noch immer fehlt ihm etwas. Nahezu versunken in Materialität
spürt er, wie Unruhe und Unsicherheit in ihm anwachsen. Und so
ist er auf der Suche nach einem Mittel, einer Medizin, die ihm
Ruhe und Frieden schenkt.
Vielleicht
ist die Ursache so mancher neuer Lehrer in dieser Suche nach
Seelenfrieden verborgen, in dem ermüdenden und – wie es
scheint – ausschließlich auf Materialität ausgerichtetem
Dasein, dessen er überdrüssig geworden ist. – in seinem
Verlangen nach Befreiung von knebelnden sozialen Bedingungen
und Bestimmungen. Wenngleich auch – im Endeffekt nichts
brachten und bringen als weitere Verwirrung...
Diese
Wissbegier, dieses „Wissen- und Erforschen wollen“ ist nicht
etwas, das nur die Erwachsenen betrifft, sondern auch und im
Besonderen die Kinder. Von klein auf sind sie neugierig,
wollen ergründen und in Erfahrung bringen.
Ebenso wie
sie um gesund zu bleiben und wachsen zu können, Nahrung
benötigen, bedarf auch ihr Geist ausreichende Kost. Da wir
bereits eingangs darüber sprachen, wollen wir an dieser Stelle
nur noch einmal in aller Kürze auf diesen Punkt hinweisen:
Die Fragen
des Kindes sind nicht belanglos und ohne Bedeutung, sondern
entspringen vielmehr dem natürlichen menschlichen Wunsch nach
Wissen. Mit anderen Worten: Die kindliche Neugier ist nicht
sinn- und zwecklos, sondern die Voraussetzung zu Begreifen und
Erkennen. Darum sind die Fragen kindgerecht, das heißt
verständlich und gewissenhaft zu beantworten.
Wissenschaftliche Studien ergaben, dass dem Menschen ein
Streben und Verlangen innewohnt, das ihn antreibt und
aktiviert. Im Rahmen von Forschungsarbeiten über seelisch-
geistige Motivationen, bei denen die verschiedensten Faktoren
analysiert wurden, stieß man häufig auf das „sehnen“ nach
„Erkunden und Erkennen“. Es wurde zudem festgestellt, dass
dieses „Erforschen- und Wissen wollen“ nicht bei allen
Menschen gleich stark ausgeprägt ist, das vielmehr klaffende
Unterschiede zwischen den einzelnen Personen bestehen.
Kurz: Die
Wissbegier des Menschen ist weitgehend von Milieu und Umwelt,
in der er lebt, abhängig. Je aufgeschlossener diese für
Wissensdinge ist, umso mehr wird auch er in diese Richtung
gelenkt. Auch er will forschen, ergründen, verstehen. Ist
jedoch sein Lebensmilieu beengt und ohne Anregung und Impuls,
so wird auch sein Wissen- Wollen nicht sonderlich
„angesprochen“ und aktiviert. Das, was er weiß, genügt ihm.
Damit gibt er sich zufrieden.
Mit anderen
Worten: Es besteht ein Zusammenhang zwischen seiner Wissbegier
und seinen Interessen. Drehen diese sich nur um sein
leibliches Wohl wie Essen, Trinken, Schlafen etc. so wird sich
seine Wissbegier mehr oder weniger auch nur auf diesen Rahmen
beschränken. Gehen sie jedoch über diesen hinaus und gewinnt
er Kontakt zu anderen Dingen, Themen und Gedanken, so wächst
auch sein Wunsch, mehr wissen zu wollen.
Die
Persönlichkeit des Menschen aber reift mit dessen geistiger
Entfaltung. Das heißt, je aktiver, kreativer und gesunder sein
Geist und seine Gedanken sind, umso mehr findet er zu
„menschlicher Persönlichkeit“, zu wirklichem“Mensch-Sein“.
Nur, wie bedauerlich: Viele sind es, die sich zwar der
Kategorie „Mensch“ zuordnen, jedoch Tieren gleich ihre ganze
Energie und schöpferischen Fähigkeiten für leibliche Belange
und materielles Wohlergehen verwenden
Cronbach
schreibt im Zusammenhang mit der „Erziehung und Förderung der
Wissbegier“:
„Pascal“
(bekannter französischer Religionsphilosoph, Mathematiker und
Physiker) war an dem Erlernen der Dinge, die mit ihm und
seiner Umwelt in Zusammenhang standen, sehr interessiert. Für
alles und jedes suchte er nach einem Grund. Von klein auf
machte es ihm Freude, sich mit naturwissenschaftlichen Themen
zu befassen und darüber nachzudenken. Seine Genialität auf dem
Gebiet der Geometrie zeigte sich schon, als er noch keine
zwölf Jahre alt war. Sein Vater wollte, dass er, bevor er sich
intensiver mit der Mathematik befasst, Sprachen lernte,
weshalb er sämtliche mathematischen Abhandlungen aus seiner
Reichweite entfernte. Auch vermied er es, in Anwesenheit
seines Sohnes mathematische Probleme zu erörtern. Jedoch seine
Sohnes für Mathematik nicht zu dämmen.
Pascal bat
seinem Vater, Ihn in mathematischen Fächern zu unterrichten.
Sein Vater lehnte dieses ab.
Pascal
mathematisches Interesse aber lies, ihn nicht los. Ständig war
er in Gedanken mit rechnerischen Fragen beschäftigt. Mit
Kreide beschrieb er die Wände seines Zimmers mit
mathematischen Problemen und Skizzen, bis dass er schließlich
vollständige Beweisführrungen für geometrische Gegebenheiten
erkannte.