Was ist „Disziplin“?
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er kommt zur Welt und ist
von Anfang an nicht allein. Im Elternhaus- das heißt in der
Gemeinschaft mit Eltern und Geschwistern- wächst er auf. Ohne
Kontakt zu anderen Menschen würde er zugrunde gehen.
Zu beachten
ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Menschen, auch
wenn sie miteinander leben, nicht ein und die gleichen
Ansichten, Neigungen und Interessen haben. Und es ist klar,
dass es dann, wenn ein jeder darauf beharrte, seine Wünsche
unbedingt und ohne Rücksicht auf die der anderen
durchzusetzen, zu Reibungen, Komplikationen und chaotischen
Zuständen käme. Damit dieses verhindert wird und ein jeder zu
seinem Recht kommt, gibt es Gesetze.
Ohne eine
Gesetzesordnung ist in der menschlichen Gemeinschaft ein
intaktes, friedliches Zusammenleben nicht möglich.
Vorausgesetzt allerdings, das es sich um eine sinnvolle, allen
Beteiligten gerecht werdende Gesetzesordnung handelt. Das
versteht sich jedoch von selbst, weshalb wir auf diesen Punkt
nicht näher einzugehen brauchen.
Mit anderen
Worten: Der Mensch bedarf als soziales und in der Gemeinschaft
anderer lebendes Wesen Regelungen und Bestimmungen, die er wie
alle anderen seiner Gesellschaft zu respektieren hat. Zu
seinem und aller Wohle. Denn auch diesbezüglich dürfte es
keinen Zweifel geben:
Das
Gegebensein von Gesetzen genügt allein nicht, um unliebsame
Konfrontationen im Miteinander mit den Mitmenschen zu
vermeiden. Sie müssen auch befolgt werden. Und zwar von einem
jeden. Das heißt also, dass in allen Bereichen des
menschlichen Lebens das Gesetz in Kraft treten und wirksam
werden muss.
Diese
Einhaltung von Anordnungen und Bestimmungen – ob im Kreise der
Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder sonst wo- wird
als „Disziplin“ bezeichnet.
Wie ist
der „Sinn“ für Disziplin zu erreichen?
„Disziplinierte“ Leute sind, wie nicht anders zu erwarten,
„ordentlich“ in ihrem Leben. Ihr Arbeiten, Studieren, ihre
Unternehmungen und selbst ihre „Freizeit“ sind geregelt. Bei
ihnen läuft weitgehend – Ausnahmen bestätigen die Regel und
sind niemals ausgeschlossen – alles reibungslos und nach Plan
ab, etwas, dass ihnen natürlich so manches erleichtert.
Jeder von
uns hat gewiss seine Erfahrungen mit „unordentlichen „
Zeitgenossen gemacht. Ihre „Ordnung“ besteht in einer
permanenten „Unterordnung“. Das, was für sie nicht existieren
scheint, sind Planung, Programm und Disziplin. Und auch wenn
sie über sämtliche technischen und außer-technischen
Möglichkeiten, die das Ordnung- Halten erleichtern, verfügten,
so brächten sie dennoch keine Ordnung in ihr Leben. Darum,
weil ihnen der „Sinn“ dafür einfach fehlt. Sie verstehen
nicht, koordiniert zu planen, geschweige denn, sich an
„geordnete Abläufe“, an Programme zu halten.
Disziplin
und Ordnungsliebe sind von äußeren Faktoren wie
Umweltbedienungen, Zufällen, außergewöhnlichen Ereignissen und
deratigem kaum abhängig. Vielmehr von Einstellung und Haltung
des Betreffenden.
Darum haben
Eltern und Lehrer dem Kind diese „Ordnungsliebe“ zu
vermitteln, das heißt in sein Inneres „hineinzupflanzen“. Und
zwar durch ihr eigenes Vorbild, das dem Kind begreiflich
macht, wie nützlich sich Ordnung und Disziplin auszuwirken
vermögen. Auf andere Weise – wie z.B. durch technische
Möglichkeiten, die eventuell zur Verfügung gestellt werden
oder gar Drohungen und dergleichen – kann in diesem jedenfalls
kein echter und bleibender Ordnungssinn hervorgerufen werden.
Darum, weil grundsätzlich äußere Faktoren ohne nennenswerten
Einfluss auf die innere Einstellung sind. Das heißt also: Von
innen heraus müssen Verständnis für Ordnung und Disziplin
wachsen.
Ordnung
und Disziplin gehören zu den „Grundpfeilern“ des menschlichen
Lebens
Auch im
Reich der Tiere gibt es zahlreiche Gattungen, die in der
Gemeinschaft leben und zwar nach bestimmten Regeln. Bei den
Honigbienen beobachten wir zum Beispiel eine erstaunliche
Ordnung. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, übernehmen die
Auskundschafter- Bienen ihre „Aufklärungsflüge“ und
unterrichten dann die übrigen ihre „Gemeinschaft“ über die
Umweltsituation. Schnell werden nun die anfallenden Aufgaben
verteilt. Die einen fliegen zu diesen Blüten, die anderen zu
jenen etc...
Bei allen
Tierarten ist dieser „Ordnungssinn“ jedoch nicht vorhanden und
wenn, so nicht aufgrund von bewusster Planung, sondern mehr
oder weniger aufgrund eines instinktiven Verhaltens.
Diese
verstandesbedingte Respektierung von Regeln und Gesetzen ist
eine Besonderheit, die im menschlichen Leben in Erscheinung
tritt und auf der das Gesellschaftsgefüge basiert.
Zudem:
Ein
disziplinierter Mensch hat sich selbst im Griff, ist
infolgedessen nicht so leicht für Absurditäten zugänglich und
findet aufgrund seines folgerichtig- geordneten Denkens zu
einer Übersicht und Wachheit, mittels der er recht schnell zu
erkennen vermag, was gut für ihn ist und was nicht. Er ist
aufmerksam, vermeidet sinnlose Kontroversen und gibt Acht, das
seine Kräfte und Fähigkeiten nicht vergeudet werden.
Das gleiche
gilt selbstredend für das disziplinierte Kind. Es hat- in der
Regel ist es so – Erfolg in der Schule und weiß auch seine
freie Zeit sinnvoll zu nutzen, da es nach Plan und Programm
vorgeht und Lernen bzw. Freizeit nicht dem Zufall überlässt.
Im Gegensatz zum unordentlichen Schüler, der mehr oder weniger
in den Tag hinein lebt…, Lust und Laune gemäß.
Ordnung
und Freiheit
Einige
mögen vielleicht meinen, dass Ordnung und Freiheit nicht
miteinander zu vereinbaren seien. Doch dem ist nicht so. Wenn
wir unser Kind zu Ordnungsliebe und Disziplin erziehen wollen,
so nicht deswegen, um es einzuschränken und ihm seinen
Bewegungsspielraum zu nehmen, sondern vielmehr, um ihm zu
zeigen, wie es mit seiner Freiheit richtig umzugehen hat, ohne
gegen Freiheit und Rechte anderer zu verstoßen.
Es ist
völlig klar, dass sich auch das Kind – wie grundweg jeder
Mensch – in die Gemeinschaft „einordnen“ muss, um weitgehend
friedlich und ungestört leben und sich in seiner Umgebung
wohlfühlen zu können.
Ganz
abgesehen davon, das Disziplin und Ordnung eine Freiheit
ermöglichen, die konstruktiv und zum Wohle aller ist, eben
weil sie „gezügelt“ ist und nicht „rücksichtslos“. Eine solche
Freiheit ist dem intakten Miteinanderleben in der Gesellschaft
dienlich, nicht aber eine, die nur das eigene „Ich“ gelten
lässt und somit – wenn alle so dächten – zu chaotischen
Zuständen führen würde!
Wann ist
die rechte Zeit, um im Kind „Ordnungssinn“ zu wecken?
Hier taucht
folgende Frage auf: Ab welchem Alter ist es angebracht, im
Kind den Sinn für Ordnung und diszipliniertes Verhalten
wachzurufen?
Offensichtlich ist, dass das Neugeborene nichts weiß und noch
alles lernen muss. Es vermag sich nicht allein zu helfen,
benötigt unsere volle Zuwendung, Fürsorge und Unterstützung.
Seine Nahrung, Hygiene, selbst sein Schlaf und Wohlbefinden
stehen in engem Bezug zu denen, die sich um ihn kümmern. Ohne
sie würde es verhungern und kläglich zugrunde gehen. Es muss
gefüttert, trockengelegt, gewickelt, gebadet und zum Schlafen
gebracht werden.
Erst wenn
es herangewachsen ist, kann es diese Dinge allein verrichten
und es beginnt, auf eigenen Füßen zu stehen.
Die
geeignete Zeit, in der es mit den Regeln der Ordnung – nach
und nach – vertraut gemacht werden kann, ist somit seine
Kindheit. Das heißt, jene Zeit zwischen Säuglingsalter und
Jugendalter.
In dieser
Phase ist es sinnvoll, wenn sich Eltern und Lehrer darum
bemühen, dem Kind den Zugang zu rechtverstandener Ordnung und
Disziplin zu verschaffen, damit es- unter der geduldigen
Anleitung und Hilfe der Größeren – zu einem disziplinierten
Menschen heranwächst.
Über-
und Untertreibung
Einige sind
der Auffassung, dass das Kind zu „Ordnung“ gezwungen werden
muss. Durch Drohungen, Verweise und gar Strafen. Darum, weil
es von seiner Natur her „unordentlich“ sei und zudem
„garstig“. Mit Milde und Langmut sei jedenfalls nichts zu
erreichen. So reden und so handeln sie.
Andere
meinen: Das Kind ist von seiner Natur her „gut“. Es ist so zu
belassen, wie es ist. Das, was es tun möchte, sollte es tun
können. Es darf in seiner Freiheit und seinem Wollen nicht
eingeschränkt werden. Keinesfalls sei von der Regel „Zucht und
Ordnung“ Gebrauch zu machen. Kurz: Es muss sich völlig frei-
ohne Grenzen und Schranken – bewegen können, damit seine
Begabungen und Fähigkeiten zu optimaler Entfaltung finden.
Wir aber
meinen: Was die erstgenannte Ansicht betrifft, sind Kinder,
die stets unterdrückt und bedroht werden und sich Erwachsenen
gegenüber unentwegt beugen und fügen müssen, nur selten echte
Initiative und Kreativität fähig. Ganz zu schweigen davon,
dass sie kein Selbstvertrauen entwickeln können. Mit dem
Resultat, das sie später, im gesellschaftlichen Leben, am
Arbeitsplatz etc. aller Wahrscheinlichkeit nach hilflos und
ängstlich dastehen werden.
Zu der
zweiten Auffassung soviel: Kinder, denen uneingeschränkt
Freiheiten eingeräumt werden, nehmen ebenfalls auf lange Sicht
gesehen Schaden. Darum, weil sie sich in der Gesellschaft
nicht „einordnen“ und somit nicht zurechtfinden können. Sie
haben nicht gelernt, Gesetze und Regeln- und folglich die
Freiheiten anderer- zu beachten und gelten zu lassen.
Undiszipliniert und bedenkenlos werden sie um ihre eigene
Freiheit willen die Rechte anderer verletzen. Die
Leidtragenden sind unter anderem sie selbst, da sie
selbstverständlich überall anecken und auf Widerstand stoßen
werden. Zudem wird es für sie echte Freundschaften kaum geben.
Ihr Leben in der Gemeinschaft ist kein „Miteinader“ mit den
anderen, sondern vielmehr ein „Gegeneinander“. Deswegen, weil
sie an eine uneingeschränkte Freiheit gewöhnt sind und nicht
wissen, dass eine menschenwürdige, konstruktive Freiheit jene
ist, bei der die Rechte aller gewahrt bleiben.
Das heißt
also: Weder die eine Auffassung noch die andere ist unseren
Kindern dienlich. Doch…, es gibt eine dritte, die –
vorausgesetzt, das sie realisiert wird- die negative
Ergebnisse der beiden genannt vermeidet und das Kind für ein
soziales Leben bereitmacht.
Disziplin…, vernünftig angewandt
Gemäß
dieser letztgenannten Ansicht bemühen sich kluge Eltern also,
ihr Kind so zu anzuleiten, dass es bewusst und gern den Regeln
der Ordnung nachkommt. Genau das aber ist das angestrebte
Ziel, nämlich, dass das Kind Sinn und Zweck der Ordnung
begreift und entsprechend handelt.
Bei dieser
Erziehungsmethode bedeuten Disziplin nicht blindes Gehorchen,
sondern hier wird die kindliche Vernunft angesprochen. Anstatt
durch ständiges „Tu das“ und „Lass das“ das Kind zu
verunsichern und einzuengen, wird es respektiert dafür
gesorgt, ihm durch das eigene gute Vorbild Sinn und Vorzüge
von Ordnung und Disziplin Nahezubringen und begreiflich zu
machen, wie viel besser und leichter es sich mit der
Einhaltung entsprechender Regeln und Rücksichten leben lässt.
Mitbestimmung
Das, was
vorrangig und unbedingt zu beachten ist, ist der Schutz der
Persönlichkeit und Würde des Kindes. Während des gesamten
Erziehungsprozesses darf seiner Persönlichkeit nicht der
geringste Riss zugefügt werden. Unter Berücksichtigung dieses
wesentlichen Punktes sind Regeln und Bestimmungen, die im
Sinne eines geordneten und die Rechte aller respektierenden
Familienlebens festgestellt werden; nicht einfach dem Kind
aufzudiktieren, sondern ihm zu erklären und es gegebenenfalls
an der „Familien- Gesetzgebung“ teilhaben zu lassen.
Offensichtlich ist, dass Regelungen, die das Kind
„mitbestimmen“ kann, ganz gewiss von ihm bereitwilliger
eingehalten werden als solche, die ihm lediglich „serviert“
werden und deren Notwendigkeit es oftmals nicht versteht.
Somit:
Sollte es darum gehen- was verhütet sein möge! – dass das Kind
sich gleich einem willenlosen Werkzeug in unserer Hand unserer
Gewalt beugt, so erreichen wir ist dieses nur durch Zwang und
Nötigung unsererseits und blinden Gehorsam seinerseits.
Wollen wir
es aber zu einem selbstständigen denkendem und positiven
Menschen erziehen…, zu einem Menschen mit Persönlichkeit,
gesunden Gedanken, Initiative und Noblesse, der sich im Leben
und in der Gesellschaft zurechtfinden vermag und erfolgreich
ist, müssen wir ihm erlauben, hinsichtlich der Bestimmungen ,
die im Sinne eines friedlichen und intakten Familienlebens
„erlassen“ werden, ein Wörtchen mitreden zu dürfen. Das heißt,
auch seine Ansichten und Wünsche sind zu berücksichtigen,
nicht nur die der Größten.
Ordnung:
ja! Ordnungswahn: nein!
Eltern und
Lehrer haben also zu bedenken, dass Ordnung und Disziplin, die
wir meinen und auf die wir eben hinwiesen, zum Wohle des
Kindes und unerlässlich zu einem erfolgreichen Leben sind.
„Ordnung
und Disziplin“ aber, sei es zu Hause, in der Schule oder sonst
wo, die das Kind an den Rand der Erschöpfung und Verzweiflung
bringen bzw. seine Persönlichkeit zerbrechen, sind ein „Joch“.
Und man braucht sich nicht zu wundern, wenn es dem zu
entrinnen sucht und aufsässig wird. Um sich zu retten und
seine Persönlichkeit nicht zugrunde richten zu lassen, hat es
keine andere Wahl, als starre, sinnlose und verbohrte
Vorschriften- die es fesseln und unterdrücken – zu umgehen
bzw. sich ihnen zu wiedersetzen.
Es gilt
daher, im Sinne einer vernünftigen und konstruktiven Ordnung
die entsprechenden „Verordnungen“ auf ein Minimum zu
beschränken. Zudem haben sie so zu sein, dass das Kind sie
verstehen und akzeptieren kann.
Mit anderen
Worten: Sie müssen so beschaffen sein, dass es sie begreift
und sich mit ihnen „identifiziert“, so dass es ihm nicht
schwer fällt, sie zu befolgen. Damit es erkennt, das ihm
seitens der Erwachsenen nicht etwas „Unsinniges“ und
„Unerfreuliches“ aufgezwungen wird und ihm bewusst wird, das
Regelungen, Gesetze und natürlich deren Beachtung eine
notwendige Vorrausetzung zu einem intakten Miteinander in
Familie, Schule und Gesellschaft darstellen.
Praktisches Vorbild
Es soll
nicht ungesagt bleiben – wenngleich es einem jeden sowieso
klar sein dürfte- dass das beste Mittel, mit dem wir in
unseren Kindern das Interesse für Ordnung wecken können, unser
eigenes Vorbild ist. Wenn wir als Eltern, Lehrer oder sonstige
Bezugspersonen selbst ordentlich und diszipliniert sind, geben
wir dem Kind damit praktischen Unterricht in Sachen :
„Ordnung
und Disziplin“
Mit anderen
Worten: Eltern und Lehrer haben sich so zu verhalten, dass das
Kind von ihnen lernt und begreift, wie einfach
„diszipliniertes Vorgehen“ und die Einhaltung bestimmter
Regeln das gemeinsame als auch individuelle Leben gestaltet.
Das „ gute
Beispiel“ wirkt überzeugend, weshalb sich das Kind dieses zum
Vorbild nimmt.
Imam Ali (a.s)
sagte zu seinen Kindern, als er auf dem Sterbebett lag, unter
anderem:
„Ruft zu Ordnung und
diszipliniertem Verhalten auf!“