Nicht vergessen!
Dass der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, wissen alle.
Ebenso dürfte es keinen Zweifel darüber geben, das
dementsprechend auch seine Erziehung, die Erziehung des
Kindes, kein einfaches Unterfangen ist.
Einen Stein
oder ein Stück Holz zu verändern und ihnen „Form“ zu geben,
ist jedenfalls weitaus problemloser. Darum, weil diese keinen
eigenen „Willen“ haben und nicht „Widerstand“ leisten.
Der Mensch
aber, der über „Persönlichkeit“ und „Willen“ verfügt, lässt
sich nicht so mir nichts, dir nichts „schleifen“, „biegen“ und
verändern. Schließlich ist er kein Stein, keine tote Materie,
die willen- und widerstandslos alles, das man mit ihr
anstellt, hinnimmt.
Abgesehen
davon, hat der Mensch – ob groß- ob klein- Bedürfnisse. Ihnen
muss entsprochen werden. Das bedeutet, dass bei der Erziehung
des Kindes dessen leibliche als auch seelisch- geistigen
Erfordernisse berücksichtigt werden müssen. Andernfalls, das
heißt, wenn hinsichtlich eines der beiden Bedürfnisbereichen
nachlässig zu Werke gegangen wird, ist ein optimales
pädagogisches Resultat selbstredend nicht zu erwarten und
sämtliche sonstigen erzieherischen Bemühungen bzw. Erfolge
werden dadurch ebenfalls mehr oder weniger an Glanz verlieren.
Warum
seine vielen Fragen?
Von klein
auf wird das Kind durch seine ihm „angeborene“ Neugier
veranlasst, zu fragen. Fragen über Fragen stellt es.
Unentwegt. Alles will es erfassen und begreifen. Sein Wissen-
Wollen ist unstillbar. Noch bevor es sprechen und laufen kann,
versucht es, durch Betasten, Zerpflücken und Zerreißen den
Dingen auf den Grund zu gehen.
Im Alter
von drei, vier Jahren dann bemüht es sich, seine Kenntnisse
und Informationen nicht mehr durch Betasten, Zerrpflücken und
dergleichen zu erreichen, sondern durch Fragen, die es
beantwortet haben möchte.
Es ist nun
in seiner „Frage- Phase“, und die Worte „warum“ und „weshalb“
sind ab morgens bis abends aus seinem Munde zu hören.
Seine
Fragen betreffen zunächst höchst einfache, uns banal
erscheinende Dinge. Nach und nach jedoch geht es ihm um
grundlegende und kompliziere Vorgänge und Gegebenheiten. Zum
Beispiel fragt es:
Was ist ein
Stern?
Wo ist
Gott?
Warum
können wir Gott nicht sehen?
Diese
Wissbegier und dieses Verstehen- Wollen sind jedoch nicht
allein auf die Zeit der Kindheit beschränkt, sondern begleiten
den Menschen sein ganzes Leben hindurch.
So war es
immer..., zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften. Stets,
von seinem Anbeginn an, bemühte sich der Mensch zu begreifen,
was um ihn herum und in ihm vorgeht, Wesen und Hintergründe
der Erscheinungen zu erkennen und sich über Zukünftiges und
Vergangenes Gedanken zu machen.
Das, was er
nicht wusste, was in ihm Fragen hervorrief, wollte er in
Erfahrung bringen. In diesem Sinne forscht und experimentiert
er und fand zu Erstaunlichem in Wissenschaft und Technik.
Einige
Neigungen und Interessen haben „Anfang und Ende“ Sie setzen
irgendwann ein und hören irgendwann wieder auf. Darum, weil
er, der Mensch, „genug von ihnen hat“. sein Interesse für
dieses oder jenes ist erloschen. Wie beispielsweise der Wunsch
des Kindes nach einem bestimmten Spielzeug. Es spielt eine
Zeitlang damit, doch nach und nach hat es kein Verlangen mehr,
sich damit zu beschäftigen.
Die Neugier
aber, die Neigung, wissen und begreifen zu wollen, kennt kein
Ende. Fragen stellen sich dem Menschen immer, bis zu seinem
Lebensende. Ganz abgesehen davon:
Je mehr er
weiß, je größer sein Wissen ist, umso tiefer und weitgehender
sind seine Fragen und umso mehr „unbekannte Größen“ tauchen
vor seinem geistigen Auge auf.
Ebenso, wie
das Kind „leiblicher“ und „seelischer“ Nahrung bedarf,
benötigt es auch „geistiger“. Und seinen geistigen Hunger
äußert es durch seine vielen Fragen. Daher tun wir gut daran,
sie so gut wie möglich zu beantworten und nicht zu überhören
bzw. als Nichtigkeiten abzuwehren.
Die Fragen
unseres Kindes entspringen also einem natürlichen,
menschlichen Bedürfnis und machen es, wenn sie in der rechten
Weise beantwortet werden, mit seiner Umwelt und den Dingen des
Lebens vertraut.
Vergessen
wir also nicht: Die kindliche Neugier und Wissbegier ist
keinesfalls unwichtig und sinnlos, sondern vielmehr als
natürliche und gleichwohl ideale Möglichkeit und Voraussetzung
zu Wissen und Erkenntnis zu betrachten. Schließlich, wenn das
Kind nichts wissen wollte, würde es nicht fragen, ergründen
und experimentieren und somit nicht zu Informationen gelangen.
Es muss
also fragen und Antworten erhalten, um ein höheres Niveau
erreichen zu können. Daher zählt es zu den Grundbedingungen
der Erziehung, dass seine Fragen richtig und kindgerecht
beantwortet werden.
Ganz
abgesehen davon ist es den Eltern unter anderem anhand der
Fragen ihres Kindes möglich, dessen geistigen und seelischen
Stand festzustellen, was sie in die Lage versetzt, es besser
zu verstehen und gezielter erziehen zu können.
Wie war
es früher?
Der
Persönlichkeit des Kindes und damit seinem Denken und
Intellekt wurden früher nur geringer Wert beigemessen. Man
ging mehr oder weniger davon aus, dass derartiges vorerst
unwichtig sei, da Geist und Gedanken des Kindes ohnehin
zunächst einmal reifen müssten.
Aufgrund
dieser Vorstellung wurden auch Fragen des Kindes als belanglos
und „kindisch“ angesehen und blieben häufig unbeantwortet. So
mancher Vater und so manche Mutter sagten anstelle einer
richtigen Antwort;
„Später,
wenn du groß bist, wirst du es verstehen“!
So mancher,
dem die Fragen seines Kindes lästig waren, gab ausweichende
Antworten oder solche, die es nicht verstand..., darum, weil
sie seinem Auffassungsvermögen nicht angepasst waren.
Nicht
selten fielen die Antworten der Eltern auch so aus, dass sie
nicht nur Unklarheiten nicht klärten, sondern darüber hinaus
noch anwachsen ließen.
Heute...
Heute wird
das Kind als vollwertiger Mensch betrachtet und auf seine
Bildung und individuelle Erziehung großen Wert gelegt.
Pädagogen, Erziehungswissenschaftler und „informierte“ Eltern
wissen, dass die künftige Persönlichkeit des Kindes in
direktem Zusammenhang mit seiner Früh- Erziehung und dem
Milieu in seinem Elternhaus steht.
Vernünftige
Väter und Mütter beantworten die Fragen ihrer Kinder daher
nach bestem Wissen und Gewissen. Sie sind sich dessen bewusst,
das „lari-Fari-Antworten“ oder Antworten die mürrisch gegeben
werden, zu nichts anderem führen als zu Frust, Verängstigung
und schließlich zu Gedankenarmut, Stagnation und nahezu immer
zu einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung.
Kindersprache
Zunächst,
nach seiner Geburt, erhält das Kind Säuglingsnahrung, das
heißt Nahrung, die seinem zarten Organismus angepasst ist.
Dann, wenn es größer und kräftiger geworden ist, sieht auch
sein Kostplan – quantitativ und qualitativ – anders aus.
Ebenso
sollte auch mit seiner „geistigen Kost“ und damit den
Antworten auf seine Fragen sein. Entsprechend seines geistigen
Horizontes ist ihm zu antworten. Vater und Mutter haben bei
ihren Erklärungen das gedankliche und seelische Niveau ihres
Kindes zu berücksichtigen. Sie müssen seinen sprachlichen
Stand kennen, um sich so auszudrücken, das ihre Erläuterung
dem Kinde verständlich sind. Mit hochwissenschaftlichen bzw.
Fachausdrücken und einer umständlichen, „geschraubten“ Sprache
werden sie ihm gewiss nichts vermitteln können.
Angebracht
ist ein einfacher, klarer und kindgerechter, das heißt dem
Wortschatz des Kindes angepassten Stil (womit selbstredenden
kein alberner oder grammatisch falscher Stil gemeint ist).
Ab einem
bestimmten Alter erst wird das Kind „höheren“ Argumentationen
zugänglich. Das heißt, dass ihm vor dieser Zeit nur im Rahmen
seiner „individuellen“ Vernunft und Auffassungskraft etwas
plausibler gemacht werden kann. Erst später, wenn es die
notwendige geistige Reife dazu erreicht hat, können ihm
Sachverhalte und Begründungen anhand logischer Argumente
nahegebracht werden.
Schwer
korrigierbare Schäden
Zu beachten
ist auch folgendes: Wenn Vater und Mutter durch Verbot
irgendwelcher bestimmten Fragen glauben, die Wissbegier ihres
Kindes hinsichtlich eines speziellen Themas abblocken zu
können, so irren sie sich. Sie werden stattdessen die Neugier
ihres Kindes für das, was unter „Tabu“ steht, anfachen, da es
sich fragen wird:
Warum darf
ich danach nicht fragen?
Was soll
ich nicht wissen?
Bestimmt
höchst interessant, muss ich herausfinden!
Und da es
die Eltern nicht fragen darf, wird es sich- in der Regel-
seine Informationen woanders holen. Oftmals zu seinem Schaden!
Das ist der
erste Minuspunkt, der entsteht, wenn Fragen ohne Antworten
bleiben. Ein weiteres, ebenso gravierendes Dilemma ist, wie
schon gesagt, dass das Vertrauensverhältnis gestört und sich
das Kind aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei anderen Fragen
nicht mehr an Vater und Mutter wenden wird. Es hat deren
ablehnendes Verhalten im Hinblick auf Fragen, die es bewegten,
erfahren und der bittere Nachgeschmack ist ihm geblieben.
Die Eltern
selbst haben sich durch ihr Vorgehen den Zugang zur
Gedankenwelt ihres Kindes, das sich ihnen nun nicht mehr
vorbehaltlos anvertrauen wird, versperrt.
Im
Gegensatz zu jenem Kind, dessen Fragen Wert beigemessen und
bereitwillig als auch kindgerecht beantwortet werden. Es weiß
sich von seinen Eltern anerkannt…, etwas, dass sein Vertrauen
zu diesen und sich selbst stärkt. Mit seinen Fragen und
Problemen wird es sich gern an sie wenden und sich später. Als
Erwachsener, nicht scheuen, Fragen zu stellen und seine
Ansichten zu äußern. Das Fuß-Fassen in der Gesellschaft wird
ihm keine sonderlichen Schwierigkeiten bereiten. Darum, weil
es in Kindheitstagen ernst genommen und seine Fragen
akzeptiert…, darum, weil es nicht zurückgestoßen und seine
Wissbegier nicht abgelehnt wurden.
Kinderfragen..., Codes
Kinderfragen sind unter zwei Aspekten zu betrachten. Einmal
betreffen sie Unbekanntes, Ungeklärtes, über das das Kind
Aufklärung wünscht. Zum anderen aber steht seine Frage in
engem Zusammenhang zu seiner „Welt“, seinem Leben.
Mit anderen
Worten: Sie ist Ausdruck für sein Denken, Fühlen, sein Hoffen,
Wünschen und seine geheimen Ängste. Es sieht, hört und erlebt
etwas, dass es beschäftigt, das es „verarbeiten“ muss und
deswegen dazu Fragen stellt.
Der, der
die Fragen des Kindes beantwortet, sollte sich dessen bewusst
sein, dass sie in direktem Bezug zu dessen Erlebnis- und
Empfindungswelt stehen und Aufschluss geben über dessen
Kontakt und Verhältnis zur Umwelt.
Ein
Erziehungswissenschaftler erinnert daran, das das Kind oftmals
nicht „frei heraus und unverblümt“ spricht. Häufig sind seine
Äußerungen verschlüsselt, chiffriert. Darum sollten seine
Fragen nicht als belanglos betrachtet und abgetan werden. Sie
geben vielmehr Aufschluss über sein Fühlen, Denken, seine
Erfahrungen und seine Beziehung zu dem Milieu, in dem es
aufwächst. Seine Fragen sind daher ernst zu nehmen und
geduldig, freundlich, verständlich und aufmerksam zu
beantworten.