„...und vor
dem Übel des Neider, wenn er nieder.“
(Sure 113,
Falaq, Vers 5)
Erster
Mord, erstes Unrecht auf Erden...
Er war
jung, aufgeschlossen und aktiv, setzte sich für das Gute ein
und half, wo er konnte. Engagiert und selbstlos. Aber er hatte
einen Bruder, der völlig anders war. Egoistisch, hartherzig
und voller Neid.
Beide
kamen, um Gott ein Opfer darzubringen. Abel, ein Viehzüchter,
wählte das beste Schaf, das er hatte. Und Kain, ein Landwirt,
nahm das wertloseste, das er auf seinem Feld fand.
Das Opfer
Adams fand das Wohlgefallen Gottes. Kain, dessen „Opfer“
höchst fragwürdig war und der bei diesem „Examen“ nicht gut
abgeschnitten hatte, war außer sich vor Neid ob des Erfolges
seines Bruders, in ihm brannte die Missgunst gleich einem
heftigen Feuer. Ihm war gesagt worden:
Gott nimmt
das Opfer der Tugendhaften an.
So stand er
nun – wie er meinte – vor zwei Möglichkeiten. Entweder änderte
er sich, bemühte sich allen Ernstes um eine gute, noble
Gesinnung und ging den Weg der Guten. Oder aber er gab den
Versuchungen Satans nach und „rächte“ sich an seinem Bruder,
der im Gegensatz zu ihm aus der Prüfung erhobenen Hauptes
hervorgegangen war.
Kain nahm
an, dass ihn, wenn sein Bruder nicht gewesen wäre, diese
Schmach und Niederlage nicht getroffen hätte. Darum meinte er,
Rache nehmen zu müssen und brachte somit seinen Bruder ums
Leben.
Das war das
erste Mal, dass auf Erden – infolge von Neid – das Blut eines
Unschuldigen vergossen wurde.
Neid
oder Bewunderung?
Der
Neidische möchte den Erfolg dessen, den er beneidet, zunichte
machen. Der „Bewunderer“ aber ist nicht gegen den Erfolg des
Erfolgreichen, sondern bedauert, dass er diesen Erfolg nicht
erreichte. Ein anderer schafft, was er nicht vermochte bzw. um
das er sich nicht bemühte. Ein heißes Verlangen, nachzueifern,
wird in ihm wach. Er will ebenfalls erfolgreich sein.
In diesem
inneren Bedürfnis, „nachzueifern“ und Niveau und Erfolg
anderer ebenfalls zu erlangen, sie möglicherweise gar zu
„überflügeln“, sieht die Psychologie das Geheimnis zu
Fortschritt und Vervollkommnung. Eine Art Wettbewerb oder
Konkurrenzkampf, wenn man so will.
Solange der
Mensch, ob Erwachsener oder Kind, dieses Bedürfnis, dieses
Verlangen nicht in sich spürt, gibt er sich mit dem, was ist
und was er erreicht hat, zufrieden und will die Erfolgsleiter
nicht höher erklimmen.
Jemand
aber, der andere „bewundert“, fühlt in sich den Wunsch, ebenso
„gut“ zu sein wie sie. Zumindest, es zu versuchen. Dieses
motiviert ihn, treibt ihn an, und er nimmt jegliche
Anstrengung und Schwierigkeit in Kauf, um das Ziel zu
erreichen.
Gute
Pädagogen und Lehrer sind daher jene, die in den ihnen
anvertrauten Schüler den Wunsch wachzurufen, „mehr wissen und
leisten“ zu wollen. Den Wissensdrang des Kindes zu aktivieren
und ebenfalls dessen Verlangen, seine Qualitäten und
Fähigkeiten zu vervollkommnen, gehört somit ebenfalls zu einer
optimalen Erziehung.
Wer in
seinem materiellen oder geistigen Leben niemals den Wunsch
nach etwas empfindet, wird sich mit dem Niveau, auf dem er
steht, begnügen und in Stagnation verharren.
Unsere
religiösen Vorbilder (Prophet Muhammad s.a.s., Imame, a.s.),
die in Pädagogik und Psychologie über alle Maßen bewundert
waren, betrachten konstruktives „Bewundern“ als gut und
dienlich, warnen jedoch eindringlich vor Neid.
Imam Sadiq
(a.s) sagte:
„Der Gläubige
bewundert, aber neidet nicht, wohingegen Leugner und Heuchler
neiden, nicht aber bewundern!“
Alle,
insbesondere Kinder, empfinden angesichts Leistung und Erfolg
anderer ein eigenartig bohrendes Gefühl in sich. Es „wurmt“
sie, dass sie nicht so „gut“ sind. Doch das ist völlig
natürlich und sind sie geistig – seelisch gesund. Werden sie
versuchen, die „Lücke“, die sie aufweisen, zu füllen. Sie
bemühen sich nach Kräften, den „Mangel“ zu beheben oder durch
andere Qualitäten auszugleichen.
Beispiel:
Ein
Schüler, dem schulische Erfolge nicht gerade „zufliegen“, wird
durch Fleiß und harte „Geistesarbeit“ versuchen, den
Unterrichtstoff zu erfassen und zu verarbeiten. Das heißt, er
bemüht sich, das „Manko“ auszugleichen und sich auf den Stand
seiner Mitschüler hinaufzuarbeiten.
Es gibt
jedoch auch einen anderen, destruktiven Weg, das Manko zu
„überbrücken“. Diesen Weg wird ein „Neider“ benutzen. Anstatt
sich anzustrengen, zu arbeiten und seine Schwächen
wettzumachen, geht er hin und beginnt durch Feindseligkeiten
und Intrigen der verschiedensten Art, den Erfolgreichen unter
Druck zu setzen und ihm das Leben schwer zu machen. Er „rächt“
sich. Das heißt, durch „Rache“ versucht er, seine eigenen
Unzulänglichkeiten zu tarnen.
Negative
Folgen
Mehr auch
,als dass er anderen durch zusetzt. Leidet er selbst. Und
mehr, als das er anderen durch seine Reaktion schadet, schadet
er sich, seiner eigenen Persönlichkeit.
Wie Imam
Gaf´´ar Sadiq (a.s) mahnte:
„Mehr als anderen
schadet der Neider sich selbst.“
Und
Sokrates sagte:
„Der Neider wird
angesichts der Leibesfülle anderer mager.“
Ohne
Zweifel wird auf lange Sicht gesehen die Missgunst des
Neidischen nicht nur auf dessen Denken und Wünschen beschränkt
bleiben. Sie tritt nach und nach in seinem Verhalten, das
heißt in destruktiven Handlungen und Reden zu Tage. Mit dem
Resultat, dass er letztlich sein eigenes Leben finster und
furchtlos gestaltet.
Von Abi
Abdullah (a.s) ist folgendes Zitat:
„Ebenso wie das Feuer
Reiser und Holzscheide in seinen Flammen aufgehen lässt,
verbrennen Neid und Missgunst den Glauben.“
Mit anderen
Worten: Das Leiden „Neid“ nimmt dem an dieser Krankheit
Leidenden Ruhe und Frohsinn. Darum sollten wir unsere Kinder
dagegen unbedingt schützen.
Nicht
wieder gut zu machender Irrtum
Gute
Pädagogen sind die, welche die natürliche Selbstliebe des
Kindes (die ja seinem Selbstschutz dient) ihrer eigentlichen
Aufgabe gemäß zu lenken vermögen, so dass sie sowohl der
Erhaltung seiner Person und Identität dienlich sein kann, als
auch seiner ethischen und sozialen Entfaltung nicht im Wege
steht. Zu den wichtigen Aufgaben der Eltern und Lehrer gehört
daher, durch eine sinnvolle Erziehung für Harmonie zwischen
Eigen- und Nächstenliebe zu sorgen. Dieses erreichen sie unter
anderem dadurch, dass sie auf Gleichberechtigsein ihrer Kinder
achten. Dass sie das eine dem anderen nicht bevorzugen bzw.
benachteiligen. Ihr Verhalten hat gerecht zu sein und ihre
Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit muss allen ihren Kindern
in gleichem Maße zuteil werden.
Prophet
Muhammad(s.a.s.) mahnte in diesem Zusammenhang:
„Lasst Gerechtigkeit
walten im Umgang mit euren Kindern, ebenso wie ihr wollt, dass
diese und auch eure Mitmenschen euch gegenüber gerecht sind:“
Mütter und
Väter, die ihr Wohlwollen und Interesse nicht allen ihren
Kindern in gleichem Maße schenken und die einen dem anderen
bevorzugen, rufen in letzteren Neid und Missgunst hervor.
Saß Prophet
Muhammad (s.a.s.) im Kreise seiner Gefährten, so sah er sie
alle – der Reihe nach- freundlich an, um zu verhindern, dass
sich einer von ihnen benachteiligt und weniger geschätzt
fühlte.
Dieses
Vorgehen sollten wir uns zu Eigen machen, um zu erreichen,
dass Neid und Missgunst zu keinem unserer Kinder Zugang
finden.