Das
Elternhaus ist doch kein Kerker!
In der
Tierwelt ist es so, das die Eltern ihre „Jungen“ nicht
ständig, bis dass sie „erwachsen“ sind, beaufsichtigen.
Allerdings, solange die Jungtiere sich noch nicht selbst
helfen und versorgen können, stehen ihnen die Eltern-
wenigstens aber Mutter oder Vater- zur Seite, wie es bei
vielen Tierarten der Fall ist. Dann aber, wenn sie „flügge“
geworden sind, werden sie aus der elterlichen Fürsorge
entlassen, hinein in die Selbstständigkeit, in die freie
Natur.
Die Natur
ist die beste Lehrerin und Trainerin zur Entfaltung und
Kräftigung natürlicher Begabungen und Fähigkeiten. Das, was
dem Kind durch die Eltern nicht vermittelt wird, lehrt die
Natur es. Ob es will oder nicht.
Wenn es die Eltern
nicht tun, wird die Natur selbst „Erziehung“ der natürlichen
Fähigkeiten und Kräfte des jungen Menschen übernehmen. Das
elemtarste, was es wissen und können muss, wird er lernen
Im
Unterricht rechnet der Lehrer, nachdem er seinen Schülern die
mathematischen Grundregeln und Formeln vermittelt hat, zwei
Rechenexemplare an der Tafel vor und fordert sie dann auf,
selbst weitere zu lösen. Er will dadurch ihre mathematischen
Fähigkeiten anregen und stärken.
Auch die
Eltern sollten bedenken, das es nicht nur nicht möglich ist,
sondern sogar sehr nachteilhaft, wenn sie ihr Kind
ununterbrochen beaufsichtigen und bevormunden. Sie sollten es
vielmehr „lebenstüchtig“ erziehen und mit dem „How-Know des
Lebens“ bekannt machen. Es benötigt zudem einen gesunden und
seinem Alter entsprechenden Bewegungsspielraum, wenn auch
keinen unbegrenzten (Wir sprachen bereits darüber).
Einige
Väter und Mütter meinen jedoch, sie müssten sämtliche Schritte
und Handlungen ihres heranwachsenden Sprösslings überwachen.
Sie schreiben ihm bis ins Detail gehend vor, wie er sich zu
verhalten und was er zu tun hat. Nach dem Motto: „Kontrolle
und Instruktionen gehen über alles“.
Des
Schadens, den sie dadurch verursachen, sind sie sich nicht
bewusst. Ihr Kind wird nämlich infolge einer solchen Erziehung
völlig unselbstständig und ohne jegliches Selbstvertrauen
aufwachsen und sich im Leben nicht zurechtfinden. Sein Tun,
Reden und Denken sind unfrei, anhängig. Das heißt, es kann
nicht „eigenständig“ denken und sprechen. Seine Eltern geben
ihm keine Gelegenheit, es zu lernen.
Es führt
ein regelrechtes „Sklavendasein“. Ist Gefangener der
Vorschriften seines Vaters bzw. seiner Mutter. Sein Elternhaus
ist ein „Gefängnis“, ein Kerker. Keinesfalls aber ein Ort, an
dem es sich gesund entwickeln und bereit fürs Leben werden
kann.
Ein unter
dem strengen Diktat seiner Eltern heranwachsendes Kind ist um
seines Selbstschutzes willen sehr oft genötigt, nach Lügen und
Ausflüchten zu greifen..., aus Angst vor Strafen, wenn es
etwas gemäß eigenem Wünschen und Wollen tat und einen
elterlichen „Befehl“ nicht ausführte. Und derartiges kommt in
seinem eingeengten Dasein häufig vor.
Ein
weiterer erheblicher Verlust, der dem Kind durch eine solche
Erziehung zugeführt wird ist, dass seine „Persönlichkeit“
unterdrückt und verletzt wird und sich nicht entfalten kann.
Weder findet es zu Selbstvertrauen und Selbstbewusstheit, noch
lernt es, selbstständige und richtige Entscheidungen zu
treffen. Die ständigen Einmischungen seiner Eltern und deren
unaufhaltsame Einflussnahme auf sein Denken und Tun rauben ihm
jegliche Möglichkeit dazu. Es hat blind dem väterlichen Wort
zu folgen. Was das jedoch für verheerende Folgen haben kann,
wenn das Kind ins Erwachsendasein eintritt, dürfte jedermann
klar sein.
Ganz
abgesehen davon wird seine „natürliche Würde“ – die einem
jeden Menschen mit in die Wiege gelegt wird- im Rahmen einer
solchen elterlichen Diktatur immer mehr angetastet und
„demontiert“. Eine Art ständiger Erniedrigung, die seiner
„Persönlichkeit“ und Würde infolge einer solchen Erziehung
widerfährt.
Das Fatale
aber ist, dass es nach und nach keines Selbstvertrauens mehr
fähig ist und annimmt, selbst und allein nichts leisten zu
können.
Kein
Selbstwertgefühl und keine Eigeninitiative..., das ist es, was
seine Eltern ihm „beibringen“. Sklavisch führt es Befehle aus.
Es hat ja keine andere Wahl in seinem Elternhaus.
Bei seinem
Eintritt in die Gesellschaft gehört es zu jenen jungen
Menschen, die- da sie nicht gelernt haben, auf eigenen Füßen
zu stehen und selbst Entscheidungen treffen zu können- recht
schnell Schiffbruch erleiden. In ihrem Abhängigkeitsdenken
geraten sie nicht selten in den Sog ungesunderer Elemente und
damit auf die „schiefe Bahn“. Versager auf der ganzen Linie,
unglücklich, unzufrieden, stumpf, ohne Hoffnung und Lebensmut.
Immer nur das „fünfte Rad am Wagen“.
Kurz:
Erziehung und Ausbildung, die im Rahmen von Gewalt und Zwang
erfolgen, wirken sich äußerst negativ auf die Entwicklung des
Kindes aus. Gegen sein Wollen wird es zu diesem und jenem
gezwungen. Es versucht natürlich das, was es tun soll, aber
nicht tun möchte, nach Möglichkeit zu umgehen. Doch damit
handelt es sich meistenteils nichts als Scherereien ein,
weshalb es sich resigniert und genötigterweise fügt...,
wenngleich hungern und mit Bitterkeit im Herzen.
Jene, die
es „erziehen“, stehen auf dem Standpunkt, dass es „gehorchen“
muss. Widersetzlichkeit wollen sie nicht dulden.
Andererseits aber kommen ethische Empfindungen, Begabungen und
Neigungen eines in dieser Weise gegängelten gedrillten und
unterdrückten Kindes niemals in die Lage, reifen zu können. Es
wird gewaltsam und rücksichtslos in eine „Form“ gepresst, die
seiner Natur nicht entspricht. Schwere Verhaltensstörungen
sind in der Regel das fatale Resultat einer solchen Erziehung.
Und nicht nur das:
Bisweilen
wird in den heranwachsenden jungen Menschenkindern ein
derartiger „Rebellismus“ gegen Eltern und Umwelt ausgelöst,
dass sie in ihrer Ausweglosigkeit und Not zu Mitteln greifen,
die sie in weitere und noch größere Gefahren stürzen. Und
nicht selten ist zu beobachten, dass Jugendliche, die endlich
der „Tyrannei“ ihres Elternhauses entkommen sind, alle Brücken
nach Hause abbrechen und sich in ihrer Unreife auf Ebenen
begeben, die mit „menschlicher Würde“ und „sozialer Gesinnung“
nichts gemein haben.
Wer mit
Jugendfürsorge und Jugendkriminalität zu tun hat, weiß:
In „angesehensten,
tugendhaftesten“ Elternhäusern, aber unter strengstem
väterlichen Regiment großgewordene Jugendliche streifen eines
Tages – und dieses sind keine Einzelfälle- alle Fesseln ab und
setzen ihren Fuß in ein völlig entfesseltes und „gesetzloses“
Dasein mit verheerendem Finale.
Mädchen und
Jungen benötigen die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern wie das
tägliche Brot. In der Nestwärme, die nur Vater und Mutter
ihnen geben können, sollten sie aufwachsen. Das ist ihr
elementares Recht, das für sämtliche Entwicklungsphasen gilt.
Ganz besonders aber in der Zeit ihrer Vorpubertät und Pubertät
benötigen sie Verständnis und Freundschaft ihrer Eltern.
Darum, damit diese sie mit ihren Erfahrungen und Kenntnisse-
indirekt und gewaltlos- lenken und vor Verirrungen und
Abgründen bewahren. Wie gesagt: Ohne rohe Gewalt, ohne Drill,
ohne extreme, erdrückende Kontrolle!
Andersfalls
wird das Eltern-Kind-Verhältnis sehr schnell trübe und finster
werden.
Noch eins:
Ein Kind, das lieblos und roh behandelt und in einer
„erstickenden, erdrückenden“ Atmosphäre erzogen wird, sagt
sich früh von seinen Eltern los und wendet sich anderen
„Bezugspersonen“ zu. Oftmals erweisen sich diese jedoch
keinesfalls als vertrauenswürdige und wohlmeinende „Freunde“,
im Gegenteil...
Und was die
„Flucht aus dem Elternhaus“ betrifft, über die Jugendämter und
Sozialstationen Bände zu berichten wissen, so ist sie in jedem
Fall ein Schritt ins „Ungewisse“, der häufig mit einem Fiasko
endet.
Abschließend sei noch einmal auf folgenden Punkt hingewiesen:
Aus einem harten, unnachsichtigen, nur auf „unerbittlichem
Drill und übertriebener Kontrolle“ fixierten Verhalten der
Eltern ihren Kindern gegenüber, erwachsen in dieser
Minderwertigkeitskomplexe und Gemütstörungen, die sich oftmals
folgenschwer auswirken. Feindseligkeit, Rohheit, Pessimismus,
extremer Argwohn anderen gegenüber, Uneinsichtigkeit und
Renitenz sind nur einige der vielen negativen
Verhaltensmerkmale, die durch eine derartig ungeeignete
Erziehung ausgelöst werden.
Heute, im
Zuge der segensreichen Auswirkungen der Islamischen
Revolution, da die Ketten der Diktatur und Tyrannei eine nach
der anderen abgestreift werden, sollten muslimische Eltern und
Lehrer ganz besonderen Wert auf eine herzliche,
freundschaftliche Beziehung zu Kindern und Jugendlichen
achten. Erziehung hat auf Güte, Verständnis und Freundschaft
aufgebaut zu sein, ebenso wie es die Propheten und großen
Gottesfreunde handhabten.
Druck und
Gewalt sind kein Erziehungsmittel. Derartiges bringt im
Endeffekt nichts als sklavische Hörigkeit, Heuchelei,
Drückebergertum. Gegengewalt, Brutalität und nicht selten ein
Abrutschen auf die „schiefe Bahn“.
Gott sagt,
gerichtet an den Propheten Muhammad (s.a.s.):
„Wärest du hart und
unfreundlich gewesen, sie hätten deine Nähe gemieden...“
Begegnen
wir also unseren Kindern mit Freundschaft und Verständnis. Sie
sollen uns nicht fürchten müssen, sondern uns ihr Vertrauen
schenken. Wir wollen ihnen als „Freunde“ zur Seite stehen,
damit es uns gelingen möge, ihre gottgegebenen Fähigkeiten und
Neigungen zur Entfaltung zu bringen.
Vergessen
wir nicht, dass Gott Moses und Aron gebot:
„Wenn ihr mit Pharao
sprecht, so geschehe es ruhig und freundlich...“