Wahrung
der Persönlichkeit
Jeder, ob
Kind oder Erwachsener, ist an sich und seiner „persönlichen
Würde“ interessiert. Er möchte geachtet und respektiert
werden…, zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und wo auch
immer.
Dieser
Wunsch ist allen gegeben, - ob reich oder arm, gebildet oder
ungebildet. Und ebenso wie ein verletzendes Wort oder eine
demütigende Geste den Erwachsenen zutiefst treffen, leidet
auch das Kind darunter. Es fühlt sich angegriffen, in seiner
„Persönlichkeit“ getroffen.
Dieses
„Persönlichkeitsbewusstsein“ ist in der menschlichen Natur
veranlagt, es gehört zum Wesen des Menschen.
Die
verschiedensten diesbezüglichen wissenschaftlichen Studien
lassen erkennen, dass dem menschlichen Verhalten zum großen
Teil dieses „Persöhnlichkeitsdenken und – Bewusstsein“
zugrunde liegt..., das heißt, der „Instinktive“ Wunsch, die
eigene „Persönlichkeit“ zu schützen und aufrecht zu halten.
Diesem
Aspekt ist daher auch bei der Erziehung des Kindes Wert und
Beachtung beizumessen.
Geht es
nur ums „Prestige“?
Einige
halten sich ihrer religiösen Erziehung bzw. ethischen
Einstellung wegen von Hässlichem und Abwegigem fern und
bemühen sich um gutes, menschenwürdiges Verhalten.
Andere
aber- und das sind die meisten – die ebenfalls Unschönes und
Unrechtes zu meiden versuchen, sind mehr oder weniger an der
Wahrung ihres Ansehens in der Gesellschaft, in der
„Öffentlichkeit“ bedacht.
Wie dem
jedoch auch sei, das Interesse des Menschen für die
Aufrechterhaltung und Unbescholtenheit seiner Persönlichkeit
und Menschenwürde ist jedenfalls als gravierender Faktor sei
der Vermeidung von Verwerflichem und Unrechtem zu betrachten.
Und je stärker dieses Interesse ausgeprägt ist, umso
unanfechtbar ist der Betreffende.
Labile Persönlichkeit, Persönlichkeitsschwund
In diesen beiden Erscheinungsformen- „labile Persönlichkeit“,
„Persönlichkeitsschwund“ – ist ein soziales und folgenschweres
Problem zu sehen.
Es ist
durchaus möglich, dass jemand, der z.B. seinen gesamten Besitz
verliert oder seines Amtes enthoben wird, dennoch „standfest
und ungebeugt“ bleibt und sich seine „Persönlichkeit“
unbeschadet erhält. Und eben aufgrund dieser seiner intakten
Persönlichkeit ist er in der Lage, seine Schwierigkeiten zu
meistern und zu überwinden. Jemand aber, dessen Persönlichkeit
schwach und labil ist, wird mit derlei Misserfolgen kaum
fertig werden. Er sieht sich in einer ausweglosen Situation,
glaubt dieser nicht gewachsen zu sein und ihm droht, an seinem
Missgeschick zu zerbrechen, Infolge seines fehlenden
„Persönlichkeitsbewusstseins“ meint er, nicht die Kraft zu
haben, sich aus seiner misslichen Situation befreien zu
können. Der nötige Antrieb dazu fehlt ihm.
Ohne ein
gesundes Persönlichkeitsbewusstsein ist er zu Initiative nicht
in der Lage. Darum, weil dieses, das intakte
Persönlichkeitsdenken – und empfinden, es ist, das ihn
motiviert. Ist es zerbrochen, so ist ihm auch der Weg zu
Entwicklung, Fortschritt, Kreativität und Initiative
verschlossen.
Es gilt
daher, die „Persönlichkeit“ eines jeden zu wahren.
Andersfalls, wenn diese – mit anderen Worten das gesunde
Selbstwertgefühl des Menschen – verletzt wird und Schaden
nimmt, ist mit ernsten Folgen zu rechnen.
Ein
spöttischer Blick, eine demütige Geste, ein höhnisches Wort
allein reicht schon aus, um den Menschen bis ins tiefste
Innere hinein zu treffen. Eine „verletzte Persönlichkeit“ aber
erholt sich nur schwer, wird anfällig und immer verletzlicher.
Seien wir
darum auf der Hut! Geben wir auf unsere Worte und unser
Verhalten Acht, damit wir unsere Mitmenschen – ob groß, ob
klein- nicht kränken! Und bedenken wir, dass eine Vielzahl
Fehden, Konflikte, so manche Sorgen als auch nicht
wiedergutzumachende Reaktionen bzw. Affekthandlungen durch
„Persönlichkeitsverletzungen“ entstehen.
Degradierung, Abwertung
Psychologische Erkenntnisse besagen, dass etliche jener, die
sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben, in ihrer
Kindheit und Jugend erhebliche Persönlichkeitsschäden erlitten
haben. Das heißt: Sie wurden von ihrer „Umgebung“ abgelehnt
und erfuhren niemals oder nur höchst selten Anerkennung und
Lob. Als sie erkannten, dass sie in ihrer Umwelt keinerlei
Wert und Würde besaßen, ließen sie alle Skrupel beiseite und
begannen mit ihrem asozialen Treiben, um sich auf diese Weise
zu „rächen“ und ihre Komplexe abzureagieren.
Zweifellos!
Wenn sie vormals nicht abgewiesen und stattdessen ihre
„persönliche Würde“ gestützt und gefördert worden wären,
würden sie ihre Kräfte und Fähigkeiten nicht in derart
verheerender Weise genutzt haben.
Großer
Fehler seitens einiger Eltern und Lehrer
Ein großer
Fehler, der hier und da noch in Elternhaus und Schule gemacht
wird ist, dass jener Schüler, der nicht so lernbegabt ist wie
seine Mitschüler und keine guten Zensuren nach Hause bringt,
dort wie auch in der Schule herb getadelt und gescholten wird.
Rücksichtslos und ohne zu bedenken, dass ihm damit
höchstwahrscheinlich großes Unrecht zugefügt wird.
Viele sind
es auf unserem Erdenrund, die bittere Erfahrungen dieser Art
machen müssen und infolgedessen auch das letzte bisschen
Interesse für Lernen und Fortbildung verlieren. Das auf diese
Weise nicht nur ihr Selbstwertgefühl gebrochen wird, sondern
auch sämtliche ihrer Begabungen und Fähigkeiten erlahmen, ist
dem Unverstand ihrer Erziehungsberechtigten zuzuschreiben.
Bewiesen
ist die individuelle Verschiedenartigkeit der einzelnen. Und,
wie schon gesagt, auf der ganzen weiten Welt sind nicht zwei
Personen anzutreffen, die einander völlig gleich wären. Auch
nicht hinsichtlich ihrer Intelligenz und Auffassungsgabe. Ein
jeder ist, verglichen mit dem Stärkeren, schwächer als dieser.
Das trifft für alle Ebenen zu..., auch für die Lernfähigkeit.
Ganz
abgesehen davon: Wir alle wissen von jenen, die in der Schule
keine glänzenden Leistungen aufzeigen konnten, doch später
erstaunlichen Erfolge hatten. So mancher ist es, der auf
diesem oder jenem Gebiet kläglich versagt, dafür aber auf
anderen Sektoren „haushoch überragend“ ist.
Ein jeder
hat Begabungen und Fähigkeiten mit auf den Weg bekommen, der
eine in diesem Bereich, der andere in jenem. Und es gibt jene
hochintelligenten Schüler und Studenten, die außerordentliche
wissenschaftliche Leistungen erbringen, jedoch auf sozialer
Ebene versagen. Im Gegensatz zu jenen, die keine nennenswerten
theoretischen- geistigen Fähigkeiten aufweisen, aber in ihrem
Miteinander mit den Mitmenschen und in handwerklichen Berufen-
aufgrund ihres sozialen oder technisch- praktischen
„Fingerspitzengefühls“ – erstaunlich erfolgreich sind.
Mangel an Liebe
Die Verhaltensforschung bemüht sich, die Hintergründe für die
verschiedenen Verhaltensweisen und Reaktionen aufzudecken. Auf
diese Weise wird es möglich, die verantwortlichen Ursachen für
diese oder jene Verhaltensstörung zu finden und auszuschalten.
Unter anderem ist erkannt worden, dass die Lernschwäche nur
relativ weniger Kinder auf niedrigen Intelligenzquotienten
zurückzuführen ist, wohl aber sehr oft auf einen Mangel an
Liebe, Zuwendung und Fürsorge.
Schüler,
die z.B. nicht ausreichend oder falsch ernährt werden, deren
Intelligenz nicht von klein auf gefördert wurde, denen die
Geborgenheit eines intakten Elternhauses fehlt und die ständig
in Unruhe und Angst zubringen, können selbstverständlich nicht
mit anderen, unter normalen Bedingungen aufwachsenden und
lernbegabten Kindern Schritt halten. Für ihre
„Leistungsschwäche“ sind nicht sie, sondern ihr Lebensmilieu
bzw. ihre Erziehungsbeauftragten verantwortlich zu machen.
Zu den
Grundregeln und – Bedingungen gehört daher eine „genaue
Kenntnis“ über den einzelnen Schüler. Das heißt, auch der
Lehrer hat sich ein objektives Bild über die körperliche,
geistige und seelische Situation des Kindes, das ihm
anvertraut ist, zu beschaffen. Nur so kann er gezielt und
pädagogisch richtig auf es eingehen und ihm weitmöglich
gerecht werden.
Jedenfalls:
Mit Drohungen, Strafen und Vorwürfen ist bei lernschwachen
Kindern und Jugendlichen nichts zu erreichen. Es gilt
vielmehr, nach der Ursache zu forschen und diese dann nach
Möglichkeit auszuschalten.
Erziehung früher...
Das, auf
was vormals nur wenig Wert gelegt wurde und kaum zur Debatte
stand, war die „Würde“, die „Persönlichkeit“ des Kindes.
Dessen Welt war meilenweit von der der Erwachsenen entfernt.
Es fand keine sonderliche Beachtung und respektiert wurde es
schon gar nicht. Das war die allgemeine Situation und zwar
weltweit.
Die Fragen
des Kindes wurden meistenteils überhört oder ungeduldig und
oberflächlich beantwortet. Das, was es immer wieder von den
„Großen“ zu hören bekam. Waren Äußerungen wie:
Das
verstehst du nicht!
Das ist zu
„hoch“ für dich! –
Darüber
hinaus: Da Kinder und Jugendliche seinerzeit – in der Regel
war es so! – keinerlei Selbstständigkeit und Willensfreiheit
zugebilligt wurden und sie „menschliche Würde“ oder
„Persönlichkeit“ noch nicht zu haben schienen, wurde ihnen
häufig auch nicht gestattet, sich selbst für ihren zukünftigen
Beruf oder Lebenspartner bzw. – Partnerin zu entscheiden. Das
taten die Erwachsenen für sie. Und so, ungeachtet ihrer
Wünsche und Neigungen, wurde über ihren Kopf hinweg bestimmt.
Und wie
ist es heute?
Die moderne
Erziehungswissenschaft erkennt das Kind als vollwertigen
Menschen an, - etwas, das der Islam schon vor ca. 1400 Jahren
kundtat!
Früher
wurden beispielsweise Kinderfragen mehr oder weniger als
„Zudringlichkeit“ und „Störung“ betrachtet. Heute sieht man es
anders. Heute werden die Fragen des Kindes als Zeichen seiner
Aufgewecktheit, Wißgebier und Intelligenz gewertet. Kinder
dahingegen, die immer nur still und brav dasitzen und den Mund
nicht aufmachen – weshalb sie vormals als artig, wohlerzogene
Kinder bezeichnet wurden – stuft man heute als kränklich und
nicht „kindgemäß“ ein.
Ein
gesundes Kind, dessen Geist „wach“ ist, fragt. Fragt was es
wissen möchte, und wissen möchte es viel. Ungehemmt stellt es
seine Fragen und erwartet vernünftige Antworten.
Früher war
– in der Regel –zwischen Kindern und ihren Vätern eine
unsichtbare Wand errichtet worden. Eine Wand, die dem Kind das
Sich- Anvertrauen schwer machte und einem herzlichen,
vertrauensvollen Verhältnis im Wege stand.
Heute ist
man zu der wichtigen Erkenntnis gelangt, dass niemand so
geeignet ist, das Vertrauen des Kindes zu besitzen, wie gerade
Vater und Muter. Niemand kann dem Kind soviel Geborgenheit und
Sicherheit geben, wie seine Eltern. Für seine geheimen Wünsche
und Gedanken hat niemand ein so offenes Ohr und soviel echtes
Verständnis wie diese. Vorausgesetzt, dass sie sich ihrer
Aufgabe und Verantwortung auch tatsächlich bewusst sind, -
etwas, an das der Islam sie unter Nachdruck erinnert.
Es ist
daher notwendig, dass Vater und Mutter sich darüber im Klaren
sind und sich, - im Gegensatz zu so manchen anderen,
unaufgeklärten Eltern – darum bemühen, dem Kind auch Freund
bzw. Freundin zu sein.
Die
Erziehungswissenschaft bringt die Lernbereitschaft und
Intelligenz eines Kindes mit vielen Faktoren in Zusammenhang.
Mit Faktoren, die seine Ernährung und gesundheitlich –
physische Konstitution betreffen, vor allen Dingen aber auch
die Liebe und Fürsorge, die ihm seine Eltern entgegenbringen
wie auch die Zuwendung, die es hinsichtlich seiner geistigen
Förderung erfährt.
Darum gilt
es, den Erfordernissen des Kindes in höchstmöglicher Weise
gerecht zu werden und eventuelle Ursachen und Schwierigkeiten,
die es in seiner Entwicklung behindern könnten, zu vermeiden
bzw. auszuräumen.
Stellungnahme des Islam
Der Islam
ruft nachdrücklich zur Wahrung der „persönlichen Würde“ aller
Menschen auf, insbesondere aber der des Kindes. Dieses geht
deutlich aus seinen Weisungen hervor.
In vielen
Ahadith, das heißt Worten und Zitaten des Propheten (s.a.s)
und seiner Ahl- Bayts (a.s) – seiner ihm nahestehenden
Angehörigen und Nachkommen – wird betont, dass die
Persönlichkeit und Würde des Kindes zu schützen und zu achten
und folglich auch sämtliche Versprechen, die ihm gemacht
werden, einzuhalten sind.
Von Ibn al
Hussayn (Imam Sagad a.s) wird in „Makärim al Ahlaq“ berichtet:
„Es gilt, sich um
gutes Verhalten im Umgang mit Kindern zu bemühen. Ihre Fehler
und Irrtümer sind großzügig zu übersehen und zu „bemänteln“.
Milde, Güte und Nachsicht sind ihnen gegenüber angezeigt und
ihre Persönlichkeit darf keine Beeinträchtigung geschehen. Es
ist ihnen zu helfen, immerdar!“
Mit anderen
Worten: Die Erwachsenen haben sich eines guten, milden und
wohlwollenden Verhaltens Kindern gegenüber zu befleißigen, als
auch deren persönlichen Würde zu wahren, zu unterstützen und
ihnen – anstelle sie ständig und für jede Kleinigkeit zu
tadeln und „herunterputzen“ – mit Güte, Freundlichkeit und
Nachsicht zu begegnen und eine menschenwürdige Erziehung
angedeihen zu lassen.