L6 - Die Welt braucht den, der niemanden braucht
Das Prinzip der Kausalität ist ein generelles und
universelles Gesetz und eine Basis für alle Bemühungen des
Menschen bei seiner Wissenserweiterung und bei seinen
gewohnheitsbedingten Aktivitäten. Das Streben der Gelehrten,
die Ursache eines jedes Phänomens zu enthüllen, sei es
natürlicher oder sozialer Art, erwächst aus dem Glauben, dass
kein Phänomen sich selbst zum Ursprung hat, das heißt, ganz
ohne den Einfluss anderer Ursachen und Faktoren besteht.
Die Forschungen der Denker der Welt haben Gelehrte dazu
gebracht, die mächtige Ordnung der Natur besser zu verstehen.
Je weiter sie auf diesem Weg des Wissens voranschreiten, umso
stärker sind sie vom Prinzip der Kausalität überzeugt. Die
Verbindung zwischen Ursache und Wirkung und das Prinzip, dass
kein Phänomen ohne eine Ursache geschehen kann, sind die
wichtigsten Deduktionen, die man gemacht hat und zählen zu den
unentbehrlichen Konditionen für intellektuelle Aktivität. Sie
repräsentieren etwas Natürliches und Ursprüngliches, was ganz
automatisch in unserem Denken assimiliert ist.
Selbst der urzeitliche Mensch hatte den Hang dazu gehabt,
den Ursachen der Phänomene auf den Grund zu gehen und die
Philosophen kamen durch das Betrachten der Natur zu dem
Schluss, dass es Kausalität gibt. So ist sie als Disposition
im Menschen verankert, noch bevor Gelehrsame diese Erkenntnis
in eine philosophische Form brachten. Gefangen in den vier
Wänden der Materie widerfährt uns nie etwas Zufälliges im
Leben, das heißt, noch nie ist jemandem etwas widerfahren, was
nicht eine Ursache gehabt hätte. Wäre dies der Fall, wir
hätten einen Grund zur Behauptung, das Universum entstamme
einem Zufall oder war ein Unfall. Wäre dies nicht der Fall,
hätten wir eine Entschuldigung dafür, das Universum als
Zufallsprodukt zu betrachten. Was für ein Zufall muss das
sein, der von den Anfängen der Existenzgeschichte bis hin zur
Gegenwart auf so wunderbare, präzise und ordentliche Art und
Weise die endlosen Interaktionen aller Dinge geleitet hat?
Kann die Ordnung, die wir durch Nachdenken wahrnehmen, ein
reiner Zufall sein?
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Jedes vorstellbare Phänomen im Universum war in die
Dunkelheit des Nicht-Seins eingetaucht bevor es sich zu einer
Existenz formte. Es konnte nicht aus der Dunkelheit des
Nicht-Seins hervorstechen und auf der Ebene des Seins als
existentes Ding voranschreiten, solange nicht die machtvolle
Hand der Kausalität zu arbeiten begann.
Die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung ist die
Beziehung zwischen zwei existierenden Dingen, insofern, als
das die Existenz des einen abhängig ist von der Existenz des
anderen. Jede Wirkung hat eine Beziehung der Affinität und
Harmonie mit seiner Ursache, da die Wirkung ihre Existenz aus
der Ursache herleitet. Dieser spezifische Zusammenhang kann
weder zerstört werden noch durch etwas Anderes ersetzt werden.
Wenn man das Wesen einer Sache betrachtet, welches eine
identische Beziehung zum Sein als auch zum Nicht-Sein hat, ist
keins der beiden aus rationaler Sicht essenziell. Jedes Ding
ist im technischen Sinne als „Kontingent“ bestimmt, in dem
Sinne, dass nichts, weder Sein noch Nicht-Sein, in seinem
Wesen erforderlich ist. Wenn eine Sache in seiner eigenen
Essenz bzw. Wesen ein Nicht-Sein benötigt, dann ist seine
Existenz unmöglich. Schließlich, wenn das Sein aus der Essenz
einer Sache auftaucht, in einer Weise, dass die Vernunft es
als unabhängig von irgendetwas halten kann, so ist die
Existenz dieser Sache notwendig. Es ist dann eine unabhängige
Sache, frei von allen Bedürfnissen, bestehend durch seine
eigene Essenz. Seine Existenz ist die Quelle aller anderen
Dinge, während es selbst keiner Bedingung unterworfen ist und
nichts bedarf.
Es sollte ergänzt werden, dass die materielle Existenz in
keinerlei Weise das Attribut „notwendig“ bekommen kann, weil
die Existenz einer zusammengesetzten, materiellen Entität
durch die Teile bedingt ist, die es umfasst. Sie ist bezüglich
ihrer Herkunft und bezüglich ihres Überlebens abhängig von
ihren eigenen Teilen.
Materie hat verschiedene Aspekte und Dimensionen, sie ist
in Quantität eingetaucht und sie erwirbt seine zahlreichen
Dimensionen mittels Attribute und Merkmale. Ein notwendiges
Sein ist frei von diesen Eigenschaften.
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Alle Phänomene, die einst nicht existierten und dann ins
Sein kamen, haben einmal abstrakte Ahnungen vom Sein und
Nicht-Sein besessen. Als sie zum Punkt ihrer Existenz eilten,
war dies das Ergebnis einer Ursache, die sie in diese Richtung
drängte. Es war ein Anstoß durch einen externen Faktor, der
sie diesen und keinen anderen Weg gehen ließ. Mit anderen
Worten, die Existenz einer Ursache war das Mittel zum Sein, so
wie die Nicht-Existenz oder Abwesenheit einer Ursache das
Mittel zum Nicht-Sein ist.
Natürlich verliert ein Phänomen, welches durch die Existenz
einer Ursache ins Sein gelangt, niemals seine Bedürftigkeit,
es wird dadurch charakterisiert bleiben, dass es etwas
benötigt, um selbst zu sein. Aus diesem Grund ist die
Notwendigkeit einer Ursache für ein Phänomen eine permanente
und unlösbare Angelegenheit. Seine Beziehung mit der Ursache
wird nicht einen Augenblick von Trennung gekennzeichnet sein.
Würde die Beziehung aufgelöst werden, die Existenz eines
Phänomens würde sofort die Nicht-Existenz bedeuten, so wie
alle Lampen augenblicklich ausgehen, wenn man die
Stromversorgung unterbricht. Aus diesem Grund stehen die
Ursache und die Wirkung sowie die Unabhängigkeit und die
Abhängigkeit vom Bedarf, immer in einer dauernden Beziehung
zueinander. Würde die Beziehung getrennt werden, nichts würde
mehr sein, außer Dunkelheit und Nicht-Sein.
Auf diese Weise manifestiert sich kein Phänomen auf der
Welt, solange sich nicht eine Kraft ihrer annimmt, durch
Einen, dessen Essenz frei von jeglicher Bedürftigkeit ist und
der Selbst die Quelle ist, aus der alles Seiende
hervorsprudelt. Wäre das Sein in dem Wesen der Phänomene
inhärent, sie würden nie dem Pfad des Endes und des
Nicht-Seins folgen. Aber es ist das Brauchen von etwas, was
den Essenzen der Phänomene eigen ist, sodass sogar nachdem das
Sein in der Ordnung der Welt geschaffen ist, die Attribute der
Bedürftigkeit unter allen Umständen bestehen bleiben. Sie sind
nie frei von einer Ursache. Es ist unmöglich, dass eine
Wirkung eine unabhängige Existenz hat oder seine Existenz auch
nur für Momente fortbesteht, ohne dass sie von einer Ursache
abhängt.
Es wird also offensichtlich, dass alle Phänomene – alle
zusammengesetzten Existenzformen – zu jeder Zeit und in jedem
Moment ihre Existenz von einer unendlichen Essenz ableiten,
die allem ihr Sein schenkt. Dieses notwendige Sein, der
einzigartige und allmächtige Schöpfer ist die Macht und die
Kraft, die es dem Sein erlaubt, überhaupt erst Zutage zu
treten und existent zu bleiben.
Der noble Koran sagt: „Und dass Er allein reich und arm
macht (gibt und nimmt).“ (Vgl. Koran: Sure 53, Vers 48), „ Oh
ihr Menschen, ihr seid Bedürftige Gottes, aber Gott ist der
Sich Selbst Genügende, der Preiswürdige.“ (Vgl. Koran: Sure
35, Vers 15)
Von Beachtung ist in diesem Zusammenhang auch die Rede:
„Sind sie wohl aus nichts erschaffen worden, oder sind sie gar
selbst die Schöpfer? Schufen sie die Himmel und die Erde?
Nein, aber sie haben keine Gewissheit“(Vgl. Koran: Sure 52,
Vers 35-36), „Haben sie einen Gott statt Gott? Hoch erhaben
ist Gott über all das, was sie anbeten!“ (Vgl. Koran: Sure 52,
Vers 43), „Segensreich ist der, in Dessen Hand die Herrschaft
ist; und Er vermag alle Dinge zu tun“ (Vgl. Koran: Sure 67,
Vers 1)
Die Quelle allen Seins hat keinen Ursprung
Die Anhänger des Materialismus zollen dem Grundsatz, dass
Gott nicht abhängig von einer Ursache ist, sehr viel kritische
Aufmerksamkeit. Sie sagen, wenn wir annehmen würden, Gott wäre
der Ursprung der Welt und der Schöpfer der Existenzen, alle
Phänomene würden sich von ihm ableiten lassen, warum ist Er
dann ohne Ursache und frei von Abhängigkeit von dem, was Ihn
erschaffen haben könnte. Was war die Ursache für seine
Existenz?
In einem Vortrag bei der Londoner „Atheist Society“ sagte
der bekannte Schriftsteller, Bertrand Russell: „Als ich 18
Jahre war, habe ich die Biografie von John Stuart Mill
gelesen. Mill schreibt, dass er einmal seinen Vater fragte,
wer ihn denn erschaffen habe und der Vater konnte darauf nicht
antworten.“ Der Grund für sein Schweigen war die zweite Frage,
die Mill gleich hinterher warf und die lautete: Wer hat Gott
erschaffen?
Russell erzählt weiter: „Ich bin überzeugt, dass der simple
Satz die Sophisterei der primären Ursache zeigt. Denn wenn
alles einen Grund und eine Ursache hat, so muss dies auch für
Gott gelten. Wenn aber das Gegenteil der Fall ist und etwas
ohne Grund und Ursache existieren kann, sei es Gott oder die
Welt, so wird die ganze Diskussion bedeutungslos.“[13]
Bedauerlicherweise haben bestimmte westliche Philosophen,
die an der Existenz Gottes festhalten, es nicht geschafft,
dieses Problem zu lösen. Der englische Philosoph Herbert
Spencer hat dazu folgendes gesagt: „Das Problem ist, dass der
menschliche Verstand auf der einen Seite für alles einen Grund
sucht und auf der anderen Seite alle Weltlichkeit ablehnt. Er
kann eine nicht hervorgerufene Ursache weder wahrnehmen noch
erfassen. Wenn der Priester dem Kind erzählt, Gott schuf die
Welt, so fragt das Kind: Und wer schuf Gott?“[14]
Woanders sagt er: „Der Materialist versucht sich selbst von
einer Welt zu überzeugen, die ewig in sich und ohne Ursache
durch sich existiert. Wir können jedoch nicht an etwas
glauben, was weder einen Anfang noch eine Ursache hat. Die
Theologen machen einen Schritt zurück, wenn sie sagen, Gott
hat die Welt geschaffen. Aber das Kind stellt die
unbeantwortbare Frage, wer schuf Gott.“[15]
Wir können genau die gleiche Frage auch an die
Materialisten stellen, „Wenn wir die Kette der Kausalität
zurück verfolgen, werden wir irgendwann auf die erste Ursache
stoßen. Sagen wir, diese Ursache sei nicht Gott, sondern
Materie. Wer schuf die erste Materie? Ihr, die ihr an das
Gesetz der Kausalität glaubt, ntwortet uns: Wenn es die
Materie ist, durch die alles entstand, wer hat dann die
Materie erschaffen? Ihr sagt, die Quelle aller Phänomene sei
die Energie der Materie?“
Da die Kette der Kausalität nicht ins Unendliche
zurückgehen kann, können sie nur antworten, dass Materie eine
ewige und zeitlose Entität sei, für die es keinen Beginn gibt:
Materie ist nicht erschaffen, hat keinen Anfang oder Ende und
seine Existenz kommt aus ihrer eigenen Natur heraus.
Russell ist ganz offen dieser Ansicht, wie aus dem
zitierten Vortrag ersichtlich wird. Er sagt: „Es gibt keinen
Beweis dafür, dass die Welt einen Anfang hatte. Die Idee, dass
die Dinge irgendwann einmal begonnen haben müssen, ist ein
Resultat der Armut unserer Vorstellungskraft.“[16]
So wie Russell die Materie für ewig hält, sehen die
Gläubigen in Gott das Attribut der Ewigkeit. Der Glaube an ein
ewiges Sein ist also etwas, was Materialisten und religiöse
Philosophen gemeinsam haben. Beide Gruppen sind sich einig,
dass es eine erste Ursache gibt, nur dass die Gläubigen diese
für weise und allwissend halten, die mit Willen und
Entscheidungskraft ausgestattet ist, wogegen aus der Sicht der
Materialisten diese erste Ursache weder Bewusstsein,
Intelligenz noch Wahrnehmung besitzt und auch keine
Entscheidungskraft. Daher wird durch das Entfernen Gottes in
keinerlei Weise das Problem gelöst, welches sich durch das
ewige Sein stellt.
Außerdem ist Materie der Ort für Bewegung, aber auch
Veränderung und seine Bewegung ist dynamisch und in seiner
Essenz enthalten. Essenzielle Bewegung aber ist nicht mit der
Ewigkeit vereinbar und Materie und essenzielle Stabilität sind
beide unterschiedliche Kategorien, die nicht an einem Ort
miteinander vereinbar sind. Was immer stabil und
unveränderlich in seiner Essenz ist, kann nicht Bewegung und
Veränderung in seiner Essenz besitzen.
Wie können Marxisten, die glauben, Materie würde von ihrer
Antithese begleitet, die Ewigkeit der Materie rechtfertigen?
Ewigkeit bedeutet Stabilität und Unveränderlichkeit der
Essenz, die Unmöglichkeit zu enden, aber Materie ist in ihrem
Wesen ein Kompendium von Kräften und Potentialen, völlig
gefangen im Leben und im Sterben.
Die Ewigkeit ist unvereinbar mit der besitzergreifenden
Natur der Materie und ihrem Wesen innewohnenden Attributen und
Faktoren. Der Glaube jener, die an Gott glauben, ist verknüpft
mit Seiner Existenz, die im Sinne eines festen und absoluten
Prinzips an sich und durch sich Stabilität und Absolutheit
verkörpert. Seine Natur ist völlig frei von den Eigenschaften
der Materie. Die Natur der Materie lehnt Permanenz, Ewigkeit
und Kontinuität ab, weil sie nicht von der Bewegung und
Relativität getrennt werden kann und sie verhält sich der
hauptsächlichen bzw. der absolutem Macht gegenüber
gegensätzlich.
In diesem Zusammenhang ist die Diskussion von Imam Jaafar
Sadiq (Friede sei mit ihm) interessant, der mit den
Materialisten seiner Zeit disputiert. Der Materialist sagte:
„Woraus bestehen Existenzen?“
Der Imam: „Sie wurden aus dem nichts erschaffen (sie waren
ursprünglich nicht-seiend).“
Der Materialist: „Wie sind sie dann aus dem Nicht-Sein
herausgekommen?“
Der Imam: „Habe ich nicht gesagt, dass alle Dinge aus dem
Nichts geschaffen wurden? Alle Dinge waren ursprünglich
nicht-seiend, sie waren nicht-existent und dann wurden sie
seiend. Du möchtest sagen, die Welt sei ewig, aber diese
Annahme ist aus den folgenden Gründen nicht korrekt:
Erstens, wäre die materielle Welt ewig, müsste daraus
folgen, dass ewiges Sein der Veränderung und dem Ende
unterworfen wäre, was unmöglich ist.
Zweitens, wären die Elemente, welche die Welt ausmachen,
ihrem Wesen und ihrer Essenz nach ewig, wie kann es dann sein,
dass sie der Tod und das Verschwinden umfasst? Wenn
andererseits das Lebendige nicht Teil ihres Wesens ist, wie
kann aus ihnen dann Leben hervorkommen?"
Der Materialist: „Wenn Materie so ist wie du behauptest,
warum sagt man, dass Sein ewig sei?“
Der Imam: „Der Glaube an die Ewigkeit des Universums wird
von jenen aufrecht erhalten, welche die Existenz eines
Herrschers und Planers der Schöpfung verneinen und die auch
die Gesandten Gottes zurückweisen. Jene halten auch die Bücher
der Gesandten für Fabeln des Altertums und sie basteln neue
Glaubensformen zusammen, die ihnen selbst gefallen.“[17]
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Wir sagen, dass die Existenz einer Sache ohne Ursache nicht
möglich ist. Das Schicksal einer Sache liegt immer in der Hand
der verursachenden Quelle und ihr bestehen ist von dieser
Ursache abhängig. Dies gilt nicht für ein Sein, dass seiner
selbst bewusst ist und welches keinen Defekt aufweist noch
Grenzen hat.
Die erste Ursache ist die Hauptursache, die perfektes und
grenzenloses Sein besitzt, kein Sein, was irgendwelcher Mittel
bedarf, ist frei von Bedürftigkeit, Konditionen und
Abhängigkeiten und es enthält keine Spur der
Wandlungsfähigkeit oder Veränderung.
Wenn wir von der ersten Ursache sprechen und gleichzeitig
erklären, Gott sei frei von jeglicher Ursache, so heißt das
nicht, dass er den Bedarf nach einer Ursache hätte, gleich
allen anderen Existenzformen auch, und nur aufgrund einer
Ausnahme seitens der Kausalität ohne diese Ursache auskäme.
Gott ist keine Wirkung, als dass Er eine Ursache bräuchte. Er
ist kein Phänomen, als dass Er einen Schöpfer benötigte. Ganz
im Gegenteil, alle Manifestationen und Phänomene des Seins
beruhen auf Ihm, der ewigen Quelle allen Seins. Das Gesetz der
Kausalität gilt allein für die Dinge, deren Existenz eine
Nicht-Existenz vorausging.
Ebenso bedeutet die erste Ursache nicht, dass Gott sich
selbst erschuf, bzw. dass Er seine eigene Ursache war. Das
Brauchen einer Ursache für eine Wirkung liegt in der Art der
abhängigen Existenz begründet. Es existiert nicht, weil es dem
Wesen nach zu sein hat, sondern als Ergebnis der Abhängigkeit
von anderen Existenzen, die als Ursache dienen. Aber ein Sein,
dessen Natur keiner Voraussetzung unterworfen ist, kann völlig
unberührt von den Sphären bestehen, in denen das Gesetz der
Kausalität operiert.
Wenn ein Sein durch seine Perfektion und dem Frei-Sein von
jeglicher Bedürftigkeit, ohne Ursprung bestehen kann, so folgt
daraus, das es durch keine Ursache fixiert ist und keine
Ursache eingreifen kann.
Die Kette der Kausalität kann nicht bis ins Unendliche
rückwärts verfolgt werden und eine Abwesenheit der Verbindung
ist bereits im Konzept der ersten Ursache inhärent. Die Frage
„Was hat die erste Ursache hervorgebracht?“ entsteht somit
nicht. Solche Fragen gelten nur für die Ursprünge der
Phänomene und deren Abhängigkeit.
Die Existenz der ersten Ursache ist identisch mit ihrem
Wesen, ihrer Essenz, deren Wesen auch ist, die erste Ursache
zu sein. Diese beiden Eigenschaften implizieren das Frei-Sein
von Bedürftigkeit, wohingegen Dinge, deren Existenz „geliehen“
ist, einer Ursache bedürfen, weil Transformation und
Veränderung sie charakterisieren, sobald sie aus dem
Nicht-Sein das Sein betreten.
Wie kann man annehmen, der Glaube an Gott sei die Akzeptanz
des Widersprüchlichen, wogegen der Glaube an eine nicht
verursachte Natur, mit einer Wirkung wie es die Materie ist,
nicht kontradiktorisch sei?
Wir leben in einer Welt, wo alle Dinge der Veränderung und
der Zerstörung ausgesetzt sind. Es ist das Merkmal der
Unbeständigkeit, Unterwerfung und Verschuldung in jedem dieser
Partikel eingeprägt. Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind in
den Tiefen unseres Seins und in allem anderen auf der Erde und
im Himmel fest verankert. Unsere Existenz ist nicht ewig und
ist nicht durch unsere Essenz hervorgekommen. Wir waren nicht
und sind danach in das Gewand der Existenz eingekleidet worden
und ins Sein gekommen. Um in das Sein zu gelangen, müssen
Geschöpfe wie wir flehentlich nach dem Gebenden greifen, der
Existenz gibt.
Aber Jener, der ewig und immer während ist, dessen Existenz
aus seiner eigenen Essenz hervorkommt und dessen Erscheinen
außerhalb der Zeit ist, hat offenkundig keinen Ursprung nötig.
Die Bedeutung einer Ursache ist in der Philosophie das, was
eine Wirkung aus der Nicht-Existenz in die Existenz bringt,
damit diese so die Kleidung der Existenz anlegen kann. Diese
Kreativität kann nicht für materielle Ursachen postuliert
werden, und die einzige Rolle der Materie ist das Verlassen
einer Form, um in eine andere überzugehen.
Es ist wahr, dass jedes materielle Sein in jedem Moment
einen neuen Charakter als Ergebnis seiner internen Entwicklung
bekommt. Die innewohnende Bewegung der Welt und die Vorgänge
von Generierung und Korruption bestätigen den Bedarf nach
einer Hand, welche die Bewegung schafft, eine Hand, welche die
schnelle Karawane des Seins fördert und diese voranbringt.
[13] Russel, „Warum ich kein Christ bin“
[14] Zitiert von Furughi, „Sayr-i Hikmat dar Urupa", Band
III
[15] Will Durant, „Die Geschichte der Philosophie“, Band II
[16] Russel, „Warum ich kein Christ bin“
[17] “Bihar Al-Anwar”