L9 - Wie stellt der Koran Gott da?
Wenn wir die wissenschaftliche Persönlichkeit und das
Wissen eines Gelehrten beurteilen wollen, prüfen wir seine
Arbeit und unterziehen sie einer genauen Studie. Ebenso
verhält es sich bei einem Künstler, wenn wir seine
Kreativität, sein Talent und seine künstlerische Fähigkeit
bewerten wollen, studieren wir seine Kunst.
In gleicher Weise können wir die Attribute und
Charakteristika vom reinen Wesen des Schöpfers anhand der
Qualitäten und der Ordnung, die alle Phänomene durchdringen
mit ihren Feinheiten und ihrer Präzision wahrnehmen. Innerhalb
der Grenzen bleibend, die durch unser Auffassungsvermögen
gesetzt sind, können wir dennoch vertraut werden mit dem
Wissen, der Weisheit, dem Leben und der Macht Gottes.
Wäre es eine Frage des vollständigen und umfassenden
Wissens, so müssten wir natürlich akzeptieren, dass die
menschlichen Fähigkeiten nicht so weitreichend sind. Gottes
Charakteristika sprengen den Rahmen der gegebenen Grenzen des
menschlichen Auffassungsvermögens und welchen Vergleich oder
welches Gleichnis wir auch anführen, es wird begrenzt und
unzulänglich bleiben. Dies, weil alles, was unsere
Wissenschaften und unser Denken erkennen können, das Werk
Gottes und ein Produkt Seines Willens und Seiner Befehlsgewalt
ist, wogegen Seine Essenz nicht Teil des Geschaffenen ist und
nicht zu der Kategorie der erschaffenen Dinge zählt. Daher
kann die Essenz des göttlichen Wesens nicht durch
Analogieschlüsse und Vergleiche begriffen werden.
Er ist, kurz gesagt, ein Wesen über dessen Essenz wir
nichts wissen, da es für dieses kein Kriterium gibt. Und über
Seine Macht, Autorität und Sein Wissen können wir nichts
Festgesetztes sagen, da es für Ihn keine Zahlen oder
Statistiken gibt.
Ist der Mensch dann doch zu elend und machtlos, um etwas
über die Essenz und die Attribute einer so erhabenen Realität
zu erkennen? Die Schwäche unserer Macht zuzugeben und unsere
Unfähigkeit, das komplette, tiefgründige und umfassende Wissen
über Gott zu verstehen, bedeutet nicht, dass wir von jeglicher
Form des Wissens über Gott benachteiligt wären, sei dieses
Wissen auch noch so relativ. Das ordnende Muster des
Universums verkündet uns laut Seine Attribute. Und wir können
die Macht und die unbegrenzte Kreativität des Herrn aus der
Schönheit und der Kostbarkeit der Natur schlussfolgern.
Phänomene sind für uns eine Indikation für Sein einzigartiges
Wesen.
Kontemplation des Willens, des Bewusstseins, des Wissens
und der Harmonie, die in der Ordnung des Seins und all die
verschiedenen Phänomene des Lebens inhärent sind, machen es
uns möglich wahrzunehmen, dass all diese Qualitäten – zusammen
mit all den anderen Elementen, die zielgerichtet und sinnvoll
sind – notwendigerweise auf den Willen des Schöpfers beruhen,
der all diese Attribute selbst besitzt. Gleich einem Spiegel
werden diese Attribute von der Schöpfung reflektiert.
Gott zu kennen und Seine Existenz zu berühren vermag allein
die bemerkenswerte Macht des Gedanken. Jener Blitz, der sich
von der vor-ewigen Quelle ableitet, auf die Materie
abgestrahlt ihr die Fähigkeit verleiht Wissen zu erlangen und
der Wahrheit entgegen zu gehen. In diesem göttlichen Geschenk
ist das Wissen um Gott manifestiert.
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Islam behandelt das Wissen von Gott in klarer und auf
neuartiger Weise. Der Koran, die fundamentale Quelle für das
Lernen der Weltanschauung des Islams, wendet die Methode der
Negation und Affirmation zu dieser Frage an.
Erst wird im Koran mit Hilfe von überzeugenden Beweisen und
Indikatoren die Existenz der falschen Götter negiert, da es
notwendig ist, beim Herangehen an die transzendentalen Doktrin
der Einheit erst alle Formen des Pseudo-Göttlichen und die
Anbetung von allem, was nicht Gott ist, zu negieren. Das ist
der erste, wichtige Schritt auf dem Weg zur Einheit.
Der Koran sagt: „Haben sie sich Götter genommen außer Ihm?
Sprich: Bringt euren Beweis herbei. Dieser (Koran) ist eine
Ehre für jene, die mit mir sind, und eine Ehre für die, die
vor mir waren. Doch die meisten von ihnen kennen die Wahrheit
nicht, und so wenden sie sich ab.“ (Vgl. Koran: Sure 21, Vers
24)
„Sprich: Wollt ihr statt Gott das anbeten, was nicht die
Macht hat, euch zu schaden oder zu nützen? Und Gott allein ist
der Allhörende, der Allwissende.“ (Vgl. Koran: Sure 5, Vers
76)
Wer seine Verbindung zur göttlichen Einheit durchtrennt
hat, vergisst auch seine eigene wahre Position in der Welt des
Seins und entfremdet sich letztlich von sich selbst. Weil die
ultimative Form der Selbstentfremdung die Trennung von allen
Anbindungen mit seiner eigenen essenziellen Natur ist.
Wenn sich der Mensch, andererseits, erst einmal von seinem
eigenen Wesen entfernt hat, beeinflusst von internen und
externen Faktoren, so wird er sich auch von Gott entfernen und
von allem was nicht göttlich ist, versklavt werden. Die
Unterordnung unter all dem, was nicht von Gott ist, nimmt den
Platz von jeglichem logischen Denken ein. Dies beinhaltet die
Anbetung der Phänomene. Denn einen Götzen anbeten und der
Materie den Vorzug zu geben, sind beides Formen der
Regression, die dem Menschen seine innewohnende Kraft rauben
zu wachsen.
Monotheismus ist die einzige Kraft, die es möglich macht,
die Kreativität der menschlichen Werte wieder einzufangen. In
dem der Mensch seine wahre Stellung erkennt, gelangt er in ein
Stadium der Harmonie mit sich selbst und mit der ultimativen
Natur allen Seins, sich auf diese Weise die Tore zur
perfektesten Existenzform öffnend.
Durch die ganze Geschichte hindurch, haben alle göttlichen
Stimmen und Bewegungen mit der Proklamation der göttlichen
Einheit begonnen und der alleinigen Herrschaft Gottes. Kein
Konzept ist beim Menschen je aufgetreten, dass mehr kreative
Erkenntnisse gebracht hätte und für die Mehrdimensionalität
seiner Existenz relevanter gewesen wäre, noch gab es je eine
effektivere Bremse für die menschliche Perversität als das
Konzept der göttlichen Einheit.
Klare Beweise benutzend, zeigt der Koran dem Menschen den
Weg, Wissen über die göttliche Essenz zu erlangen: „Sind sie
wohl aus nichts erschaffen worden, oder sind sie gar selbst
die Schöpfer? Schufen sie die Himmel und die Erde? Nein! Aber
sie haben keine Gewissheit.“ (Vgl. Koran: Sure 52, Vers 35-36)
Der Koran überlässt es der Vernunft und der
Allgemeinbildung des Menschen die Falschheit dieser Hypothesen
zu realisieren, dass der Mensch durch sich selbst ins Leben
gekommen sei oder dass er sein eigener Schöpfer wäre. Dies tut
der Koran, indem er die Argumente im Labor der Gedankenwelt
testet und analysiert. Durch die Reflexion über die Zeichen
und Indikatoren Gottes, soll der Mensch mit aller Klarheit und
Gewissheit realisieren, wer die Wahre Quelle allen Seins ist
und verstehen lernen, dass kein Modell des Universums Bestand
haben kann, wenn nicht eine Organisierende und mit Intellekt
besetzte Macht über alles Sein am Wirken ist.
In anderen Versen wird die Aufmerksamkeit des Menschen auf
die Beschaffenheit seiner eigenen Schöpfung gelenkt und seiner
schrittweisen Entstehung aus dem Nicht-Sein. Auf diese Weise
kann er erkennen, dass seine außergewöhnliche Schöpfung, mit
all den ihr innewohnenden Wundern, ein Zeichen und eine
Indikation des endlosen, göttlichen Willens ist, jene
eindringenden Strahlen, die alles Sein durchdringen.
Der Koran sagt: „Wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus
reinstem Ton; dann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine
sichere Ruhestätte; dann bildeten Wir den Tropfen zu
geronnenem Blut; dann bildeten Wir das geronnene Blut zu einem
Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen
Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann
entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei denn
Gott gepriesen, der beste Schöpfer.“ (Vgl. Koran: Sure 23,
Vers 12-14)
Wenn der Fötus bereit ist, seine Form anzunehmen, beginnen
alle Zellen der Augen, der Ohren, des Gehirns und der anderen
Organe zu funktionieren und nehmen ihre unaufhörliche
Aktivität auf. Das ist eine Wahrheit auf die der Koran den
Menschen hinweist. Dann stellt er dem Menschen die Frage, ob
all diese wunderbaren Veränderungen ohne einen Gott rational
denkbar seien.
Ist es nicht vielmehr so, dass Phänomene wie diese mit der
größtmöglichen Betonung nahelegen und demonstrieren, dass ein
Plan notwendig sein muss, eine Kreativität, eine lenkende
Hand, inspiriert durch einen bewussten Willen? Ist es
überhaupt möglich, dass die Zellen des Körpers sich ihre
Funktionen aneignen, ihr Ziel in einer präzisen und geplanten
Art verfolgen und in der Welt des Seins auf so wundersame
Weise entstehen, ohne dass da eine bewusste und mächtige
Existenz am Werke wäre, die sie instruiert?
Der Koran beantwortet die Frage so: „Er ist Gott, der
Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten
Namen. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, preist
Ihn, und Er ist der Allmächtige, der Allweise.“ (Vgl. Koran:
Sure 59, Vers 24)
Der Koran beschreibt jedes sinnlich wahrnehmbare Phänomen,
was der Mensch um sich herum sehen kann als etwas, was den
Menschen zur Reflektion und zu Schlussfolgerungen drängt: „Und
euer Gott ist ein Einiger Gott; es ist kein Gott außer Ihm,
dem Gnädigen, dem Barmherzigen. In der Schöpfung der Himmel
und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag und in den
Schiffen, die das Meer befahren mit dem, was den Menschen
nützt, und in dem Wasser, das Gott niedersendet vom Himmel,
womit Er die Erde belebt nach ihrem Tode und darauf verstreut
allerlei Getier, und im Wechsel der Winde und der Wolken, die
dienen müssen zwischen Himmel und Erde, sind fürwahr Zeichen
für solche, die verstehen.“ (Vgl. Koran: Sure 2, Vers
163-164), „Sprich: Betrachtet doch, was in den Himmeln und auf
der Erde (geschieht). (…)“ (Vgl. Koran: Sure 10, Vers 101)
Der Koran erwähnt außerdem das Studium der menschlichen
Geschichte und ihrer dahingeschiedenen Leute mit all den
Veränderungen, die sie erfahren haben. Er lädt den Menschen
dazu ein, darauf einzugehen, um die Wahrheit zu entdecken.
Siege und Niederlagen, Glorie und Entwürdigungen, Schicksale
und Schicksalsschläge der vergangenen Völker lehren uns die
Mechanismen der Gesetze der Geschichte. Der Mensch wird in die
Lage versetzt, Lehren für sich und der Gesellschaft, in der er
lebt, zu ziehen, indem er sein Zeitalter mit diesen Gesetzen
in Beziehung bringt.
Der Koran erklärt hierzu: „Es sind vor euch schon viele
Verordnungen ergangen; also durchwandert die Erde und schaut,
wie das Ende derer war, die (sie) verwarfen!“ (Vgl. Koran:
Sure 3, Vers 137), „Wie so manche Stadt, voll der
Ungerechtigkeit, haben Wir schon niedergebrochen und nach ihr
ein anderes Volk erweckt!“ (Vgl. Koran: Sure 21, Vers 11)
Der Koran erkennt auch die innere Welt des Menschen als
Quelle der fruchtbaren Reflexion und Erkenntnisgewinnung an,
die durch das Wort „anfus“ (Seelen) ausgedrückt wird. Er weist
auf ihre Wichtigkeit hin, wie in den folgenden Versen deutlich
wird: „Bald werden Wir sie Unsere Zeichen sehen lassen überall
auf Erden und an ihren Seelen, bis ihnen deutlich wird, dass
Er die Wahrheit ist. (…)“ (Vgl. Koran: Sure 41, Vers 53), „Und
auf Erden sind Zeichen für jene, die fest im Glauben sind. Und
in euch selber. Wollt ihr denn nicht sehen?“ (Vgl. Koran: Sure
51, Vers 20-21)
Mit anderen Worten, es gibt eine überfließende Quelle des
Wissens in der Schönheit und Symmetrie des menschlichen
Körpers, der mit all seinen Organen und Eigenschaften, seinen
Aktionen und Reaktionen, seinen präzisen und subtilen
Mechanismen, seinen verschiedenen Energieformen und
Instinkten, seinen Wahrnehmungen, Gefühlen und Empfindungen,
seinen höchst erstaunlichen Gedanken und seinem Bewusstsein
ausgestattet wurde. Wobei das Denken eine Kapazität darstellt,
welche zum größten Teil noch unerforscht ist, denn der Mensch
hat nur einige Schritte beim Studium dieser unsichtbaren Macht
und seiner Beziehung zum Körper getan.
Der Koran erklärt, dass es ausreicht, über sich selbst
nachzudenken, um zur ewigen, endlosen Quelle, die frei von
jeglicher Bedürftigkeit ist, zu gelangen. Diese Quelle verfügt
über unendliches Wissen, grenzenlose Fähigkeiten, endlose
Macht und ein schwacher Widerschein dieser Quelle ist auch in
uns manifestiert. Man kann auf diese Weise erfahren, dass es
eine großartige Realität war, die an einem Ort die einzelnen
Teile der Elemente fruchtbar ineinanderfügte und dadurch eine
neue Ebene der Existenz hervorbrachte.
Durch die Existenz solch eindeutiger Indikatoren und derart
entscheidender Beweise, die uns durch uns selbst aufgezeigt
werden, kann keine Entschuldigung mehr für Irreführung und
Leugnung akzeptiert werden.
Der Koran benutzt auch die Methode der Negation und
Affirmation, wenn es um die Frage der Attribute Gottes geht.
So beschreibt er die Attribute, welche die Essenz des
Schöpfers besitzen, als „affirmative Attribute“. Unter ihnen
sind Wissen, Macht, Wille, der Fakt, dass Seiner Existenz
keine Nicht-Existenz vorausging und dass Seine Existenz keinen
Anfang hat ebenso wie der Fakt, dass alle Bewegungen der Welt
von Seinem Willen und Seiner Allmacht ausgehen.
Der Koran sagt: „Er ist Gott, außer Ihm gibt es keinen
Gott, der Wisser des Ungesehenen und des Sichtbaren. Er ist
der Gnädige, der Barmherzige. Er ist Gott, außer Ihm gibt es
keinen Gott, der König, der Heilige, der Eigner des Friedens,
der Gewährer von Sicherheit, der Beschützer, der Allmächtige,
der Verbessernde, der Majestätische. Hoch erhaben ist Gott
über all das, was sie anbeten!“ (Vgl. Koran: Sure 59, Vers
22-23)
Gott ist frei von den „negativen Attributen“, welche
einschließen, dass Gott keinen Körper und keinen Ort hat.
Seine heilige Existenz hat keinen Partner oder etwas, das Ihm
gleicht. Er ist kein Gefangener innerhalb des Grenzbereiches,
der durch die Sinne gesetzt wird. Er zeugt nicht noch wurde Er
gezeugt, es gibt in Seinem Wesen weder Veränderung noch
Bewegung, denn er ist absolute Perfektion und diesen Akt der
Schöpfung delegiert Er an niemanden weiter.
Der Koran sagt: „Sprich: Er ist Gott, der Einzige; Gott,
der Unabhängige und von allen Angeflehte. Er zeugt nicht und
ward nicht gezeugt; Und keiner ist Ihm gleich.“ (Vgl. Koran:
Sure 112, Vers 1-4), „Gepriesen sei dein Herr, der Herr der
Ehre und Macht, hoch erhaben über das, was sie behaupten!“
(Vgl. Koran: Sure 37, Vers 180)
Menschliche Logik, die auf unvermeidliche Weise in
limitierten Kategorien denken muss, ist es nicht möglich ein
Urteil über das Göttliche zu fällen, denn wir müssen zugeben,
dass es unmöglich ist, bis zum Innersten dieser einen
gewaltigen Existenz vorzudringen, für die es keine wirklich
beobachtbare Analogie gibt und für die es keine Parallelen in
der Welt des Seins gibt. Die umfassendsten Schulen des Denkens
und die größten Methoden der Reflektion fallen in diesem Fall
der Fassungslosigkeit anheim.
So wie alle existierenden Existenzformen auf ihre Essenz
zurückzuführen sind, so ist das unabhängige Sein, von dem
alles Andere abhängig ist, die Quelle des Lebens von dem alle
Attribute und Qualitäten im Überfluss ihr Sein erhalten.