L21 – Eine unsachgemäße Interpretation der Bestimmung
Manche Pseudointelektuelle haben falsche Ideen von der
Bestimmung und stellen sich vor, dass diese Doktrin Stagnation
und Inaktivität verursacht, den Menschen von allen Formen der
Bemühung zurückhaltend, die sein Leben verbessern könnten.
Die Quelle für diese Ansicht liegt im Westen im Fehlen
eines angemessenen Verständnisses des Begriffes, insbesondere
wie er in der islamischen Lehre dargelegt wird. Im Osten hat
diese Sichtweise aufgrund von Zerfall und Rückständigkeit an
Einfluss zugenommen. Es ist ziemlich bekannt, dass Individuen
oder historische Gemeinschaften, die ihre Ziele und Ideale
nicht erreichen, was auch immer für Gründe dafür vorliegen
mögen, sich mit Worten wie „Glück“, „Zufall“ und „Schicksal“
trösten.
Der hochnoble Gesandte (Friede sei mit ihm und seiner
Familie) hat sich in diesem Zusammenhang eloquent geäußert:
„Es wird für die Menschen meiner Gemeinschaft eine Zeit
kommen, wo sie Sünden und Ungerechtigkeiten begehen werden und
um ihre Korruption und Verschmutzung zu rechtfertigen werden
sie sagen: Gott hat über uns dieses Schicksal verfügt, sodass
wir derartig handeln. Wenn ihr solche Menschen trefft, sagt
ihnen, dass ich sie verleugne.“
Dar Glaube an das Schicksal behindert den Menschen nicht,
seine Ziele im Leben zu erreichen. Jene, die das notwendige
Wissen in Religionsfragen haben, realisieren, dass der Islam
die Menschen dazu aufruft, ihr Bestes zu geben, um ihr Leben
zu verbessern, im moralischen als auch im materiellen Sinne.
Das ist an sich schon ein mächtiger Faktor bei der
Intensivierung der Bemühungen, die der Mensch unternimmt.
Einer der westlichen Denker, der ein unzulängliches
Verständnis von Bestimmung hat, ist Jean Paul Sartre. Er
meint, dass es unmöglich ist, an ein von Gott bestimmtes
Schicksal zu glauben und gleichzeitig die Freiheit des
Menschen zu vertreten. Daher ist es, seiner Meinung nach,
notwendig, dass der Mensch sich entweder für den Glauben an
Gott oder die Freiheit des Menschen entscheidet: „Da ich an
die Freiheit des Menschen glaube, kann ich nicht an Gott
glauben, denn würde ich an Gott glauben, müsste ich das
Konzept des Schicksals akzeptieren und wenn ich das Konzept
des Schicksals akzeptiere, muss ich auf meine Freiheit
verzichten. Da ich an der Freiheit festhalte, glaube ich nicht
an Gott.“
Dabei gibt es gar keinen Widerspruch zwischen den Glauben
an eine Bestimmung und dem Schicksal einerseits und der
Freiheit des Menschen andererseits. Solange man den Willen
Gottes mit universeller Reichweite erkennt, spricht auch der
noble Koran dem Menschen eine freie und aktive Rolle zu. Er
wird beschrieben als jemand, der bewusst in der Lage ist, sein
eigenes Schicksal mit einem Verständnis für das Gute und
Schlechte, für das Hässliche und Schöne zu gestalten und zu
differenzieren. „Wir haben ihm den Weg gezeigt, ob er nun
dankbar oder undankbar sei.“ (Vgl. Koran: Sure 76, Vers 3),
„Wer aber das Jenseits begehrt und es beharrlich erstrebt und
gläubig ist - dessen Streben wird belohnt werden.“ (Vgl.
Koran: Sure 17, Vers 19)
Jene, die am Tag des Gerichts ihre Zuflucht im
Determinismus suchend sagen werden, „(…) Hätte Gott es so
gewollt, wir würden nichts außer Ihm angebetet haben. (…)“
(Vgl. Koran: Sure 16, Vers 35), werden für das Zurückführen
ihrer eigenen Sündhaftigkeit und ihrer eigenen Fehlern auf den
göttlichen Willen zurechtgewiesen. Gleichzeitig stellt die
Bestimmung keine Hürde für eine korrupte und verschmutzte
Gesellschaft dar, die sich reformieren will. Es findet sich
kein einziger Vers, wo Gottes Willen den menschlichen Willen
ablöst oder wo gesagt wird, der Mensch würde aufgrund seiner
Bestimmung leiden müssen.
Der Koran erwähnt mehrmals den Zorn Gottes, der die
Korrupten und Tyrannen mit schmerzvoller Strafe überraschen
wird.
Da Gott zu seinen Dienern extrem liebevoll und vergebend
ist, ihnen unzählige Gnaden erweist und da Er gleichzeitig
nachsichtig ist und bereit ist Reue anzunehmen, hält Er den
Sündigen immer den Weg der Rückkehr zu Reinheit und
Rechtschaffenheit offen. Gottes Akzeptanz der Reue ist an sich
schon eine große Instanz Seiner Vergebung.
Obwohl die Reichweite des menschlichen Willens größer und
weitreichender ist und er eine weitaus kreativere Rolle als
all die anderen uns bekannten Geschöpfe spielt, so kann sein
Wille doch nur in einem abgegrenzten Tätigkeitsbereich Gottes
wirken. Er kann daher in seinem Leben nicht alles erreichen,
was er möchte.
Es passiert oft, dass der Mensch versucht etwas zu tun,
doch so sehr er sich bemüht, er schafft es nicht, dies zu
vollbringen. Der Grund dafür ist nicht, dass Gottes Wille sich
gegen den Willen des Menschen richtet und ihn davon abhält zu
tun, was er sich wünscht. Es ist in solchen Fällen vielmehr
so, dass ein nicht bekannter Faktor, der über die
Wissensgrenzen und die Kontrollbereiche des Menschen
hinausgeht, ihm Schwierigkeiten in den Weg legt und ihn davon
abhält, seine Ziele zu erreichen.
Die Individuen und die Gesellschaft, beide begegnen ständig
diesen Hürden. Angesichts der Tatsache, dass es im natürlichen
Bereich keine Ursache ohne Wirkung gibt und keine Wirkung ohne
eine vorangegangene Ursache und dass unsere Mittel der
Wahrnehmung auf diese Welt und auf den menschlichen Bereich
begrenzt sind, sollte für uns nicht schwer zu akzeptieren
sein, dass unsere Aspirationen nicht auf die Weise in
Erfüllung gehen, wie wir es wünschen.
Gott hat Billionen von Faktoren, die an der Ordnung des
Seins arbeiten. Zuweilen sind diese Faktoren dem Menschen
sichtbar und manchmal bleiben sie ihm unbekannt, sodass er sie
in seine Kalkulationen nicht mit einbeziehen kann. Dies
bezieht sich auch auf die Bestimmung, aber nicht nur
resultiert dies in einer Benachteiligung des menschlichen
Willens oder in der Verhinderung seiner Bemühungen
Zufriedenheit im Leben zu erlangen, es führt den Menschen in
seinen Gedanken und in seinem Handeln und durchdringt die
innersten Tiefen seines Seins mit stärkerer Lebenskraft. Er
sucht nach der Erweiterung seines Wissens und möchte so
präzise wie nur möglich die Faktoren identifizieren, die
seinen Weg für einen größeren Erfolg im Leben ebnen. Der
Glaube an das Schicksal und die Bestimmung ist daher ein
starker Faktor für das Vorwärtskommen des Menschen hin zu
seinen Zielen und Idealen.
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Die Frage der Errettung oder Verdammung des Menschen ist
implizit in der folgenden Diskussion gelöst, da Errettung und
Verdammung aus den Werken des Menschen resultiert und nicht
aus Angelegenheiten, die über seinen Willen hinausgehen oder
von natürlichen Phänomenen ausgeht, die in die menschliche
Existenz durch den Schöpfer implantiert wurden.
Weder umweltbedingte und erbliche Faktoren noch die
natürlichen Kapazitäten, die im Menschen zugegen sind haben
eine Wirkung auf seine Errettung oder Verdammung, sie können
sein Schicksal nicht gestalten. Was seine Zukunft festlegt,
ist die Achse an der sich seine Errettung oder Verdammung
wendet, und die Ursache für seinen Auf- oder Abstieg ist das
Ausmaß der Entscheidungen, die der Mensch als Existenzform mit
der Möglichkeit zu wählen, macht, und wie er seinen Intellekt,
sein Wissen und andere Kräfte einsetzt.
Glück und Errettung hängen nicht von der Fülle der
natürlichen Fähigkeiten ab. Es ist jedoch wahr, dass
diejenigen, die größere Talente besitzen auch die größere
Verantwortung tragen. Ein leichter Fehler eines solchen
Individuums ist wesentlich bedeutsamer, als wenn ein ähnlicher
von einer schwächeren und hilfloseren Person gemacht wird.
Jeder wird gemäß seiner Talente und Kapazitäten, die er
besitzt, zur Rechenschaft gezogen werden.
Es ist absolut möglich, dass eine Person, deren innere
Fähigkeiten und Ressourcen geringfügiger Natur sind, sein
Leben nach den Pflichten und der Verantwortung ordnet, die ihm
auferlegt wurden und dadurch das wirkliche Glück erreicht. Das
wird ihn in die Lage versetzten, zu verstehen, dass das
Ergebnis die Intensität seiner Bemühungen war, die er
aufgewandt hat, um die limitierten Talente, die ihm gegeben
waren, zu nutzen.
Andersherum, jemand, dem eine Fülle an inneren Ressourcen
und Gaben gegeben wurde, die er nicht nur nicht nutzt, um
selbst davon zu profitieren, er wird sie vielleicht sogar noch
missbrauchen, um auf seine eigene menschliche Würde
herumzutreten und sich selbst in Sünde und Korruption werfen,
so eine Person ist ohne Zweifel ein Sünder, für den die
Verdammnis bestimmt ist, und er wird nie einen Blick auf die
Errettung erhaschen.
Der Koran sagt: „Jede Seele ist ein Pfand für das, was sie
verdient hat.“ (Vgl. Koran: Sure 74, Vers 38) Daher sind die
Errettung und die Verdammnis einer Person von seinen gewollten
Taten abhängig, nicht von seiner natürlichen oder
psychologischen Verfassung. Das ist die klarste Manifestation
von der Gerechtigkeit Gottes.
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Eine der charakteristischen Doktrinen der schiitischen
Schule ist „bida“, ein Term, der besagt, dass sich die
Bestimmung eines Menschen ändert, wenn sich die Faktoren und
Ursachen, die sie regulieren, ändern: Was den Anschein
erweckt, ewig und unveränderlich zu sein, verändert sich in
Übereinstimmung mit dem Wandel in den menschlichen Taten und
Verhaltensweisen. So wie materielle Faktoren das Schicksal des
Menschen neu formen können, so entlocken nichtmaterielle
Faktoren neue Phänomene.
Es ist möglich, dass solche nicht-materiellen Faktoren
verborgenes und gegensätzliches zu dem, was aktuell ist, zum
Vorschein bringen. Tatsächlich werden durch das Verändern der
Ursachen und der Verhältnisse durch Gott neue Phänomene
erlassen, die vorteilhafter als das Phänomen sind, welches
ausgetauscht wurde. Dies ist vergleichbar mit dem Prinzip der
Aufhebung in einem gezeigten Gesetz. Wenn ein früheres Gesetz
zu Gunsten eines Anderem aufgehoben wird, so deutet dies nicht
auf die Ignoranz oder das Bedauern des göttlichen
Gesetzesgebers hin, sondern sagt lediglich aus, dass ein
aufgehobenes Gesetz keine Gültigkeit mehr besitzt.
Wir können nicht das Konzept der „bida“ in dem Sinne
interpretieren, dass Gott seine Meinung ändert, weil ihm nun
eine Realität bekannt geworden ist, die Ihm vorher unbekannt
war. Das würde dem Prinzip der Universalität des göttlichen
Allwissens widersprechen und so kann es von keinem Muslim
akzeptiert werden.
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Das auferlegte Gebet ist ein weiterer Faktor, dessen
Wirkungsweise nicht unterschätzt werden darf. Es ist klar,
dass Gott von den inneren Geheimnissen jedes einzelnen weiß,
aber in der Beziehung des Menschen zu Gott spielen die Gebete
die gleiche Rolle, welche die Bemühungen und Handlungen des
Menschen in seiner Beziehung zur Natur eine Rolle spielen.
Abgesehen von der psychologischen Wirkung, übt das Gebet eine
unabhängige Wirkung aus.
Jeden Augenblick erscheinen neue Phänomene in der Natur,
bei deren Auftauchen vorangegangene Ursachen von Bedeutung
sind. Ebenso ist in einer großen Sphäre der Existenz das Gebet
auf dem Weg hin zu einem Ziel zutiefst effektiv. So wie Gott
jedem der natürlichen Elemente in dem System der Kausaltät
eine Aufgabe zugeteilt hat, so hat Er auch dem Gebet eine
wichtige Aufgabe zugewiesen.
Wenn eine Person von Schwierigkeiten belagert wird, soll
sie nicht in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verfallen.
Die Türen zu Gottes Barmherzigkeit sind gegenüber niemandem
verschlossen. Es mag sein, dass sich morgen schon eine neue
Situation abzeichnet, die in keiner Weise mit dem
korrespondiert, was der Mensch erwartet hatte. Denn der Koran
sagt: „Ihn bitten alle, die in den Himmeln und auf Erden sind.
Jeden Tag offenbart Er Sich in neuem Glanz.“ (Vgl. Koran: Sure
55, Vers 29)
Man sollte daher nie aufgeben, sich zu bemühen. Ein Gebet,
welches nicht mit dem entsprechenden Einsatz verknüpft ist,
gleicht, wie es der Führer der Gläubigen, Ali (Friede sei mit
ihm) formulierte: „(…) einer Person, die einen Pfeil von einem
Bogen lösen will, der keine Saite hat.“
Während man sich ständig anstrengt, sollte man seine
Wünsche Gott gegenüber mit Hoffnung und Aufrichtigkeit äußern
und mit seinem ganzen Sein nach Seiner Hilfe suchen, die von
dieser Quelle der unendlichen Macht ausgeht. Der Koran sagt:
„Und wenn Meine Diener dich nach Mir fragen (sprich): Ich bin
nahe. Ich antworte dem Gebet des Bittenden, wenn er zu Mir
betet. So sollten sie auf Mich hören und an Mich glauben, auf
dass sie den rechten Weg wandeln mögen.“ (Vgl. Koran: Sure 2,
Vers 186)
Der Geist des Menschen wird zu Gott aufsteigen und ihn in
wahres Glück eintauchen lassen, wenn er die Fallen der
Bedürftigkeit meidet, sich von allen Ursachen loslösend und
sich direkt an Gott wendet. Er wird sich dann mit der Essenz
Gottes verbunden sehen und Sein offenkundiges unendliches
Wohlwollen und seine Huld spüren.
Imam Sajjad (Friede sei mit ihm) richtet sich an Gott in
seinem Gebet, das als das Gebet des Abu Hamsa bekannt ist: „Oh
Schöpfer! Ich sehe die Pfade der Bitten und der Petition,
welche zu Dir führen, offen und klar und die Quellen der
Hoffnung in Dir sind reich. Ich sehe es als erlaubt an, von
Dir Hilfe für Wohlwollen und Vergebung zu ersuchen und ich
sehe die Tore des Gebets für alle offen, die Dich anrufen und
Dich um Hilfe flehen. Ich bin mir sicher, dass Du bereit bist,
die Gebete jener zu beantworten, die Dich anrufen und jenen
Zuflucht zu gewähren, die sie bei Dir suchen.“[43]
Es gibt ebenfalls eine Überlieferung über die Wirkung von
Sünden und guten Werken: „Jene, die aufgrund ihrer Sünde
sterben, sind zahlreicher, als jene, die aufgrund eines
natürlichen Todes sterben. Und jene, die aufgrund der
Ausführung ihrer guten Taten leben, sind zahlreicher, als
jene, die aufgrund ihrer natürlichen Zeitspanne leben.“[44]
Es war die Wirkung des Gebets, die Zakariya, einem wahren
Propheten, der daran verzweifelt ist, kein Kind zu haben, in
die Lage versetzte, seinen Wunsch zu erreichen. Es war die
Wirkung der Reue, die den Propheten Junus und seine Leute vor
Katastrophe und Vernichtung bewahrte.
Die Gesetze, die der große Schöpfer im System des
Universums implantiert hat, limitieren Seine unendliche Macht
in keinster Weise noch verringern sie Seinen Spielraum. Er hat
die gleiche absolute Diskretion bei der Veränderung der
Gesetze, im Bestätigen und Aufheben ihrer Wirkungen, die Er
hatte, als Er sie etalierte. Diese einzigartige Essenz, die
sorgsam und umfassend das ganze System des Seins überwacht,
kann kaum selbst hilflos diesen Gesetzen und Phänomenen
unterworfen sein, die sie selbst erschuf noch kann sie die
Fähigkeit und Macht verlieren zu machen, was sie möchte.
Wenn wir sagen, dass Gott in der Lage ist, zu jedem
Zeitpunkt, die Phänomene, die Er in dieser Welt schuf, zu
verändern, so meinen wir damit nicht, dass Er die Ordnung der
Welt zerstört oder ihre festgelegten Regulierungen oder die
Gesetze und Prinzipien der Natur umkippt. Der ganze Prozess
der Veränderung findet innerhalb bestimmter unbekannter
Prinzipien und Kriterien statt, die unserer limitierten
Wahrnehmung und Kognition entgehen. Wenn der Mensch die
Materie sorgfältig und kritisch betrachtet und die weite
Spannbreite der Möglichkeiten in Betracht zieht, mit denen er
konfrontiert ist, wird es ihn davon abhalten, auf der Basis
dieser weniger Prinzipien ehrgeizig alles Vorherzusagen, was
er in der Lage war, in der Natur zu beobachten.
[43] „Mafatih Al-Janan”
[44] „Safinat Al-Bihar”, Band I