6. Mekka
Dies Kaffeehaus war zugleich ein Barbierladen. Die
Kaffeewirte und Barbiere zeigen den angeborenen Stolz der
Mekkaner, von denen einer mehr ist als zehn Fremde, und wenn
sie nicht gerade unhöflich sind, so benehmen sie sich doch
ganz so, als ob alles, was sie für die Fremden tun, nur Gnade
wäre, die sie ihnen für gutes Geld gewähren: Es ist eine
Gnade, rasiert zu werden, eine Gnade, wenn man eine Tasse
Kaffee bekommt, eine Gnade, wenn ein Mekkaner mit einem
Fremden spricht. Da ich bei meinem Eintritt in den
Barbierladen die Vorsicht gebrauchte, einige Silberstücke in
der Hand blinken zu lassen, so war der Besitzer gnädig genug,
mir bald ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Besonders
gnädig schien er jedoch zu werden, als ihm mein Metuaf etwas
über meine Person in die Ohren flüsterte. Es ist nämlich eine
Sucht all dieser religiösen Lohndiener, die Personen, die sie
begleiten, für sehr vornehme Herren auszugeben. Erst später
sollte ich erfahren, für was mich meine beiden guten Leute
ausgaben, nämlich für nichts Geringeres als den Pascha von
Algier. Als »Prinz von Algier« brachten sie mich in der halben
Stadt herum, und nur diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß
mein Aufenthalt in Mekka plötzlich ein unerwartetes Ende nahm.
– Da ich den Umgang um die Kaaba vollendet hatte, so konnte
ich mich wieder rasieren, baden, kleiden, kurz den
entsetzlichen Ihram ablegen und aufhören, wie ein wildes Tier,
nackt und voll Schmutz und Ungeziefer herumzugehn; ich durfte
wieder ein Mensch sein. Nachdem ich rasiert und gewaschen war,
ließ ich von meinem Neger ein vollständiges Kostüm auspacken,
ein bequemes algierisches Gewand, das mir, wie die beiden
Schmeichler, Ssadak und Sohn, sagten, schön wie einem Pascha
stand.
Nachdem ich mich durch eine zweistündige Rast im
Kaffeehause von den Anstrengungen des Umganges um die Kaaba
erholt hatte, ließ ich mich endlich von meinen Leuten zu
meiner Herberge führen. Zuerst mußten wir wieder durch die
breite Hauptstraße El Emsa. Aber das war nicht so leicht zu
bewerkstelligen, denn eben hielten einige hundert Gläubige
hier das fromme siebenmalige Rennen von einem Ende bis zum
andern ab. Alle diese halbnackten, staub- und
schmutzbedeckten, keuchenden, schwitzenden, stöhnenden Wesen,
von der Sommerhitze, der ihr nackter Scheitel stundenlang
ausgesetzt gewesen war, fieberhaft erhitzt, furchtbar ermüdet
und aufgeregt zugleich, alle diese fast tobsüchtig gemachten
Menschen rannten laut schreiend die Straße hinauf und dann
wieder hinab. Wir mühten uns ernstlich, den wilden Rennern
auszuweichen, aber plötzlich lag der arme Ali am Boden und die
Hadschadsch schritten, liefen und rannten über ihn dahin,
wobei er manchen Fußtritt abbekam. Nur mit Mühe gelang es uns,
den armen Neger wieder aufzurichten. Aber dabei wäre es uns
bald ebenso ergangen. Ein besonders wilder Pilger stieß uns so
heftig an, daß wir alle drei zu Fall kamen; doch gelang es
uns, rasch emporzukommen und Ali mit uns fortzuziehen. Der war
nun freilich am ganzen Körper mit Beulen und blauen Mälern
bedeckt, aber da die Fußtritte der diesen Lauf abhaltenden
Pilger für heilig gelten, so war Ali bald getröstet.
Das Quartier, in dem meine Herberge lag, befand sich
beinahe außerhalb der Stadt; so mußten wir die Straße El Emsa
ganz zu Ende gehen, kamen dann durch eine sehr lange und
wichtige Straße, die auf beiden Seiten von zwei Reihen Läden
eingefaßt war, in welcher die Kleinhändler, Schneider und
Seidenwirker saßen, und dann waren wir am nördlichen Ende von
Mekka angelangt. Hier beginnt eine lange sandige Ebene, in
welcher auf der einen Seite die Zisternen, auf der andern eine
Menge hölzerne Buden liegen, in welchen sich liederliches
Gesindel aufhält. Weiterhin liegen auf beiden Seiten des
Pilgerweges, der hier durch nach dem Berge Arafa führt, noch
einige Quartiere, und in einem derselben sollte ich auch meine
Wohnung finden.
Als wir an die Tür dieses Hauses kamen, drang mir schon ein
köstlicher Geruch von Speisen entgegen. Auch der Anblick des
Wirtes war nicht weniger erfreulich, denn aus seinen fetten
Wangen und seinem dicken Schmerbauch mußte ich auf eine
nahrhafte Kost in seinem Hause schließen, und die war mir bei
meinem ausgehungerten und heruntergekommenen Zustände sehr
vonnöten. Hamdan, der Wirt, war zwar nach morgenländischen
Begriffen ein wunderschöner, nämlich runder und fetter Mann,
aber er sah auch wirklich nicht häßlich aus mit seinem
regelmäßigen Gesicht, seinen großen braunen Augen und blendend
weißen Zähnen. Nur eins verunstaltete sein Gesicht, das waren
drei längliche Narben auf den Wangen; diese rühren von
Einschnitten her, wie sie jeder Mekkaner bei seiner Geburt
bekommt und auf die die Söhne der heiligen Stadt sehr stolz
sind. Hamdan führte mich nach einer sehr höflichen Begrüßung
in einen Saal zu ebener Erde, in welchem einige schöne
Teppiche lagen, und diwanartige Erhöhungen sich längs den
Wänden hinzogen. Obgleich ich sehr hungrig war, so mußte ich
doch erst nach morgenländischer Sitte eine lange Unterhaltung
über mich ergehen lassen.
Endlich wurde das Essen aufgetragen. Drei Neger brachten
die Hauptschüsseln herein, deren eine mit Reis, eine mit
Hammelfleisch, und eine andere mit einem unausstehlich süßen
Gebäck gefüllt war, und setzten sie auf niedrige, hölzerne
Gestelle gerade in die Mitte der Hungrigen. Erst ging es an
den Pilaff, einen Turm von gesalzenem, stark gepfeffertem, in
Butter gekochtem Reis, und zwar mit hölzernen Löffeln.
Zwischendurch fuhr man mit der Hand in die Schüssel von
Hammelfleisch und führte daraus ein Stück nach dem Munde. Zu
gleicher Zeit brachte man uns kleine Nebenschüsseln,
verzuckerten Rahm, eingemachte Aprikosen, Rosenkonfekt, welche
von drei Knaben, den Söhnen unseres Wirts, dargeboten wurden,
die den Männern nicht allein die Schüsseln dicht unter die
Nase hielten, sondern ihnen mit den Händen den Mund füllten,
wobei sie allerlei Mutwillen trieben und ihnen die Nase und
die Backen mit Rahm und süßem Brei beschmierten. Soweit ging
das Essen noch ziemlich würdig und anständig vor sich. Als
aber das süße Gebäck an die Reihe kam, so fuhren die Männer
mit wahrer Gier mit beiden Händen, ich möchte sagen bis an die
Ellenbogen in die Schüssel, und da nun das Gebäck darin nach
arabischer Sitte in einer Brühe von Honig und flüssiger Butter
schwamm, so platschte und spritzte diese Flüssigkeit nach
allen Seiten auseinander, den Essenden über Gesicht, Turban
und Kleidung. Ehe ich mich von diesem übeln Anblick
zurückziehen konnte, hatte ich auch von der fettigen
Flüssigkeit eine Menge Flecken bekommen, so daß ich gleich ein
anderes Gewand anziehen mußte. Die anderen Essenden störte der
Schmutz aber gar nicht, sie behielten die fettigen Kleider
noch wochenlang an und besudelten sie täglich aufs neue.
Ein junger Negersklave führte mich nun in ein kleines
Zimmer, das der Wirt mir wegen meines angeblichen hohen Ranges
eingeräumt hatte. Es war sehr klein, aber sah doch ganz hübsch
und sogar wohnlich aus. Es war auf drei Seiten anstatt der
Tapeten mit ganz gewöhnlichem Kattun behängt, an der vierten
lag eine große hölzerne Tür. Möbel waren nicht darin, aber ich
hatte ja Sachen genug, um es ganz auszufüllen. Plötzlich bekam
ich Besuch, der mir die wahre Bedeutung meiner Stube anzeigen
sollte. Der Besuch bestand in einem schönen Kalkuttahahn, der
plötzlich unter dem Kattun zum Vorschein kam und sein lautes
Kikeriki dicht neben meinem Ohr ertönen ließ. Dem Hahn folgte
ein ganzes Heer von Federvieh, das sich hier in seinem eigenen
Zimmer sehr wohl fühlte und dem »Prinzen von Algier« durchaus
nicht Platz machen wollte. Also in einen Hühnerstall hatte man
mich einquartiert! Voller Zorn stürmte ich nach unten und
stellte Hamdan zur Rede, und der Wirt führte mich, um mich zu
beruhigen, nun auch schnell in ein anderes ziemlich hübsches
und sogar etwas möbliertes Zimmer im ersten Stock, und hier
richtete ich mich. nun häuslich ein. –
Die nächsten Tage benutzte ich zu Spaziergängen, um die
Stadt recht kennen zu lernen. – Als ich einmal so recht
gemütlich durch eine mit Kaufläden besetzte Straße schlich,
hörte ich mich plötzlich beim Namen nennen. – »O
Abd-er-Rahmann!«, so rief eine Stimme, die offenbar aus dem
Boden hervorkam, »wie freut es mich, dich zu sehen.« – Ich sah
mich um, konnte aber lange nicht entdecken, woher die Stimme
kam. Endlich gewahrte ich im tiefsten Erdgeschoß eines Hauses,
welches durch davorstehende Buden beinahe ganz verdeckt war,
meinen Reisegefährten, den dicken Haggi Omar. Ich stieg zu ihm
nieder, und bald befand ich mich in einem syrischen
Zuckerbäckerladen, in dem ich außer Omar und vielen fremden
Menschen auch Schich Mustapha und seine drei Neffen antraf.
Die ganze Gesellschaft war eben eifrig beschäftigt, kleine
Teller voll eines süßen Gerichts, Mochalebi genannt, leer zu
essen. Der Mochalebi ist eine Art Brei, welcher aus Reismehl
und Milch bereitet, stark verzuckert und mit Zimmt, Ingwer und
anderen Gewürzen bestreut wird. Der arme Schich Mustapha war
leider nicht mehr der alte; die Anstrengungen der Pilgerfahrt
hatten ihn stark mitgenommen, ein unaufhörlicher Durchfall, an
dem er infolge der Ihrambekleidung und einer dadurch
verursachten Erkältung litt, hatte ihn so heruntergebracht,
daß er sich dem Tode nahe fühlte. Der arme Mann erwiderte auf
meine Frage, wie es ihm ginge: »O mein Bruder, ich sehe, daß
es mit mir sich zum Ende neigt. Gott gebe nur noch, daß ich
den Tag der Pilgerfahrt nach dem heiligen Berge Arafa erlebe;
auf Arafa zu sterben, das ist jetzt noch der einzige Wunsch
meines Herzens.« – Ich war innig gerührt über den elenden
Instand des guten alten Mannes; auch die übrigen Anwesenden
schienen gerührt zu sein, trösteten ihn aber in ihrer dummen
mohammedanischen Weise, indem sie ihm die wichtige Mitteilung
machten, daß er nur in dem Falle bald sterben werde, wenn sein
Leben von Gott »kurzberechnet« wäre.
Von dieser Zuckerbäckerbude wandte ich mich, in Begleitung
eines der Neffen, nach dem großen Markt, um den Beduinen
zuzusehen, die dort mit den Erzeugnissen ihrer Heimat Handel
trieben. Da wandelten sie, die freien Söhne der arabischen
Ebenen, Wüsten und Berge, von keinem Herrscher unterjocht,
wild und kühn, männlich und stolz, trotz ihrer Armut und ihres
beschwerlichen Lebens. Jeden Schmuck verschmähen sie als
weibisch, sie hüllen sich in weite leinene oder baumwollene,
kaum genähte Gewänder von meist blauer Farbe. Ein einfaches
baumwollenes Ärmelhemd, ein grober wollener Mantel darüber
geworfen, das war alles, was sie bedeckte. An den Füßen
verschmähten viele von ihnen irgend etwas, selbst die dünnsten
Sandalen zu tragen. Auch ihr Haupt war völlig nackt, und das
lange, niemals geschnittene Haar hing in zottigen Massen wild
auf die mageren Schultern hernieder. Leider werden diese
langen Haare sehr unreinlich gehalten, mit dem unreinlichsten
Wasser gewaschen, manchmal mit Butter eingesalbt, und außerdem
sind sie voll Staub und Schmutz und bilden wahre kleine
Wälder, in denen es von lebendigen Wesen wimmelt. Man rühmt an
den Beduinen noch heute die Tugend der Gastfreundschaft und
die Heilighaltung des Salzrechtes, nach dem sie denjenigen,
der mit ihnen das Salz gekostet hat, solange er in ihrem
Gebiete weilt, nie verfolgen, möge er auch sonst ihr
bitterster Feind sein. Auf dem Markte sah ich nur Kamele,
Kühe, Maulesel, Esel und Schafe; Pferde wurden nicht zum
Verkaufe geboten, denn der Hedschas ist kein Pferdeland, und
in Mekka haben nur der Großscheriff und einige der
angesehensten Leute Reitpferde. Arabische Pferde gibt es
eigentlich nur im Nedsched, das zwar gute, ja die besten
Pferde der Welt, aber doch nicht viele Pferde erzieht. Einer
der Beduinen, mit denen Ssadak befreundet zu sein vorgab, lud
mich ein, ihn in seiner Heimat zu besuchen. Aber das konnte
ich leider nicht ausführen, denn einmal war der Weg sehr
unsicher, und dann würde ich bei diesen guten Leuten beinahe
Hungers gestorben sein, da sie im Sommer so gut wie nichts zu
leben haben und es sie doch beleidigt hätte, wenn ich mich
selbst mit Lebensmitteln versorgt hätte. Ein Beduine bedarf
täglich kaum eines halben Pfundes an Lebensmitteln, um seinen
kleinen, spindeldürren, dünnknochigen Körper leidlich kräftig
zu erhalten. Auch schlafen diese Leute nur wenig und
unregelmäßig; sie setzen sich im Winter in ihren dünnen
leinenen Gewändern der Kälte, im Sommer mit ihrem unbedeckten
Haupte den glühenden Sonnenstrahlen sorglos aus. Eine Zeitlang
könnte ein Europäer dieses Leben wohl mitmachen; ich zweifle
aber, ob es ihm auf die Dauer gelingen wird, sich bei den
Beduinen ganz einzugewöhnen.
Am Abend des vierten Tages, seit meiner Ankunft in der
heiligen Stadt, führte mich mein Metuaf, Ssadak ben Hanifa,
noch einmal zur Moschee, der man, wie es die Pflicht eines
jeden guten Gläubigen verlangt, auch einen Abendbesuch machen
muß. An Straßenbeleuchtung ist natürlich nicht zu denken, und
so mußten mir Ssadak und sein Sohn auf dem nächtlichen Wege
mit einer Laterne notdürftig voranleuchten. Alles war still
zwischen den dunklen Massen der Häuser. Nur hier und da hörte
man den Tritt eines Pilgers, der, wie ich, von einem
Laternenträger begleitet, die Moschee aufsuchte. Wie Geister,
in den weißen Ihram gehüllt, so tauchten diese Pilger, je mehr
wir uns der Moschee näherten, immer häufiger aus dem
Nachtdunkel auf, bald aus einem Tore, bald ans einer dunklen
Nebenstraße hervortretend. Durch das geheiligte Tor der
Propheten traten wir nun in den Moscheehof ein. Ein
überraschender, ja wundervoller Anblick erwartete uns heute.
Unzählige kleine Öllämpchen erhellten die Kaaba und die
Heiligtümer, die sie umgaben, gerade genug, um sie gewahren,
nicht aber genug, um sie völlig deutlich sehen zu können, und
so konnte man sich in diesem Halbdunkel noch alles viel
schöner ausmalen, als es in Wahrheit beschaffen war. Die
dunkle Masse der Kaaba lag da wie ein von bösen Geistern
bewohntes Riesenschloß. Rundherum schwärmte im Lichte der
tausend und abertausend Lämpchen die unzählige Menge
halbnackter Pilger, welche die Heiligtümer umwandelte und in
frommer Begeisterung an Mund und Herz drückte. Rund um diese
Oase von Licht und Leben, in deren Mitte sich das dunkle
Heiligtum der Kaaba erhob, dehnte sich der weite Hof wie eine
Wüste aus, anfangs noch ein wenig erhellt, weiterhin in
völligem Dunkel liegend, bis er wieder begrenzt wurde durch
das Viereck des Säulenumgangs, das ebenfalls mit einer Unzahl
von Lämpchen matt erleuchtet wurde. Außer den Pilgern, welche
in frommer Absicht hierhergekommen waren, umschwärmten den
Tempel auch zahlreiche Metuafin (religiöse Lohnbedienstete),
deren es tausend in Mekka geben soll und die dem Pilger bei
Tag und Nacht keine Ruhe lassen, bis er einem von ihnen in die
Hände gefallen ist. Da der Raum um die Kaaba voll von sich
drängenden und stoßenden Pilgern war, so wandte ich mich bald
wieder dem Säulenumgang zu. Auch hier waren überall Menschen,
die in dem matten Licht der Öllämpchen Geistern glichen, die
in einem verfallenen Klosterhof ihr nächtliches Wesen treiben.
Hier lehnte ein weißgekleideter Pilger an einer Marmorsäule,
so unbeweglich, als sei er selber ein weißer Stein; dort ruhte
am Fuße eines Pfeilers ein schwacher, hinfälliger, sterbender
Hadsch, der sich in die Moschee hatte tragen lassen, um an
heiliger Stätte seinen Geist auszuhauchen. Aber auch allerlei
männliches und weibliches Gesindel trieb sich zwischen den
Pilgern herum, um sich im Schutze der Dunkelheit mit ihnen
über Schlechtigkeiten zu bereden. Hier und da wurde auch eine
Leiche im Moscheehofe dahergetragen, da mancher Sterbende
nicht Zeit gehabt hatte, sich im letzten Augenblick in den
Tempel bringen zu lassen und auf seinem Totenbette befahl,
seinen leblosen Körper den Umgang um die Kaaba machen zu
lassen, den er selbst nicht mehr zurücklegen konnte. – Bis
nach Mitternacht verweilten wir in der Moschee, um wieder eine
ganze Menge langweiliger Gebetsübungen zu verrichten; dann
begaben wir uns in unsere Behausung zurück.
Inzwischen war der zweite Pilgermonat, Du el Kada, zu
seinem Ende gekommen; nun brach der dritte und letzte
Pilgermonat, Du el Hödscha, das heißt der »Herr der
Pilgerfahrt«, an. Da am 1. Du el Hödscha die Ankunft der
großen Pilgerkarawane aus Bagdad und am zweiten die Karawane
der syrischen Hadschadsch erwartet wurde, so mußte ich noch
kurz vorher zwei der notwendigen Pflichten eines Pilgers
erfüllen, nämlich den Lauf zwischen Ssafa und Merua und die
Wallfahrt nach Omra (die sogenannte kleine Wallfahrt).
Am nächsten Morgen um 6 Uhr legte ich daher die
Umschlagetücher wieder an und folgte meinem Metuaf in die
große Hauptstraße von Mekka, die schon erwähnte El Emsa, in
der das fromme Rennen stattfindet. Wir durchschritten diese
Straße in ihrer vollen Länge bis zu ihrem östlichen Ende. Dort
erhebt sich die Säule Eß Ssafa, die ungefähr die Form eines
alten christlichen Altars hat, zu dem man auf drei Stufen
hinaufschreitet. Als ich die höchste Stufe erreicht hatte,
wandte ich, auf Ssadaks Aufforderung, das Gesicht nach Westen
der Moschee zu (die jedoch vor den Häusern der Straße nicht zu
sehen war), streckte meine Arme gen Himmel aus und sprach das
vorgesprochene Gebet nach. Hierauf begann ich den Lauf, die
Hauptstraße entlang bis zu der Säule El Merua am anderen Ende,
streng nach der Vorschrift teils laufend, teils rennend. Diese
sogenannte Säule hat auch das Aussehen eines rohen steinernen
Altars. Vier große Stufen führen hinauf, oben spricht man sein
Gebet, und dann beginnt der Rücklauf. Ist man an der ersten
Säule wieder angekommen, so hat man den ersten Lauf beendigt,
und erst nach sieben Läufen ist die ganze heilige Handlung
beendigt. Während des Laufens müssen beständig Lobsprüche und
Glaubensformeln hergesagt werden, wie »Allahu akbar« (Gott ist
groß) und ähnliche.
Dieser Lauf findet zum Andenken an Hagar, Abrahams Magd,
statt, welche, wie schon erzählt, siebenmal hier herumirrte,
ehe sie den Brunnen Semsem fand. Er bietet einen ganz
eigentümlichen Anblick dar. Man sieht nichts als halbnackte
Gestalten, welche in wahnsinniger Begeisterung die Straße auf
und ab rennen, dicht gefolgt von ihrem Schatten und
unzertrennlichen Begleiter, dem Metuaf. Während die Pilger vor
Eifer und Leidenschaft verzerrte Mienen zeigen, spricht aus
dem Gesicht der Führer nur reine Geldgier. Ist die Pilgerzeit
vorbei, dann beginnt die Zeit der Lustbarkeiten für die
religiösen Lohndiener, und dabei wissen sie nichts Lustigeres
zu erzählen als die Listen, mit denen sie die dummen Pilger
übertölpelt und ihnen ihr Geld abgeschwindelt haben.
Von der Säule Eß Ssafa begab ich mich ungesäumt auf die
Wallfahrt nach Omra. Der Weg dorthin mag etwa drei Viertel
einer deutschen Meile betragen; wir legten ihn aber auf zwei
flinken kleinen Eselchen bald zurück. Der Weg führte durch
eine sandige, fast völlig kahle Ebene; bei einem großen Haufen
unordentlich aufgetürmter Steine machten wir Halt, um dem
gottlosen Oheim des Propheten, Abu Lahab, und der ebenso
gottlosen Tante, die hier begraben liegen, unter schrecklichen
Verwünschungen ein paar Steine aufs Grab zu werfen, und
erreichten bald die kleine Kapelle El Omra, wo wir unsere
Gebete zu verrichten hatten. Die Kapelle war aber mit
Hadschadsch förmlich gestopft und der Boden mit frommen Betern
wie gepflastert, so daß wir, wollten wir nicht erdrückt
werden, unsere Gebete rasch beendigen mußten. Unter
Lobgesängen und beständigem »Labikrufen« kehrten wir dann auf
unseren kleinen Eseln reitend nach Mekka zurück.
Am ersten Tage des Monats Du el Hödscha langte die
Pilgerkarawane aus Bagdad an und am folgenden die aus
Damaskus, und während die erstere nur fünfzehnhundert Pilger
zählen mochte, zählte die letztere nicht ganz viertausend.
Diese, welche die größte aller noch bestehenden
Pilgerkarawanen ist und von einem türkischen Pascha
kommandiert wird, wurde von dem Großscheriff von Mekka mit
seinen Söhnen und zahlreichen Begleitern aufs Feierlichste
eingeholt. Ich ging am Nachmittag mit Ssadak und Sohn vor die
Stadt, um der Ankunft dieser Karawane beizuwohnen. Unser Weg
führte uns an dem großen Friedhof von Mekka vorbei auf den
Lagerplatz, auf dem die syrischen Pilger ihre Zelte
aufzuschlagen pflegen. Viele Bürger von Mekka waren am Morgen
hinausgezogen, um die Karawane im Triumph einzuholen. Voran
ritt der Großscheriff von Mekka, ein stattlicher, alter Mann,
mit seinen vier Söhnen, edle, würdige Gestalten, auf den
schönsten arabischen Pferden sitzend, in reiche, seidene
Gewänder gekleidet, mit Kaschmirschärpen und Kaschmirturbanen
umschlungen. Dem Großscheriff zur Seite ritt der Pascha von
Damaskus, ebenfalls auf einem Araberpferde; aber der Türke mit
seinem langweiligen Gesicht und seinem runden Schmerbauch sah
doch neben den mageren aber sehnigen Arabern nicht sehr würdig
aus. Es war mir sehr auffallend, daß der Pascha bei dieser
Gelegenheit eine Uniform trug, eine reiche, goldgestickte
Uniform mit einem Diamantorden auf der Brust, während es doch
sonst Sitte ist, daß jeder Moslem, einerlei ob hoch oder
niedrig, vor seiner Ankunft in Mekka den Ihram trägt. Auch sah
ich deutlich, welches Mißfallen diese Ungehörigkeit bei den
ersten Arabern erregte und wie sie mit dem Ausdruck der
Verachtung auf die Uniform blickten. Zu sagen wagten sie
natürlich nichts, denn der Türke war ja ihr Beherrscher.
Hinter dem Pascha folgte eine Menge vornehmer Türken, und dann
kam das Kunterbunt der syrischen Pilgerscharen. Hier wurde
eine Sänfte zwischen zwei Kamelen getragen, in der ein
feister, rauchender Türke saß; dort eine andere, in der, kaum
erkennbar, in den langen, undurchdringlichen Ihram der Frauen
gehüllte Türkinnen saßen. Daneben gingen zu Fuße arme,
hinfällige Leute aus Syrien, denen man die Mühen der
Pilgerfahrt nur zu deutlich ansehen konnte. Ihnen folgten hoch
zu Kamel syrische Beduinen, stolze, kräftige Gestalten mit
schwarzen, blitzenden Augen und dichten, vollen Bärten. Dann
kamen auf bescheidenen Eseln reitend friedliche Kaufleute, von
ihren Warenballen begleitet, die sie auf der großen Reise zu
Geld zu machen hofften. Am diese Pilgerscharen herum ritten in
kühnen Schwenkungen ihrer edlen Nedschedpferde wilde Beduinen
aus Arabien, welche die kriegerische Bewachung der Karawane
bildeten.
Alle Pilger waren im Ihram mit der einzigen Ausnahme des
Pascha, der vielleicht zu faul dazu war und lieber durch das
Opfern eines Hammels büßen mochte. Bei der Wallfahrt nach
Arafa sah ich sogar, daß viele türkische Soldaten am Fuße des
heiligen Berges in voller Uniform herumliefen, an einem Tage
und an einem Orte, da doch selbst der unheiligste Araber das
Pilgergewand anlegt. Deshalb sehen die Araber die Türken
überhaupt und die türkischen Soldaten im besonderen mit
unendlicher Verachtung an.
Viele Pilger schlugen ihre Zelte auf dem für sie bestimmten
Lagerplatze auf, andere aber suchten in der Stadt Quartier, so
daß die Mieten rasch um das Doppelte und Dreifache in die Höhe
stiegen, und mancher fromme Hadsch, der nicht so viel zahlen
konnte, auf die Straße geworfen wurde.
So wäre es auch mir bald ergangen. – Als ich von meinem
Ausfluge wieder zurückkehrte, fand ich zu meinem großen
Erstaunen mein Zimmer geputzt und gekehrt, was sonst nie
vorkam, all mein Gepäck in eine Ecke geschoben, ja meinen
guten Ali fand ich bereits an die frische Luft gesetzt, und
mich selbst wollten Hamdans Sklaven nicht mehr in mein Zimmer
hineinlassen. Der Lärm, der sich darüber erhob, lockte endlich
den dicken Hamdan selbst herbei, welcher, von einer Schar
syrischer Pilger begleitet, langsam und schwerfällig die
Treppe heraufstieg. Und was für einer Schar! Sie bestand aus
acht erwachsenen Syrern, schmutzigen, halbnackten Kerlen in
verwahrlosten Pilgertüchern, aus einem halben Dutzend Knaben
und aus vier Negersklaven. Dieser ganze Schwarm ergoß sich nun
in mein kleines Zimmer, in dem eigentlich nur für mich und Ali
bequem Platz war, und in welchem diese zwanzig Leute aufrecht
stehen mußten, wenn sie sich überhaupt darin aufhalten
wollten. Dennoch besaßen diese Syrer die unglaubliche
Frechheit, zu zwanzig dieses kleine Zimmer bewohnen zu wollen,
aus dem ich natürlich hinausgeworfen werden sollte. Hamdan
zeigte mir denn auch ein gänzlich verändertes Wesen und,
während er mich sonst mit tiefen Salamaleks grüßte, tat er
jetzt, als merke er meine Anwesenheit kaum. Ich war aber fest
entschlossen, mein Zimmer zu behaupten, rief Hamdan beiseite
und eröffnete ihm mit vorwurfsvollen Worten, daß ich bereit
sei, ihm täglich einen halben Rial mehr zu zahlen, als diese
zwanzig Syrer zusammen geboten hätten. Da veränderte sich auf
einmal sein Wesen, und mit der alten Achtung und Zärtlichkeit
sprach er zu mir: »O mein Bruder! fürwahr, du mußt der Sohn
eines Königs sein, um so glänzende Ausgaben machen zu können!«
Jetzt mußte ich, noch dazu für drei Tage im voraus, statt, wie
bisher einen halben Rial zwei und einen halben Rial für das
Zimmer bezahlen, nach muselmännischen Begriffen wirklich einen
ganz ungeheuren Preis, für den man in Kairo oder Damaskus ein
ganzes Haus für einen Monat mieten konnte. Die Syrer wurden
nun in dem mir wohl bekannten Hühnerstall einquartiert,
während ich mein Zimmer mit einer doppelten Lage von
Insektenpulver bestreute, denn die frommen Hadschadsch hatten
eine sehr zahlreiche Bevölkerung mit sich gebracht.
Am 4. Du el Hödscha gab ich im Hause meines Wirtes ein
großes Gastmahl, wobei die beiden Schafe verzehrt wurden,
welche ich als Opfer dafür bringen mußte, daß ich den heiligen
Lauf nicht gleich nach der Beendigung des Umgangs um die Kaaba
am Tage meiner Ankunft in Mekka zurückgelegt hatte. Außer den
Insassen des Hauses Hamdans hatte ich auch noch meine
ägyptischen Freunde eingeladen, mit welchen ich verabredete,
die Pilgerfahrt nach Arafa gemeinschaftlich anzutreten.