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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
Abberufung
Mohammed kehrte, vom Jubel der Gläubigen umbraust, nach
seiner Hauptstadt Medina zurück.
Mohammed besaß ein zahmes schwarzes Kaninchen, das er sehr
liebte. Es teilte morgens seine Milch mit ihm und schlief auf
seinem Bett.
Es spielte um ihn, wenn er im Garten sich erging.
Eines Tages ward es an seiner zweispaltigen Lippe von einer
Schlange gebissen.
Vom Schüttelfrost gepackt, die Augen geschlossen, riß es
den Mund auf und zu und duldete unsagbare Schmerzen.
Aber kein Laut war ihm vergönnt, die Qualen kundzutun.
Mohammed bettete es an seine Brust, die Tränen jagten ihm
über die Wangen.
Wie kann ich dir helfen? Es ist ein Abgrund zwischen uns,
so tief, Gott selbst vermöchte keine Brücke zu schlagen.
Stürbe ich mit dir, so wäre ein Gemeinsames, das uns zur
Brüderlichkeit zwänge.
Schon streifen die Flügel der Fledermaus auch meinen
erlöschenden Tag, und ich sterbe, hilfloses Tier, einsam und
hilflos wie du – mögen geliebteste Menschen auch mich seufzend
in Armen halten ...
Mohammed erwachte und sah den goldenen Vogel um die Ampel
schweben. Und er rief Maria, die Koptin, und sprach: »Die
Wände des Zimmers sind zerrissen, da der Meister das Tor
vermauerte und die Fenster mit wilden Pflanzen verklebte. Efeu
schlang sich um meine Blicke und Winde wand sich um meine
Füße. Nun stürzte die steinerne Wand gen Westen und ließ die
Sonne herein. Ach, nun erst, da sie sinkt, seh ich sie
steigen. Bin ich wie eine Blume, die sich entfaltet und die
sich nie mehr schließen möchte. Mit tausend Blütenblättern
kralle ich mich ans Licht. Siehst du den goldenen Vogel auf
der roten Wolke schweben?«
Mohammed warf seine wilden Augen wie Steine zur Ampel
empor.
Maria erschrak.
»Herr, es ist die Ampel, die dich verwirrt. Ein
Sonnenstrahl hat sich in ihr wie in einem Käfig gefangen.«
Mohammed sprach:
»Bringe mir Wasser!«
Maria enteilte.
Da sie mit dem Krug auf der Schwelle stand, entfiel er
ihren Händen und zerbrach klirrend.
Sie bückte sich verscheucht nach den Scherben und schrie.
Das Wasser aber floß bis an das Lager Mohammeds, der die
Hand hineintauchte und sich die Stirne schmerzlich kühlte.
Das Wasser ist beflissen, ihm zu dienen, sann Maria. Er
bändigt die Elemente. Daß doch mein armes Herz, ach, nie zur
Ruhe, nie zu Mohammed kommt.
Mohammed ließ die Hand in die Nässe hängen.
Ein Bergbach plätschert über meine spielerischen Finger.
Ich habe nicht verlernt zu spielen. Werde zur Kugel, Bach, daß
ich dich balle und, frohes Kind, mit Mutter Erde und Vater
Gott Fangball spiele.
Er ballte das Wasser zur Faust.
Und Maria sah, wie er eine silberne Kugel in Händen hielt.
Er warf sie in die Luft, wo sie strahlend zerplatzte.
In der Ampel, der goldene Vogel, zwitscherte.
Der Himmel bezog sich mit Wolken.
Ängstlich schrien die Hühner, und die Hunde bellten.
Mohammed stöhnte.
»Die Wand steht wieder da, und das Tor glotzt, groß
geöffnet.
Der silberne Ball entsprang meiner Hand.
Die rote Wolke verdampfte.
Der goldene Vogel stürzte, vom Pfeile meiner Blicke
durchbohrt, blutend zu Boden.
Gewürm kriecht aus den Kellern.
Magere Molche.
Fette Frösche.
Schillernde Schlangen.
Blinde wanken winselnd durch die Gassen, von krötigen
Kindern irr lallend geführt. Weiber gebären Wahnsinn. Boten
aus bunteren Ländern bringen böse Nachricht. Ewiger Krieg.
Ewiger Krieg. Flüsse springen durstig über ihre Ufer. Es
regnet Wanzen. Menschen werden nur geboren als Zwillinge:
Bauch an Bauch oder Rücken an Rücken, qualvoll gekettet.
Kein Schlaf hängt mehr die Schleier seiner Güte um unsere
erblassende Stirn.
Unselige Wetter drohen unsern Türmen.
Maria, rufe mir Ali, den Jüngling, und Talha, den Schönen.
Auf ihre Schultern gestützt, will ich das brennende Haus
verlassen, wenn der Blitz es erschlug.«
Weinend knieten Ali und Talha am Kopfende seines Lagers.
Zu seinen Füßen saß Maria, tränenlos und taub vor
Schmerzen.
Und Mohammed sprach:
»Ali, du Junger, und Talha, du Schöner: ihr noch: Zauber
der Zukunft! Ich verfalle, und morsch ist mein Gebälk von der
Last des Himmels und den Stürmen der Erde. Wenn ich gestorben
bin, fürchtet euch nicht! Zieht mir die lederne Haut vom Leibe
wie einem gefallenen Tier, das dem Abdecker gebührt. Und dreht
mir die Arme aus den Gelenken und werft sie in die Wüste, daß
die Schakale sie benagen und die Sonne sie dörre. Bespannt
eine Trommel mit meinem Fell und schlagt darauf mit den
Klöppeln meiner Knochen, daß sie die Gläubigen rufe zum
heiligen Kampf, zum strahlenden Gemetzel, zur ewigen Schlacht,
zum süßesten Sieg.«
Sie deckten über Mohammed einen gestreiften Mantel, daß
nicht Fliege und Ungeziefer seinen Frieden surrend beschmutze.
Und Ali erhob sich und sprach: »Bei Gott, Mohammed ist nicht
gestorben. Er ist zu seinem Herrn gegangen, wie Moses, der
vierzig Tage sein Volk gemieden und erst am einundvierzigsten
zurückkehrte, nachdem man schon die Totenfeier für ihn
gerichtet. Bei Allah, der Gesandte Gottes wird zurückkehren
und denen, die ihn totsagten, das Maul zerschmettern.«
»Wenn du mich liebst, Talha,« Maria, die Koptin, lehnte
sich an seine Schulter, »so tötest du mich. Ich habe den Mut
nicht dazu. Töte mich und bette meine Leiche an die seine, daß
ich im Himmel neben ihm erwache.«
Talha, dem leichter Schwung der Rede nicht gegeben,
schüttelte das schöne Haupt.
»Ich kann nicht töten, was von sich aus lebt und leben will
...«
Da entwich Maria, die Koptin, aus dem Haus.
Sie lief mit wunden Füßen nach dem Berge Koba, dem Hort der
Aussätzigen.
Vergehend vor Wildheit und Verlangen nach dem Tode, umarmte
sie Otmar, einen jungen Kesselflicker, dem der Aussatz die
Brust zerfraß. In seine Wunde bettete sie ihren Kopf und küßte
ihm den Eiter aus den Löchern.
Otmar, der Kesselschmied, weinte an ihrer Leiche und
schüttete Granatäpfel-, Orangen- und Pfirsichblüten über sie.
Er verbrannte sie heimlich und streute die Asche beim Gebet
der sinkenden Sonne in den Westwind.
Mohammed lag drei Tage unbeerdigt, wie es den Gebräuchen
entsprach.
Am vierten, als Ali und Talha mit der Waschung Mohammeds
beschäftigt waren, trat ein uraltes Männchen ins Haus. Seine
fleischlosen Arme schlugen wie Klöppel klappernd an die
zersprungene Glocke seines Körpers. Sein eisgrauer Bart wehte
fransig bis über die Knie.
Die Augen rollten wie Glaskugeln hörbar in ihren Höhlungen.
»Wer bist du, Alter?« fragte Ali, »du störst die Ruhe des
milde Schlafenden. Der Tod weilt im Haus.«
Auf Zehenspitzen hüpfte der Greis an Mohammed heran, dessen
Haupt an der Brust Talhas lag, während Ali das Wasser über ihn
goß-
Der Greis hob spitz den Zeigefinger:
»Wie schön ist er im Leben und im Tode!«
Er verneigte sich dreimal, die Hände über dem dürren Leib
gekreuzt:
»Ich bin Bahirah, der Mönch, und gekommen, dich noch einmal
zu betrachten, Mohammed. Hundertunddreißig Jahre sandte mir
der Herr, und ich habe sie getragen, in Demut und Würde,
gefaßt und begreifend. Zwei Tage ragen wie Schneegipfel aus
der Ebene meiner Jahre: da ich dich, Mohammed, ins Leben
gehen, und heute, da ich dich scheiden sehe. Ich habe
gewissenhaft und streng das heilige Buch verwahrt, das Gott in
meine Höhle legte. Jeden Morgen las ich darin – und ich las, o
Mohammed, was du geschrieben: was du gesagt, gedacht, geahnt,
geträumt, gewollt. Unsichtbar schrieb eine starke Hand im
heiligen Buche deine Lehre, dein Leben – bis es erfüllt ward.
Da zersprang die Kette – und das Buch war frei ...«
Der Alte wandte sich an Ali und Talha, die ihm lauschten:
»Ich habe es meiner Eselin aufgeladen, die ich draußen an
die Säule band. Ich habe es mitgebracht, es in der Moschee an
geweihter Stelle niederzulegen, denn Tage nur noch trennen
mich von Al Dschannat, Al Araf oder Dschehenam. Dieses Buch,
genannt der Koran, sei allen Gläubigen befohlen und ans Herz
der Menschheit gelegt als ewig unverrückbares Gesetz. Die
Fackel der Liebe leuchtet daraus und die Kerze der Verheißung.
Es soll in der Moschee von Medina gelesen werden, täglich;
durch hundert Priester: von Anfang bis Ende. Unaufhörlich soll
tönen Gottes, des Einzigen, Wort, von Morgenland bis
Abendland. Von Auf- bis Niedergang der Sonne ...«