Quran im Islam
Der Quran im Islam

Mehr zum Autor siehe: Allama Sayyid Muhammad Husain Tabatabai

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Der Quran im Islam

Schlussfolgerung

Aus dem im vorigen Kapitel Gesagten lässt sich schlussfolgern, dass eine adäquate Quran-Exegese auch durch Nachdenken über die Verse selbst und mit Hilfe anderer entsprechender Verse möglich ist. Mit anderen Worten, wir haben zur Auslegung Quranischer Verse drei Möglichkeiten:

  1. Die isolierte Auslegung des Verses mit wissenschaftlichen oder anderen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen
  2. Die Auslegung eines Verses mit Hilfe einer Überlieferung, die von einem Unfehlbaren überliefert worden ist
  3. Die Auslegung des Verses im Gesamtkontext aller entsprechender Verse unter Benutzung der Überlieferungsliteratur

Die dritte Methode wurde im vorigen Kapitel geschlussfolgert. Sie ist die Methode, auf die der Prophet und die Mitglieder seiner Familie in ihren Lehren hingewiesen haben. In diesem Sinne sagt der Prophet: „Sie sind vielmehr offenbart worden, um sich gegenseitig zu erklären.“ Und der Befehlshaber der Gläubigen[1] sagt: „Sie sprechen und zeugen füreinander.“

Aus dem bereits Gesagten wird klar: Diese Methode unterscheidet sich von dem Verfahren, das laut der Prophetentradition „Wer den Quran nach eigenem Gutdünken auslegt, sichert sich den Platz im Höllenfeuer“ nicht zulässig ist. Denn nach der dritten Methode wird der Quran nur aus dem Quran erklärt und nicht nach der persönlichen Meinung des Exegeten.

1. Methode. Sie ist nicht zuverlässig und kommt in Wirklichkeit der Auslegung nach eigenem Gutdünken gleich, ausgenommen natürlich die Bereiche, die mit der 3. Methode übereinstimmen.

2. Methode. Sie wurde bereits von frühislamischen Exegeten angewandt, überdauerte mehrere Jahrhunderte und wird heute noch von manchen schiitischen und sunnitischen Traditionalisten benutzt. Sie ist eine eingeengte Methode für unbegrenzte Fragen. Denn für Hunderttausende von wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Fragen stehen etwas über 6.000 Quranische Verse zur Verfügung. Woher sollen wir die Antwort auf diese Fragen zur Lösung unserer Probleme erhalten? Sollen wir uns an Überlieferungen orientieren? Doch die Zahl der Überlieferungen aus der Prophetenüberlieferung, die uns über die Sunniten erreicht haben, machen kaum 250 Hadithe[2] aus. Viele von ihnen sind schwach und einige nicht einmal anerkannt. Die Überlieferung der Mitglieder der Prophetenfamilie, die von Schiiten überliefert worden ist, zählt zwar mehrere tausend Überlieferungen, die eine beachtliche Menge zuverlässige Hadithe aufweisen, doch reichen auch sie angesichts unbegrenzter Fragen nicht aus. Zumal es zahlreiche Quranische Verse gibt, für die weder von Sunniten noch von Schiiten Hadithe[3] überliefert worden sind. Oder sollen wir doch zur Lösung unserer Probleme auf geeignete Verse zurückgreifen, was bei dieser Methode vermieden wird.

Oder sollen wir uns grundsätzlich dieser Diskussion enthalten und deren wissenschaftliche Notwendigkeit ignorieren? Welchen Sinn wollen wir dann dem Quranischen Vers „Und wir haben die Schrift auf dich herabgesandt, um alles klarzulegen“ [4] mit einer so eindeutigen Feststellung zuordnen? Was bedeuten dann die Verse „Machen sie sich denn keine Gedanken über den Quran?“ und „eine von uns zu dir hinabgesandte gesegnete Schrift, damit sie sich über seine Verse Gedanken machen, und damit diejenigen, die Verstand haben, sich mahnen lassen“. (38:29)

Und „Haben sie sich denn keine Gedanken gemacht über das, was gesagt wird? Oder ist etwas zu ihnen gekommen, was nicht auch schon zu ihren Vorvätern gekommen wäre?“ (23:68)

Und welchen Zweck sollen die von dem Propheten und den Imamen seiner Familie überlieferten verbürgten Überlieferungen (Hadithe) haben, die dem Menschen dringend empfehlen, beim Entstehen von Schwierigkeiten und Unklarheiten den Quran zu Rate zu ziehen?[5] Bei dieser Methode wäre eigentlich das Nachdenken über den Quran, das gemäß zahlreichen Quranischen Versen eine allgemeine Pflicht ist, gegenstandslos. Des Weiteren ist eine kritische Überprüfung der Überlieferungen auf der Grundlage der göttlichen Schrift sowohl in der sunnitischen Prophetenüberlieferung als auch in der schiitischen lückenlosen Überlieferung des Propheten und der Imame seiner Familie zur Pflicht gemacht worden, wonach die Überlieferungen auf Quranischer Grundlage geprüft und im Falle der Übereinstimmung mit der göttlichen Schrift übernommen und andernfalls abgelehnt werden sollen.

Die Überprüfung hat selbstverständlich erst dann einen Zweck, wenn zwischen dem Wortlaut des Quranischen Verses und dessen Bedeutung ein Zusammenhang besteht und der erkannte Verssinn (bzw. die Auslegung) als gültig erachtet wird. Hätte die Überlieferung allein für das Erkennen des Verssinnes ausgereicht, so hätte ihre Überprüfung auf der Grundlage der Schrift keinen praktischen Zweck.

Diese Überlieferungen sind der beste Beweis dafür, dass der Wortlaut der Quranischen Verse wie jede andere Sprachhandlung auf entsprechende Bedeutungen hinweist und dass diese Bedeutungshinweise auch ohne Berufung auf überlieferte Zitate autonome Beweiskraft besitzen. Aus den bisherigen Erörterungen wird klar, dass die Pflicht des Exegeten darin besteht, die Überlieferung des Propheten und der Imame seiner Familie, die über die Art und Weise der Quran-Auslegung überliefert worden sind, zu studieren, sich mit ihren Methoden vertraut zu machen und dann den Quran gemäß den Anweisungen aus der Schrift und Überlieferung auszulegen. Er soll die überlieferten Auslegungen übernehmen, wenn sie mit dem Sinn der Verse übereinstimmen.

[1] Titel von Imam Ali (a.)

[2] Gemeint sind explizit die Überlieferungen zur Erläuterung von Versen des Heiligen Quran

[3] Arabische Bezeichnung für “Überlieferungen“ es Propheten, und bei Schiiten auch er Ahl-ul-Bait

[4] Heiliger Quran 16:89

[5] Vgl. die Einleitungen der Kommentare von Ayyaschi, Safi, Burhan

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