Fünfter Teil
Dienstag, 29. Mai
Heute sollen mir die Säle des Schlosses zu Teheran gezeigt
werden, dank dem Befehl des jungen Prinzen.
In den Gärten, im Umkreise der Wasserbassins, herrscht
dasselbe Schweigen wie gestern und vorgestern; und auch die
Schwäne ziehen dieselben Kreise zwischen den Spiegelbildern
der rosenroten Mauern und der großen dunklen Bäume.
Hier gibt es sogar einen Saal mit alten Gobelins, auf denen
Nymphentänze dargestellt sind. Viel zu viele europäische
Sachen, wohin das Auge blickt, an den Wänden hängen zahllose
Spiegel, eine richtige Spiegelausstellung; die
verschiedenartigsten Spiegel in Rahmen, aus dem letzten
Jahrhundert, mit ganz gewöhnlicher Vergoldung, Spiegel,
überall Spiegel, wie bei den Möbelhändlern dicht nebeneinander
aufgehängt. Um sich dies erklären zu können, muß man wissen,
daß diese Stadt erst seit zwei oder drei Jahren eine fahrbare
Straße besitzt, die sie mit dem Kaspischen Meer und mit Europa
verbindet; alle Spiegel wurden in Sänften auf steilen Pfaden
unter zwei- bis dreitausend Meter hohen Bergen herbeigetragen;
wie viele also müssen unterwegs zerbrochen sein, damit ein
einziger heil ankommen konnte, und dieser war dann natürlich
ein sehr wertvoller Gegenstand! Vielleicht sind die Perser
durch diese unzähligen Glassplitter zum erstenmal auf den
Gedanken gekommen, die glänzenden Stalaktite als Ausschmückung
zu verwenden, mit denen es ihnen gelungen ist, etwas so
Überraschendes und einzig Dastehendes zu schaffen.
Eigenartig in diesem Palast sind übrigens nur die mit
Eiszapfen behangenen Gewölbe, eine unerschöpfliche Phantasie
hat es verstanden, hier Abwechslung hineinzutragen. Und alles,
was wir heute sehen, kann sich nicht im entferntesten mit dem
noch in reinem persischen Stil erbauten Thronsaal messen, den
wir den ersten Tag auf Schleichwegen betraten.
Im ersten Stockwerk liegt eine Galerie, sie ist so groß,
wie die Säle des Louvre und enthält viele kostbare
Gegenstände. Der Fußboden, aus rosenroten Fayencen,
verschwindet unter seidigen Teppichen, Probestücke
verschiedener Zeiten und verschiedener Stile Persiens. Eine
übertriebene Menge von Kristallkronleuchtern hängen in langen
Reihen dicht nebeneinander, ihre zahllosen Glasstückchen
vereinen sich mit den Stalaktiten des Gewölbes und rufen den
Eindruck eines zauberhaften Regens, eines Wasserfalles hervor,
der noch, bevor er herabstürzte, zu Eis erstarrt ist. Und die
Fenster zeigen hinaus auf die traurigen Gärten, auf die
ruhigen Spiegelflächen der Wasserbassins. In den Glaskästen,
auf den Etageren, den Seitentischen, überall, liegen tausend
verschiedene Gegenstände, aus dem Anfang der jetzigen Dynastie
stammend: goldene Uhren, mit Edelsteinen besetzt, mit
kunstreichen Mechanismen und kleinen Automaten versehen,
Weltkarten aus Gold, mit Diamanten übersät; Vasen, Schüsseln,
Service aus Sèvres, aus Meißen und aus China, lauter Geschenke
der Könige und Kaiser an die Herrscher Persiens. In
Abwesenheit des Schahs werden ungezählte Kostbarkeiten in
verschlossenen Truhen in den Kellern aufbewahrt; unter der
Erde, in den Gewölben des Schlosses, schlafen zahllose
Edelsteine von unschätzbarem Wert. Aber ganz im Hintergrunde
der Galerie steht in der Mitte des letzten, mit Kristall
behangenen Bogens das Wunder aller Wunder, es ist zu schwer,
als daß ein Diebstahl möglich wäre, man hat es ohne Hülle,
ohne Decke, wie irgendein beliebiges Stück Möbel auf den
Fußboden gestellt: der alte Thron der Großmoguln, der einst im
Palast von Delhi in dem wunderbaren, durchbrochenen Marmorsaal
seinen Platz hatte. Er besteht aus einer Estrade aus schwerem
Gold, von zwei oder drei Meter Länge, seine acht goldenen Füße
sind wie Reptilien gewunden, an seinen vier Seiten bilden
Blumenzweige in erhabener Arbeit eine Kante, ihre Blätter sind
aus Smaragden, ihre Kronblätter aus Rubinen oder Perlen
hergestellt. Auf diesem sagenhaft schönen Sockel prangt in
stolzer Pracht ein seltsamer Sessel aus Gold, der ganz mit
großen Blutstropfen besprengt zu sein scheint. – Dies sind
geschliffene Rubinen in Cabochonform; über der Lehne strahlt
eine Sonne aus riesengroßen Diamanten, sobald man Platz nimmt,
wird sie durch einen Mechanismus gedreht, und alsdann glitzert
und funkelt sie wie ein herrliches Feuerwerk.
Heute abend findet das Diner statt, das Seine Exzellenz,
der Großvezir, mir zu Ehren zu geben geruht.
Eine ganz nach europäischer Art gedeckte und mit Blumen
geschmückte Tafel; Minister in schwarzem Frack und weißer
Binde, mit Großkordons und Orden; dies sah man schon überall.
Außer den Kalyans, die zum Nachtisch die Runde bei den Gästen
machten, gleicht dies Mahl ganz demjenigen, das unser Minister
der auswärtigen Angelegenheiten – der bei uns die Stelle des
Großvezirs einnimmt – irgendeinem durchreisenden Fremden in
seinen Räumen am Quai d'Orsay geben würde. Zwischen dieser
Stadt und Ispahan liegen nur hundert Meilen wüsten Landes,
durch das wir in Etappen gereist sind, aber es trennt sie auch
drei Jahrhunderte wenigstens, drei Jahrhunderte menschlicher
Entwicklung.