Fünfter Teil
Dienstag, 5. Juni
Bei aufgehender Sonne beginne ich mein Tagewerk, indem ich
dem Kutscher die Stockschläge zuerteile, auf die er wirklich
Anspruch zu machen hat. Dann kommt die Reihe an die
Maultiervermieter, sie fordern heute noch einmal soviel, als
wir am Abend vorher abgemacht hatten, ich schmeiße sie hinaus.
Eine Schar Dorfbewohner bietet mir dann an, im Laufe des
Vormittags aus Felsen, Baumstämmen, Stricken und so weiter
eine provisorische Brücke zu erbauen; meine leeren Wagen
wollen sie hinüberrollen, und dann sollen unsere Pferde, unser
Gepäck und wir selbst durch den Fluß waten. Trotz des hohen
Preises gehe ich auf den Vorschlag ein. Und mit Balken,
Schaufeln, Haken, wie zur Belagerung einer Stadt ausgerüstet,
ziehen sie von dannen.
Um die Mittagsstunde ist alles fertig. Meine beiden
abgeladenen Wagen gelangen scheinbar durch ein Wunder über das
Gerüst hinüber, und so auch wir; auch die Gepäckträger und
unsere Pferde erreichen schließlich das andere Ufer, nachdem
sie sich ganz, wie die Karawane gestern abend, von oben bis
unten mit Schlamm bespritzt hatten. Man lädt auf, man spannt
an; die jetzt nüchternen Kutscher nehmen ihre Plätze ein.
Und bis zum Abend reisen wir durch das Reich der Bäume,
durch die eintönige, grüne Nacht, in einem wirklichen Wald,
bei feinem, anhaltendem Regen. Die Tropen kennen kaum ein
schöneres Grün, als wie es hier in dieser feuchten, stets
bewässerten Gegend wächst. Ulmen, Buchen, alle voll
entwickelt, alle mit Efeu umrankt, sie stehen dicht gedrängt,
vereinen ihre prächtigen, frischen, blattreichen Zweige zu
einem Dach, legen sich wie ein einziger großer Mantel über die
Berge; man sieht in der Ferne, wie die kleinen, gleichmäßigen
Gipfel mit den abgerundeten Umrissen sich aneinanderreihen,
wie sie alle mit dem dichten Grün bekleidet sind, gleichsam,
als trügen sie einen grünen Schafpelz.
Plötzlich hat sich die Landschaft verändert, überraschend
ist es, im äußersten Norden dieses hochgelegenen, kalten,
ausgedörrten Persiens eine niedrige, feuchte, laue Zone zu
finden, wo die Natur so ganz unvermittelt an die erschlaffende
Atmosphäre eines Treibhauses erinnert!
Der sich durch die Wälder dahinschlängelnde, stets sich
abwärts neigende Weg wird wie bei uns instand gehalten, wie
man es in den sehr beschatteten Gegenden unserer Pyrenäen
findet; aber die Reisenden und ihre Tiere bleiben asiatisch:
Karawanen, Kamele, Maultiere mit perlenbesticktem Sattelzeug,
verschleierte Frauen auf kleinen, weißen Eselinnen.
Und jetzt trifft man gelegentlich am Rande des grünen Weges
mehrere Häuser, die gar nicht in diesen Ort hineinzupassen
scheinen. Häuser, ganz aus runden Balken erbaut, wie man sie
am Rande des Ural und in den Steppen Sibiriens trifft. Und auf
der Schwelle der Türen zeigen sich Männer mit flachen Mützen,
blond und rosig, und ihr blaues Auge scheint nach all den
schwarzen Augen der Iraner gleichsam von einem nördlichen
Nebel verschleiert zu sein; das benachbarte Rußland, das diese
Wege erbaut hat, stellte hier überall Beamte an, um die
Straßen beaufsichtigen und instand halten zu lassen.
Gegen Ende der Etappe befinden wir uns in gleicher Höhe mit
dem Kaspischen Meer (das, wie man weiß, noch dreißig Fuß über
dem Wasserspiegel der anderen Meere liegt), und in der
Dämmerung machen wir vor einer alten, aus Buchenstämmen
erbauten Karawanserei halt, inmitten einer sumpfigen, mit
Seerosen bewachsenen Ebene, wo Frösche und Wasserschildkröten
hausen.