Fünfter Teil
Mittwoch, 6. Juni
Ein dreistündiger Weg heute morgen führt stets durch Grün
zwischen Feigen- und Nußbäumen, Mimosen und Farnkräutern
hindurch, bis man schließlich die kleine Stadt Recht erreicht,
die nicht einmal mehr einen persischen Anstrich zeigt. Vorbei
mit den Mauern aus Lehm, den Terrassen aus Lehm, vorbei mit
den regenlosen Gegenden; die Häuser von Recht sind alle aus
Stein und Fayence erbaut, ihre Dächer sind alle mit römischen
Ziegeln bedeckt und springen zum Schutz gegen die Regengüsse
weit hervor. Überall auf den Straßen sieht man Wasserpfützen,
die Luft ist gewitterschwül!
Noch eine Stunde bis nach Piré-Bazar, wo die große Straße,
die fast einzige Straße Persiens, endet. Dort fließt ein Kanal
zwischen dem überhängenden, blühenden Schilf dahin, er ist wie
eine chinesische Arroyo mit Barken überladen. Dies ist der
Verkehrsweg zwischen Iran und Rußland, und es wimmelt auf
diesem schmalen Wasserstreifen von einem ganzen seeliebenden
Völkchen; ungezählte Bootsvermieter halten Ausschau nach der
Ankunft von Reisenden und Karawanen.
Wir müssen eine der großen Barken mieten, und dann geht's
vorwärts; unsichtbare Leute, hinter hohen Gräsern versteckt,
wandern zu Land voraus und ziehen uns an einem Strick nach
sich; und so gleiten wir ruhig unter einem Zelt dahin,
streifen das Grün des Ufers, kreuzen viele andere Barken, die
der unsrigen ähnlich sind, und die, wie wir, gezogen werden;
sie tragen Leute und Gepäck, und in diesem kleinen
Schilfgäßchen muß man sich vor ihnen in acht nehmen.
Endlich öffnet sich ein See vor uns, sehr groß, sehr blau,
liegt er zwischen den Inseln der Gräser und der Seerosen
inmitten einer ungezählten Schar von Reihern und Kormoranen
da. Das andere Ufer dort unten zeichnet sich nur als ein
schmaler, grüner Streifen ab, darüber sieht man den Horizont
der stillen Wasser, den Horizont des Kaspischen Meeres. – Und
man könnte glauben, dies sei eine japanische Landschaft.
Man betritt das neue Ufer, wo wieder hohes Schilf aufragt,
wo die Kormorane und Reiher in dichten Scharen auffliegen.
Zwischen dem See und dem Meer, zwischen dem fast zu kühlen
Grün der Bäume, in dem Orangenhain, liegt eine kleine Stadt;
sie hat einen leisen türkischen Anstrich, scheint, von weitem
gesehen, lächelnd und hübsch und taucht an beiden Enden ins
Wasser. Am Eingang ragt ein schönes Lusthaus aus rosenroten
und blauen Fayencen auf, der letzte Gruß Persiens, es nennt
sich »die strahlende Sonne« – und dient Seiner Majestät dem
Schah als Absteigequartier, wenn er sich auf seine Reisen nach
Europa begibt.
Die kleine Stadt heißt Enzeli; in der Nähe gesehen ist es
ein schrecklicher Haufen moderner Läden, die dem Reisenden
geöffnet sind, ein Zufluchtsort für Schurken und
Lumpengesindel, weder Perser, noch Russen, noch Armenier, noch
Juden, Leute von unbestimmbarer Nationalität, Leute, die die
Grenze auszubeuten verstehen. Aber in den Gärten Enzelis
blühen und duften Rosen, Lilien, Nelken, und die Orangenbäume
wachsen voller Zuversicht am Ufer des Meeres, das keine Flut
noch Ebbe kennt – wachsen inmitten des feinen Sandes, des
ruhigen Gestades.
In diesem Enzeli müssen wir voller Ergebung auf ein
russisches Schiff warten, morgen, die Stunde ist noch nicht
festgesetzt, wird es uns nach Baku tragen. Von Baku braucht
man nur über Tiflis durch Tscherkessien zu fahren, um in Batum
anzugelangen, wo die Schiffe des Schwarzen Meeres die
Reisenden nach Odessa oder nach Konstantinopel tragen, nach
der Schwelle der großen europäischen Linien –, mit anderen
Worten – hier ist der Endpunkt unserer Reise . . . Und abends,
unter den Orangenbäumen des Ufers, beim leisen Wellenschlag
des eingeschlossenen Meeres, werfe ich einen Blick zurück auf
den Weg, den ich gegangen bin, und dort sehe ich noch einmal
Persien liegen, das hohe, das wirkliche Persien, das Persien
der Gebirgsregionen und der Wüsten. Über den Wäldern, über den
schon sich verdunkelnden Wolken liegt es rosenrot da; noch für
einen kleinen Augenblick leuchtet es in der Sonne auf, mich
aber hüllt schon die Dämmerung ein. Von hier aus gesehen,
bietet es uns denselben Anblick der endlosen Mauer, den es uns
das erstemal bei unserem Aufstieg von dem Persischen Golf
geboten; es ist weniger farbenprächtig, weil wir uns jetzt in
den nördlichen Gegenden befinden, aber es hebt sich ebenso
scharf in der selten klaren Luft von den anderen irdischen
Gegenständen ab. Als wir von dem heißen Golf kamen, lag es vor
uns, wir mußten es erklimmen, und es hielt alle seine
ungeahnten Wunder für uns in Bereitschaft. Jetzt steigen wir
hinab, nach einem Ritt von vierhundert Meilen durch die vielen
Berge, über Spalten und Risse dahin. Es wird in der irdischen
Entfernung und in der Vergangenheit der Erinnerung mehr und
mehr verschwinden. Aber von all den Wundern, die unsere Augen
erblickten, wird uns dieses am längsten vorschweben: Eine
Stadt, in Trümmer zerfallen, dort oben in einer Oase von
weißen Blumen, eine Stadt aus Lehm und aus blauer Glasur,
unter den dreihundertjährigen Platanen, die in Staub zerfällt.
Paläste aus Mosaik und aus wunderbaren Fayencen, die
rettungslos zerbröckeln unter dem einschläfernden Plätschern
der zahllosen kleinen, klaren Bäche, unter dem ewigen Gesang
der Muezzine und der Vögel; – zwischen hohen, mit Glasur
bekleideten Mauern, in alten Gärten voll blühender Rosen, mit
Toren aus ziseliertem Silber, aus blassem Purpurrot; – das ist
dies Ispahan des Lichts und des Todes, in die durchsichtige
Luft der Bergesgipfel gehüllt.