Zivilisation und ...

Reise einer Wienerin in das Heilige Land

Ida Pfeiffer

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Ausflug zu den Pyramiden von Giseh

25. August 1842

Um vier Uhr nachmittags verließ ich Kairo, fuhr über zwei Arme des Nils und langte nach ungefähr zwei Stunden glücklich zu Giseh an. Wir mußten, da der Nil viele Orte unter Wasser gesetzt hatte, häufige Umwege machen, einigemal Kanäle übersetzen und viel durch Wasser reiten; ja, wo es für unsere Esel zu tief war, uns sogar hinübertragen lassen. In Giseh ging ich in Ermangelung eines Gasthauses zu dem Kapellmeister Herrn K., an den ich von Kairo einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte. Herr K. ist ein geborener Böhme und als Musiklehrer der militärischen Jugend in den Diensten des Vizekönigs von Ägypten. Ich ward hier sehr gut aufgenommen, und Herr K. hatte eine große Freude, wieder einmal mit jemandem deutsch sprechen zu können. Wir unterhielten uns über Beethoven und Mozart, über Strauß und Lanner, nur von den jetzigen Bravour-Kompositeurs Thalberg, Liszt u. a. war noch nichts bis hierhergedrungen.

Nach einem angenehm verplauderten Abend suchte ich, ermüdet vom Ritt und von der Hitze, mein Lager und freute mich sehr, auf dem weichen elastischen Diwan, der mir so freundlich entgegenlächelte, Kraft und Erholung für den kommenden Morgen sammeln zu können. Da bemerkte ich, als ich vom Diwan Besitz nehmen wollte, an der Wand eine Unzahl kleiner schwarzer Flecken. Ich nahm das Licht, um zu sehen, was es sei. Bald wäre mir vor Schreck der Leuchter entfallen, die ganze Wand war voll Wanzen. So etwas sah ich noch im Leben nicht. Nun war es vorbei mit Schlaf und Ruhe. Ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete, bis alles still und ruhig war. Dann schlich ich in die Vorhalle und legte mich in meinen Mantel gehüllt auf die Steine.

Dem einen Ungeziefer entging ich, dem größeren aber, den zahllosen Mücken, blieb ich dennoch verfallen. So viele schlechte Nachtquartiere mir bereits auf meiner Reise geworden waren, dieses blieb das schlechteste.

Dagegen war es mir aber auch sehr leicht, lange schon vor Sonnenaufgang zur Weiterreise bereit zu sein. Noch vor Tagesanbruch beurlaubte ich mich bei meinem freundlichen Wirt und ritt mit meinem Diener dem Riesenwerk zu. Da wir der Überschwemmungen wegen auch heute wieder viele Umwege und Überfahrten machen mußten, gelangten wir erst nach anderthalb Stunden an den breiten Nilarm, der uns von der Libyschen Wüste, in welcher die Pyramiden stehen, trennte und über den ich mich von zwei Arabern mußte tragen lassen, eine der unangenehmsten Expeditionen, die man sich denken kann. Zwei große starke Männer stellten sich nebeneinander, ich mußte mich auf ihre Achseln setzen und mich an ihren Köpfen halten, während sie wieder meine Füße horizontal über die Fluten hielten. Diese gingen ihnen an manchen Stellen beinahe bis an die Achseln, daß ich oft schon im Wasser zu sitzen glaubte. Dabei schwankten die Träger immer hin und her, weil sie nur mit vieler Mühe und Kraftanstrengung dem Strom widerstehen konnten, so daß ich hinabzufallen fürchtete. Diese unangenehme Passage dauerte über eine Viertelstunde. Nun hatten wir noch eine Viertelstunde durch tiefen Sand zu waten und standen am Ziel unserer kleinen Reise.

Natürlich sieht man die beiden kolossalen Pyramiden gleich außer der Stadt und behält sie fast immer im Auge, allein auch hier war meine Erwartung und Vorstellung, die ich mir von ihnen gemacht hatte, viel größer gewesen; ich fand diese Riesenwerke nicht so überraschend. Ihre Höhe erscheint jetzt nicht mehr so außerordentlich, weil ein bedeutender Teil des untern Baues versandet und dadurch dem Auge entzogen ist; auch steht weder Baum noch Hütte noch sonst etwas in der Nähe, wodurch der Unterschied der Höhe mehr herausgehoben würde.

Da es noch ziemlich früh und daher kühl war, zog ich es vor, die Pyramide von außen zu ersteigen und dann erst hineinzugehen. Mein Diener zog mir die Ringe vom Finger und steckte sie sorgfältig ein. Er sagte mir, diese Vorsicht sei höchst nötig, weil die Kerle, die einen an den Händen auf die Pyramiden hinaufziehen, so geschickt die Ringe abzustreifen wüßten, daß man es selten bemerke.

Ich nahm zwei Araber, welche mir bei gar hohen Steinen die Hände reichten und mich so hinaufzogen. Wer im geringsten den Schwindel zu fürchten hat, der unternehme diese Partie ja nicht, er wäre rettungslos verloren. Man denke sich, eine Höhe von fünfhundert Fuß ohne Geländer und ohne bequeme Treppe zu erklimmen! Nur an einer einzigen Kante der Pyramide sind die ungeheuern Steine so bearbeitet, daß sie wohl eine Art Treppe bilden, aber natürlich eine der beschwerlichsten, die es geben kann, indem viele dieser einzelnen Blöcke über vier Schuh hoch sind, ohne daß man an ihnen ein Plätzchen fände, den Fuß einzusetzen, um sich hinaufzuschwingen. Da stiegen denn immer die zwei Araber zuerst hinauf, reichten mir die Hände und zogen mich auf diese Art von einem solchen Block auf den andern. Über die kleineren kletterte ich lieber allein. Nach drei viertel Stunden gelangte ich auf die höchste Spitze der Pyramide.

Träumend und sinnend stand ich lange da und konnte es kaum fassen, daß auch ich unter die kleine Zahl gehöre, die so glücklich sind, den höchsten und unzerstörbarsten Bau menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes anzustaunen und bewundern zu können. Im ersten Augenblick war ich kaum fähig, einen Blick von dieser schwindelnden Höhe hinab in die Tiefe und in die Ferne zu werfen, ich betrachtete nur die Pyramide und mußte mich ordentlich mit dem Gedanken vertraut machen, daß kein Traum mich dahergezaubert habe. Nach und nach erst kam ich zu mir selbst und betrachtete die weit unter mir ausgebreitete Landschaft. Von diesem Punkt aus konnte ich das Riesenwerk besser ermessen und ward mehr von seiner Größe hingerissen als von unten, denn hier tat es der Höhe keinen Eintrag, daß der untere Teil der Pyramide versandet war. Ich sah den Nil tief unten fließen, ich sah einige Beduinen stehen, die die Neugierde herbeigezogen hatte und, von meiner Höhe betrachtet, wahrhaftigen Zwergen glichen. Ich sah im Hinaufsteigen die ungeheuern Felsblöcke im einzelnen und in ihrem Umfang, und da begreift man wohl, daß diese Denkmäler mit Recht zu den sieben Wundern der Welt gezählt werden.

Schon auf dem Kastell war die Aussicht schön, hier oben aber, wo der Blick durch nichts als den Horizont und das Mokkatam-Gebirge begrenzt ist, war sie noch viel großartiger. Weithin konnte ich den Strom mit seinen vielen, vielen Armen und Kanälen verfolgen, bis sich der Horizont zu ihm hinabneigte und das Bild von dieser Seite schloß; und die Unzahl von Gärten, die die große ausgebreitete Stadt mit ihren nächsten Umgebungen umfing, die große Wüste mit ihren Flächen und Sandhügeln, die langgedehnte Felsenkette des Mokkatam, alles lag vor mir ausgebreitet, und lange saß ich da, schaute um mich und dachte an all meine Lieben daheim, mit denen ich so gern die seligen Gefühle geteilt hätte, die mich hier erfaßten.

Doch nun ward es Zeit, nicht bloß hinabzuschauen, sondern auch hinabzugehen. Die meisten finden das Abwärtssteigen beschwerlicher als das Hinaufklettern. Bei mir war es umgekehrt. An Schwindel leide ich nicht, und so stieg ich mit dem Gesicht nach vorn gewendet auf folgende Art sehr schnell und ohne die Hilfe der Araber hinab. Auf den kleinen Stufen sprang ich von der einen zur andern; kam ein drei oder vier Schuh hoher Fels, so setzte ich mich nieder und ließ mich hinabgleiten, und dies alles machte ich so schnell und behende, daß ich lange vor meinem Diener hinabkam. Selbst die Araber bezeigten ihre Freude über meine Gewandtheit und Furchtlosigkeit auf dieser gefahrvollen Passage.

Nach einer kleinen Rast und einem eingenommenen Frühmahl ging es in das Innere. Da muß man über einen Haufen von Sand und Steinen steigen, dann geht es abwärts zum Eingang, der ziemlich schmal und so niedrig ist, daß man oft gebückt gehen muß. Den Gang, der hineinführt, hätte ich ohne die Hilfe der Araber nicht betreten können. Er ist so abschüssig und führt über polierte Steine, daß ich samt der Hilfe meiner Führer mehr hinabglitt als ging. Das erste Gemach, das man betritt, heißt das Zimmer der Königin, es hat ganz die Größe und Höhe eines gewöhnlichen Zimmers. Von diesem führt ein noch viel schlechterer Weg in das Zimmer des Königs. Die Araber setzten die Füße in eingehauene Löcher ein und klammerten sich mit der einen Hand an ausgehauene Stellen, während sie mit der andern mich nach sich zogen. Auch hier waren die Steine so glatt, daß man mehr darüberglitt als gehen konnte. Das Gemach des Königs ist größer und gleicht einem kleinen Saal. An einer Seite steht ein kleiner leerer Sarkophag ohne Deckel. Die Wände sowohl der Gemächer als auch der Gänge sind mit den größten und schönsten polierten Granit- oder Marmorplatten ausgetäfelt. In die andern Gänge oder vielmehr Löcher, welche noch zu besuchen gewesen wären, kam ich nicht. Für Gelehrte und Altertumsforscher mag es wohl von großem Interesse sein, jeden Winkel und jede Ecke zu durchsuchen; aber für eine Frau wie ich, die bloß eine grenzenlose Neigung zum Reisen hieherbrachte und die Kunst- und Naturschönheiten nur nach ihren einfachen Gefühlen zu betrachten vermag, genügte es, die Cheopspyramide von außen erstiegen und von innen nur so überhaupt gesehen zu haben. Diese Pyramide soll die höchste und größte sein. Sie steht auf einem hundertfünfzig Fuß hohen Felsen, von dem man aber nichts sieht, weil er tief unter Sand liegt; ihre Höhe soll über fünfhundert Fuß betragen. Sie steht schon dreitausend Jahre und wurde von Cheops gegründet. Hunderttausend Menschen sollen zwanzig Jahre lang an ihr gearbeitet haben, und gewiß ist sie eines der interessantesten Werke hinsichtlich der großen und vielen Felsenmassen, welche so kunstvoll ineinandergefügt und für die Ewigkeit geschaffen zu sein scheinen. Sie sehen so fest und wohl erhalten aus, daß noch viele Reisende der kommenden Generationen hieherwandern und die schon längst angefangenen Untersuchungen fortsetzen können.

Die Sphinx, eine unendlich kolossale Statue, welche unweit der großen Pyramide liegt, ist so versandet, daß man nur den Kopf und einen kleinen Teil der Brust sehen kann. Der Kopf allein ist zweiundzwanzig Fuß lang.

Nachdem ich überall herumgegangen war und alles besehen hatte, trat ich meine Rückkehr an, besuchte abermals Herrn K., stärkte mich mit einem guten Imbiß und traf abends glücklich wieder in Kairo ein. Als ich da meine kleine Börse aus der Tasche langen wollte, war sie verschwunden. Zum Glück hatte ich nur einen Collonat mitgenommen. Man kann sich keinen Begriff machen von der Fertigkeit und Geschicklichkeit, welche die Beduinen und Araber im Stehlen besitzen. Ich gab immer auf meine Sachen genau acht, und dessenungeachtet entwendeten sie mir mancherlei. Auch die Börse müssen sie mir bei dieser Partie gestohlen haben. Ihr Verlust war mir sehr unangenehm, weil sich das Schlüsselchen zu meinem Koffer darin befand. Zum Glück traf ich aber auf einen geschickten arabischen Schlosser, der das Schlößchen öffnete und einen neuen Schlüssel dazu verfertigte. Bei dieser Gelegenheit sah ich abermals, wie vorsichtig man in allen Dingen mit diesen Leuten sein müsse, um nicht betrogen zu werden. Der Schlüssel sperrte gut auf und zu, und ich bezahlte ihn, doch gleich darauf bemerkte ich, daß er in der Mitte nur ganz schwach zusammengenietet sei und bald entzweibrechen würde. Da sah ich noch das Werkzeug des Arabers auf dem Boden liegen; ich bemächtigte mich desselben und bedeutete dem Mann, ich würde es nicht eher ausfolgen, als bis er mir einen andern Schlüssel gemacht habe. Vergebens versicherte er mir, daß er ohne Werkzeug nicht arbeiten könne, allein er gab mir das Geld nicht zurück, und ich verweigerte das Werkzeug; nur auf diese Art kam ich zu einem neuen und guten Schlüssel.

Ich besuchte mehrere christliche Kirchen, worunter die griechische abermals die schönste war. Ich sah auf dieser Wanderung Gassen, daß kaum Platz für einen Reiter war; ja der Weg zur armenischen Kirche führt durch so schmale Gäßchen und Pförtchen, daß wir unsere Esel zurücklassen mußten und kaum so viel Raum fanden, daß ein Mensch dem andern ausweichen konnte.

Dagegen mag wohl wieder in der ganzen Welt kein größerer Platz zu finden sein als der Esbekijeplatz hier in Kairo. Jener zu Padua ist vielleicht der einzige, der ihm an Größe ziemlich nahekommen mag. Doch gleicht dieser Platz einem wahren Chaos. Elende Häuser, halbverfallene Hütten umgeben ihn, während man hin und wieder ein Stückchen von einer Allee oder einem angefangenen Kanalbau entdeckt. Die Mitte ist voll Unebenheiten und mit Baumaterialien wie Steinen, Holz, Ziegel, Balken usw. bedeckt. Das größte und schönste Haus auf diesem Platz ist deshalb merkwürdig, weil es Napoleon während seines Aufenthaltes in Kairo bewohnte. Es wird jetzt in einen prächtigen Gasthof umgestaltet.

Herr Konsul C. war so gütig, mir eine Einladungskarte in das Theater zu senden. Das Theater gleicht einem gewöhnlichen Haus und enthält im Innern einen Saal mit einer Galerie, der drei- bis vierhundert Menschen fassen mag. Die Galerie ist für die Frauen bestimmt. Die Schauspielergesellschaft bestand aus Dilettanten, die ein Lustspiel in italienischer Sprache ziemlich gut aufführten. Das Orchester wurde durch vier Personen gebildet; nach dem zweiten Akt spielte der zwölfjährige Sohn des Herrn Konsuls einige Variationen auf der Violine recht brav.

Die Frauen, lauter Levantinerinnen, waren alle höchst elegant gekleidet. Sie trugen sich europäisch, hatten weiße Musselinkleider an und die Haare schön gesteckt und mit Blumen durchflochten. Frauen und Mädchen waren fast sämtlich schön, ihr Teint so blendend weiß, wie man ihn selten in Europa findet. Das mag wohl daher kommen, weil sie beständig zu Hause sitzen und sich der Luft oder der Sonne gar nicht preisgeben.

Auf dem Sklavenmarkt war wenig Auswahl, es war fast alles aufgekauft, und man erwartete täglich einen neuen Transport solcher Unglücklichen. Ich gab vor, einen Knaben und ein Mädchen kaufen zu wollen, damit man mich auch in die geschlossenen Abteilungen führe. Da sah ich ein Paar Negermädchen von ausgezeichneter Schönheit. Ich hätte nie gedacht, so etwas Vollkommenes zu finden. Ihre Formen waren so rund und dabei dennoch so zart, daß sie gewiß jedem Bildhauer das schönste Modell geliefert hätten. Ihre Haut von einer unvergleichlichen samtartigen Schwärze besaß einen wunderschönen Glanz. Die Zähne waren schön geformt und von einer blendenden Weiße. Die Augen groß und die Lippen etwas weniger aufgeworfen, als es sonst gewöhnlich bei diesem Volk der Fall ist. Die Haare trugen sie mehrfach gescheitelt, und kleine, niedlich geordnete Löckchen umgaben den Kopf. Die armen Geschöpfe! Wer weiß, in welche Hände sie geraten! Sie neigten traurig ihre Häupter, und keine Silbe kam aus ihrem Mund. Der Sklavenmarkt machte hier einen traurigen Eindruck auf mich. Die Armen schienen nicht so fröhlich und heiter zu sein, wie jene Sklaven waren, die ich in Konstantinopel auf dem Markt sah. Wie es mir schien, werden sie in Kairo schlecht gehalten, sie lagen unter kleinen Zelten, und wenn ein Käufer kam, wurden sie nicht viel besser als das Vieh herausgetrieben. Ihre Blöße war höchst notdürftig durch einige elende Lumpen bedeckt. Man sah nur traurige, matte Gestalten.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Kairo fiel gerade eines der größten Feste der Mohammedaner, nämlich der Geburtstag des Propheten. Dieses Fest wird gleich außerhalb der Stadt auf einem großen freien Platz gefeiert. Da ist eine Menge von vorn ganz offenen großen Zelten aufgerichtet, unter welchen man alle möglichen Verrichtungen sieht; in dem einen wird gebetet, da werfen sich die Derwische zu Boden und schreien zu ihrem Allah, in einem andern treibt wieder ein Gaukler oder Erzähler sein Wesen. In der Mitte dieser Zelte steht ein ganz besonders großes Zelt, dessen Eingang mit Vorhängen geschlossen war. Da tanzten die Bajaderen. Jedermann hat Zutritt gegen eine kleine Gabe. Natürlich ging ich auch hinein, um diese berühmten Tänzer anzusehen. Es waren aber nur zwei Paare, zwei Jünglinge davon waren als Mädchen sehr zierlich gekleidet und mit Goldstücken reich geschmückt. Diese Jünglinge sahen sehr hübsch und niedlich aus, so daß ich sie wirklich für Mädchen hielt. Der Tanz selbst ist höchst einförmig, langsam und langweilig, und besteht in Hin- und Hertreten und einigen etwas frechen Bewegungen des Oberkörpers. Diese Bewegungen sollen sehr schwer zu machen sein, indem die Tänzer dabei ruhig stehen und nur den Oberkörper zu bewegen wissen. Die Musik dazu besteht aus einem Tamburin, einem Dudelsack und einer Pfeife. So viel man schon über die Frechheit dieser Tänze schrieb, so bin ich der Meinung, daß man bei unsern Balletten unendlich mehr Ursache hätte, darüber Bemerkungen zu machen. Es ist möglich, daß noch andere Tänze aufgeführt werden, woran das große Publikum nicht teilnehmen darf, ich spreche nur von dem, was der Öffentlichkeit preisgegeben ist. Auch ziehe ich ein Volksfest im Orient einem Volksfest in unsern so hochgebildeten Staaten vor. Die ersteren machten mir viel Vergnügen, da das Volk im ganzen sich sehr anständig benimmt. Es jubelt zwar und stößt und drängt sich wie bei uns, man sieht aber keine Betrunkenen, und höchst selten finden ernstliche Zänkereien statt. Ebenso erlaubt sich der gemeinste Mann nicht die geringste Unanständigkeit gegen das andere Geschlecht. Hieher zu diesem Fest würde ich ungescheut jedes Mädchen führen, was ich aber in Wien zum sogenannten Brigitten-Kirchtag wohl unterlassen würde.

Das Volk war ungeheuer zahlreich versammelt und drängte sich in großen Massen, und dennoch kamen wir überall mit unsern Eseln durch.

Gegen drei Uhr suchte mein Diener einen erhöhten Platz für mich, denn nun kam bald das Sehenswürdigste, und das Gedränge und der Lärm erreichten schon den höchsten Punkt. Da sah man endlich einen stattlichen Oberpriester auf einem prächtigen Pferd daherreiten; vor ihm gingen acht bis zehn Derwische mit flatternden Fahnen und hinter ihm eine Menge Männer, unter welchen ebenfalls wieder viele Derwische waren. In der Mitte des Platzes hielt der ganze Zug an; einige Soldaten drängten sich zwischen das Volk, teilten es auseinander und bildeten eine Straße. Wichen die Zuschauer nicht gleich gutwillig auf die Seite, so wurden sie mit dem Stock zurechtgewiesen; dies Verfahren brachte schnell eine treffliche Ordnung zustande.

Der Zug setzte sich nun wieder in Bewegung. Die Fahnenträger und die Derwische machten so tolle Gebärden, als ob sie eben dem Narrenhaus entsprungen wären. Am Ort angelangt, wo die Zuseher eine Gasse bildeten, legten sich die Derwische und viele der Männer, welche mit ihnen gekommen waren, überquer, mit dem Gesicht zur Erde gewendet, auf den Boden, und zwar so, daß alle ihre Köpfe in gleicher Linie waren. Dann, o Entsetzen!, ritt der Oberpriester Schritt vor Schritt über die Rücken dieser Unglücklichen wie über eine Brücke. Darauf sprangen alle wieder auf, als wäre nichts Besonderes vorgefallen, und mischten sich mit ihren frühern Grimassen und Lärmen unter den forteilenden Zug. Ein einziger blieb zurück und gebärdete sich, als ob ihm der Rücken wäre eingetreten worden, allein nach einigen Augenblicken ging er ebenso wohlgemut weiter wie seine Kameraden. Jeder der Mitwirkenden schätzt sich außerordentlich glücklich, zu dieser Auszeichnung zugelassen zu werden, und dieser Stolz geht sogar auf die Verwandten und Freunde über.

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