Über die Liebe
54. In Arabien
Unter den schwarzen Zelten der arabischen Beduinen ist die
Heimat und das Urbild der wahren Liebe zu suchen. Dort hat die
Einsamkeit und ein schönes Klima die edelste Leidenschaft des
menschlichen Herzens geboren, jene Leidenschaft, die, um das
Glück zu finden, eines Widerhalls ihrer eigenen Empfindungen
bedarf.
Um der Liebe im Menschenherzen den Schein des Idealen zu
verleihen, war die möglichste Gleichheit zwischen der
Geliebten und dem Liebenden erforderlich. Diese Gleichheit
fehlt vor allem in unserem traurigen Abendlande, wo eine
verlassene Frau unglücklich und entehrt ist. Unter dem Zelte
des Arabers kann die Treue niemals gebrochen werden.
Verachtung und Tod würden diesem Vergehen augenblicklich
folgen.
Die Freigebigkeit ist diesem Volke so heilig, daß man
stehlen darf, um zu geben. Im übrigen sind Gefahren dort
alltäglich, und das Leben spielt sich gleichsam in
leidenschaftsvoller Einsamkeit ab. Selbst zu mehreren vereint,
sprechen Araber wenig.
Die Wüstenbewohner kennen keine Abwechslung; alles ist dort
ewig und unbeweglich. Ihre sonderbaren Sitten, von denen ich
aus Unkenntnis nur ein schwaches Bild zu geben vermag, reichen
wahrscheinlich bis ins homerische Zeitalter zurück. Sie sind
zum erstenmal gegen das Jahr 600 unserer Zeitrechnung,
zweihundert Jahre vor Karl dem Großen, beschrieben worden.
Im Vergleich zum Morgenlande waren wir die Barbaren, als
wir es mit unseren Kreuzzügen beunruhigten, und was in unseren
Sitten edel ist, verdanken wir den Kreuzzügen und den Mauren
in Spanien.
Daß wir uns mit den Arabern vergleichen sollen, wird der
prosaische Mensch in seinem Dünkel mitleidig belächeln. Unsere
Künste sind den ihren weit überlegen und unsere Gesetzgebung
dem Anscheine nach noch mehr, aber ich bezweifle es, ob wir
sie in der Kunst des häuslichen Glücks übertreffen. Uns hat es
von jeher an Redlichkeit und Einfachheit gefehlt. Im
Familienleben aber ist der Heuchler der erste Unglückliche. Er
hat das Gefühl des Geborgenseins nicht.
Soweit die ältesten geschichtlichen Denkmäler
zurückreichen, finden wir die Araber schon im grauen Altertum
in eine große Zahl unabhängiger, in der Wüste umherwandernder
Stämme geteilt. Je leichter diese Stämme sich mit den
einfachsten menschlichen Bedürfnissen abfanden, desto
verfeinerter waren ihre Sitten. Die Freigebigkeit war überall
gleich, aber je nach dem Wohlstande des Stammes äußerte sie
sich im Schenken eines Ziegenviertels, das zum notdürftigen
Lebensunterhalt gehörte, oder im Darbieten von hundert
Kamelen, wenn Familienbeziehungen oder Gastfreundschaft es
erheischten.
Die Heldenzeit der Araber, in der diese hochsinnigen
Menschen frei von jeder schöngeistigen oder überfeinerten
Unnatürlichkeit hervorragten, ist das Jahrhundert vor
Mohammed, das dem fünften Jahrundert unserer Zeitrechnung,
also der Zeit der Gründung Venedigs und der Herrschaft
Chlodwigs entspricht. Ich bitte, ohne Vorurteil die
Liebeslieder, die uns die Araber überliefert haben, und die
edle Kultur, die uns in »Tausend und eine Nacht« geschildert
wird, mit den abscheulichen Greueln zu vergleichen, die jedes
Blatt Gregors von Tours und Einhards, der Geschichtschreiber
Chlodwigs und Karls des Großen, besudeln.
Mohammed war Puritaner, er wollte den Genuß aus der Welt
schaffen, auch wenn dieser niemanden schädigte. Er hat in den
Ländern, die den Islam angenommen haben, die Liebe vernichtet.
Deshalb hat seine Religion auch weniger in Arabien, ihrer
Wiege, als in allen anderen morgenländischen Ländern Wurzel
gefaßt.
Die Franzosen haben aus Ägypten vier Foliobände mit dem
Titel »Buch der Lieder« mitgebracht. Diese Bände enthalten:
1. Lebensbeschreibungen der Dichter der Lieder.
2. Die Lieder selbst. Der Dichter besingt darin alles, was
ihn bewegt; er verherrlicht seine Geliebte, sein flüchtiges
Roß und seine Waffen. Diese Lieder sind oft Liebesbriefe, die
der Geliebten ein treues Bild aller Seelenempfindungen des
Verfassers geben. Er singt darin zuweilen von kalten Nächten,
wo er gezwungen ist, aus Pfeil und Bogen ein Feuer anzuzünden.
Die Araber sind ein obdachloses Volk.
3. Lebensbeschreibungen der Komponisten, die zu den Liedern
die Melodien geschaffen haben.
4. Zum Schluß eine Zusammenstellung von musikalischen
Regeln. Diese Formeln find für uns Hieroglyphen. Für immer
wird uns diese Musik unbekannt bleiben und übrigens wäre sie
nicht nach unserem Geschmacke.
Es gibt noch eine Sammlung mit dem Titel »Geschichten von
Arabern, die aus Liebe gestorben sind«.
Diese höchst seltenen Bücher sind sehr wenig bekannt. Die
Gelehrten, die sie lesen könnten, haben ein vom Studieren und
vom Gelehrtendasein ausgedörrtes Herz. Um sich unter diesen,
durch ihr Alter und die seltsame Schönheit der Kultur, die sie
ahnen lassen, so interessanten Denkmälern zurechtzufinden, muß
man sich in die Geschichte vertiefen.
Zu allen Zeiten und schon vor Mohammed pilgerten die Araber
nach Mekka zur Wallfahrt nach der Kaaba oder dem Hause
Abrahams. Ich habe in London ein sehr genaues Modell der
Heiligen Stadt gesehen. Es sind sieben- bis achthundert Häuser
mit flachen Dächern mitten in der sonnendurchglühten
Sandwüste. An einem Ende der Stadt erblickt man ein riesiges,
fast viereckiges Gebäude, das die Kaaba umgibt; es wird aus
einer langen Flucht von Säulengängen gebildet, die unter der
Sonne Arabiens die Ausübung des heiligen Rundganges
ermöglichen. Diese Säulengänge haben in der Geschichte der
Sitten und der Dichtkunst der Araber eine große Bedeutung.
Jahrhundertelang waren sie augenscheinlich der einzige Ort, wo
Männer und Frauen zusammenkamen. Bunt durcheinander, mit
langsamen Schritten und unter dem Chorgesang heiliger Lieder
machte man den Rundgang um die Kaaba. Ein Umgang dauert
dreiviertel Stunden, man führte ihn an einem Tage mehreremal
aus. Das war ein heiliger Brauch, zu dem Männer und Frauen aus
allen Gegenden der Wüste herbeiströmten. Unter den
Säulengängen der Kaaba haben sich die arabischen Sitten
geglättet. Dort entstand ein Kampf zwischen Vätern und
Liebenden, dort im Gedränge während der Wallfahrt verrieten
Liebeslieder die Leidenschaft ihres Dichters dem jungen
Mädchen, das von ihren Brüdern oder ihrem Vater streng bewacht
wurde. Hochherzige und gefühlvolle Neigungen waren schon im
Zeltlager vorhanden, aber mir scheint, daß die Galanterie der
Araber bei der Kaaba entstanden ist, ebenso wie dort die
Heimat ihrer Literatur ist. Anfangs drückte man die
Leidenschaft mit Einfachheit und Kraft aus, wie der Dichter
sie empfand. Später war er nicht mehr lediglich darauf
bedacht, seine Geliebte zu rühren, er sann nach und schrieb in
schönen Worten. So entstand die Überschwenglichkeit, die mit
den Mauren nach Spanien gelangt ist und noch heutzutage die
Bücher dieses Landes verdirbt.
Einen rührenden Beweis der Hochachtung der Araber für das
schwache Geschlecht sehe ich in ihrem Brauch bei der
Ehescheidung. Die Frau riß in Abwesenheit des Gatten, von dem
sie getrennt sein wollte, das Zelt ab und schlug es in der
Weise wieder auf, daß der Eingang nunmehr an der
entgegengesetzten Seite war. Diese einfache sinnbildliche
Handlung trennte beide Gatten für ewig.