Kritik am kapitalistischen Standpunkt
Dieses ist das scheinbare Bild der
kapitalistischen Produktionsweise, oder das strahlende Bild,
in dessen prächtigem Rahmen die Kapitalisten die
kapitalistische Produktionsweise darzustellen versuchen, um
die Übereinstimmung und Harmonie zwischen der Orientierung von
Produktion und Nachfrage und deren allgemeiner Dynamik unter
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu belegen. Aber
dieses Bild, auch wenn es teilweise zutreffend ist, kann nicht
den schreienden Widerspruch zwischen der Produktion und der
Nachfrage unter einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung
verbergen. Denn es erklärt zwar den Zusammenhang in Form
zahlreicher Abhängigkeitsverhältnisse zwischen der Produktion
und der Nachfrage, aber es definiert nicht die Bedeutung von
Nachfrage, und zeigt nicht den kapitalistischen Begriffsinhalt
dieser Nachfrage, welche die Produktion beherrscht und diese
durch das Mittel des Preisanstiegs in eine bestimmte Richtung
lenkt. In Wirklichkeit ist nämlich die Nachfrage nach
kapitalistischem Verständnis mehr die geldliche als die
menschliche Manifestation irgendeines Bedürfnisses, denn sie
umfasst nur einen speziellen Teil der Nachfrage, nämlich
solche Nachfrage, die zum Preisanstieg einer Ware auf dem
Markt führt, d.h. die mit Kaufkraft ausgestattete Nachfrage,
die über einen finanziellen Rückhalt verfügt, der in der Lage
ist, sie zu befriedigen. Dagegen führen solche Arten von
Nachfrage, die nicht über jene finanzielle Kraft verfügen und
den Markt nicht erobern können, nicht zum Preisanstieg der
betreffenden Ware, weil sie den Preis nicht aufbringen können,
und finden keine Beachtung, wie drängend und lebensnotwendig,
bzw. wie verbreitet und allgegenwärtig, sie auch sein mögen.
Denn die Nachfrage muss vom Verbraucher mit dem Geld, welches
er aufbringt, nachgewiesen werden, solange dieser Beweis nicht
erbracht wird, hat sie kein Anrecht auf die Ausrichtung der
Produktion und keinen Einfluss auf das kapitalistische
Wirtschaftsleben, selbst wenn sie dem Innersten der
menschlichen Existenz und dessen dringlichen Notwendigkeiten
entspringt. Durch die bloße Kenntnis dieses kapitalistischen
Begriffes von Nachfrage werden plötzlich alle jene goldenen
Träume, welche die Verfechter der freien Wirtschaft um die
kapitalistische Produktion und deren Regulierung durch
Bedürfnis und Nachfrage herumweben, zunichte. Denn die
Kaufkraft ist in der kapitalistischen Gesellschaft – in hohem
Maße – nur bei der glücklichen Minderheit vorhanden, welche
die Macht über die Reichtümer des Landes ausübt, während sie
bei anderen geringer ist, und bei der Basis, welche die
Mehrheit der kapitalistischen Gesellschaft darstellt, weit
herabsinkt. Und die Folge dieser gewaltigen Unterschiede in
der Kaufkraft – so wie sich die soziale Situation aus der
Sicht der kapitalistischen Ideologie darstellt – ist, dass die
mit mächtiger Kaufkraft versehenen Arten der Nachfrage die
Lenkung der Produktion monopolisieren und dieser ihren Willen
diktieren, weil sie dadurch, dass sie zur Erhöhung der Preise
führen, den Besitzern der Unternehmen Anreize bieten, während
die vitalen Bedürfnisse der großen Mehrheit davon
ausgeschlossen sind, weil sie nicht über eine Anreiz bietenden
Kaufkraft verfügen.
Da nun die mit gewaltiger Kaufkraft
ausgestattete Nachfrage in der Lage ist, alle Waren des Grund-
und Luxusbedarfs und Mittel des Vergnügens und der Extravaganz
des kapitalistischen Marktes zu absorbieren, während die arme
Nachfrage nicht einmal die notwendigen Waren hinreichend an
sich ziehen kann, werden die kapitalistischen Unternehmen alle
Energien zur Befriedigung jener Luxusnachfrage und jener
unersättlichen Wünsche, die ihre Unersättlichkeit immer weiter
treiben und nach ständig neuen Objekten der Eitelkeit und
Mitteln des Vergnügens und des Lebensgenusses verlangen,
mobilisieren, während die Bedürfnisse der großen Mehrheit der
Menschen nach notwendigen Waren und Mitteln des
Lebensunterhaltes von der kapitalistischen Produktion keine
Beachtung finden, oder allenfalls in dem Umfang, wie auch die
großen Geschäftsleute davon profitieren. Daher sind die
kapitalistischen Märkte mit Luxusgütern angefüllt, während es
dort gelegentlich an notwendigen Waren in ausreichender Menge,
mit der die gesamte Bevölkerung vollständig versorgt werden
könnte, fehlt. So stellt sich der Kapitalismus mit seiner
Haltung zur Produktion und der Methode, auf der er sich zur
Regulierung von deren Dynamik verlässt, dar.