System der Güterverteilung ist nicht an die Form der
Produktion gebunden
Die Menschen führen in ihrem
gesellschaftlichen Leben zwei verschiedene Arten von
Aktivitäten aus: erstens die Tätigkeit der Produktion und
zweitens die Tätigkeit der Güterverteilung. Einerseits nehmen
sie den Kampf mit der Natur auf, um sie für ihre Wünsche
dienstbar zu machen, und für diesen Kampf machen sie, soweit
das ihnen möglich ist, von ihren Fertigkeiten und ihren
Hilfsmitteln der Produktion Gebrauch; anderseits bauen jene
Menschen ein System bestimmter Beziehungen auf, das die
Verbindungen der Individuen untereinander in den verschiedenen
Lebensbereichen definiert, und diese Beziehungen nennen wir
die Gesellschaftsordnung, durch welche die Verteilung der von
der Gesellschaft produzierten Werte geregelt wird. Die
einzelnen Menschen gewinnen also ihre Güter aus der Natur
durch die produktive Tätigkeit, und diese Güter werden
entsprechend der Gesellschaftsordnung, die ihre Beziehungen
untereinander regelt, aufgeteilt. Es ist offensichtlich, dass
sich der Produktionsprozess ständig grundlegend verändert und
weiterentwickelt, zusammen mit Wissenschaft, die in ihrem
Umfang und ihrer Tiefe Fortschritte macht, denn ebenso wie der
Mensch sich seit alters her des Pfluges bedient, begann er
schließlich elektrischen Strom und Kernenergie einzusetzen.
Ebenso nahm auch die Gesellschaftsordnung, die die Beziehungen
der Menschen untereinander – und damit das System der
Güterverteilung – regelt, in der menschlichen Geschichte keine
einheitliche Gestalt an, sondern verschiedene Formen,
entsprechend der Unterschiedlichkeiten und dem Wandel der
historischen Bedingungen.
Die grundsätzliche Frage in diesem
Zusammenhang ist: Welche Relevanz hat die Entwicklung der
Produktionsweise für die Entwicklung der sozialen Beziehungen,
einschließlich des Systems der Güterverteilung (d.h. der
Gesellschaftsordnung)? Dies ist der Ansatzpunkt für die
wesentlichen Differenzen der marxistischen und der islamischen
Wirtschaftslehre, und ein wichtiger Punkt für die Gegensätze
zwischen dem Marxismus und dem Islam im Allgemeinen. Die
marxistische Wirtschaftslehre vertritt die Ansicht, dass jede
Weiterentwicklung des Produktionsprozesses und der
Produktionsweise unbedingt von einer Veränderung der sozialen
Beziehungen allgemein und des Systems der Güterverteilung im
Besonderen begleitet wird, so dass die sozialen Beziehungen
nicht in ihrer alten Form bestehen bleiben können, wenn sich
die Produktionsweise verändert, und es auch nicht möglich ist,
dass die Entwicklung der sozialen Beziehungen der der
Produktionsweise vorausgeht.
Der Marxismus folgert daraus, es sei
undenkbar, dass eine einzige Gesellschaftsordnung im Laufe der
Zeit Bestand haben könne, bzw. dem menschlichen Zusammenleben
während der zahlreichen Entwicklungsphasen Produktionsweise
angemessen wäre, denn die Produktionsweisen ändern sich
laufend zusammen mit der menschlichen Erfahrung, und
dementsprechend müssten sich die sozialen Beziehungen
entwickeln. So sei die für die Gesellschaft der Elektrizität
und der Kernenergie angemessene Ordnung eine andere als die
Ordnung, die sich für eine Gesellschaft der vorindustriellen
Handarbeit eignet, da sich die Produktionsweisen der beiden
Gesellschaften unterscheiden. Auf dieser Grundlage verweist
der Marxismus auf die Ideologie des Sozialismus als das
notwendige Mittel zur Lösung der sozialen Probleme während
einer bestimmten historischen Phase, entsprechend den
Erfordernissen der neuen Produktionsweise während jener Phase.
Dagegen bestreitet der Islam den
angeblich deterministischen Zusammenhang zwischen der
Entwicklung der Produktionsweise und der Gesellschaftsordnung
und stellt fest, dass der Mensch zwei Tätigkeitsbereiche hat:
Zum Einen arbeitet er an der Natur und bemüht sich mit
verschiedenen Mitteln, sie auszunutzen und für die
Befriedigung seiner Bedürfnisse dienstbar zu machen; zweitens
gestaltet er seine Beziehungen zu den anderen Personen in den
verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens. Aus dem Bereich
ergeben sich die Formen der Produktion, während
Gesellschaftssysteme aus dem zweiten Bereich entstehen. Beide
Bereiche sind im Verlauf ihrer historischen Existenz
zahlreichen Veränderungen ausgesetzt, durch die
Weiterentwicklung sowohl von Produktionsweise als auch
Gesellschaftsordnung, aber der Islam sieht nicht diesen
unbedingten Zusammenhang zwischen Entwicklungen der
Produktionsweise und Veränderungen der
Gesellschaftsordnung. Deshalb glaubt er an die Möglichkeit,
den Bestand und die Zweckmäßigkeit einer einzigen
Gesellschaftsordnung zeitlos zu bewahren, wie sehr sich auch
die Produktionsweisen ändern mögen.
Ausgehend von diesem Prinzip – dem
Prinzip der Trennung von Gesellschaftsordnung und
Produktionsweise – entwirft der Islam seine
Gesellschaftsordnung einschließlich seiner
Wirtschaftsideologie als ein Gesellschaftssystem, das für die
islamische Weltgemeinschaft [umma] während jeder
Entwicklungsphase ihrer Produktionsweise geeignet und in der
Lage ist, sie in einer Zeit, in der sie über die Geheimnisse
der Atome verfügt, ebenso glücklich zu machen, wie das der
Fall war, als sie noch die Erde mit der Hand bearbeitete.
Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen
dem Marxismus und dem Islam bei ihrer Einschätzung der
Gesellschaftsordnung gehen – allgemein gesagt – auf ihre
verschiedenen Interpretationen des gesellschaftlichen Lebens,
das für die Formulierung und Festsetzung des
Gesellschaftssystems verantwortlich ist, zurück. So ist das
gesellschaftliche Leben nach marxistischer Ansicht das
Ergebnis der Produktivkraft, da die Produktivkraft das
Grundprinzip und den wichtigsten Faktor der ganzen
menschlichen Geschichte darstellen soll. Wenn sie also die
Gestalt der Produktivkraft wandelt, sei es natürlich, dass
sich als Folge auch die Art des gesellschaftlichen Lebens, wie
es sich in der herrschenden Gesellschaftsordnung verkörpert,
ändere, und ein neues Gesellschaftssystem im Einklang mit den
neuen Produktionsbedingungen entstehe. Durch unsere
vorangehende Untersuchung des historischen Materialismus
und unsere ausführliche Kritik seiner These sind wir davon
entbunden, zu diesem Thema hier noch zusätzliche Anmerkungen
zu machen, denn wir haben bereits mit aller Deutlichkeit
nachgewiesen, dass die Produktivkraft nicht der grundsätzliche
Faktor der Geschichte ist.
Nach islamischer Sichtweise entsteht das
gesellschaftliche Leben mit seinen Ausdrucksformen nicht aus
den verschiedenartigen Produktionsweisen, sondern aus den
Bedürfnissen des Menschen selbst, denn der Mensch und nicht
die Produktionsmittel sind die dynamische Kraft der
Geschichte, und in ihm finden wir die Ursprünge des
gesellschaftlichen Lebens.
Der Mensch wurde mit der Veranlagung
geschaffen, sich selbst zu lieben und sich selbst für seine
Bedürfnisse zu bemühen, und im Folgenden alles in seiner
Umgebung dafür zu benutzen; so war es nur natürlich, dass sich
der Mensch genötigt fand, auch aus seinen Mitmenschen Vorteile
zu ziehen, weil er nur in Zusammenarbeit mit anderen Personen
seine Bedürfnisse befriedigen konnte. So entstanden die
sozialen Beziehungen aus diesen Bedürfnissen, und sie weiteten
sich aus und entwickelten sich, in dem Maße wie sich die
Bedürfnisse im Verlauf der langen Erfahrungen menschlichen
Lebens weiterentwickelten. Das gesellschaftliche Leben ist
also durch die menschlichen Bedürfnisse entstanden, und die
Gesellschaftsordnung ist die Form, in der das
gesellschaftliche Leben entsprechend diesen Bedürfnissen der
Menschen geregelt wird. Wenn wir die Bedürfnisse der Menschen
untersuchen, finden wir eine Anzahl wesentlicher Aspekte, die
zeitlos unverändert bleiben, und solche, die sich den
Umständen entsprechend verändern oder neu entstehen. Die
Beständigkeit, die wir bei dem organischen Aufbau und den
allgemeinen Fähigkeiten des Menschen finden, etwa die
Fähigkeit sich zu ernähren und fortzupflanzen, zu verstehen
und zu empfinden, bedeutet auf jeden Fall, dass die ganze
Menschheit gewisse allgemeine Merkmale, Bedürfnisse und
Eigenschaften gemeinsam hat, was sie nach den Worten Allahs zu
seinen Propheten zu einer einzigen Gemeinschaft [umma]
macht:
„Diese eure Gemeinschaft ist eine
einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr, so dient mir.“
Andererseits finden wir eine große Anzahl
von Bedürfnissen, die stufenweise im Leben des Menschen
auftauchen und sich zusammen mit der Lebenserfahrung und dem
Wissen um seine Voraussetzungen und Besonderheiten
weiterentwickeln. Die wesentlichen Bedürfnisse bleiben also
unverändert, und die sekundären Bedürfnisse entstehen neu und
entwickeln sich entsprechend dem Wissen über das Leben und
seine Komplexität. Wenn wir außerdem wissen, dass das
gesellschaftliche Leben aus den menschlichen Bedürfnissen
entsteht, und dass die Gesellschaftsordnung die Form ist, in
der das gesellschaftliche Leben entsprechend diesen
Bedürfnissen geregelt wird, wie oben ausgeführt, wenn wir all
das voraussetzen können, kommen wir zu dem Schluss, dass das
für die Menschheit angemessene Gesellschaftssystem sich nicht
notwendigerweise in seiner allgemeinen Gestalt
weiterentwickeln und verändern muss, um mit der Entwicklung
des gesellschaftlichen Lebens schrittzuhalten, ebenso wenig
wie es vernünftig wäre, wenn das ganze Leben mit seinen
Einzelheiten in unveränderliche Formen gepresst würde.
Vielmehr muss es in der Gesellschaftsordnung wesentliche
Elemente geben, die unveränderlich bleiben, und Bereiche, die
offen für die Weiterentwicklung und Veränderung sind, da die
Grundvoraussetzungen des gesellschaftlichen Lebens, die
menschlichen Bedürfnisse, unveränderliche und veränderliche
Aspekte umfassen. Beide, die beständigen und die
wandlungsfähigen Bereiche, spiegeln sich in der angemessenen
Gesellschaftsordnung wider. Dies trifft voll und ganz für die
Gesellschaftsordnung des Islam zu, der einerseits den
wesentlichen und unveränderlichen Bereich umfasst, der für die
feststehenden Grundbedürfnisse im Leben des Menschen Sorge
trägt, nämlich sein Bedürfnis nach Sicherung des
Lebensunterhaltes, seiner Fortpflanzung und seiner
persönlichen Sicherheit und ähnliche Bedürfnisse, denen durch
die Bestimmungen über die Güterverteilung, über Heirat und
Scheidung strafrechtliche und Vergeltungsvorschriften und
ähnliche im Heiligen Qur´an und in der Verfahrensweise [sunna]
festgesetzte Bestimmungen genüge getan wird. Und die
Gesellschaftsordnung im Islam umfasst ebenfalls solche
Bereiche, die entsprechend neuer Zweckmäßigkeiten und
Erfordernisse für Veränderungen offen sind, und in diesen
Bereichen ist sie (die Veränderung) dem verantwortlichen
Befehlshaber [wali-ul-amr] gestattet, entsprechend der
Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit, und zwar im Sinne der
feststehenden Teilbereiche der islamischen Ordnung. Außerdem
sind die unveränderlichen Teile der Ordnung zwar als
feststehende gesetzgeberische Prinzipien in Form von Gesetzen
niedergelegt worden, diese werden aber den Begleitumständen
entsprechend verschiedenartig ausgelegt. Damit wird
gewährleistet, dass die unveränderlichen Bedürfnisse auf die
jeweils angemessene Weise befriedigt werden, denn obwohl sie
unveränderlich sind, kann man ihnen auf verschiedene Art und
Weise gerecht werden. Dies gilt z.B. für das prinzipielle
Verbot der Schädigung im Islam und die Ablehnung von
Schwierigkeiten durch die Religionsausübung.
So können wir feststellen – im Gegensatz
zum Marxismus, der behauptet, das System der Güterverteilung
und mithin die gesamte Gesellschaftsordnung hänge von der
Produktionsweise ab – dass das System der Verteilung getrennt
von der Produktionsweise geregelt werden kann. So kann eine
einzige Gesellschaftsordnung für die menschliche Gemeinschaft
ein System der Verteilung aufstellen, das den verschiedensten
Produktionsbedingungen angemessen ist, und es ist nicht etwa
jede Art von Verteilungssystem an eine bestimmte
Produktionsweise gebunden, der es weder vorausgehen noch
verspätet folgen kann, wie der Marxismus es sieht. Auf dieser
Grundlage unterscheiden sich der Islam und der Marxismus in
ihrer Haltung zu den anderen Verteilungssystemen, die in der
Geschichte praktiziert wurden, und in ihrem Urteil über deren
moralische Rechtsmäßigkeit. So untersucht der Marxismus jedes
Verteilungssystem mit Blick auf die herrschenden
Produktionsbedingungen in der Gesellschaft und bewertet es als
geeignetes System, wenn es die Entwicklung der Produktivkraft
fördert, und als schlechtes System, das umgestürzt werden
muss, wenn es diese in ihrem aufstrebenden Weg behindert.
Daher bemerken wir, dass der Marxismus die Sklaverei in
größtem Umfang und in ihrer abscheulichsten Form in einer
Gesellschaft, die von der handwerklichen Produktion des
Menschen lebt, befürwortet, weil eine derartige Gesellschaft
angeblich nur zu vermehrter produktiver Aktivität getrieben
werden kann, wenn über den Köpfen der großen Mehrheit ihrer
Mitglieder die Peitsche geschwungen wird, und sie unter
Peitschenhieben und Messerstichen zur Arbeit gezwungen werden.
Wer also die schreckliche Aufgabe des Terrors selbst ausführt
und die Peitsche in die Hand nimmt, ist der fortschrittliche
Mann und gehört zu der “revolutionären Avantgarde“ dieser
Gesellschaft, denn er ist der unbewusste Garant für die
Vollstreckung des Willens der Geschichte. Aber jener Andere,
der es verabscheut, aktiv an der Versklavung seiner
Mitmenschen teilzunehmen, und sich diese goldene Gelegenheit
entgehen lässt ... er verdient all die Attribute, mit denen
die Sozialisten heutzutage die Kapitalisten bezeichnen, weil
er ein Mann ist, der sich dem Prozess des Fortschritts der
Menschheit in den Weg stellt.
Der Islam beurteilt dagegen jedes
Gesellschaftssystem mit Blick auf seinen Zusammenhang mit den
verschiedenartigen menschlichen Bedürfnissen, denn jedes
System muss das Zusammenleben derart regeln, dass ihre
Befriedigung gesichert wird, weil sie die Grundlage für die
Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens darstellen. Und er
sieht diese oder jene Produktionsweise nicht als
Rechtfertigung für eine Gesellschaftsordnung und ein
Verteilungssystem an, womit die Befriedigung dieser
Bedürfnisse nicht gewährleistet wird, da er den angeblich
unbedingten Zusammenhang zwischen Produktionsweise und
Gesellschaftsordnung abstreitet. Wenn der Islam diesen
Zusammenhang bestreitet, dann ist das nicht nur eine
theoretische Aussage, sondern er bringt einen konkreten Beweis
in Form seiner eigenen Geschichte. So dokumentiert der Islam
durch seine reale Praktizierung im menschlichen Leben einen
geistigen Sieg über und einen Beweis für die Unwahrheit jener
behaupteten Abhängigkeiten der Gesellschaftsordnung von der
Produktionsweise, und belegte, dass die Menschheit in der Lage
ist, ihre gesellschaftliche Existenz in revolutionärer Weise
neu zu gestalten, während die Produktionsbedingungen noch
unverändert so bleiben, wie sie sind. Diese islamische
Realität, welche die Menschheit für einen kurzen Augenblick
der endlosen historischen Zeit erlebte, und in der die
großartigste Entwicklung hervorgebracht wurde, die das
Menschengeschlecht miterleben konnte ... diese revolutionäre
Realität, die eine Gemeinschaft [umma] schuf, eine
Zivilisation begründete und den Lauf der Geschichte in eine
andere Richtung lenkte ... war nicht aus einer neuen Methode
der Produktion entstanden, oder weil sich deren Form und
Potential geändert hätte. Und nach der Logik der
sozialistischen Interpretation der Geschichte – die die
Gesellschaftsordnung mit den Produktionsmitteln verknüpft –
hätte diese umfassende Revolution, die sich in allen Bereichen
des Lebens auswirkte, nicht zustande kommen können, ohne dass
ihr eine grundlegende Umwandlung der Produktionsbedingungen
vorausgegangen wäre. So widerlegt die islamische Realität die
marxistische historische Logik in allen Kalkulationen und in
jeder Hinsicht, jawohl, in jeder Hinsicht. Sie widerlegt deren
These und die Idee der Gleichheit, denn der Marxismus meint,
dass die Idee der Gleichheit ein Produkt der
Industriegesellschaft ist, die diejenige Klasse hervorbrachte,
welche die Gleichheit auf ihre Fahne schrieb, nämlich die
Bourgeoisie, und nach seiner Sichtweise ist es unmöglich, dass
die Gleichheit propagiert wird, bevor die historische
Entwicklung die Stufe der Industriegesellschaft erreicht hat.
Und der Islam hält diese Logik –die jede Bewusstwerdung und
jede Idee auf die Entwicklung der Produktionsbedingung
zurückführt – für absurd, weil er imstande war, die Fahne der
Gleichheit zu erheben und unter den Menschen ein Bewusstsein
für das Richtige und ein umfassendes Verständnis ihrer eigenen
Situation zu schaffen, und die Essenz seines Begriffes der
Gleichheit in Form realer gesellschaftlicher Beziehungen
Gestalt annehmen zu lassen, in einem Grad, den die Bourgeoisie
nie erreicht hat. Er konnte das alles zustande bringen, bevor
Allah überhaupt erlaubte, dass sich die Klasse der Bourgeoisie
heranbildete, und zehn Jahrhunderte bevor ihre materiellen
Voraussetzungen bestanden ... Er
propagierte schon die Gleichheit, bevor überhaupt die
Maschine erfunden war, indem er verkündete:
„Ihr alle geht auf Adam zurück, und
Adam wurde aus Staub erschaffen“ und „Die
Menschen sind gleich wie die Zähne eines Kammes“ und „Es
gibt keine Bevorzugung des Arabers vor dem Nicht-Araber, es
sei denn aufgrund von Frömmigkeit“.
Wurde nun diese Idee der Gleichheit der
islamischen Gesellschaft etwa durch die Produktionsmittel der
Bourgeoisie eingegeben, die sich erst tausend Jahre später
heranbildete?! Oder etwa durch die primitiven Hilfsmittel der
Landwirtschaft und des Handels, von denen die Gesellschaft des
Hidschaz
lebte, wo doch solche Hilfsmittel bei anderen arabischen oder
sonstigen Gesellschaften der damaligen Welt in höheren und
eindrucksvolleren Entwicklungsstufen vorhanden waren?! Und
warum wurde der Gedanke der Gleichheit ausgerechnet der
Gesellschaft des Hidschaz eingegeben und mobilisierte sie
dazu, die großartigste historische Rolle im Dienste der
Verwirklichung dieses Gedankens zu spielen, und weshalb
passierte das nicht mit den arabischen Gesellschaften im
Jemen, in Hira
oder in Syrien?
Der Islam widerlegt die Thesen des
historischen Materialismus weiterhin, indem er eine weltweite
Gemeinschaft predigte, welche die ganze Menschheit auf einer
Ebene vereint, und kämpferisch für die Verwirklichung dieser
Idee eintrat, und zwar in einer Umwelt, die von Stammesfehden
zerrissen und durch tausende miteinander verfeindete Stämme
gekennzeichnet war. Diese Gesellschaft machte den Sprung von
solchen Stammeseinheiten zur großen Einheit aller Menschen,
und wurde durch die Muslime vom geistigen Niveau einer
Stammesgesellschaft, die nicht über den Horizont ihrer Bluts-
und Stammesverwandtschaft, bzw. ihrer unmittelbaren Nachbarn
hinausblicken konnte, auf ein geistiges Niveau angehoben, das
durch keine dieser Grenzen beschränkt wurde, sondern nur durch
die geistige Maxime des Islam. Welches Produktionsinstrument
verwandelte nun diejenigen, deren Bewusstsein zu beschränkt
für die Idee einer Volksgemeinschaft war, und machte sie
innerhalb kurzer Zeit zu den Führern und
Aufklärern einer weltweiten
Gemeinschaft?
Drittens widerlegt der Islam die
angebliche historische Logik durch das von ihm begründete
System der Güterverteilung, das nach der Denkweise der
sozialistischen Wirtschaftstheorie gar nicht hätte möglich
sein können, da es in einer Gesellschaft aufgebaut wurde, die
noch nicht die Stufe der maschinellen Industrieproduktion
erreicht hatte. So schränkte der Islam die Domäne des
Privateigentums ein und schloss gewisse Bereiche davon aus,
definierte den Begriff neu und setzte ihm Grenzen und Regeln,
verband es mit einer Fürsorgepflicht für die Armen und setzte
ausreichende Garantien für die Wahrung des sozialen
Gleichgewichts und der Gerechtigkeit bei der Güterverteilung
fest, und damit kam er – nach marxistischer Ansicht – den
materiellen Voraussetzungen für derartige soziale Beziehungen
zuvor. Während es noch im 18. Jahrhundert hieß: „Nur ein
Dummkopf erkennt nicht, dass die niederen Klassen arm bleiben
müssen, weil sie sich sonst nicht anstrengen würden.“
Und im 19. Jahrhundert: „Wer in eine Welt hineingeboren
wird, deren Besitzrechte bereits vollständig verteilt worden
sind, hat nicht einmal das Recht zu essen, sofern es ihm nicht
gelingt, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit oder sonstigen
Verdienst zu bestreiten. Dann ist er ein für die Gesellschaft
überflüssiger Schmarotzer, für den kein Platz am gedeckten
Tisch der Natur ist. Die Natur befielt ihm zu verschwinden und
zögert nicht, ihren Befehl durchzusetzen.“
Während die Welt Derartiges Jahrhunderte
nach dem Erscheinen des Islam aussprach, verkündete der Islam
– wie es aus den Überlieferungen (des Propheten Muhammad (s.))
hervorgeht – das Prinzip der sozialen Sicherheit mit den
Worten:
„Wenn einer Verlustgeschäfte
hinterlässt, dann übernehme ich seine Verluste, und wer
Schulden hinterlässt, dessen Schulden übernehme ich.“
Die islamische Wirtschaftslehre stellt
weiterhin klar, dass Armut und Entbehrungen nicht aus der
Natur selbst entstehen, sondern als Folge schlechter
Verteilung und Abweichung von den angemessenen Beziehungen,
welche die Reichen an die Armen binden müssen. So heißt es in
einer Überlieferung:
„Der Arme entbehrt nur das, was der
Reiche zu viel besitzt.“
Dieses islamische Verständnis für die
Erfordernisse der sozialen Gerechtigkeit bei der Verteilung,
das man in vergleichbarer Form nicht einmal bei Gesellschaften
findet, deren materielle Voraussetzungen höher entwickelt
sind, als die der damaligen islamischen Gesellschaft, konnte
nicht ein Ergebnis des Pfluges oder des primitiven Handels
oder des Handwerks oder ähnlicher Hilfsmittel des
Lebensunterhaltes, wie sie in allen Gesellschaften bekannt
sind, gewesen sein. Und es wird behauptet, dass dieses
Bewusstsein, oder diese soziale Revolution, ja sogar die ganze
gewaltige Expansion des Islam, die sich über die
Weltgeschichte erstreckte ein Ergebnis der Entwicklung des
Handels und der Handelsbedingungen in Mekka war, die die
Errichtung eines starken Staatsgebildes, gestützt durch alle
erforderlichen sozialen und geistigen Institutionen notwendig
machten, das den herrschenden Bedingungen des Handels
angemessen war! Dies ist wahrhaftig eine sonderbare
Interpretation, die diese umfassende historische Wandlung im
Leben der ganzen Menschheit mit den Bedingungen des Handels
irgendeiner Stadt auf der arabischen Halbinsel erklärt. Ich
verstehe nicht, wieso die Handelsbedingungen gerade Mekka zu
dieser gewaltigen geschichtlichen Bedeutung verholfen haben
sollen, und nicht anderen arabischen oder sonstigen Städten
der Welt, die eine eindrucksvollere Zivilisation und höher
entwickelte materielle Voraussetzungen erlebt haben und Mekka
an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung übertrafen.
Hätte nicht nach der materialistischen Geschichtslogik die
neue soziale Entwicklung unweigerlich von jenen Städten
ausgehen müssen?! Wie konnten also bestimmte Bedingungen des
Handels in einer Stadt wie Mekka eine neue Geschichte der
Menschheit schaffen, während ähnliche oder höher entwickelte
Bedingungen nicht dazu in der Lage waren? Auch wenn Mekka über
günstige Bedingungen für den Transithandel zwischen dem Jemen
und Syrien verfügte, so gilt das Gleiche für die Nabatäer, als
sie die Stadt Petra als Station für die Handelswege aufbauten,
wo sie eine der höchstentwickelten vorislamischen arabischen
Zivilisation begründeten, deren Einfluss sich bis auf die
Nachbarländer erstreckte, und wo sie Garnisonen zum Schutz der
Handelskarawanen und Minen zur Ausbeutung der Bodenschätze
unterhielten. Ihre Zivilisation blieb lange Zeit die den
Karawanenhandel der Region beherrschende Zivilisation und ein
wichtiger Handelsknotenpunkt, und ihre Handelsaktivitäten
dehnten sich über weite Gebiete aus, so dass man Spuren ihres
Handels noch in Seleukia,
in entlegenen Gebieten Syriens und in Alexandria nachweisen
kann. Sie handelten mit jemenitischen Gewürzen, chinesischer
Seide, Henna aus Aschkelon,
Glas, Farbstoffen und Purpur aus Sidon und Tyros, Perlen vom
persischen Golf und Keramiken aus Rom, und erzeugten im
eigenen Land Gold, Silber, Pech und Sesamöl. Und trotz diesen
Niveaus von Handel und Produktivität, das Mekka nie erreichte,
blieben die sozialen Beziehungen unter den Nabatäern
unverändert, während die göttliche Mission der Veränderung der
Geschichte Mekka vorbehalten blieb.
Und in Hira, das zur Zeit der
Lachmiden [al-manadhira]
einen großen Aufschwung des Handwerks und des Handels erlebte,
blühte die Herstellung von Textilien, Waffen, Töpferware und
Skulpturen, und die Lachmiden konnten ihren Handelseinfluss
bis ins Zentrum, in den Süden und in den Westen der arabischen
Halbinsel ausdehnen und schickten Handelskarawanen mit den
Waren ihres Landes zu allen bedeutenden Marktzentren. Und es
existierte die Zivilisation von Palmyra,
die Jahrhunderte lang Bestand hatte, unter der der Handel
blühte und die Handelsbeziehungen mit verschiedenen Ländern
der Welt geknüpft hatte, wie China, Indien, Babylon, den
Städten der Phönizier und der Dschazira.
Und man denke an die Zivilisationen, welche die Geschichte des
Jemen seit ältester Zeit umfasste.
Eine
Untersuchung jener Zivilisationen und Kulturen und ihrer
Handels- und sonstigen wirtschaftlichen Bedingungen, und deren
Vergleich mit der kulturellen und zivilisatorischen Realität
im vorislamischen Mekka, beweist, dass die islamische
Umwälzung der sozialen Beziehungen und des geistigen Lebens
keine Angelegenheit materieller Voraussetzungen und
wirtschaftlichen bzw. von Handelsbedingungen war, und dass
folglich die sozialen Beziehungen einschließlich des
Verteilungssystems nicht an die Produktionsweise, die
Wirtschaftslage oder die Produktivität einer Gesellschaft
gebunden sind. Hat der Islam nach all diesem nicht das Recht,
mit völliger Sicherheit und Überzeugung jenen historischen
Determinismus, der jede Form eines Verteilungssystems mit
irgendeiner Produktionsweise in Verbindung bringt, als falsch
zurückzuweisen, und gestützt auf materielle und konkrete
Beweise zu erklären, dass die Gesellschaftsordnung auf einer
geistigen, spirituellen Grundlage beruht, und nicht durch die
materiellen Methoden der Sicherung des Lebensunterhaltes
bestimmt wird?!