Unsere Wirtschaft

Unsere Wirtschaft / Iqtisaduna

Muhammad Baqir al-Sadr

System der Güterverteilung ist nicht an die Form der Produktion gebunden

Die Menschen führen in ihrem gesellschaftlichen Leben zwei verschiedene Arten von Aktivitäten aus: erstens die Tätigkeit der Produktion und zweitens die Tätigkeit der Güterverteilung. Einerseits nehmen sie den Kampf mit der Natur auf, um sie für ihre Wünsche dienstbar zu machen, und für diesen Kampf machen sie, soweit das ihnen möglich ist, von ihren Fertigkeiten und ihren Hilfsmitteln der Produktion Gebrauch; anderseits bauen jene Menschen ein System bestimmter Beziehungen auf, das die Verbindungen der Individuen untereinander in den verschiedenen Lebensbereichen definiert, und diese Beziehungen nennen wir die Gesellschaftsordnung, durch welche die Verteilung der von der Gesellschaft produzierten Werte geregelt wird. Die einzelnen Menschen gewinnen also ihre Güter aus der Natur durch die produktive Tätigkeit, und diese Güter werden entsprechend der Gesellschaftsordnung, die ihre Beziehungen untereinander regelt, aufgeteilt. Es ist offensichtlich, dass sich der Produktionsprozess ständig grundlegend verändert und weiterentwickelt, zusammen mit Wissenschaft, die in ihrem Umfang und ihrer Tiefe Fortschritte macht, denn ebenso wie der Mensch sich seit alters her des Pfluges bedient, begann er schließlich elektrischen Strom und Kernenergie einzusetzen. Ebenso nahm auch die Gesellschaftsordnung, die die Beziehungen der Menschen untereinander – und damit das System der Güterverteilung – regelt, in der menschlichen Geschichte keine einheitliche Gestalt an, sondern verschiedene Formen, entsprechend der Unterschiedlichkeiten und dem Wandel der historischen Bedingungen.

Die grundsätzliche Frage in diesem Zusammenhang ist: Welche Relevanz hat die Entwicklung der Produktionsweise für die Entwicklung der sozialen Beziehungen, einschließlich des Systems der Güterverteilung (d.h. der Gesellschaftsordnung)? Dies ist der Ansatzpunkt für die wesentlichen Differenzen der marxistischen und der islamischen Wirtschaftslehre, und ein wichtiger Punkt für die Gegensätze zwischen dem Marxismus und dem Islam im Allgemeinen. Die marxistische Wirtschaftslehre vertritt die Ansicht, dass jede Weiterentwicklung des Produktionsprozesses und der Produktionsweise unbedingt von einer Veränderung der sozialen Beziehungen allgemein und des Systems der Güterverteilung im Besonderen begleitet wird, so dass die sozialen Beziehungen nicht in ihrer alten Form bestehen bleiben können, wenn sich die Produktionsweise verändert, und es auch nicht möglich ist, dass die Entwicklung der sozialen Beziehungen der der Produktionsweise vorausgeht.

Der Marxismus folgert daraus, es sei undenkbar, dass eine einzige Gesellschaftsordnung im Laufe der Zeit Bestand haben könne, bzw. dem menschlichen Zusammenleben während der zahlreichen Entwicklungsphasen Produktionsweise angemessen wäre, denn die Produktionsweisen ändern sich laufend zusammen mit der menschlichen Erfahrung, und dementsprechend müssten sich die sozialen Beziehungen entwickeln. So sei die für die Gesellschaft der Elektrizität und der Kernenergie angemessene Ordnung eine andere als die Ordnung, die sich für eine Gesellschaft der vorindustriellen Handarbeit eignet, da sich die Produktionsweisen der beiden Gesellschaften unterscheiden. Auf dieser Grundlage verweist der Marxismus auf die Ideologie des Sozialismus als das notwendige Mittel zur Lösung der sozialen Probleme während einer bestimmten historischen Phase, entsprechend den Erfordernissen der neuen Produktionsweise während jener Phase.

Dagegen bestreitet der Islam den angeblich deterministischen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Produktionsweise und der Gesellschaftsordnung und stellt fest, dass der Mensch zwei Tätigkeitsbereiche hat: Zum Einen arbeitet er an der Natur und bemüht sich mit verschiedenen Mitteln, sie auszunutzen und für die Befriedigung seiner Bedürfnisse dienstbar zu machen; zweitens gestaltet er seine Beziehungen zu den anderen Personen in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens. Aus dem Bereich ergeben sich die Formen der Produktion, während Gesellschaftssysteme aus dem zweiten Bereich entstehen. Beide Bereiche sind im Verlauf ihrer historischen Existenz zahlreichen Veränderungen ausgesetzt, durch die Weiterentwicklung sowohl von Produktionsweise als auch Gesellschaftsordnung, aber der Islam sieht nicht diesen unbedingten Zusammenhang zwischen Entwicklungen der Produktionsweise und Veränderungen der Ge­sell­schafts­ordnung. Deshalb glaubt er an die Möglichkeit, den Bestand und die Zweckmäßigkeit einer einzigen Gesellschaftsordnung zeitlos zu bewahren, wie sehr sich auch die Produktionsweisen ändern mögen.

Ausgehend von diesem Prinzip – dem Prinzip der Trennung von Gesellschaftsordnung und Produktionsweise – entwirft der Islam seine Gesellschaftsordnung einschließlich seiner Wirtschaftsideologie als ein Gesellschaftssystem, das für die islamische Weltgemeinschaft [umma] während jeder Entwicklungsphase ihrer Produktionsweise geeignet und in der Lage ist, sie in einer Zeit, in der sie über die Geheimnisse der Atome verfügt, ebenso glücklich zu machen, wie das der Fall war, als sie noch die Erde mit der Hand bearbeitete.

Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem Marxismus und dem Islam bei ihrer Einschätzung der Gesellschaftsordnung gehen – allgemein gesagt – auf ihre verschiedenen Interpretationen des gesellschaftlichen Lebens, das für die Formulierung und Festsetzung des Gesellschaftssystems verantwortlich ist, zurück. So ist das gesellschaftliche Leben nach marxistischer Ansicht das Ergebnis der Produktivkraft, da die Produktivkraft das Grundprinzip und den wichtigsten Faktor der ganzen menschlichen Geschichte darstellen soll. Wenn sie also die Gestalt der Produktivkraft wandelt, sei es natürlich, dass sich als Folge auch die Art des gesellschaftlichen Lebens, wie es sich in der herrschenden Gesellschaftsordnung verkörpert, ändere, und ein neues Gesellschaftssystem im Einklang mit den neuen Produktionsbedingungen entstehe. Durch unsere vorangehende Untersuchung des historischen Materialismus[1] und unsere ausführliche Kritik seiner These sind wir davon entbunden, zu diesem Thema hier noch zusätzliche Anmerkungen zu machen, denn wir haben bereits mit aller Deutlichkeit nachgewiesen, dass die Produktivkraft nicht der grundsätzliche Faktor der Geschichte ist.

Nach islamischer Sichtweise entsteht das gesellschaftliche Leben mit seinen Ausdrucksformen nicht aus den verschiedenartigen Produktionsweisen, sondern aus den Bedürfnissen des Menschen selbst, denn der Mensch und nicht die Produktionsmittel sind die dynamische Kraft der Geschichte, und in ihm finden wir die Ursprünge des gesellschaftlichen Lebens.

Der Mensch wurde mit der Veranlagung geschaffen, sich selbst zu lieben und sich selbst für seine Bedürfnisse zu bemühen, und im Folgenden alles in seiner Umgebung dafür zu benutzen; so war es nur natürlich, dass sich der Mensch genötigt fand, auch aus seinen Mitmenschen Vorteile zu ziehen, weil er nur in Zusammenarbeit mit anderen Personen seine Bedürfnisse befriedigen konnte. So entstanden die sozialen Beziehungen aus diesen Bedürfnissen, und sie weiteten sich aus und entwickelten sich, in dem Maße wie sich die Bedürfnisse im Verlauf der langen Erfahrungen menschlichen Lebens weiterentwickelten. Das gesellschaftliche Leben ist also durch die menschlichen Bedürfnisse entstanden, und die Gesellschaftsordnung ist die Form, in der das gesellschaftliche Leben entsprechend diesen Bedürfnissen der Menschen geregelt wird. Wenn wir die Bedürfnisse der Menschen untersuchen, finden wir eine Anzahl wesentlicher Aspekte, die zeitlos unverändert bleiben, und solche, die sich den Umständen entsprechend verändern oder neu entstehen. Die Beständigkeit, die wir bei dem organischen Aufbau und den allgemeinen Fähigkeiten des Menschen finden, etwa die Fähigkeit sich zu ernähren und fortzupflanzen, zu verstehen und zu empfinden, bedeutet auf jeden Fall, dass die ganze Menschheit gewisse allgemeine Merkmale, Bedürfnisse und Eigenschaften gemeinsam hat, was sie nach den Worten Allahs zu seinen Propheten zu einer einzigen Gemeinschaft [umma] macht:

Diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr, so dient mir.[2]

Andererseits finden wir eine große Anzahl von Bedürfnissen, die stufenweise im Leben des Menschen auftauchen und sich zusammen mit der Lebenserfahrung und dem Wissen um seine Voraussetzungen und Besonderheiten weiterentwickeln. Die wesentlichen Bedürfnisse bleiben also unverändert, und die sekundären Bedürfnisse entstehen neu und entwickeln sich entsprechend dem Wissen über das Leben und seine Komplexität. Wenn wir außerdem wissen, dass das gesellschaftliche Leben aus den menschlichen Bedürfnissen entsteht, und dass die Gesellschaftsordnung die Form ist, in der das gesellschaftliche Leben entsprechend diesen Bedürfnissen geregelt wird, wie oben ausgeführt, wenn wir all das voraussetzen können, kommen wir zu dem Schluss, dass das für die Menschheit angemessene Gesellschaftssystem sich nicht notwendigerweise in seiner allgemeinen Gestalt weiterentwickeln und verändern muss, um mit der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens schrittzuhalten, ebenso wenig wie es vernünftig wäre, wenn das ganze Leben mit seinen Einzelheiten in unveränderliche Formen gepresst würde. Vielmehr muss es in der Gesellschaftsordnung wesentliche Elemente geben, die unveränderlich bleiben, und Bereiche, die offen für die Weiterentwicklung und Veränderung sind, da die Grundvoraussetzungen des gesellschaftlichen Lebens, die menschlichen Bedürfnisse, unveränderliche und veränderliche Aspekte umfassen. Beide, die beständigen und die wandlungsfähigen Bereiche, spiegeln sich in der angemessenen Gesellschaftsordnung wider. Dies trifft voll und ganz für die Gesellschaftsordnung des Islam zu, der einerseits den wesentlichen und unveränderlichen Bereich umfasst, der für die feststehenden Grundbedürfnisse im Leben des Menschen Sorge trägt, nämlich sein Bedürfnis nach Sicherung des Lebensunterhaltes, seiner Fortpflanzung und seiner persönlichen Sicherheit und ähnliche Bedürfnisse, denen durch die Bestimmungen über die Güterverteilung, über Heirat und Scheidung strafrechtliche und Vergeltungsvorschriften und ähnliche im Heiligen Qur´an und in der Verfahrensweise [sunna] festgesetzte Bestimmungen genüge getan wird. Und die Gesellschaftsordnung im Islam umfasst ebenfalls solche Bereiche, die entsprechend neuer Zweckmäßigkeiten und Erfordernisse für Veränderungen offen sind, und in diesen Bereichen ist sie (die Veränderung) dem verantwortlichen Befehlshaber [wali-ul-amr] gestattet, entsprechend der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit, und zwar im Sinne der feststehenden Teilbereiche der islamischen Ordnung. Außerdem sind die unveränderlichen Teile der Ordnung zwar als feststehende gesetzgeberische Prinzipien in Form von Gesetzen niedergelegt worden, diese werden aber den Begleitumständen entsprechend verschiedenartig ausgelegt. Damit wird gewährleistet, dass die unveränderlichen Bedürfnisse auf die jeweils angemessene Weise befriedigt werden, denn obwohl sie unveränderlich sind, kann man ihnen auf verschiedene Art und Weise gerecht werden. Dies gilt z.B. für das prinzipielle Verbot der Schädigung im Islam und die Ablehnung von Schwierigkeiten durch die Religionsausübung.

So können wir feststellen – im Gegensatz zum Marxismus, der behauptet, das System der Güterverteilung und mithin die gesamte Gesellschaftsordnung hänge von der Produktionsweise ab – dass das System der Verteilung getrennt von der Produktionsweise geregelt werden kann. So kann eine einzige Gesellschaftsordnung für die menschliche Gemeinschaft ein System der Verteilung aufstellen, das den verschiedensten Produktionsbedingungen angemessen ist, und es ist nicht etwa jede Art von Verteilungssystem an eine bestimmte Produktionsweise gebunden, der es weder vorausgehen noch verspätet folgen kann, wie der Marxismus es sieht. Auf dieser Grundlage unterscheiden sich der Islam und der Marxismus in ihrer Haltung zu den anderen Verteilungssystemen, die in der Geschichte praktiziert wurden, und in ihrem Urteil über deren moralische Rechtsmäßigkeit. So untersucht der Marxismus jedes Verteilungssystem mit Blick auf die herrschenden Produktionsbedingungen in der Gesellschaft und bewertet es als geeignetes System, wenn es die Entwicklung der Produktivkraft fördert, und als schlechtes System, das umgestürzt werden muss, wenn es diese in ihrem aufstrebenden Weg behindert. Daher bemerken wir, dass der Marxismus die Sklaverei in größtem Umfang und in ihrer abscheulichsten Form in einer Gesellschaft, die von der handwerklichen Produktion des Menschen lebt, befürwortet, weil eine derartige Gesellschaft angeblich nur zu vermehrter produktiver Aktivität getrieben werden kann, wenn über den Köpfen der großen Mehrheit ihrer Mitglieder die Peitsche geschwungen wird, und sie unter Peitschenhieben und Messerstichen zur Arbeit gezwungen werden. Wer also die schreckliche Aufgabe des Terrors selbst ausführt und die Peitsche in die Hand nimmt, ist der fortschrittliche Mann und gehört zu der “revolutionären Avantgarde“ dieser Gesellschaft, denn er ist der unbewusste Garant für die Vollstreckung des Willens der Geschichte. Aber jener Andere, der es verabscheut, aktiv an der Versklavung seiner Mitmenschen teilzunehmen, und sich diese goldene Gelegenheit entgehen lässt ... er verdient all die Attribute, mit denen die Sozialisten heutzutage die Kapitalisten bezeichnen, weil er ein Mann ist, der sich dem Prozess des Fortschritts der Menschheit in den Weg stellt.

Der Islam beurteilt dagegen jedes Gesellschaftssystem mit Blick auf seinen Zusammenhang mit den verschiedenartigen menschlichen Bedürfnissen, denn jedes System muss das Zusammenleben derart regeln, dass ihre Befriedigung gesichert wird, weil sie die Grundlage für die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens darstellen. Und er sieht diese oder jene Produktionsweise nicht als Rechtfertigung für eine Gesellschaftsordnung und ein Verteilungssystem an, womit die Befriedigung dieser Bedürfnisse nicht gewährleistet wird, da er den angeblich unbedingten Zusammenhang zwischen Produktionsweise und Gesellschaftsordnung abstreitet. Wenn der Islam diesen Zusammenhang bestreitet, dann ist das nicht nur eine theoretische Aussage, sondern er bringt einen konkreten Beweis in Form seiner eigenen Geschichte. So dokumentiert der Islam durch seine reale Praktizierung im menschlichen Leben einen geistigen Sieg über und einen Beweis für die Unwahrheit jener behaupteten Abhängigkeiten der Gesellschaftsordnung von der Produktionsweise, und belegte, dass die Menschheit in der Lage ist, ihre gesellschaftliche Existenz in revolutionärer Weise neu zu gestalten, während die Produktionsbedingungen noch unverändert so bleiben, wie sie sind. Diese islamische Realität, welche die Menschheit für einen kurzen Augenblick der endlosen historischen Zeit erlebte, und in der die großartigste Entwicklung hervorgebracht wurde, die das Menschengeschlecht miterleben konnte ... diese revolutionäre Realität, die eine Gemeinschaft [umma] schuf, eine Zivilisation begründete und den Lauf der Geschichte in eine andere Richtung lenkte ... war nicht aus einer neuen Methode der Produktion entstanden, oder weil sich deren Form und Potential geändert hätte. Und nach der Logik der sozialistischen Interpretation der Geschichte – die die Gesellschaftsordnung mit den Produktionsmitteln verknüpft – hätte diese umfassende Revolution, die sich in allen Bereichen des Lebens auswirkte, nicht zustande kommen können, ohne dass ihr eine grundlegende Umwandlung der Produktionsbedingungen vorausgegangen wäre. So widerlegt die islamische Realität die marxistische historische Logik in allen Kalkulationen und in jeder Hinsicht, jawohl, in jeder Hinsicht. Sie widerlegt deren These und die Idee der Gleichheit, denn der Marxismus meint, dass die Idee der Gleichheit ein Produkt der Industriegesellschaft ist, die diejenige Klasse hervorbrachte, welche die Gleichheit auf ihre Fahne schrieb, nämlich die Bourgeoisie, und nach seiner Sichtweise ist es unmöglich, dass die Gleichheit propagiert wird, bevor die historische Entwicklung die Stufe der Industriegesellschaft erreicht hat. Und der Islam hält diese Logik –die jede Bewusstwerdung und jede Idee auf die Entwicklung der Produktionsbedingung zurückführt – für absurd, weil er imstande war, die Fahne der Gleichheit zu erheben und unter den Menschen ein Bewusstsein für das Richtige und ein umfassendes Verständnis ihrer eigenen Situation zu schaffen, und die Essenz seines Begriffes der Gleichheit in Form realer gesellschaftlicher Beziehungen Gestalt annehmen zu lassen, in einem Grad, den die Bourgeoisie nie erreicht hat. Er konnte das alles zustande bringen, bevor Allah überhaupt erlaubte, dass sich die Klasse der Bourgeoisie heranbildete, und zehn Jahrhunderte bevor ihre materiellen Voraussetzungen bestanden ... Er propagierte schon die Gleichheit, bevor überhaupt die Maschine erfunden war, indem er verkündete:

Ihr alle geht auf Adam zurück, und Adam wurde aus Staub erschaffen“ und „Die Menschen sind gleich wie die Zähne eines Kammes“ und „Es gibt keine Bevorzugung des Arabers vor dem Nicht-Araber, es sei denn aufgrund von Frömmigkeit“.[3]

Wurde nun diese Idee der Gleichheit der islamischen Gesellschaft etwa durch die Produktionsmittel der Bourgeoisie eingegeben, die sich erst tausend Jahre später heranbildete?! Oder etwa durch die primitiven Hilfsmittel der Landwirtschaft und des Handels, von denen die Gesellschaft des Hidschaz[4] lebte, wo doch solche Hilfsmittel bei anderen arabischen oder sonstigen Gesellschaften der damaligen Welt in höheren und eindrucksvolleren Entwicklungsstufen vorhanden waren?! Und warum wurde der Gedanke der Gleichheit ausgerechnet der Gesellschaft des Hidschaz eingegeben und mobilisierte sie dazu, die großartigste historische Rolle im Dienste der Verwirklichung dieses Gedankens zu spielen, und weshalb passierte das nicht mit den arabischen Gesellschaften im Jemen, in Hira[5] oder in Syrien?

Der Islam widerlegt die Thesen des historischen Materialismus weiterhin, indem er eine weltweite Gemeinschaft predigte, welche die ganze Menschheit auf einer Ebene vereint, und kämpferisch für die Verwirklichung dieser Idee eintrat, und zwar in einer Umwelt, die von Stammesfehden zerrissen und durch tausende miteinander verfeindete Stämme gekennzeichnet war. Diese Gesellschaft machte den Sprung von solchen Stammeseinheiten zur großen Einheit aller Menschen, und wurde durch die Muslime vom geistigen Niveau einer Stammesgesellschaft, die nicht über den Horizont ihrer Bluts- und Stammesverwandtschaft, bzw. ihrer unmittelbaren Nachbarn hinausblicken konnte, auf ein geistiges Niveau angehoben, das durch keine dieser Grenzen beschränkt wurde, sondern nur durch die geistige Maxime des Islam. Welches Produktionsinstrument verwandelte nun diejenigen, deren Bewusstsein zu beschränkt für die Idee einer Volksgemeinschaft war, und machte sie innerhalb kurzer Zeit zu den Führern und Aufklärern einer weltweiten Gemeinschaft?

Drittens widerlegt der Islam die angebliche historische Logik durch das von ihm begründete System der Güterverteilung, das nach der Denkweise der sozialistischen Wirtschaftstheorie gar nicht hätte möglich sein können, da es in einer Gesellschaft aufgebaut wurde, die noch nicht die Stufe der maschinellen Industrieproduktion erreicht hatte. So schränkte der Islam die Domäne des Privateigentums ein und schloss gewisse Bereiche davon aus, definierte den Begriff neu und setzte ihm Grenzen und Regeln, verband es mit einer Fürsorgepflicht für die Armen und setzte ausreichende Garantien für die Wahrung des sozialen Gleichgewichts und der Gerechtigkeit bei der Güterverteilung fest, und damit kam er – nach marxistischer Ansicht – den materiellen Voraussetzungen für derartige soziale Beziehungen zuvor. Während es noch im 18. Jahrhundert hieß: „Nur ein Dummkopf erkennt nicht, dass die niederen Klassen arm bleiben müssen, weil sie sich sonst nicht anstrengen würden.“[6] Und im 19. Jahrhundert: „Wer in eine Welt hineingeboren wird, deren Besitzrechte bereits vollständig verteilt worden sind, hat nicht einmal das Recht zu essen, sofern es ihm nicht gelingt, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit oder sonstigen Verdienst zu bestreiten. Dann ist er ein für die Gesellschaft überflüssiger Schmarotzer, für den kein Platz am gedeckten Tisch der Natur ist. Die Natur befielt ihm zu verschwinden und zögert nicht, ihren Befehl durchzusetzen.[7]

Während die Welt Derartiges Jahrhunderte nach dem Erscheinen des Islam aussprach, verkündete der Islam – wie es aus den Überlieferungen (des Propheten Muhammad (s.)) hervorgeht – das Prinzip der sozialen Sicherheit mit den Worten:

Wenn einer Verlustgeschäfte hinterlässt, dann übernehme ich seine Verluste, und wer Schulden hinterlässt, dessen Schulden übernehme ich.“

Die islamische Wirtschaftslehre stellt weiterhin klar, dass Armut und Entbehrungen nicht aus der Natur selbst entstehen, sondern als Folge schlechter Verteilung und Abweichung von den angemessenen Beziehungen, welche die Reichen an die Armen binden müssen. So heißt es in einer Überlieferung:

Der Arme entbehrt nur das, was der Reiche zu viel besitzt.“

Dieses islamische Verständnis für die Erfordernisse der sozialen Gerechtigkeit bei der Verteilung, das man in vergleichbarer Form nicht einmal bei Gesellschaften findet, deren materielle Voraussetzungen höher entwickelt sind, als die der damaligen islamischen Gesellschaft, konnte nicht ein Ergebnis des Pfluges oder des primitiven Handels oder des Handwerks oder ähnlicher Hilfsmittel des Lebensunterhaltes, wie sie in allen Gesellschaften bekannt sind, gewesen sein. Und es wird behauptet, dass dieses Bewusstsein, oder diese soziale Revolution, ja sogar die ganze gewaltige Expansion des Islam, die sich über die Weltgeschichte erstreckte ein Ergebnis der Entwicklung des Handels und der Handelsbedingungen in Mekka war, die die Errichtung eines starken Staatsgebildes, gestützt durch alle erforderlichen sozialen und geistigen Institutionen notwendig machten, das den herrschenden Bedingungen des Handels angemessen war! Dies ist wahrhaftig eine sonderbare Interpretation, die diese umfassende historische Wandlung im Leben der ganzen Menschheit mit den Bedingungen des Handels irgendeiner Stadt auf der arabischen Halbinsel erklärt. Ich verstehe nicht, wieso die Handelsbedingungen gerade Mekka zu dieser gewaltigen geschichtlichen Bedeutung verholfen haben sollen, und nicht anderen arabischen oder sonstigen Städten der Welt, die eine eindrucksvollere Zivilisation und höher entwickelte materielle Voraussetzungen erlebt haben und Mekka an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung übertrafen. Hätte nicht nach der materialistischen Geschichtslogik die neue soziale Entwicklung unweigerlich von jenen Städten ausgehen müssen?! Wie konnten also bestimmte Bedingungen des Handels in einer Stadt wie Mekka eine neue Geschichte der Menschheit schaffen, während ähnliche oder höher entwickelte Bedingungen nicht dazu in der Lage waren? Auch wenn Mekka über günstige Bedingungen für den Transithandel zwischen dem Jemen und Syrien verfügte, so gilt das Gleiche für die Nabatäer, als sie die Stadt Petra als Station für die Handelswege aufbauten, wo sie eine der höchstentwickelten vorislamischen arabischen Zivilisation begründeten, deren Einfluss sich bis auf die Nachbarländer erstreckte, und wo sie Garnisonen zum Schutz der Handelskarawanen und Minen zur Ausbeutung der Bodenschätze unterhielten. Ihre Zivilisation blieb lange Zeit die den Karawanenhandel der Region beherrschende Zivilisation und ein wichtiger Handelsknotenpunkt, und ihre Handelsaktivitäten dehnten sich über weite Gebiete aus, so dass man Spuren ihres Handels noch in Seleukia[8], in entlegenen Gebieten Syriens und in Alexandria nachweisen kann. Sie handelten mit jemenitischen Gewürzen, chinesischer Seide, Henna aus Aschkelon[9], Glas, Farbstoffen und Purpur aus Sidon und Tyros, Perlen vom persischen Golf und Keramiken aus Rom, und erzeugten im eigenen Land Gold, Silber, Pech und Sesamöl. Und trotz diesen Niveaus von Handel und Produktivität, das Mekka nie erreichte, blieben die sozialen Beziehungen unter den Nabatäern unverändert, während die göttliche Mission der Veränderung der Geschichte Mekka vorbehalten blieb.

Und in Hira, das zur Zeit der Lachmiden [al-manadhira][10] einen großen Aufschwung des Handwerks und des Handels erlebte, blühte die Herstellung von Textilien, Waffen, Töpferware und Skulpturen, und die Lachmiden konnten ihren Handelseinfluss bis ins Zentrum, in den Süden und in den Westen der arabischen Halbinsel ausdehnen und schickten Handelskarawanen mit den Waren ihres Landes zu allen bedeutenden Marktzentren. Und es existierte die Zivilisation von Palmyra[11], die Jahrhunderte lang Bestand hatte, unter der der Handel blühte und die Handelsbeziehungen mit verschiedenen Ländern der Welt geknüpft hatte, wie China, Indien, Babylon, den Städten der Phönizier und der Dschazira[12]. Und man denke an die Zivilisationen, welche die Geschichte des Jemen seit ältester Zeit umfasste.

Eine Untersuchung jener Zivilisationen und Kulturen und ihrer Handels- und sonstigen wirtschaftlichen Bedingungen, und deren Vergleich mit der kulturellen und zivilisatorischen Realität im vorislamischen Mekka, beweist, dass die islamische Umwälzung der sozialen Beziehungen und des geistigen Lebens keine Angelegenheit materieller Voraussetzungen und wirtschaftlichen bzw. von Handelsbedingungen war, und dass folglich die sozialen Beziehungen einschließlich des Verteilungssystems nicht an die Produktionsweise, die Wirtschaftslage oder die Produktivität einer Gesellschaft gebunden sind. Hat der Islam nach all diesem nicht das Recht, mit völliger Sicherheit und Überzeugung jenen historischen Determinismus, der jede Form eines Verteilungssystems mit irgendeiner Produktionsweise in Verbindung bringt, als falsch zurückzuweisen, und gestützt auf materielle und konkrete Beweise zu erklären, dass die Gesellschaftsordnung auf einer geistigen, spirituellen Grundlage beruht, und nicht durch die materiellen Methoden der Sicherung des Lebensunterhaltes bestimmt wird?!

[1] Im Anfangsteil des Buches. Der Teil wurde hier nicht übersetzt.

[2] Heiliger Qur´an 21:92

[3] Alle drei Aussagen sind berühmte Überlieferungen [hadith] des Propheten Muhammad (s.).

[4] Der Hidschaz ist der Name der westlichen Region auf der arabischen Halbinsel, die unter anderem Mekka und Medina umfasst.

[5] Al-Hira war die Hauptstadt der spätantiken arabischen Dynastie der Lachmiden und liegt im zentralen Irak.

[6] Zitat des englischen Autors und Ökonomen Arthur Young (1741 - 1820).

[7] Zitat von Malthus, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte (Fußnote des Au­­tors) – Der britische Ökonom Thomas Robert Malthus (1766 - 1834) ist gemeint.

[8] Seleukia-Ktesiphon war eine Doppelstadt im heutigen Irak, die aus den zusammenwachsenden Städten Seleukia am Tigris und Ktesiphon gebildet wurde. Die Doppelstadt war Hauptresidenz der Könige der Parther und der Sassaniden, ca. 35 km südöstlich von Bagdad. Seleukia liegt am rechten Ufer des Flusses Tigris, Ktesiphon befindet sich am linken Ufer des Tigris direkt gegenüber.

[9] Aschkelon ist eine Stadt im westlichen Negev nördlich des Gaza-Streifens an der Mittelmeerküste.

[10] Eine spätantike arabische Herrscherdynastie die den Höhepunkt ihrer Macht zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert n.Chr. erreichte.

[11] Die antike Oasenstadt und heutige Ruinenstadt Palmyra (arabisch Tadmur) lag an einer wichtigen Karawanenstraße in Syrien bzw. dem damaligen Schaam, auf halber Strecke zwischen Damaskus und dem Euphrat. Mitten in der Wüste, eingebettet in ein Felsmassiv, spenden zwei Quellen das lebenswichtige Wasser. Ihre Blütezeit lag zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n.Chr..

[12] Dschazira, wörtlich: “Die Insel“, das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris im oberen Mesopotamien.

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