Unsere Wirtschaft

Unsere Wirtschaft / Iqtisaduna

Muhammad Baqir al-Sadr

Vorwort zum Autor

Sayyid Muhammad Baqir Sadr wurde 1936 in der Stadt Kazhimain[1] im Irak geboren. Er war ein Großayatollah und damit Vorbild der Nachahmung in Detailfragen des Islam. Ayatollah Sadr gilt als einer der größten Gelehrten des Irak im 20. Jh.n.Chr.. Aufgrund seiner besonderen Verbundenheit zu Imam Chomeini wurde er am 8.4.1980 zusammen mit seiner ebenfalls gelehrten Schwester Amina Haidar Sadr, bekannt als Bint-ul-Huda (Tochter der Rechtleitung), vom damaligen irakischen Diktator Saddam ermordet. Muhammad Baqir Sadr ist Sayyid, also ein direkter Nachkomme des Propheten Muhammad (s.[2]) über dessen Tochter Fatima (a.[3]), und er stammt aus einer sehr bekannten Gelehrtenfamilie.

Im Jahr 1958 führte General Qasim im Irak einen Militärputsch gegen den von den Briten eingesetzten König durch. Zu der Zeit waren die schiitischen Gelehrten in der Religions-Hoch­schu­le gespalten zwischen traditionellen Gelehrten, die der politischen Betätigung gegenüber vollkommen abgeneigt waren, und denjenigen, die sich dafür einsetzten, dass sich auch die islamischen Geistlichen politisch betätigten und für Gerechtigkeit einstehen. Diese Geistlichen organisierten sich in der "Vereinigung der Gelehrten" [dschamaat al-ulama] in der südirakischen Stadt Nadschaf, in dem das Mausoleum Imam Alis[4] (a.) erbaut wurde. Ziel der Gelehrtenvereinigung war es, gegen die antireligiösen Tendenzen in der Gesellschaft vorzugehen. Zu der Zeit war Muhammad Baqir Sadr mit 22 Jahren noch ein sehr junger Gelehrter, und er wurde daher noch nicht als offizielles Mitglied anerkannt. Er konnte jedoch über seinen Schwiegervater Scheich Murtadha Yasin, der ein führendes Mitglied dieser "Vereinigung der Gelehrten" war, sowie durch seinen Bruder Ismail Sadr einen gewissen Einfluss auf die Vereinigung ausüben. Schon bald entstand ein Konflikt zwischen der "Vereinigung der Gelehrten" und dem Regime des Generals Qasim, als der damalige bekannteste Großayatollah Muhsin Hakim ein religiöses Rechtsurteil erließ, in dem Kommunismus mit Atheismus gleichgesetzt wurde, und er Muslimen verbot, der kommunistischen Partei beizutreten oder sie zu unterstützen, was der säkulare Qasim nicht dulden wollte und den Geistlichen im Land Schwierigkeiten bereitete.

In dieser Atmosphäre gab Ayatollah Sadr 1959 sein erstes philosophisches Werk mit dem Titel "Unsere Philosophie“ [falsafatuna] heraus, mit unter anderem einer Kritik am Kommunismus. In seinem zweiten Werk "Unsere Wirtschaft" [iqtisaduna] kritisierte er die Wirtschaftstheorie des Kommunismus und Kapitalismus, und so wollte er das Argument der Kommunisten und der Säkularisten entkräften, dass der Islam keine Antworten und Lösungen auf die wirtschaftlichen Probleme der modernen Zeit habe. Gleichzeitig wollte er auch zeigen, dass der Islam sehr wohl ein Konzept für die Wirtschaft hat. Er war somit der erste Gelehrte, der ein umfassendes wirtschaftliches Konzept auf der Basis des Islam formulierte. "Unsere Wirtschaft" [iqtisaduna] gilt seither als eines der umfangreichsten islamischen Werke zum Thema.

Ayatollah Sadr gründete in jener Zeit zusammen mit anderen Gelehrten die Dawa-Partei (Einladungs-Partei), und er wurde zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Das Ziel der Partei war aufrichtige und aktive Muslime zu organisieren, um später das korrupte Regime des Irak zu stürzen und einen Islamischen Staat zu errichten 

1960 kehrte er an die Religions-Hochschule in Nadschaf zurück. Einige seiner Gegner initiierten damals eine Kampagne gegen ihn, und behaupteten, dass seine politischen Aktivitäten schädlich für das Überleben der Religions-Hochschule seien. Sie vertraten die Meinung, dass das Überleben der Religions-Hochschule wichtiger sei, als ein aktueller politischer Einsatz. Sie übten derart großen Druck auf ihn aus, dass er seine öffentlichen politischen Aktivitäten reduzierte. 1962 zog er sich von der Dawa-Partei zurück und lehrte fortan bis 1980 an der Religions-Hochschule in Nadschaf. Er blieb jedoch mit der Dawa-Partei weiter in Kontakt, wie einige ihrer Mitglieder nach Ayatollah Sadrs Martyrium berichtet haben, und wirkte aus dem Hintergrund heraus.

Ayatollah Sadrs Bemühungen um Reformen richteten sich nun auf die Religions-Hochschule selbst. Er strebte danach, den Lehrplan vielseitiger zu gestalten als die traditionelle Lehre. Er half beim Aufbau der Usul-ad-Din-Hochschule in Bagdad und stellte deren neu gestaltete Lehrpläne auf. Er schrieb drei Lehrbücher für die Studenten im ersten und zweiten Studienjahr: Sie handelten über den Heiligen Qur´an, die islamische Rechtswissenschaft und über die islamische Wirtschaft. Seine Reformbemühungen an der Religions-Hochschule scheiterten aber teilweise am Widerstand sowohl der traditionell orientierten Gelehrten als auch mancher Studenten.

1964-1968 war im Rahmen des neu entstandenen Machtvakuums eine Zeit der Befreiung und Blüte für den Islam im Irak. Die Baath-Partei hatte zwar Ex-General Qasim gestürzt, aber noch nicht die später eingeführten eigenen Unterdrückungsmechanismen etablieren können, da sie einerseits in sich und andererseits mit anderen Gruppierungen zerstritten war und daher die Macht noch teilen musste. In dieser neuen Situation konnten die Anhänger einer islamischen Entwicklung in den Universitäten und unter den Intellektuellen ihre Anhängerzahlen ungehindert steigern. Viele neue religiöse Zentren wurden gegründet, und die Gelehrten aus Kazhimain und Bagdad organisierten sich ähnlich wie damals die "Vereinigung der Gelehrten". Die Organisation nannte sich "Lebensvereinigung der Gelehrten in Bagdad und Kazhimain" [hayat dschmaat al-ulama fi bagdad wal kazhimiyya].

Am 16. Juli 1968 kam die Baath-Partei an die Macht und es gab eine neue Phase der Unterdrückung des Islam. Der erste Schritt zur Repression der Schiiten bestand darin, dass die Regierung einige religiöse Schulen schloss. Zudem wurde ein Gesetz erlassen, dass die irakischen Studenten der Religions-Hochschule dazu verpflichtete, den bewaffneten Kräften des Staates in ihrem Wehrdienst beizutreten, wovon sie vorher befreit waren.

Ayatollah Sadr ging in den Libanon zu seinem Cousin Sayyid Musa Sadr[5]. Dazu nahm er Kontakt mit dem Büro des schiitischen Hohen Rats auf, der von seinem Cousin geleitet wurde. Musa Sadr schickte Telegramme zu den Oberhäuptern der islamischen Staaten und machte sie darin auf die Repressionen der irakischen Regierung gegen die Gelehrten in Nadschaf aufmerksam. Einige wenige gaben "moralische" Unterstützung, aber niemand handelte.

Nach seiner Rückkehr in den Irak hielt Ayatollah Muhammad Baqir Sadr zusammen mit den bekannten Geistlichen Mahdi Hakim und Muhsin Hakim ein offizielles Treffen im Mausoleum von Imam Ali (a.) ab, bei dem er das irakische Regime verurteilte. Er hatte auch vor, eine Massendemonstration in Kerbela[6] abzuhalten, aber die Regierung klagte Mahdi Hakim an, angeblich mit Hilfe der USA und Israel einen Putsch zu planen. Diese völlig frei erfundene Verleumdung trieb die schiitischen Oberhäupter in die Defensive. Mahdi Hakim wurde ausgewiesen, und Muhsin Hakim zog sich nach Nadschaf zurück, wo er einige Monate später starb. Danach intensivierte das Baath-Regime die Unterdrückung der Schiiten an der Religions-Hochschule. Da die Mehrheit ihrer Studenten ausländischer Herkunft war, wurden sie ausgewiesen, und die irakischen Studenten wurden überwacht. Der Begriff “Ausländer“ bezog sich dabei auch auf jeden Schüler und Gelehrten an der Hochschule, welcher z.B. von einem anderen arabischen Land kam. Das führte zu Chaos an der religiösen Hochschule. Viele Studenten, aber auch einige Gelehrte, verließen die Hochschule aus Angst um ihre Zukunft.

Ayatollah Sadr suchte nach einer Lösung, um dieser neuen Unterdrückung entgegen zu wirken. Er überzeugte Ayatollah Chui[7], den damals bekanntesten Großayatollah im Land, dass er einen religiösen Erlass [hukm] veröffentlichen sollte, welcher die Studenten der Religions-Hochschule dazu verpflichtete, ihre Studien fortzusetzen.

Das Baath-Regime scheute damals noch die Konfrontation mit Ayatollah Chui, der als unpolitisch galt, und vertagte seine Deportationspolitik. Dafür versuchte die irakische Regierung, die Dawa-Partei niederzuschlagen, indem sie viele ihrer Mitglieder verhaftete. Diese Verhaftungen führten zu einem öffentlichen Aufschrei der religiösen Gelehrten, darunter Imam Chomeini, Ayatollah Chui und Ayatollah Sadr. Ayatollah Sadr gab dann ein religiöses Rechtsurteil heraus, dass Studenten und Gelehrte der Religions-Hochschule nicht Mitglied einer politischen Partei sein dürften, um die Gelehrten zu schützen. Er wollte dem Regime keinen Vorwand liefern, Gelehrte der Religions-Hochschule hinzurichten mit der Behauptung, sie seien in politischen Parteien gegen das Regime tätig.

Aber alle Maßnahmen konnten nicht überdecken, dass die Geistlichkeit gegen das Regime stand! Ayatollah Sadr selber wurde erstmals in Bagdad verhört, aber zunächst wieder freigelassen. Kurze Zeit später brachte er 1975 sein eigenes religiöses Regelwerk [risala] mit dem Titel "Fatawa al-Wadhiha" heraus. Einige Jahre zuvor, 1971, wurde ihm in vergleichsweise jungen Jahren der Titel eines “Vorbildes der Nachahmung“ zugesprochen. Damals kam er auch in direkten Kontakt mit Imam Chomeini, da der Schah des Iran Imam Chomeini nach Nadschaf ins Exil geschickt hatte. Fortan sollte Imam Chomeini Ayatollah Sadrs Vorbild sein.

Anfang 1977 leitete das Baath-Regime die schwersten Repressionen gegen die Schiiten ein, als es die jährlichen Trauerzeremonien zu Aschura verbot. Das Regime hatte es seit 1970 bereits mehrfach versucht, vor allem in Nadschaf und Kerbela. 1977 aber war das Regime fest entschlossen, jegliche Mittel anzuwenden, um die traditionellen Prozessionen zu unterbinden, da sie diese als Hindernis auf dem Weg zur Säkularisierung betrachtete.

Dieses Verbot rief 1977 Unruhen in Nadschaf hervor, und die Schiiten leisteten Widerstand. Über 30.000 Menschen begannen ihre Prozession von Nadschaf nach Kerbela und trugen Spruchbänder, auf denen viele Verse aus dem Heiligen Qur´an standen. Angesichts dieses Widerstandes bot die Regierung den Demonstranten an, das Prozessionsverbot aufzuheben, wenn die Leute aufhören würden, Parolen gegen die Regierung zu skandieren. Aber die Stimmung war so sehr gegen die Regierung aufgeladen, dass die Menschen nicht bereit waren, diesen Kompromiss einzugehen. Daraufhin setzte das Regime Panzer, Hubschrauber und Kampfflugzeuge ein, um den Weg nach Kerbela abzuschneiden. Hunderte von Demonstranten schafften es dennoch, nach Kerbela zu gelangen, weil viele Offiziere für die Demonstranten Sympathie empfanden und sich weigerten, auf sie zu schießen. Nun setzte das Regime die Sicherheitstruppen und die Polizeikräfte so ein, dass sie die Prozession in den Straßen von Kerbela aufhalten und so viele Demonstranten wie möglich verhaften sollten. Hunderte von Demonstranten wurden verhaftet und viele verletzt. Sieben wurden zum Tode verurteilt und fünfzehn zu lebenslanger Haft.

Dieses Ereignis führte zur Spaltung der regierenden Baath-Partei, aber die Fraktion, die von Saddam angeführt wurde, setzte sich durch und enthob die Kritiker der Repressionen ihrer Ämter. Das Regime vermutete Ayatollah Sadr hinter den Demonstrationen, da sie so gut organisiert waren, und Organisation war seine große Stärke. Er wurde verhaftet und in Bagdad verhört, aber auf Verlangen des Volkes wurde er wieder freigelassen, da die Regierung keine neuen Unruhen durch die Religions-Hochschule provozieren wollte und ihm letztendlich kaum etwas nachweisen konnte.

Die Führer der Baath-Partei hatten angenommen, dass ihre repressiven Maßnahmen 1977 der religiösen Opposition auf Jahre hinweg ein Ende gesetzt hätte. Aber die beginnende Islamische Revolution im Iran 1978 brachte neuen Schwung in die Bewegung. Imam Chomeini hatte die letzten 14 Jahre in Nadschaf gelebt und war hier gut bekannt. Die voranschreitende Islamische Revolution im Iran zeigte den Aktivisten, dass ein Unterdrücker-Regime, dass durch westliche Geheimdienste unterstützt wurde, dennoch besiegbar war, und dass die islamische Ideologie in der Lage war, die Massen dazu zu führen, den erträumten Staat auf Basis von Gerechtigkeit und Tugend zu errichten. Ayatollah Sadr schickte eine umfangreiche Botschaft an das iranische Volk, während Imam Chomeini von Saddam abgeschoben wurde und in Paris weilte. In der Botschaft erklärte Ayatollah Sadr seine Unterstützung und pries die Islamische Revolution.

Nachdem Imam Chomeini triumphal in den Iran zurückgekehrt war, sandte Ayatollah Sadr einen seiner engsten Schüler namens Mahmud Haschimi in den Iran als seinen Vertreter. Sowohl die Islamische Revolution im Iran, als auch das Verhalten Ayatollah Sadrs wertete das Baath-Regime als Provokation und versuchte die Araber im Iran gegen Imam Chomeini aufzuhetzen. Aber Ayatollah Sadr forderte sie im Gegenteil dazu auf, Imam Chomeini und der Führung der Islamischen Revolution zu gehorchen, da die Islamische Republik jenen Staat repräsentiere, den Prophet Muhammad (s.) begründet hatte, in dem verschiedenen Nationalitäten und ethnische Gruppen in Frieden leben konnten. Ayatollah Sadr sagte in seinem wohl berühmtesten Zitat: „Verschmelzt euch mit Imam Chomeini, so wie er sich mit dem Islam verschmolzen hat.“

Ayatollah Sadr gab dann sechs Schriften über die Gründung eines Islamischen Staates heraus. Eine davon handelte von der religiösen Basis, die eine Islamische Republik formt. Er beschrieb die Struktur eines islamischen Staates und die Funktionen der einzelnen Abteilungen der Regierung eines solchen Staates; Schriften, die im Nachbarland Iran aufmerksam studiert wurden.

Ayatollah Sadrs kühnster Schritt gegen das irakische Regime war, dass er ein religiöses Rechtsurteil [fatwa] erließ, das Muslimen verbot, in der Baath-Partei oder ihren Tochter-Organisationen tätig zu sein. Dieser Schritt war so gefährlich, dass viele von Ayatollah Sadrs Vertretern in verschiedenen irakischen Städten zögerten, diese Fatwa zu publizieren, da sie sowohl um ihre eigene Sicherheit fürchteten als auch und vor allem um das Leben Ayatollah Sadrs. Um sein religiöses Rechtsurteil dennoch bekannt zu machen, ermutigte Ayatollah Sadr seine Studenten während seiner Lehrveranstaltungen in der Religions-Hochschule Fragen zu stellen, ob es erlaubt sei, in der Baath-Partei aktiv zu sein. Das Volk erwartete schwerste Repressionen gegen Ayatollah Sadr, aber das Regime verhielt sich zunächst abwartend.

In der Folgezeit sandte Imam Chomeini eine Botschaft zu Ayatollah Sadr und riet ihm, in der Religions-Hochschule zu bleiben und den Irak nicht zu verlassen. Ayatollah Sadr hatte ohnehin nie die Absicht gehabt, das Land zu verlassen, obwohl er wusste, dass ihm Verfolgung oder gar der Tod drohten. Imam Chomeinis Botschaft und Sadrs Antwort wurden von Millionen im Irak gehört, und sie lösten eine Welle von Demonstrationen in vielen Städten des Irak aus. Die Demonstrationen trugen Bilder von Ayatollah Sadr und riefen auch zur Unterstützung Imam Chomeinis auf. Die turbulentesten Demonstrationen wurden in Nadschaf abgehalten und viele Demonstranten wollten von Ayatollah Sadr empfangen werden bzw. seine Rede hören. Da Ayatollah Sadr um das Leben seiner Anhänger fürchtete, bat er sie, die Demonstrationen einzustellen. Er sagte zu einigen der Dawa-Mitglieder, dass das Regime sich nur ruhig verhalte, weil es etwas schlimmeres plane, sozusagen die Ruhe vor dem Sturm, und er wies daher seine Anhänger zur Vorsicht an.

Tatsächlich schlug das Regime schon bald zu: Ayatollah Sadrs Vertreter und Hunderte von den Dawa-Mitgliedern wurden verhaftet oder hingerichtet. Dann wurde Ayatollah Sadr selbst verhaftet und nach Bagdad verschleppt. Seine Schwester Amina Sadr, auch bekannt als Bint-ul-Huda, ging zum Mausoleum von Imam Ali (a.) und hielt eine feurige Rede, in der sie die Menschen zu Demonstrationen und Unterstützung ihres Oberhauptes Ayatollah Sadr aufrief, ganz nach dem Vorbild Zainabs[8] (a.). Als sich die Nachricht über seine Verhaftung verbreitete, gab es viele Unruhen in Bagdad, Basra, Kerbela und anderen irakischen Städten. Der Basar von Nadschaf wurde geschlossen, und es gab Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Unruhen wurden so stark, dass das Regime Ayatollah Sadr am nächsten Tag freilassen musste. Das Ausmaß der Unruhen machte der irakischen Regierung deutlich, wie viele Anhänger Ayatollah Sadr in der Bevölkerung hatte und was für eine Bedrohung er für das Fortbestehen des Baath-Regimes darstellte.

Es gab immer wieder Massenverhaftungen, Folterungen und mindestens 238 Hinrichtungen, und keinerlei Proteste aus der Westlichen Welt. Diese Verbrechen wurden in der Westlichen Welt nicht einmal berichtet. Ayatollah Sadr selbst wurde unter Hausarrest (1979-1980) gestellt, und das Regime versuchte ihn zu zwingen, sich öffentlich gegen die Islamische Revolution im Iran auszusprechen und das Volk dazu aufzufordern, die irakische Politik gegen die junge Islamische Republik Iran zu unterstützen. Er weigerte sich jedoch, das zu tun.

Daraufhin schickte das Regime einen anderen Vermittler, Scheich Isa Chaqani, um ihn aufzufordern, nur eine von den folgenden fünf Bedingungen zu erfüllen, um sein Leben zu retten. Er sollte entweder

1.       aufhören, Imam Chomeini zu unterstützen,

2.       sich öffentlich für die Politik der Regierung aussprechen,

3.       ein religiöses Rechtsurteil erlassen, das die Aktivität in der Dawa-Partei verbot,

4.       das religiöse Rechtsurteil widerrufen, in welcher er Aktivitäten in der Baath-Partei für Muslime verboten hatte

5.       oder einer arabischen Zeitung ein Interview geben, dass er mit dem irakischen Regime verbunden sei.

Daraufhin sagte Ayatollah Sadr, dass seine Tage ohnehin gezählt seien, und in der Erwartung Märtyrer zu werden entschloss er sich, all diese Bedingungen nicht zu akzeptieren. Er sagte zu Chaqani. „Das Einzige, was ich in meinem Leben erreichen wollte, ist die Errichtung einer islamischen Regierung auf der Welt zu ermöglichen. Da sie unter der Führung Imam Chomeinis zustande gekommen ist, macht es keinen Unterschied für mich, ob ich am Leben bin oder tot, da sich mein Traum und meine Hoffungen erfüllt haben, Allah sei Dank.“

Einige islamische Gruppen griffen in der Folgezeit Politiker des Baath-Regimes an. Der neue Präsident Saddam Husain schwor Rache, und im März 1980 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass alle früheren oder gegenwärtigen Mitglieder der Dawa-Partei zum Tode verurteilt werden sollten. So blieb keine Möglichkeit mehr, das Leben Ayatollah Sadrs zu retten.

Während seines Hausarrests schmuggelte er drei Botschaften nach draußen, in denen er die Iraker zum Widerstand gegen das Regime aufforderte. In einer der Botschaften hieß es: „Jeder Muslim im Irak und jeder Iraker im Ausland ist verpflichtet, alles in seiner Macht stehende zu tun, sich anzustrengen und dafür zu kämpfen, dass dieser Alptraum aus dem geliebten Irak verschwindet, selbst wenn es ihn das Leben kostet, um sich von dieser unmenschlichen Bande zu befreien und um eine rechtschaffene, einheitliche und ehrenwerte Regierung zu gründen, die auf dem Islam basiert.“

Die Sicherheitskräfte kamen zu Ayatollah Sadr und seiner Schwester am 5. April 1980, verhafteten sie und brachten sie ins Hauptquartier des Nationalen Sicherheitsdienstes in Bagdad. Drei Tage später wurde Ayatollah Sadrs Leichnam seinem Onkel Muhammad Sadiq Sadr überstellt und er wurde geheim begraben. Über den Verbleib seiner Schwester Bint al-Huda ist nichts Genaueres bekannt, aber es ist höchstwahrscheinlich, dass auch sie hingerichtet wurde.

Erst Tage später wurde die Nachricht verbreitet. Imam Chomeini verurteilte die Hinrichtung und rief das irakische Volk und die bewaffneten Kräfte zum Sturz des Baath-Regimes auf. Das nutzte Saddam als einen der Vorwände für den kriegerischen Angriff auf die noch junge Islamische Republik Iran und wurde dabei von der Westlichen Welt unterstützt. Sadrs Hinrichtung rief keinerlei Proteste in der Westlichen Welt hervor, da Ayatollah Sadr offen Imam Chomeini unterstützt hatte. Ayatollah Sadrs Name ist aber in der islamischen Welt derart legendär, dass viele seiner späteren Verwandten von der Bekanntheit profitiert haben.

[1] Kazhimain ist eine ehemals eigenständige Ortschaft, die heute ein nördlicher Vorort von Bagdad ist. Der Name Kazhimain ist die arabische Dualform von “Kazhim“ und bezieht sich darauf, dass an dem Ort gleich zwei der Zwölf Imame begraben sind, nämlich Imam Kazhim (a.), der siebte Imam, und sein Enkel Imam Muhammad Dschawad (a.), der neunte Imam. Der Ort wird auch Kazhimiyya genannt.

[2] Abkürzung für „sallalahu alaihi wa alihi wa-sallam“: „Allahs Segnungen und Gruß seien mit ihm und seiner Familie“. Sie wird verwendet für den Propheten Muhammad (s.).

[3] Abkürzung für “alaihi salam“ oder “alaiha salam“: „Der Friede sei mit ihm/ihr“. Sie wird verwendet für die Reinen der Prophetenfamilie (Ahl-ul-Bait) und andere Propheten.

[4] Imam Ali (a.) ist erster Imam der Schiiten und damit Nachfolger des Propheten Muhammad im Amt der politischen wie auch spirituellen Führung. Imam Ali (a.) ist auch Cousin des Propheten und sein Schwiegersohn. Er ist der Ehemann Fatimas (a.) und Vater des zweiten und dritten Imams der Schiiten: Imam Hasan (a.) und Imam Husain (a.).

[5] Sayyid Musa Sadr (geb. 1928 in Qum) war einer der größten Gelehrten des Islam im Libanon, nachdem er 1960 in den Süden des Libanon gegangen war, um als Nachfolger des drei Jahre zuvor verschiedenen Sayyid Scharaffuddin Musawi die Position des islamischen Oberhauptes der dortigen Schiiten zu übernehmen. 1960 gründete er zusammen mit dem katholischen Erzbischof Grigoire Haddad die "Soziale Bewegung", nahm an dem Islamisch-Christlichen Dialog 1962 teil. 1969 wurde der Hohe Islamische Schiitische Rat gegründet und Sayyid Musa Sadr wurde zum Präsident gewählt. 1971 richtete er ein interreligiöses Komitee des Libanon ein, dass alle südlibanesischen geistlichen Oberhäupter einschloss (sowohl Muslime als auch Christen), um politischen und sozialen Aktivitäten effektiver und kooperativer nachgehen zu können und die Spaltung des Landes zu verhindern. In 1974 gründete er "Die Bewegung der Entrechteten". Während einer Reise im August 1978 durch Libyen verschwand er und wurde nie wieder gesehen. Seine Anhänger machten den libyschen Präsidenten Ghaddafi für das Verschwinden verantwortlich.

[6] Kerbela ist ein für Muslime heiliger Ort im heutigen zentralen Irak. Die ehemalige unbewohnte Wüste erlangte traurige Berühmtheit durch das historische Martyrium Imam Husains (a.) am Tag von Aschura und die dort aufgebauten Mausoleen der Märtyrer. Aschura (von zehn [aschara]) wird der zehnte Tag des islamischen Monats Muharram genannt. Er bezeichnet das Ereignis des Martyriums Imam Husains (a.) in der Ebene von Kerbela am 10. Muharram, 61 Jahre nach der Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina, als die islamische Zeitrechnung nach dem Mondkalender begann. Kerbela ist heute die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und liegt ca. 100 km südwestlich von Bagdad.

[7] Ayatollah Chui (1899-1992) war der einflussreichste Großayatollah im Irak zu jener Zeit. 1970 wurde er zum Leiter der Religions-Hochschule in Nadschaf gewählt, nachdem sein Vorgänger Großayatollah Sayyid Muhsin Tabatabai Hakim verstorben war. Als Saddam den Krieg gegen die junge Islamische Republik Iran eröffnete, musste sich Ayatollah Chui unter Lebensgefahr von öffentlichen Äußerungen zurückhalten. 1991 wurde er zunächst kurzzeitig festgenommen, und als die Widerstände im Land gegen die Festnahme zunahmen, wurde er von Saddam gezwungen, zusammen mit ihm im Fernsehen aufzutreten in einer aufgezeichneten Sendung. Bis zu seinem Ableben stand er danach unter Hausarrest.

[8] Die Schwester Imam Husains (a.), die nach dem Martyrium ihres Bruders mutig die Stimme gegen die damalige Tyrannei erhob.

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