Barbarei in einer zivilisierten Welt
Einige Soziologen glauben,
Krieg gehöre zum menschlichen Leben, denn das „war von
Anbeginn grausam, brutal und widerwärtig.“ Andere
Soziologen und Psychologen leugnen es; ihr Standpunkt ist,
der Krieg könne aus dem menschlichen Leben eliminiert werden,
denn Blutvergießen entstehe aus ethischen Entgleisungen,
sozialen Unruhen und wirtschaftlichen Spaltungen, sei also
nicht ein unausrottbarer Bestandteil der menschlichen Natur.
Eine Unterweisung und Erziehung in den Grundwahrheiten, eine
gerechte Ordnung der Gesellschaftsverhältnisse könnten die
Kriegsursachen beseitigen. Die schrecklichen, nicht wieder
gutzumachenden Einbußen, die ein Krieg auf Millionen ergebener
Unschuldigen hinabschleudert, könnten vermieden werden, meinen
sie.
Die unvergleichlichen
Großtaten der Naturwissenschaft und Technologie haben aus dem
20. Jahrhundert einen blutigen Massenmord gemacht. Es ist
gekennzeichnet als das Zeitalter der Gier, des Machtstrebens,
des Aufruhrs, der Gewalt und der unmenschlichsten Kriege der
Geschichte. Ein flüchtiger Blick über die ersten 75 Jahre
unseres Jahrhunderts genügt, um offenbar zu machen, das in
diesem kurzen Zeitabschnitt unsere fortgeschrittenen und
zivilisierten Völker mehr Verbrechen begangen haben als in der
gesamten vorhergehenden Menschheitsgeschichte.
Der Westen besitzt
industrielle Techniken und Atombomben. Sein Wissen treibt den
Menschen durch Schlamm und Flut. Es verwandelt einst
fruchtbares Land in Wüsten. Der Schrei der Unterdrückten
steigt gen Himmel; er bejammert des Westens schwächliches
Denken und seinen moralischen Verfall.
Die Nachwehen zweier
Weltkriege zwischen imperialistischen Mächten, welche
widerstreitende materielle Interessen verfolgten, sind für die
gesamte Menschheit fürchterlich gewesen. Keine Ausrede kann
die Kriegshetzer dieses Jahrhunderts vom Schmutz ihrer
Bosheit, Herzlosigkeit und Grausamkeit reinwaschen.
Der erste Weltkrieg dauerte
1565 Tage: Neun Millionen Tote, zweiundzwanzig Millionen
Verstümmelte, fürs Leben nicht mehr verwendbar; das ist nur
die Statistik der Verluste auf den Schlachtfeldern selbst. Wie
viel Tote und Verletzte es als Nebenwirkung der Kämpfe in
überfüllten Städten gab, ist nicht abzuschätzen. Die Kosten
jenes Krieges werden auf 400 Milliarden Dollar veranschlagt.
Der Carnegie Peace Trust nimmt in seinem Beicht „Die Welt im
20. Jahrhundert in Anspruch, das für die gleiche Summe, zu
Preisen der damaligen Zeit, für jede Familie in England,
Inland, Schottland, Belgien, Deutschland, Russland, den USA,
Kanada und Australien ein anständiges Haus hätte gebaut werden
können. Die Überlebenden weinen wie Rachel um ihre Kinder, „denn
es sind keine da“, und sind untröstlich. Seine
Verwüstungen waren noch nicht beseitigt, als der 2. Weitkrieg
ausbrach.
Die Statistik besagt, das im
2. Weltkrieg 35 Millionen umkamen, 20 Millionen Arme oder Bein
verloren, 17 Millionen Liter Blut verströmten, 12 Millionen
Kinder missgestaltet auf die Welt kamen, 13 000 Volks- und
weiterführende Schulen, 6000 Universitäten und 8000
naturwissenschaftliche Laboratorien zerstört, 319 Milliarden
Patronen und Granaten abgefeuert wurden.
1945 warf Amerika 2 kleine
Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. In Hiroshima wurden 70
000 Menschen atomisiert, 70 000 weitere verkrüppelt. In
Nagasaki starben 40 000, weitere 40 000 wurden verstümmelt.
Häuser lagen am Boden. Auch unschuldige Babys oder Tiere waren
nicht ausgenommen. Innerhalb von 5 Tagen kapitulierte Japan
bedingungslos.
Aus Weitpresseberichten
konnte man erfahren, das nach dem Krieg russische
Prothesenfabriken bei amerikanischen Fabriken 4 Millionen
Fußprothesen in Auftrag gaben, um diejenigen auszustatten, die
im Krieg einen Fuß verloren hatten. Ein derartiger Ausstoß
konnte von den russischen Herstellern nicht bewältigt werden.
Wenn so viele Füße in Russland benötigt wurden, wie viele
nicht wiedergutzumachende Verwundungen müssen in der dortigen
Bevölkerung überhaupt aufgetreten sein und wie viele in
anderen Ländern, für die es keine bestätigten Statistiken
gibt?
Die Bomben vom August 1945
enthielten 235 Einheiten Uran sowie 239 Plutonium, dem
Äquivalent von 335 000 Einheiten TNT. Eine
Durchschnittsatombombe von heute hat eine 5000mal stärkere und
eine Wasserstoffbombe eine 5 Millionen mal stärkere
Zerstörungskraft. Und eine einzige Atombombe würde genügen,
eine Stadt wie New York, Paris, London oder Moskau
auszuradieren. Dazu braucht man keine bemannten Flugzeuge
mehr. Gelenkte Raketen können sie 2000 Meilen weit direkt ins
Ziel tragen. Das seismographische Echo einer solchen Explosion
kann noch 7000 Meilen von ihrem Zentrum erfasst werden. Der
Nobelpreisträger für Chemie, Dr. Linus Pauling, sagt, das in
der ersten Stunde eines neuen Weltkrieges 10.000
Megatonnenbomben 175 Millionen Bewohnen dicht bevölkerter
Länder auslöschen würden. Die USA hätten einen Vorrat von
24.000, die UdSSR von 80.000, England 15.000, damals, als er
das niederschrieb.
Ein zukünftiger Krieg, so
schreibt der US-General Neumann, wird nicht so sehr Soldaten
sondern Zivilisten als Opfer fordern. Ganze
Wohngemeinschaften, Städte, Frauen und Kinder inbegriffen,
werden dahingerafft werden. Unsere Physiker haben den Krieg
den menschlichen Händen weggenommen, und ihn gefühllosen
Kampfmaschinen übertragen, die zwischen Alter und Geschlecht,
Kriegführend oder Zivilist keinen Unterschied machen. Der neue
Kampfbereich wird nicht ein Schlachtfeld oder eine Festung
sein, sondern Städte und Dörfer, wo sich Industrie- und
Handelszentren befinden. Auf diese nun würden ferngesteuerte
Raketen voller Sprengstoff, Brandsätze, Giftgas und Bakterien
als Seuchenträger niedergehen.
Diese beiden Kriege haben die
ganze Menschheit in den Strudel der Selbstvernichtung
geworfen. Aber ihre Schrecken haben nicht die geringste
Wirkung auf die moralische Haltung des Westens gezeitigt noch
seine Berauschung durch Wohlstand und Alkohol erschüttert; man
sehe sich die vielen Regionalkriege von heute an, aus denen
jederzeit ein totaler Krieg mit Weltvernichtung entstehen
könnte. Zivilisierte Nationen benutzen ihre geistigen,
körperlichen und finanziellen Mittel nicht für richtige Ziele
wie Frieden und Wohlstand für alle, sondern um das
Instrumentarium für jedermanns Vernichtung vorzubereiten und
anzuhäufen.
Betrand Russell schreibt:
„Regierungen, die wetteifern, Astronauten auf den Mond und
darüber hinaus zu schicken, werden zusammen die Welt
zerstören. In vergangener Zeit trieb schiere Not die Stämme
dazu, ihre Nachbarn wegen der paar verfügbaren Lebensmittel
anzugreifen. Heute sind Überflussgesellschaften bereit,
Selbstmord zu begehen, wetteifernd in geistiger Umnachtung.“
Der „Economic Rekord“
schätzt, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 400
Milliarden Dollar für Rüstungen ausgegeben wurden - genug, um
jeden menschlichen Magen für den gleichen Zeitraum zu
ernähren und außerdem Wohnungen für ein Drittel der
Menschheit zu schaffen, all dies in einer Welt, wo zwei
Drittel der Bevölkerung kaum das Existenzminimum besitzen und
als Analphabeten leben.
Der Weltgewerkschaftsbund
schätzt, das 70% aller arbeitenden Menschen in der Welt
Arbeiten verrichten, die so oder so mit der Rüstungsindustrie
verbunden sind. Die modernen Waffen sind so schrecklich, das
es am Ende eines Dritten Weltkrieges weder Sieger noch
Besiegte gäbe, sondern nur noch die gesamte Menschheit zu
begraben wäre.
Der Soziologe Petrim A.
Sorokin schreibt: „Die Schlüsselfrage unseren Zeit ist
nicht, ob Kapitalismus oder Kommunismus, Nationalismus oder
Internationalismus überlegen sind, sondern ob wir eine
materialistische Zivilisation durch eine überlegene
Weltanschauung ersetzen können. Im 1. und 2. Weltkrieg
beanspruchte jede Seite für sich, dass es Frieden geben würde,
wenn der Gegner am Boden liege. Im 1. Weltkrieg gaben die
Alliierten Kaiser Wilhelm alle Schuld; er dagegen verfocht die
Ansicht, das die Ausmerzung Englands für den Weltfrieden
notwendig sei. Im 2. Weitkrieg gab es mehrere Ansichten:
Friede nur durch Hitlers Rücktritt oder Tod; nur durch die
Entfernung Churchills; wenn Mussolini nie geboren worden wäre;
wenn man Hirohito keine göttlichen Ehren mehr erweise; wenn
Trotzki Stalin in Russland ersetze.
Heute sind zwar alle diese
Personen abgetreten, aber das Krisen- und Kriegsfieber
entflammt immer noch die Welt und das Herz versagt den
Menschen von Furcht. Denn es war ja gar nicht der Kaiser
Wilhelm oder Hitler oder Mussolini oder Churchill oder Stalin,
der an den Plagen des 20. Jahrhunderts schuld war. Sie
verkörperten nur allzu viele menschliche Leidenschaften,
welche auf jeden Fall ähnliche Führer mit anderen Namen
hervorgebracht hätten. Ein überkochender Topf erzeugt Schaum.
Den Schaum kann man entfernen. Aber frischer Schaum bedeckt
rasch das Gebräu, wenn kein reinigendes Element hinzukommt,
welches die Ursache beseitigt.“
Es stimmt, unsere Zeit hat
die „Gesellschaft zur Verhütung von Tierquälerei“ geschaffen
und Menschenleben durch Herzverpflanzungen verlängert. Aber
beim Ausbalancieren der Waagschalen haben ihre tödlichen
Produkte wie Atombomben das Übergewicht. Die universale
Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen
scheint der Anspruch des 20. Jahrhunderts, Vorkämpfen der
Unterdrückten und Feind der Unterdrücken zu sein, zu
rechtfertigen. Aber immer noch verhungern Millionen oder
sterben in Kriegen verfeindeten politischer Gruppierungen,
diesen idealistischen Bestimmungen zum Trotz.
Sind die mannigfaltigen
Kräfte, die der Krieg verdammen, selber von jedem Tadel
freizusprechen?
Machen sich diejenigen,
welche laut verkünden, das „alle Meinungsverschiedenheiten
durch Verhandlungen gelöst wenden sollten“, nicht selbst
schuldig, wenn sie anderen ihre Ansichten ungerecht, gewaltsam
aufzwingen? Verstärken nicht christliche Politiken, die
„Frieden auf Erden und guten Willen gegen die Menschen“
und „niemals wieder Krieg“ predigen, die zynische
Enttäuschung der Jugend, welche ja sieht, das Gewalt und
Blutvergießen immer noch als Mittel der Politik gebilligt
werden und die nicht vergessen kann, das die Römische Kirche
gegenüber der Verbrechen des Nationalismus und Faschismus auf
einem Auge blind war?