Islam und politische Theorie
Die moderne politische
Theorie preist „den allgemeinen Willen“. Die demokratische
Regierungsform versucht, diesen allgemeinen Willen zu
praktizieren, indem sie eine Politik zum Gesetz erhebt, für
weiche die „Mehrheit“ gestimmt hat (die nur 51% zu betragen
braucht), wobei sie den Willen der Minderheit (die bis zu 49%
den Wählen umfassen kann) für null und nichtig erklärt. Die
Minderheit ist also überhaupt nicht „frei“, obwohl sie in
manchen Fällen vernünftig denken und unter den gegebenen
Umständen sogar recht haben kann. Aber das „Regieren unter dem
Willen des Volkes“ wird niemals freiwillig die
Unverletzlichkeit und den Glanz preisgeben, womit es den
„allgemeinen Willen“ ausgestattet hat, wobei sie diesem
Begriff Vorrang vor allen anderen materiellen und geistigen
Werten verliehen hat.
Der Islam andererseits gibt
dem Willen des Herrn dieser Welt Vorrang, eher als den
unbeherrschten Neigungen und Gefühlen einer Mehrheit
menschlichen Wesen. Den Islam weigert sich, die Gottheit der
Lenkung der gesetzgeberischen und der richterlichen Gewalt zu
berauben. Der muslimische Begriff der Gottheit und des
göttlichen Regiments ist weit genug, um alles zu erfassen, was
menschliches Leben überall auf diesem Planeten ausmacht. Das
macht den Islam zum konkurrenzlosen Beschützer des Menschen.
Er verlangt für seine Vorschriften völligen Gehorsam mit der
Begründung, das sie Gott-gegeben sind und darum kein
menschliches Wesen ein Recht hat, seinen eigenen Wünschen zu
gestatten, irgendein Vorhaben unten Bruch diesen Vorschriften
und Lebensregeln zu diktieren.
Wie kann en Gott der völligen
Hingabe würdig verkündet werden von Leuten, die ihre
Lebensführung nach Vorschriften aus anderen Quellen als Gott
Selbst herleiten? Kein Mensch darf es wagen, göttliche
Autorität für einen Partner anstelle Gottes zu beanspruchen
oder Ihn durch einen anderen Gesetzgeben zu ersetzen. Das Ziel
des Islam ist, Vorkämpfer für Wahrheit und Recht überall in
unserer menschlichen Gesellschaft zu sein, weil die Wahrheit
sich nicht einseitig mit sozialen, politischen und
finanziellen Fragen beschäftigt, sondern die Statur des
Menschen selbst mit ihnen schönsten Gewändern versieht.
Die Gestalt des Menschen ist
furchtbar und herrlich geschaffen. Genauso die Regeln und die
Rechte, die das menschliche Leben bestimmen. Niemand kann sich
rühmen, ein vollständiges Wissen aller Geheimnisse vom Bau des
Menschen oder von seiner verwickelten Sozialstruktur zu
besitzen. Denn diese Struktur umfasst die spezialisierten
körperlichen und geistigen Bereiche aller Individuen, wie all
ihren Beziehungen zueinander. Niemand kann sich rühmen, ohne
Sünde, Mängel, Fehler oder Irrtum zu sein. Niemand kennt alle
Faktoren, die zusammen menschliches Glück und Wohlfahrt
ausmachen.
Trotz aller hingebungsvoller
Bemühungen der Wissenschaftler, die Geheimnisse des
menschlichen Daseins aufzuhellen, ist der Bereich, in dem es
ihnen geglückt ist, immer noch äußerst begrenzt. Um nochmals
Dr. Alexis Cannes zu zitieren („Der Mensch, das unbekannte
Wesen“, 5. 4): „Die Menschheit hat ungeheuere Anstrengungen
unternommen, sich selbst kennenzulernen. Obgleich wir einen
wahren Schatz von Beobachtungen besitzen, den die
Wissenschaftler, die Philosophen, die Dichter und die großen
Mystiker aller Zeiten angehäuft haben, haben wir doch nun
gewisse Aspekte von uns ausgeleuchtet. Wir begreifen den
Menschen nicht als Ganzes. Wir wissen nur, das er aus
unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt ist. Und selbst diese
Teile sind durch unsere Methoden „erschaffen“. Jeder von uns
besteht aus einer Folge von Phantomen, in deren Mitte ein
unbekanntes Wirkliches daherschreitet.“
Ohne Verständnis der
menschlichen Beschaffenheit können wir keine Gesetze
ausarbeiten, die zum Menschsein hundertprozentig passen, noch
können wir die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten beheben:
Siehe die Verwirrung der Gesetzgeber, ihr dauerndes ändern
ihrer eigenen Bestimmungen angesichts neuer Tagesprobleme und
unerwarteter Sackgassen. Persönliche Vorteile, Eigennutz,
Gewinn, Ehrgeiz, Macht, ja sogar umweltbestimmte
Voreingenommenheiten drängen sich vor und verzerren den
Ausdruck der Gesetzgeber, bewusst oder unbewusst. Montesquieu
sagte von der Gesetzgebung, das „keine jemals völlig
objektiv und unparteiisch ist, denn die persönlichen
Vorstellungen und Gefühle des Gesetzgebers beeinflussen sein
Konzept“. So nützte Aristoteles, der auf Plato
eifersüchtig war, seinen Einfluss bei Alexander, um seinen
großen Vorgänger herabzusetzen.
Die modernen Schlagworte von
„Freiheit und Gleichheit“ und „allgemeiner Wille“ sind von
Politikern gebrauchte Worthülsen, um Unterstützung für ihre
Gesetzesvorschläge zu gewinnen; Gesetze, die in Wahrheit nicht
die Belange der Massen, sondern die den Grundbesitzer und
Kapitalisten vertreten.
Henry Ford schrieb über
England, das sich, „die Mutter der Parlamente“ zu sein
rühmt: „Wir können nicht den Generalstreik von 1926 vergessen
oder die Art, wie die Regierung mit jedem Mittel, das in ihrer
Macht stand, ihn zu brechen versuchte. Das Parlament als
Werkzeug den Kapitalisten erklärte den Streik für verfassungs-
und gesetzwidrig und setzte Polizei und Heer mit Kugeln und
Panzern gegen die Streikenden ein. Mittlerweile erklärten die
Medien von Radio und Presse, die Regierung sei die Dienerin
des Volkes; eine glatte Ausflucht, die durch die Geldbußen,
die den Gewerkschaften auferlegt wurden, Lügen gestraft
wurde, ebenso durch die Einkerkerung ihrer Anführer, sobald
sich eine Gelegenheit bot.“
Chruschtschow erklärte auf
dem 22. Obersten Parteitag den Sowjets: „Im Zeitalter des
Personenkults (d.h. unter Stalin) infiltrierte die Korruption
die Führung unserer Partei, die Regierung und die Finanzen;
sie brachte Dekrete zuwege, die die Rechte der Massen mit
Füßen traten. Verringerte Industrieproduktion verängstigte die
Menschen bei ihrer Arbeit und ermutigte Schmeichler,
Denunzianten und Rufmörder.“
So erscheinen sowohl die
westlichen wie die östlichen Regierungssysteme fälschlich im
Gewand des allgemeinen Willens, Parlamentsherrschaft und
Volksvertretung, während Kapitalismus und Kommunismus
gleichermaßen parteiische Gesetze schaffen, weil sie die
Dekrete des Himmels ignorieren, welche das Beste für den
Menschen festlegen.